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Wie schwer ist Einkaufen ohne Verpackungen?

Unpraktisch und öko-mäßig, dachten wir. Und wurden überrascht.
Von Melanie Wolfmeier
  • verpackungsfreier supermarkt
    Foto: Robert Haas, Bearbeitung jetzt.de

Als ich heute Morgen in dem neuen, verpackungsfreien „OHNE“-Supermarkt war, hatte ich etwas anderes erwartet. Ich hatte befürchtet, dass mir neben Nudeln und Kaffeebohnen auch Greenpeace-T-Shirts, ein Bund-Natur-Abo und „Plastik – Nein, danke!“-Aufnäher aufgedrängt werden würden. War aber nicht so. Im Gegenteil: Dort einzukaufen war nicht mit einer unumstößlichen Mitgliedschaft im Hippie-Öko-Verein verbunden. Es war weder zeitaufwendig, umständlich noch irgendwie peinlich. Sondern einfach nur richtig gut.

Vor Kurzem hat also in der Schellingstraße 42 der erste verpackungsfreie Supermarkt in München aufgemacht. Das Konzept an sich ist nicht neu. In Berlin, Kiel, Dresden, Bonn und noch ein paar anderen Städten werden bereits seit Monaten Gemüse, Reis und Schokolade unverhüllt über die Theke geschoben. Weil schon viel zu viel Plastik durch die Weltmeere schwappt, haben es sich diese Läden zur Aufgabe gemacht, uns Konsumjüngern eine umweltbewusste Alternative zu bieten: Die Lebensmittel und Haushaltswaren werden in diesen Supermärkten ohne jeglichen Plastik-Schnickschnack verkauft.

 

Klingt ja eigentlich nach einer guten Idee – kommt aber trotzdem nicht wirklich an. In meinem Umfeld heißt es immer: "Boah nee, ist ja voll unpraktisch, die ganze Schlepperei! Und überhaupt: viel zu teuer,   umständlich und ökig!" Aber genau wegen dieses seltsamen Gegensatzes – offensichtlicher Karma-Bonuspunkte-Laden versus unästhetische Hippie-Falle – musste ich zu dem "OHNE"-Laden gehen, um mir die Ökigkeit vor Ort bestätigen zu lassen.

 

Was als erstes  auffällt: der Eröffnungsgeruch. Sobald man die Tür aufmacht, riecht es nach Leim und Holz. Aber auch nach frischem Brot, das in einem Regal hinter der Theke aufbewahrt wird. Und dann, nach zwei, drei vorsichtigen Schritten ins Innere hinein, reihen sie sich vor einem auf: die Glasbehälter, gefüllt mit Nüssen, Haferflocken, Kaffeebohnen, Nudeln, Reis, Linsen, Bohnen, Bulgur, Couscous, Bananenchips, Zahnpastapastillen und vielen anderen Sachen. Die Holzboxen, in denen Mehl und Backpulver aufbewahrt werden. Und die Regale mit Marmeladen, Honig, Tomatensaucen, Aufstrichen und Teesorten – alles bio und möglichst regional. Am merkwürdigsten sind wohl die riesigen Glaskolben, aus denen man sich Gin und Wodka zapfen kann. Oder der Tisch, auf dem alle möglichen Alltagsgegenstände gelagert sind: Körperseifen, Haarseifen, Wurzelbürsten, Bambus-Zahnbürsten, Spülmittel und „Einhorn“-Kondome (bio, vegan und fairtrade).

 

Zugegeben: Zunächst war ich leicht überfordert. Aber nur kurz. Denn der „OHNE“-Supermarkt ist entgegen meiner Erwartungen Neukunden-freundlich eingerichtet. Hätte ich davor schon gewusst, wie hindernisfrei das Einkaufen dort abläuft – ich hätte mir in der Früh weniger Gedanken gemacht. Beim Rucksackpacken etwa: Was nimmt man denn in so einen Laden mit? Sind gebrauchte Bäckertüten okay? Und die Tupperbox, die ja auch nicht wirklich umweltfreundlich ist: Wird die mir aus der Tasche herausgefilzt werden? Schauen mich alle schräg an, wenn ich sowas dabei habe? Oder, Thema Kleidung: Ist es in Ordnung, hier im billig produzierten H&M-T-Shirt aufzutauchen? Oder wird man dann mit dem Finger auf mich deuten und "Schäm dich!" rufen? Und werde ich mich im Laden selbst fürchterlich blamieren, weil ich keine Ahnung habe, wie man sich in einer verpackungsfreien Umgebung verhält?!

