trink kolumne daydrinking
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Mein bester Freund reicht mir eine Bierdose. Die 5,0er, ganz klassisch. Vier grüne Dosen Radler stehen bereits zwischen uns auf der hölzernen Sitzinsel. Um uns herum türmen sich die Wohnheims-Hochhäuser orange gegen den bewölkten Himmel auf. Vor uns steht ein billiger Einweggrill, der seit dem Öffnen des angesprochenen ersten Radlers nicht wesentlich grillbereiter aussieht. Es ist der erste Grillversuch dieses Jahr, wir hatten den Sommer einläuten wollen. Dass wir unsere Winterjacken längst zumachen mussten, ist uns doch egal. Wir haben Putensteaks, wir haben Tageslicht und vor allem haben wir Bier. Wir wärmen unsere Hände am kläglichen Feuer des Einweggrills und sind uns einig, dass schwarz die beste Farbe für Basic-T-Shirts ist. 

Das Fleisch, das an diesem Mittag auf unseren Brötchen landet, ist zäh, ein Stück ist vorher in den Dreck gefallen. Um kulinarischen Genuss ging es hier auch nie. Angestrebte Hauptaktivität war tatsächlich der Alkoholkonsum am helllichten Tag.

Es ist ein Konzept, das viele vielleicht als unangemessen, abstoßend oder schlichtweg widernatürlich empfinden. Bevor die Sonne nicht untergegangen ist, bleibt das Bier im Kühlschrank. Oder zumindest vor 16 Uhr. Grundsätzlich aber scheint ja die Regel zu gelten: Alles über 2,5 % Alkoholgehalt wird erst ausgepackt, wenn man eigentlich auch ins Bett gehen könnte. Wer sich stoisch an diese Konvention hält, verpasst allerdings die wunderbarste Form des Trinkens und Betrunken-Seins.

Ein ganz entscheidender Vorteil des Tag-Trinkens – oder neudeutsch: Day Drinking – ist die Tatsache, dass man anfängt, bevor der Tag einem in die Quere kommt. Im Gegensatz zu den Abendstunden hat vormittags noch niemand so viel erlebt, dass er „total fertig“ ist und sich jetzt lieber ausruhen möchte. Es war auch noch kaum jemand im Fitnessstudio und darf heute keinen Alkohol mehr konsumieren, weil das den Trainingseffekt zerstören würde. Und die wenigsten Betroffenen der Pärchen-Fraktion haben sich vor zwölf Uhr mittags schon „ganz gemütlich“ eine Serie angemacht und wollen Quality-Time zusammen genießen. Es ist offensichtlich: Vormittags bis zum frühen Nachmittag besteht die höchste Chance, all jene Menschen abzufangen, die sich sonst mit diversen Ausreden vorm feucht-fröhlichen Beisammensein drücken.

Außerdem ist Day Drinking eine Versicherung für körperliche und geistige Unversehrtheit am nächsten Tag. Wer schon vormittags sein erstes Bier intus hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit schon am späten Nachmittag müde. Und schläft spätestens um acht Uhr wie ein Stein. Vorher ist sogar noch ein Abstecher bei Penny für die schnelle und unkomplizierte Kalorienzufuhr in Form von Tiefkühlpizza möglich. Denn der hat ja tagsüber noch auf! Das spart also auch das Geld, das sonst für den Mitternachtsdöner draufgeht. Statt sich mit unregelmäßig oder überhaupt nicht fahrenden öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause schleppen zu müssen, schläft man aus. Von Kater am nächsten Morgen keine Spur. Day Drinking entspricht also unserem natürlichen Biorhythmus.

Als Student wird man ja häufig als akademischer Nachwuchs, als Tragsäule unserer Gesellschaft, betrachtet. Das kann einen bisweilen ganz schön unter Druck setzen. Ab und zu kann man diesem Bild in der Öffentlichkeit ruhig entgegenwirken. Niemals fühlt man sich so jung und rebellisch, wie wenn zielstrebig vorbeimarschierende Leute mittleren Alters verächtlich auf einen hinabschauen.

Natürlich geht es beim Day Drinking nicht vorrangig darum, seine Mitbürger zu verärgern. Eigentlich hat die Alltagswelt nämlich gar keinen Platz in der Blase, die einen umschließt, wenn man tagsüber trinkt. Wie oft kann man das schon tun? Und selbst wenn man es könnte, wie oft tut man es tatsächlich? Day Drinking ist ein Ausdruck purer Freiheit, ein Symptom dafür, dass gerade alles passt: die Menschen, die man mag, genug Zeit, sich fallen zu lassen, um etwas Unvernünftiges zu tun – oder zumindest vorübergehendes Aufgaben-Alzheimer – und das richtige Getränk dazu.

 

Man kennt es ja vom Festival – dem eigentlichen Ursprung des kultivierten Day Drinkings. Schlamm, Sonne, Dixiklos. Das Handy liegt im Auto auf dem Parkplatz und der Akku ist trotz Flugmodus eh nach einem halben Tag schon leer. Ist aber auch egal. Drei Tage lang kapselt man sich von der realen Welt ab, lässt den Alltag mit dem Smartphone im Auto zurück. Unbequemlichkeiten wie einstündiges Anstehen an der Dusche nimmt man nicht nur in Kauf, man lebt sie. Das ist der Spirit von Day-Drinking.

 

Schafft man es also, ein Stück dieses Festivalfeelings in sein alltägliches Leben zu bringen, dann ist das ganz wunderbar. Es ist Wochenende an einem Mittwoch, Urlaub in der Klausurenphase. Es ist so, wie es sein sollte. Sich ein ganzes Jahr auf ein Festival zu freuen und ansonsten traurig rumzuhängen, kann nicht die Lösung sein, nein. Das Leben soll ein Fest sein, auch wenn es beim Angrillen zu stürmen beginnt und Kies an der verkohlten Haut des Putensteaks hängt.  

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