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1300 Euro für die Grundschullehrerin

Samela, 25, macht gerade ihr Referendariat. Sie hat ihren Traumjob gefunden – trotz Pausenclowns und nerviger Eltern.
Protokoll von Annalena Sippl
  • job kolumne grundschullehrerin cover
    Foto: privat; Collage: Daniela Rudolf

Der Weg

 

So kitschig es auch klingt, es war schon immer mein Wunsch Grundschullehrerin zu werden. Dafür gibt es auch einen Grund: Ich habe viele negative Erfahrungen mit Lehrern gemacht – in erster Linie aufgrund meines bosnischen Migrationshintergrundes. Zwar hatte ich als Kind den Schnitt für den Übertritt aufs Gymnasium, doch meine Lehrer haben meinen Eltern damals davon abgeraten. Ich habe mich quer gestellt und bin trotzdem auf das Gymnasium gegangen. Ich wusste einfach, dass mehr in mir steckt.

 

Nun bin ich in der Endphase meines Referendariats und kann voller Überzeugung sagen, dass es mein absoluter Traumberuf ist. Ich habe in Nürnberg studiert, Deutsch als Hauptfach, Kunst, Mathe und Geografie. Mathe musste man wählen, von den Naturwissenschaften war Geografie für mich dann das kleinste Übel. Es war eine sehr schöne Zeit, auch wenn ich eher ein Einzelkämpfer war. Grundschullehrerinnen sind verschlossen, zurückhaltend, tragen Brille und stecken ihre Bluse in die Hose – im schlimmsten Fall kombinieren sie Socken und Sandalen. Etwa 80 Prozent meiner Kommilitonen haben dieses Klischee während meines Studiums komplett erfüllt. 

 

Die Realität

 

Das Schlimmste war für mich die Zuteilung zum Einsatzort für mein Referendariat, ich kam mir vor wie ein Ping-Pong-Ball. Man hat uns damals gesagt, dass wir wahrscheinlich in der Nürnberger Umgebung bleiben könnten, aber so war es ganz und gar nicht. Als ich den entscheidenden Brief aufgemacht habe, las ich „Mönchsroth“ und habe erst einmal Google Maps geöffnet. Die kleine Gemeinde liegt gleich an der Grenze zu Baden-Württemberg. Ich habe Rotz und Wasser geheult, habe versucht mit anderen zu tauschen, aber nichts hat geklappt. Anfangs musste ich bei einer alten Frau auf einem Bauernhof wohnen, da ich nicht gleich eine Wohnung gefunden habe. Das war wirklich alles hart für mich. 

Die guten und schlechten Zeiten des Lehrerdaseins

 

Doch die Schule hat mir ganz viel Halt gegeben. Immer wieder gibt es dort schöne Momente, beispielweise wenn ein Kind bei unserem Morgenkreis sagt, dass es sich heute gut fühlt, weil es mich als Lehrerin hat. Es ist auch immer ein tolles Erlebnis mitzubekommen, wie sich die Schüler weiterentwickeln. Kinder sind einfach unheimlich ehrlich und nie nachtragend. Ich bin sowohl Lehrerin als auch eine ganz gute Freundin für die Kinder. Das Schlimmste an meinem Beruf ist eindeutig das Korrigieren, wir verbessern ja nicht nur Prüfungen, sondern auch jede Hausaufgabe. Und nervige Eltern können auch sehr anstrengend sein. Manche kommen wegen jedem kleinen Fehler, andere versuchen mit mir über Übertrittsnoten zu verhandeln. Aber wir sind nicht auf einem türkischen Basar, Tatsache ist Tatsache. Noch schlimmer, als diese Helikoptereltern, finde ich aber die, die sich nicht um ihr Kind kümmern. Das verletzt mich schon, weil es traurig ist, dass sie ihr Kind nicht unterstützen. 

