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Warum wählen junge Männer so gerne rechts?

Weil ihre Schwäche nach Stärke sucht – und weil sie Angst vor Gleichberechtigung haben, erklärt der Soziologe Bernhard Heinzlmaier.
Interview von Friedemann Karig
  • hofer filip singer dpa
    Foto: Filip Singer/dpa

Die Bundespräsidentenwahl in Österreich hat es (wieder einmal) gezeigt: Junge Männer wählen rechts, junge Frauen eher links. Das kann man fast überall beobachten, wo rechtspopulistische Parteien momentan Aufwind haben. Der Soziologe Bernhard Heinzlmaier ist Vorsitzender des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung. Er beschäftigt sich besonders mit der jungen Klientel nationalistischer Politik.

jetzt: Herr Heinzlmaier, warum wählen junge Männer rechts?

Bernhard Heinzlmaier: Die These von den rechtsnationalen jungen Männern stimmt nur, wenn man die "bildungsfernen" Schichten betrachtet. Aber dann trifft sie vollkommen zu. Ich glaube mit Sigmund Freud, dass der "Firnis der Zivilisation" sehr dünn ist. Bei der bildungsfernen Hälfte, den Prekären, den schlecht Integrierten, beobachten wir die Rohheit des ungebildeten Mannes. Des auf Krawall gebürsteten Naturmenschen, der in Feindbildern denkt und von inhumaner Macht angezogen wird.

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    Foto: privat

Das klingt fast nach Urinstinkten?

Schwäche sucht meist nach Stärke. Vorgeblich starke Männer wie Hofer oder Strache und ihre markige Rhetorik sind attraktiv für schwache junge Männer. Ein Beispiel: Es geht den Rechtspopulisten nicht nur darum, ihre Gegner zu besiegen. Sondern zu "eliminieren". Diese Kriegsrhetorik, das Totale, das "the winner takes it all" – solche Macher faszinieren junge Männer.

 

Also sehnen sie sich nach Durchsetzung statt Dialog?

Genau. Demokratie ist immer Kompromiss. Und die demokratisch nicht gebildeten, nicht zur Demokratie erzogenen Schichten wie diese jungen Männer, die wollen keine Kompromisse, wollten nie Kompromisse. Die wollen sich durchsetzen, und zwar nicht so halb, sondern zu 100 Prozent. Diese Rücksichtslosigkeit wird wieder gesellschaftsfähig, zum Beispiel auch mit dem Neoliberalismus in der Wirtschaft. Der wichtigste Begriff dort momentan ist "Disruption", also "Zerrüttung, Zerschlagung". Auch die hippe Kultur der Start-ups spricht diese Sprache. Ökonomisch gesehen leben wir also in einer Zeit der Erbarmungslosigkeit.

 

Aber ökonomisch geht es diesen Männern tatsächlich nicht gut, womöglich schlechter als ihren Eltern.

Diesen Erklärungsansatz halte ich für überschätzt. Die maßgebliche soziale Fallhöhe ist gekennzeichnet durch relative, nicht absolute Armut. Die haben durchaus etwas zu verlieren, aber das muss bei den meisten gar nicht dramatisch viel sein. Der Großteil sind bösartige Kleinbürger, die absolut nichts von ihrem Wohlstand abgeben wollen. Dieser Kleinbürger ist egoistisch und freut sich, wenn andere leiden, denn das wertet seine mäßige Situation auf. 

 

Also ist die (Selbst-)Wahrnehmung dieser jungen Männer als Opfer falsch?

Der ungebildete Mann sieht sich als Opfer der Verhältnisse, weil er nicht mehr machen darf, was er will: zu schnell Auto fahren, besoffen Auto fahren. Stattdessen muss er sich um den Haushalt kümmern. Das irritiert die verblödeten Männer. Deswegen folgen sie einer Partei, die sich systematisch als Opfer inszeniert, die sich auch jetzt, bei der Auszählung der Stimmen zur Bundespräsidentenwahl, schon wieder als betrogen darstellt.

 

Geht es also im Kern um die Gleichberechtigung der Geschlechter, die manche Männer als Angriff empfinden?

Der Mann ist per se ein wenig selbstbewusstes Wesen. Seine Entmachtung im Zuge des Gender-Mainstreamings trifft ihn hart. Dass die selbstverständliche, unreflektierte Macht des Mannes mehr und mehr in Frage gestellt wird, kompensiert er durch Macht-Anhimmelung. Die Hofers und Straches sind unbeeindruckt von der Geschlechter-Demokratie, nennen sie abschätzig "grüne Gutmenschenpolitik". Damit machen sie sich zu Heroen gegen den Mainstream. Und die ungebildeten jungen Männer folgen einer Macht, die besinnungslos gegen alles losschlägt, was Menschlichkeit heißt.

 

"Der Rechtspopulismus verspricht Unmögliches: Einfache Lösungen für komplexe Probleme"

 

Warum sind junge Frauen da deutlich weniger anfällig? Denen geht es ja auch nicht allen blendend?

Frauen werden eher zu sozialer Empathie erzogen. Sie haben zudem einen realistischeren Blick auf die Welt. Während der Mann für alles einen Feind sucht, der an seinem Elend schuld ist, kann die Frau ihr eigenes Verschulden besser einordnen.

 

Kann ein liberaler Politiker diese enttäuschten jungen Männer überhaupt zurückgewinnen? 

Hier sehen wir das Dilemma des Kontrollverlustes: Stabilität, Sicherheit, Geschlossenheit – das kann kein ehrlicher Politiker garantieren. Der Rechtspopulismus hingegen verspricht Unmögliches: Einfache Lösungen für komplexe Probleme. Deswegen scheitert er meistens, wenn er in eine echte Machtposition kommt. Stoppen kann man ihn jedenfalls nicht, indem man denselben Blödsinn verspricht. 

 

Es gibt also keine Chance außer der eigenen Entzauberung, wenn die Rechtspopulisten in Regierungsverantwortung scheitern?

Ja, das ist die einzige Möglichkeit: Ihr Scheitern und ihre Anpassung in den Machtpositionen. Es ist ja so: Nicht einmal die Rechtspopulisten sind von ihren Ideen überzeugt. Das sind gewissenlose Betrüger, die in der Regierungsverantwortung dann pragmatisch werden. Und plötzlich ganz anders agieren, als sie vorher angekündigt haben; eine humane Außenpolitik machen oder sich für Homosexuellenrechte einsetzen. Die glauben, bis auf ein paar Prozent Vollidioten, gar nicht an ihre eigene Idee. Die sind nur an der Macht interessiert. Darin passen sie zu ihren Wählern.

 

Was ist eigentlich rechts? Hier geht's zur Antwort:

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