 

Diese ganzen Überlegungen hätte ich mir sparen können. Denn Einweggläser, Papiertüten und Jutebeutel gibt es dort zu einem verkraftbaren Preis zu kaufen. Wobei es natürlich besser ist, eigene Sachen mitzubringen, weil das ja Sinn der Sache ist. Und schief angeschaut wurde ich auch nicht. Nicht mal, als ich nachfrage, ob es okay wäre, die Dinkelnudeln einfach direkt in meinen Jutebeutel zu füllen. "Klar", strahlt mich der Verkäufer an, "genauso ist es gedacht!"

Neben dem Obst- und Gemüseabteil steht eine Waage. Auf der kann man die mitgebrachten Behälter wiegen und deren Gewicht auf einen Zettel schreiben. Der wird dann am Ende an der Kasse abgezogen, so dass man nur das Gewicht der abgefüllten Lebensmittel bezahlt. Aber zuerst kann man einer kindlichen Leidenschaft frönen: dem Knöpfchendrücken. Bei den Glasbehältern gibt es nämlich einen Schalter, der Nudeln, Erbsen und Zahnpastadrops in die unter die Öffnung bereit gestellten Behälter rieseln lässt. Genaue Mengenangaben lassen sich so zwar nicht abfüllen – aber eigentlich ist es doch auch völlig egal, ob man jetzt 475, 510 oder genau 500 Gramm Spaghetti nach Hause trägt. Wer unbedingt eine exakte Menge haben will, kann zwischendurch immer wieder wiegen. Oder man lernt eben, entspannter zu bleiben und ungerade Mengen zu kaufen.

 

Der Supermarkt kommt daher wie ein Willie-Wonka-Laden

 

Was noch auffällt: Die im Geschäft bereit gestellten Flaschen sind genau solche, für die man auf den Flohmarkt rennt: Sie sind aus Glas, sehen aus wie Zaubertrankgefäße und sind obendrein noch verkorkt. Von komisch-unangenehmer Öko-Ästhetik keine Spur. Ich finde das alles hier deutlich schöner als zum Beispiel der normale Supermarkt-Essig in der Plastikflasche. Oder Gemüse, das von Folie umwickelt auf einem Styroporgrab klebt. Jetzt, wo ich mal alles anders präsentiert bekomme, glaube ich: Wir empfinden sowas nur als ok, weil wir es eben so gewohnt sind. Und das sollte wirklich nicht der Grund sein, weiter argwöhnisch an Alternativen vorbei zu gehen werden und im Tengelmann um die Ecke zu verschwinden.

 

Den größten Bonuspunkt hat der „OHNE“-Laden aber, weil er mich nicht an einen Supermarkt erinnert. Sondern eher wie ein Willie-Wonka-Laden daherkommt, nur dass es statt Süßigkeiten eben alle möglichen Lebensmittel gibt. Er hat Schlaraffenland-Potenzial. Weil man so viel Essen abfüllen kann, wie man will (was man natürlich aber dann auch bezahlen muss). 

 

Meine Befürchtungen von heute Morgen sind alle ausnahmslos ausradiert worden. Der Einkauf war entspannt, unkompliziert und hat eigentlich auch noch Spaß gemacht. Und: Ich habe nicht unbedingt mehr bezahlt als sonst, weil ich bewusster eingekauft habe und nur das, was ich wirklich haben wollte.

 

Nur eine Frage wurde mir unbemerkt unter meine Einkäufe geschmuggelt: Wieso kostet es uns eigentlich immer so viel Überwindung, eine wirklich gute, coole Sache zu unterstützen?

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