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Nach der Besetzung des Brandenburger Tors: Wer ist die „Identitäre Bewegung“?

Collage: Veronika Günther

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Das Logo erklärt schon einiges: Der griechische Buchstabe Lambda auf gelbem Grund. Den hat die Identitäre Bewegung (IB) der Comicverfilmung „300“ entliehen. Dort stoppen 300 tapfere Spartaner das persische Heer, das Europa überrennen will – unter den Bannern des Lambdas. Und mit viel, viel Blutvergießen. In dieser Geschichte steckt die Ideologie der Identitären: Europa ist bedroht. Es braucht eine zu allem entschlossene Truppe, es zu verteidigen. Gegen die muslimischen Horden, die uns „überfremden“. Und vor allem gegen die regierenden Politiker, die die kulturelle Identität Europas nicht schützen.  

Die IB nennt das „Ethnopluralismus“. Kurz: Jedes Volk solle bleiben, wo es ist. Denn dort gehe es ihm am besten. Jegliche Durchmischung sei falsch. Stattdessen solle eine „Festung Europa“ gegen die Islamisierung und islamistischen Terror schützen. „Multikulti-Utopien“ führten hingegen in den „Untergang“. 

Diese Spielart völkischen Denkens ist explizit auf junge Menschen ausgerichtet. Hip und stylish will man sein. Die Bildsprache, die Symbolik, die popkulturellen Anleihen sind Teil einer zielgruppengerechten Ansprache. So betreibt der österreichische IB-Sprecher Martin Sellner einen YouTube-Kanal, auf dem er zum Beispiel die „7 Lügen der Multikultis entlarvt“. Auch zeigen sich die Identitären gerne als intellektuell und akademisch, in klarer Abgrenzung zu gewaltbereiten Skinheads. Dabei versteht man sich als "metapolitischer und aktivistischer Arm der Neuen Rechten“. Die Nähe zur AfD und NPD ist gewollt, auch wenn sich die AfD zuletzt von einer Zusammenarbeit distanziert hatte.

Bekannt sind die Identitären vor allem für ihre spektakulären Aktionen. Zuletzt stiegen Aktivisten auf das Brandenburger Tor und entrollten Spruchbänder, auf denen "Sichere Grenzen – sichere Zukunft" stand. Auch die SPD-Zentralen in Berlin und Hamburg besetzte man schon kurzzeitig. In Frankreich, wo die IB ihren Ursprung hat, demonstrierten IB-Aktivisten mit Schweinemasken in einem muslimischen Schnellimbiss gegen die Islamisierung. In Wien stürmte eine Gruppe der "Identitären Bewegung Österreich" (IBÖ) die Aufführung von Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen". Durch solche Aktionen erlangt man einen Grad an Aufmerksamkeit, der die rein personelle Stärke der Bewegung vermutlich weit übertrifft.

Denn wie groß die Bewegung wirklich ist, ist schwer zu sagen. Der Verfassungsschutz, der die IB seit kurzem bundesweit beobachtet, geht von 400 deutschen Mitgliedern des eingetragenen Vereins aus. Die deutsche Facebook-Seite hat 33.000 Fans, der Twitter-Account 3700 Follower. Nach eigenen Angaben gibt es Mitglieder in Frankreich, Österreich, in der Schweiz, in Tschechien, in Italien, den Niederlanden und Deutschland.

Und ebenso schwer ist einzuschätzen, ob, und wenn ja, wie gefährlich die IB ist. Selbst distanziert man sich immer wieder von Gewalt und Rassismus, sieht sich als demokratisch und pazifistisch. Die ideologischen wie personellen Schnittmengen in alle Richtungen sind jedoch immer wieder Thema. So arbeitet beispielsweise Martin Sellner eng mit dem „Institut für Staatspolitik“ zusammen, das als Thinktank der Neuen Rechten gilt. Auch das rechtspopulistische Compact-Magazin, Zentralorgan für allerlei Verschwörungstheorien, hofiert Sellner und lobt die „jungen Himmelsstürmer“. 

Wie mit der IB umzugehen ist, wird jetzt heftig diskutiert. Denn je mehr Aufmerksamkeit man ihr schenkt, desto mehr spielt man ihrem Guerilla-Marketing in die Karten. Ignorieren ist aber auf Grund der drastischen Symbolik unmöglich. Wer das Brandenburger Tor besetzt, den muss man wahrnehmen. Auch wenn er offenbar in einer Comic-artig simplen Welt von gut und böse, heimisch und fremd, wir gegen die lebt.

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