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2800 Euro netto für die Förderschullehrerin

Laura liebt ihren Job und ihre Klasse – musste aber auch schon mal eine Schülerin anzeigen, die sie mit einem Messer angegriffen hat.
Protokoll von Nadja Schlüter
  • job kolumne foerderschullehrerin neu
    Illustration: Lucia Götz

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Und das macht dir wirklich Spaß?“ Ein bisschen kann ich das sogar nachvollziehen. Ich selbst kann über vieles lachen, was ich erlebe und was meine Schüler so reißen. Aber von außen hört es sich vielleicht etwas verrückt an, dass ich mit Fünfzehnjährigen das Einmaleins üben muss oder auch schon mal als „Fotze“ beschimpft werde. Ich werde auch oft gefragt, ob viele Kinder mit Migrationshintergrund an meine Schule gehen. Die Antwort lautet: ja – aber auch viele ohne.

Der Weg und die Zweifel

Nach dem Abi habe ich ein Praktikum an einer Sprachheilschule gemacht, in einer Grundschulklasse mit sieben knuffigen Knirpsen, die alle gelispelt haben. Da habe ich mich total in den Job verliebt und darum Förderschullehramt studiert.

 

Obwohl ich vom Praktikum so begeistert war, hat mir weder das Studium noch das Referendariat Spaß gemacht. Beides war einfach öde, fast nur Theorie und es ging um Fragen wie „Warum sitzt Justin neben Chantal und nicht neben Cinderella?“ oder „Warum benutzte ich rote Magnete und keine blauen?“ Darum wollte ich das Studium und das Ref einfach nur durchziehen und dann was anderes machen. Aber kurz vor Ende meines Refs wurde meine Mentorin an der Förderschule schwanger, und weil unsere Schule unterbesetzt ist, sollte ich die Klassenleitung übernehmen. Am Tag nach meiner Abschlussprüfung war ich Klassenlehrerin.

Von da an hat sich alles geändert! Plötzlich war das meine Klasse mit meinen Regeln und wir sind sehr schnell eine kleine Gemeinschaft geworden. Da wusste ich, dass ich das doch weitermachen machen will. Jetzt habe ich eine Planstelle an meiner Schule und bin total happy dort, ich gehe jeden Morgen gerne hin. Von den hundertzehn Schülern kenne ich jeden mit Name, das Kollegium ist auch super und sehr jung. Wir sind wie eine große Familie.

 

Meine Klasse

Ich bin Klassenlehrerin einer Neunten. Eigentlich sind in meiner Klasse zwölf Schüler, faktisch aber nur neun, weil eine von der Schule geflogen ist und zwei seit einem halben Jahr dauerhaft schwänzen. 

 

Ich bin die Bezugsperson für meine Schüler und sie vertrauen mir. Wenn sie zu mir kommen und mit mir über ihre Probleme sprechen, fühle ich mich total wertgeschätzt. Aber auch andere Situationen sind toll, zum Beispiel, wenn es diese Klick-Momente gibt: Wenn ich ihnen wochenlang was erkläre und es einfach nicht hängenbleibt – und plötzlich verstehen sie doch, wie man das Volumen eines Würfels berechnet. Und ich lache einfach sehr viel, mit den Schülern, aber auch mal über sie, das ist völlig in Ordnung. Sie verarschen mich ja auch manchmal. Wir haben einfach einen guten Umgang miteinander. 

 

Mein Tag

Um acht Uhr sammle ich meine Schüler auf dem Schulhof ein, sie dürfen immer nur in Begleitung der Lehrkräfte ins Schulgebäude, damit sie beaufsichtigt sind. Sonst wird schnell geschrien, gerempelt, beschimpft und die Situation eskaliert. In der Klasse müssen alle ihre Handys abgeben. Als erstes frage ich, ob es allen gut geht, wir plaudern ein bisschen, und dann geht’s los mit dem Unterricht. Ich gebe sechs Stunden am Stück, alle Fächer, in den ersten Stunden meistens Deutsch und Mathe, weil die Schüler sich da noch konzentrieren können. Alle zwei Stunden ist Pause und um eins ist Schluss. Ein Mal die Woche gebe ich Nachmittagsunterricht in einer Zehnten, da bin ich bis vier an der Schule.

 

Eine wichtige Aufgabe ist die Kommunikation mit den Eltern und dem Jugendamt. Sobald Probleme auftreten, wird die Familie kontaktiert oder, wenn das Jugendamt dort schon aktiv ist, der jeweilige Familienhelfer. Die Telefonate erledige ich meistens nach Schulschluss oder treffe mich mit den Eltern, den Erziehungsberechtigten oder Mitarbeitern des Jugendamts zum persönlichen Gespräch.

 

Das Gute an meinem Job ist, dass ich viel Freizeit habe. Ich muss nicht jeden Nachmittag stundenlang Unterricht vorbereiten, sondern improvisiere viel. Ich kann mich zum Beispiel morgens aufs Pult setzen und sagen: „Jetzt macht ihr mal eine Personenbeschreibung von mir“, und während die Schüler arbeiten, überlege ich mir, was wir als nächstes machen. Dafür ist der Job aber emotional sehr anstrengend.

