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2500 Euro brutto für die Tierärztin

Das wäre zumindest das normale Gehalt. Mareike verdient an der Uni allerdings sehr viel weniger.
Protokoll von Peter Krauch
  • job kolumne tiera rztin
    Illustration: Federico Delfrati

Die Reaktionen auf Partys

Ich mache derzeit meinen Facharzt für Vögel. Wenn ich das erzähle, sind die Leute oft erstmal enttäuscht. Sie finden, dass es schönere Tiere gibt, denken direkt an die klassische Kleintierpraxis mit Hunden und Katzen. Vögel sitzen im Käfig und die Leute denken, man könnte mit denen nichts anfangen, das stimmt aber nicht. Sie sind sehr intelligent und mich fasziniert, was man Ihnen alles beibringen kann. Wenn ich dann auch noch erzähle, dass meine Promotion von Papageiensperma handelt, sage ich meistens gleich schon: „Ja, ich bin gut zu Vögeln und beschäftige mich mit Sperma.“ Das ist ja letztendlich aber auch so. Ich helfe den Vögeln, denn ich mache sie ja gesund und beschäftige mich wissenschaftlich mit Sperma. Das ist immer ein guter Eisbrecher und sorgt für einen Lacher.

Der Weg

Ich war ein typisches kleines Mädchen das sagte: „Ich will Tierärztin werden“. Weil man als Kind die Vorstellung hat, dass man dann ganz viele Tiere hat, die man liebhaben und kuscheln kann. Der Wunsch hat sich nie geändert. Immer, wenn irgendwo etwas gekreucht oder gefleucht ist, musste ich das anfassen. Sei es die Eidechse in Kroatien im Urlaub, die ich mit nach Hause nehmen wollte, oder die Maus im Garten. Alle Praktika, die man in der Schule machen muss, habe ich bei Tierärzten gemacht. In der Biologie-AG war ich natürlich auch.

 

Die Faszination für Vögel stammt aus der Kindheit. Ich hatte einen blauen Wellensittich namens „Sam“. Er wurde alleine gehalten, was natürlich aus heutiger Sicht vollkommen falsch ist. Sam wurde ca. zehn Jahre alt. Das war "mein" Haustier, der war unfassbar toll. Er hat immer mit einem Glöckchen gespielt und das hat er über den Boden gezerrt. Eines Tages kam meine Mutter mit dem Wäschekorb in der Hand in mein Zimmer und hat ihn nicht gesehen. Dann war er leider tot. Normalerweise erzählt man Kindern dann ja so etwas wie: „Der Sam ist weggeflogen", aber meine Mutter hat mich damals direkt gerufen. Vielleicht war das auch der Auslöser für meinen Berufswunsch damals, dass ich ihm gerne geholfen hätte und Tieren generell helfen will.

 

Das Studium war dann erst sehr theoretisch. Die ersten vier Semester macht man bis auf die Anatomie nur Sachen wie Biologie, Chemie, Statistik und Physik. Das ist ziemlich langweilig und anstrengend. Man hat die ersten vier Semester kein lebendiges Tier zu Gesicht bekommen, außer, wenn sich mal eine Fliege in den Hörsaal verirrt hat. Ich dachte mir: „Meine Güte, wann fängt das denn mal richtig an mit Tiermedizin?“ Stattdessen hatte ich Botanik und lernte, wie man Giftpflanzen auseinanderhält.

 

Danach wurde es spannender, man geht in die klinischen Fächer und bekommt endlich Praxiserfahrung. Man lernt, wie man die Tiere am besten festhält, wie man bei Tieren Spritzen ansetzen kann, wie man eine gynäkologische Untersuchung durchführt, Fieber misst etc. Ab dann macht es wirklich Spaß.

 

Die Realität

Ich arbeite ja an einer der fünf Veterinäruniversitätskliniken in Deutschland. Bei einer Tierarztpraxis ist das vielleicht anders, aber bei mir beginnt ein normaler Tag um 08:15 Uhr mit der Visite. Da sprechen wir die Patienten vom letzten Tag durch. Wir hatten zuletzt viele Check-Up-Patienten, das ist ähnlich wie die Vorsorgeuntersuchungen beim Menschen, wo Blutbilder und Röntgenaufnahmen gemacht und kontrolliert werden. Dann hatten wir eine Operation an einer Schildkröte mit Legenot, das heißt sie hat versucht Eier zu legen, aber nicht alle herausbekommen. Der Schildkröte geht es nach einer Operation wieder gut.

