3000 Euro für den Immobilienmakler

Yavuz (27) war erst Friseur und vermittelt jetzt Wohnungen in München - dem wohl härtesten Immobilienmarkt des Universums.
Protokoll von Eva Casper
Foto: privat

Die Sprüche auf Partys

Die Leute denken an das Klischee vom einem Makler: "Da bekommst du viel Geld für wenig Arbeit oder?" Ich versuche dann ihnen zu erklären, dass das nicht so ist. Viele fragen auch: "Kannst du mir eine Wohnung besorgen?" Würde ich ja echt gerne, aber der Markt gibt das zurzeit einfach nicht her. Es gibt in München sehr viele Suchende und viel zu wenig Immobilien.  

Wie ich Makler wurde

Ich habe mit 16 meinen Hauptschulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung zum Friseur.  Ich wollte gerne selbstständig arbeiten oder in den Außendienst, deswegen habe ich direkt danach den Meister gemacht. Das hat dann aber leider beides nicht geklappt. Zu dieser Zeit hat die Mutter meiner damaligen Freundin eine Umschulung zur Immobilienmaklerin gemacht. Immobilien haben mich schon lange interessiert. Ich muss zugeben, ich habe immer gerne "Mieten, Kaufen, Wohnen" geguckt. Und da dachte ich: Warum eigentlich nicht?

Ich habe dann eine neunmonatige Ausbildung in Stuttgart gemacht. Das musste ich alles selbst bezahlen: der Kurs hat 3000 Euro gekostet, dann noch die Anfahrt, Unterkunft usw.  Wenn man besteht, bekommt man ein Zertifikat der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Wie mein Alltag wirklich aussieht

Ich bin seit Dezember 2015 selbstständiger Immobilienmakler, sitze aber in der Bürogemeinschaft einer Franchise-Firma in München. Ich brauche ein System,  jemanden, der mich leitet und berät. Das habe ich hier gefunden. Im letzten Jahr habe ich sechs Immobilien verkauft. Das ist schon sehr gut für einen Anfänger. In der Regel braucht man zwei Monate um eine Immobilie zu vermarkten. Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, wie ein Immobilienmakler eigentlich arbeitet. Sie denken, dass ich jemandem nur kurz die Immobilie zeige, zehn Minuten Smalltalk halte und dafür tausende Euro Provision bekomme. Das stimmt nicht.

Allein die Vorbereitung, um den Verkaufspreis einer Immobilie zu bewerten ist sehr aufwendig und komplex. Ich brauche alle Zahlen, Daten und Fakten: Über den Zustand des Objekts, Energieausweis, Protokolle, Grundriss, etc. Dann muss ich das Objekt vermarkten: eine Anzeige aufbauen, professionelle Fotos und Broschüren erstellen lassen, die Interessenten betreuen. Bis zu diesem Punkt habe ich schon viel Geld und Zeit investiert, aber noch nichts verdient. Ich verdiene ja nur etwas, wenn ich eine Immobilie wirklich verkaufe oder vermiete. Das bringt einen enormen psychischen Druck mit.

Manche denken auch, dass ich als Makler grundsätzlich auf der Seite des Verkäufers stehe und es nur darum geht, den höchsten Preis zu erzielen. Auch das stimmt nicht. Es ist vielmehr so: Der Interessent und der Eigentümer sind beide wie Alphatiere. Beide wollen den besten Preis erzielen. Ich bin da die neutrale Person, die zwischen beiden vermittelt. Da kann es dann auch mal vorkommen, dass ich eine Immobilie günstiger bewerte, als der Eigentümer sich das vorgestellt hat. Das sehen dann nicht gleich alle ein, da muss ich hart verhandeln. Das verursacht oft schlaflose Nächte. Es kann nämlich passieren, dass die Bewertung eines anderen Maklers einen höheren Preis anzeigt. Da ist dann die Frage: Welchem Angebot vertraut der Kunde jetzt?