 

Von wegen Freizeit

 

In diesem Schuljahr habe ich das erste Mal eine eigene Klasse. Es ist super, aber sehr viel Arbeit. Viele Menschen haben ohnehin eine sehr verklärte Vorstellung von Grundschullehramt. Sie denken, das wäre ein bisschen Unterricht halten, Pausenaufsicht spielen und um 13 Uhr schnell nach Haus gehen. Dabei denke ich von morgens bis abends nur an die Arbeit. Vor 18 Uhr komme ich nie nach Hause, nach dem Unterricht bleibe ich in der Schule. Dort muss ich Hausaufgaben und Prüfungen korrigieren, die kommenden Unterrichtsstunden planen, das Klassenzimmer thematisch zum Unterrichtsstoff gestalten und mich auf Lehrproben und andere Übungen meines Studiums vorbereiten. Oft machen mich die ganzen Gedanken über Planungen dann so verrückt, dass ich schon um 21 Uhr hundemüde ins Bett falle. Ich hoffe, dass der Stress mit der Zeit abnimmt, aber am Anfang möchte man ja immer alles ganz perfekt machen und investiert besonders viel Zeit. Respekt vor denen, deren Beziehung in dieser Zeit nicht zerbricht.

 

Der Vergleich mit anderen Lehrern

 

Das Gefühl, Lehrer zweiter Klasse zu sein, kenne ich definitiv. In sozialen Netzwerken wird sich ja leider öfter auf Kosten der Grundschullehrer lustig gemacht. Sogar in privaten Gesprächen kommt es vor, dass mein Gegenüber meine Arbeit klein redet. Viele andere Lehramtstudenten für weiterführende Schulen halten sich für etwas Besseres, sie verdienen auch mehr. Dabei müssen gerade die Grundschullehrer nicht nur ihre Fächer unterrichten, sondern viele Regeln vermitteln und Rituale durchführen. Bei uns lernen die Kinder Grundsätze, wie Melden, Siezen, andere ausreden lassen. Durch Rituale wie den Morgenkreis lernen die Schüler schon früh, sich vor einer Gruppe mitzuteilen. Dieser mündliche Sprachgebrauch ist später beispielsweise wichtig, damit die Schüler sich bei Referaten sicher fühlen. Würden wir die Kinder hier nicht schon so gut erziehen und vorbereiten, hätten die an den weiterführenden Schulen viel mehr Arbeit. Denn die Jugend hat sich verändert, da ist schon was Wahres dran. Ich habe als Schülerin nie Widerspruch eingelegt, heute fangen die Kinder sofort an zu diskutieren: „Warum gibt es so viele Hausaufgaben auf?“ Die gibt es, Punkt, aus, Ende. Bei den ganz extremen Klassenclowns ist es aber am wirkungsvollsten sie zu ignorieren. „Hans-Peter hör auf!“, bringt gar nichts, da schenkt man ihm nur noch mehr Aufmerksamkeit.

 

Die Zukunftsaussichten

 

Überhaupt ist es sehr wichtig, dass man kein Mauerblümchen ist, sondern sich durchsetzen kann und Autorität ausstrahlt. Das kann ich nur jedem raten, der Lehrer werden will. Vielleicht ist das eine Ursache für den Lehrermangel. Die „neue Jugend“ traut sich vielleicht nicht jeder zu. Aber auch die Horrorgeschichten, die man über das Referendariat hört, sind sicher wenig ermutigend. Im Endeffekt sind wir Lehrer alle Marionetten des Staates, denn wir werden dort eingesetzt, wo wir fehlen, nicht dort, wo wir gerne hin möchten. Falls wir nicht verheiratet sind oder Kinder bekommen, werden wir Grundschullehrer ab dem nächsten Jahr alle nach Oberbayern geschickt, denn dort ist der Lehrermangel besonders gravierend. Aber ich weiß ja, wofür ich das hier alles mache.

 

Was man verdient

 

In meinem Referendariat bekomme ich derzeit etwa 1300 Euro brutto. Am Anfang dachte ich, das wäre zu wenig, andererseits bin ich ja auch zwei Tage die Woche im Seminar. Eigentlich wäre es schon in Ordnung, doch ich gebe wahnsinnig viel Geld für Unterrichtsmaterialien aus. Vor allem für den Kunstunterricht zahle ich viel aus eigener Tasche, von Acrylfarben bis hin zum hochwertigem Papier. Aber das ist vielleicht auch ein Fehler von mir, dass ich das da übertreibe mit Investitionen.

 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

 

„Boah, hast du viele Ferien!“, ist die typische Reaktion, wenn Menschen von meinem Beruf erfahren. Aber dann sehe ich gleich, dass jemand keine Ahnung hat und lasse mich gar nicht auf das Gespräch ein. Die freie Zeit haben wir Grundschullehrer uns definitiv verdient, schließlich legen wir den Grundbaustein für eine neue Generation.

Lieber doch nicht Grundschullehrerin werden? Auch mit diesen Jobs kannst du Geld verdienen:

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