 

In den Sprechstunden kommt dann alles Mögliche: der Wellensittich, der sich den Flügel gebrochen hat, ein Papagei mit Erbrechen, die Schildkröte mit Schnupfen. Zwischendurch kommen eventuell Notfallpatienten dazwischen, da kann es dann auch mal hektisch werden. In unserer Klinik gibt es verschiedene Abteilungen: wir haben die Poliklinik, in die Patienten kommen und stationär aufgenommen werden können, wir haben ein Labor, in dem wir Sektionen durchführen und Proben bearbeiten und den Geflügelgesundheitsdienst mit der Betreuung von Nutzgeflügel.

Das Vorurteil

Viele denken immer: „Ich werde Tierarzt, weil ich dann nichts mit Menschen zu tun haben muss.“ Das ist komplett falsch! Letztendlich ist man für Mensch und Tier da. Es gibt Leute, die einen Vogel für 25 Euro gekauft haben und keine 100 Euro für den Tierarzt ausgeben wollen. Es gibt aber auch Besitzern, die sind nervöser als der kranke Vogel selbst. Man macht also viel Seelsorge für den Besitzer und Beratungsvorsorge für den Vogel, vor allem wenn es um die Haltung geht. Papageien zum Beispiel werden locker mal bis zu 50 Jahre alt. Da ist es dann besonders schwer einem Besitzer zu sagen, dass der Patient tödlich erkrankt ist. Das ist ziemlich ähnlich mit der Humanmedizin.

 

Außerdem ist die Tiermedizin entgegen der kindlichen Vorstellung keine heile Welt. Man knuddelt nicht mit den Tieren herum und kann jedem Tier helfen. Es gibt viele Tiere, die schlecht gehalten werden, Tiere mit unheilbaren Krankheiten oder Operationen, die nicht funktionieren. Man kann nicht allen Tieren helfen. Bei ganz schlechter Haltung informieren wir manchmal sogar das Veterinäramt, das kommt gottseidank sehr selten vor.

 

Die Sperma-Promotion

 

In meiner Arbeitsgruppe beschäftigen wir uns nur mit Reproduktion. Ich mache meine Doktorarbeit "Die Kryokonservierung von Papageiensperma" mit Nymphensittichen, bei denen man das Sperma mit der Hand gewinnt. Man legt die Vögel entspannt in die Hand und massiert ihnen den unteren Bauchraum. Letztendlich presst man das Sperma dann nach unten aus der Kloake aus – wir nennen das die „Massage-Technik“.

 

Das Forschungsgebiet ist sehr wichtig. Es gibt einige Vogelarten, die nahezu ausgestorben sind. Eine Befruchtung von Vogel A in Afrika und dem Vogel B in Asien geht eigentlich nur mit tiefgefrorenem Sperma. Die Herausforderungen dabei sind die Nährstoffe für die Spermien, ein Frostschutzmittel, damit die Zellen nicht platzen, und welche Temperatursenkungen verträglich für die Spermazellen sind. Das muss man alles testen und in verschiedenen Konzentrationen ausprobieren – das ist meine Aufgabe der Doktorarbeit.

 

Das Geld

Ich verdiene momentan weniger als 1000 Euro netto. So ganz exakt möchte ich das nicht sagen, da die Beschäftigungssituation von Tierärzten an Universitätskliniken schon häufig für Diskussionen gesorgt hat. Ich weiß, dass ich im Gegensatz zu einem in einer Praxis angestellten Tierarzt, bei dem das Einstiegsgehalt bei um die 2500 Euro Brutto liegt, viel weniger verdiene. Aber das ist im Allgemeinen der Preis für die Ausbildung zum Facharzt und für die Promotion. Und es ist ja etwas, das man freiwillig macht. De facto bin ich etwa 40 Stunden in der Woche an der Uni, um praktische Dinge zu lernen und meine Doktorarbeit zu schreiben. Man sollte diesen Beruf aus Leidenschaft machen, denn man muss dafür auch einstecken. Wenn ich in drei Jahren meine Promotion und den Facharzt für Vögel abgeschlossen habe, ist bei mir dann aber auch ein Gehalt in einer Praxis von bis zu 4000 Euro brutto möglich. Das ist dann der Ausgleich für eine schwierige Zeit davor.

 

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