Und natürlich muss am Ende auch der Käufer zufrieden sein. Nehmen wir mal an: Ich kümmere mich um den Verkauf einer Wohnung mit Tiefgarage. Jetzt wurde zuvor auf einer Eigentümerversammlung beschlossen, dass die Garage renoviert und die Kosten auf alle Besitzer verteilt werden soll. Der Käufer der Wohnung muss wissen, dass er diese Schulden mitkauft. Es ist meine Aufgabe, solche Informationen zu recherchieren. Würde ich das nicht machen und der Käufer erst im Nachhinein davon erfahren, würde er sich zu Recht beschweren. Wer aber als Makler einen schlechten Ruf hat, bekommt auf Dauer auch keine Kunden mehr. Dafür ist die Konkurrenz auf dem Markt viel zu groß.

Ist "Mieten, Kaufen, Wohnen" nah an der Realität? Gar nicht. Der Wohnungsmarkt in München ist schon sehr begrenzt. Dass ich in ein Szenario komme, wo ich Interessenten habe und ihnen zwei Wohnungen am selben Tag zeige und beide leer stehen und sofort bezugsfrei sind – das gibt es nicht. 

Wo der Job hart ist 

Es kann vorkommen, dass ich monatelang herumtelefoniere, Angebote mache und immer nur Absagen bekomme. Damit muss man umgehen können und trotzdem motiviert bleiben. Ich habe mir das Ziel gesetzt, jede Woche mindestens 30 Telefonate zu führen und Angebote zu machen. Irgendwann kommt dann eine Rückmeldung.

Ich bekomme natürlich auch sehr viele Anfragen von Menschen, die günstige Mietwohnungen suchen. Ich würde diesen Leuten sehr gerne helfen aber alles, was unter einem Budget von 1500 Euro Monatsmiete liegt, ist kaum machbar. Dafür gibt es einfach viel zu wenige Immobilien in München. Wenn ein Eigentümer eine günstige Mietwohnung anbietet, bekommt er hunderte Anfragen. Die Chance, dass ausgerechnet ich dann den Zuschlag bekomme und die Wohnung vermitteln darf ist einfach sehr gering.  

Was ich dabei verdiene 

Ich habe jetzt im letzten Jahr  115 000 Euro verdient. Natürlich ist das viel Geld, aber ich sehe nicht die große Zahl, sondern das, womit ich dann klarkommen muss. Ich behalte von dem Geld längst nicht alles. Ein großer Teil (etwa die Hälfte) geht an die Franchise-Firma: für die Büroräume, dafür, dass ich den Firmennamen und das Logo nutzen darf, die Schulungen und so weiter.

 

Außerdem ist die Konkurrenz auf dem Markt sehr groß. Es heißt, man sollte Minimum für sechs bis zwölf Monate Geld auf der hohen Kante haben, wenn man mal nichts verkauft. Ich weiß eben nicht, ob das langfristig eine Zukunft hat. Netto komme ich durchschnittlich auf etwa 3000 Euro, schätze ich. Es wird immer schwieriger, weil die Leute sehen, dass es ein boomender Markt ist und jeder will mitverdienen. 

Was mein Beruf für mein Privatleben bedeutet 

Im vergangenen Jahr habe ich mich bei der Arbeit richtig reingehängt. Da blieb dann nicht viel freie Zeit. Der Job hat mich verändert. Ich bin viel ruhiger und disziplinierter geworden. Meinen Nebenjob in einer Bar habe ich aufgegeben. Ich wollte keine Nachtschichten mehr machen, weil ich gemerkt habe, dass mich das zu viel Energie kostet. Stattdessen habe ich angefangen, regelmäßig Sport zu treiben. Ich gebe allerdings auch viel mehr Geld aus. Das hat eben auch mit meinem Beruf zu tun: Ich brauche Anzüge, Schuhe, eine Präsentationsmappe, ein Auto. Der erste Eindruck, den der Kunde von mir hat, ist sehr wichtig. Man hat es als Makler übrigens nicht leichter bei der Wohnungssuche als andere. Ich wohne zwar in einer Zwei-Zimmer-Wohnung aber auch nur, weil ich sie günstig von meinem Bruder übernehmen konnte.

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