 

Die Belastung

Ich hätte vorher nie gedacht, dass mich die Probleme meiner Schüler belasten werden – aber wenn man die Kinder den ganzen Tag um sich hat und dann steht auf einmal so ein kleiner Mensch vor einem und weint, ist das einfach was anderes.

 

Von meinen Schülern kommen drei aus einem Elternhaus, das in Ordnung ist: Die Eltern kümmern sich, setzen sich nachmittags hin und helfen bei den Hausaufgaben, gucken, ob der Ranzen gepackt ist, schmieren ein Butterbrot. Aber die meisten haben nichts zu Essen dabei, sondern kaufen sich jeden Morgen Chips und eine Zwei-Liter-Flasche Billig-Limo, haben keine Stifte, keinen Block, machen ihre Hausaufgaben nicht, lernen nicht für Klassenarbeiten und die Eltern beantworten weder Elternbriefe noch Anrufe. Bei den meisten Familien ist es auch so, dass alle bei uns an der Schule sind oder waren: die Geschwister, die Mutter, der Vater. Das vererbt sich weiter. 

 

Vor einem Monat kam eine Schülerin zu mir und hat mir anvertraut, dass sie unbedingt ins Heim möchte. Sie hat erzählt, was bei ihr Zuhause los ist: Psychoterror von der Mutter, sexuelle Belästigung vom Stiefvater. Das hat mir beinahe das Herz gebrochen. Am liebsten hätte ich geheult. Ich habe zusammen mit der Schulsozialarbeiterin das Jugendamt informiert. Die drei älteren Schwestern der Schülerin sind schon aus dem Elternhaus geflohen und wir haben alles unternommen, damit sie auch ausziehen kann. Als ich sie vor Kurzem zufällig in der Stadt getroffen habe, hat sie mich umarmt und gesagt, wie glücklich sie jetzt ist und wie gut es ihr geht, seit sie im Heim lebt. Das sind tolle Momente, in denen man merkt, was man bewegen und wie man den Schülern helfen kann.

 

Der Extremfall

Ich hatte eine Schülerin in meiner Klasse, für die ich immer nur „die Fotze“ war, meinen Namen hat sie gar nicht mehr genannt. Wenn sie anwesend war, war kein Unterricht möglich, weil sie Sachen durch die Klasse geworfen hat und die anderen immer nur geärgert und provoziert hat. Und dann hat sie mich in einer Pause auf dem Schulhof mit einem Messer angegriffen. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet und war völlig überfordert. Gott sei Dank habe ich es geschafft, ihr das Messer abzunehmen. Daraufhin wurde sie für den Rest des Schuljahres suspendiert. 

 

Eine Woche später ist sie ins Schulgebäude eingebrochen und hat die Wände und die Scheiben mit roter Farbe vollgesprüht: „Fotze“, „Hurenlehrerin“, „Ich mach dich kalt“, alles in Verbindung mit meinem Namen. Wir haben die Polizei gerufen und sie hat mehrere Anzeigen bekommen: Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, illegaler Waffenbesitz, Bedrohung und Beleidigung. Ich musste vor Gericht aussagen. Sie hat vier Wochen Jugendhaft bekommen. 

 

Sie geht jetzt in eine andere Einrichtung, aber ich sehe sie oft in der Stadt. Ich drehe dann immer um. Ich habe keine Angst, dass sie mich angreift, aber auch wenn sie mich nur anspucken würde – wie soll ich denn dann reagieren?

 

Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, wieso sie so einen Hass auf mich hat. Was habe ich ihr angetan? Aber da spielt die Familie auch wieder eine wichtige Rolle: Den Eltern ist wirklich alles egal. Ihre beiden älteren Schwestern sind auch schon von unserer Schule geflogen, und um von der Förderschule zu fliegen, muss man wirklich einiges anstellen. Es hat also nichts mit mir zu tun. Hätte eine andere Lehrerin ihre Klasse geleitet, hätte es eben sie getroffen.

 

An der Schule hat sich dadurch für mich nichts verändert. Da gibt es ja öfter mal Prügeleien oder ich werde angegangen – und meine Klasse beschützt mich. Die kommen direkt und stellen sich vor mich. Sie waren auch bei der Sache mit der aggressiven Schülerin immer auf meiner Seite.

 

Was der Job mit meinem Privatleben macht

Ich stempele Menschen nicht mehr so schnell als „Assis“ ab, sondern versuche, hinter die Fassade zu schauen. Wenn mir in der Stadt pöbelige Jugendliche entgegenkommen, die laut Musik hören, denke ich an meine Schüler. Ich weiß einfach, dass viele von ihnen ein gutes Herz und noch eine andere Seite haben. Und wo die Wut und die Aggressionen herkommen. In manchen Elternhäusern haben die Kinder einfach keine Chance, anders zu werden. 

 

Das Geld

Ich bin Beamtin und werde mit A13 besoldet. Weil ich erst seit einem Jahr Lehrerin bin, bekomme ich momentan 2800 Euro Netto. Mit mehr Berufserfahrung werde ich nach und nach hochgestuft.

Du willst lieber einen Job ohne Kinder? Wir hätten auch Tiere und Häuser im Angebot:

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