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2700 Euro brutto für die Sozialpädagogin

Linda, 22, arbeitet mit jungen Flüchtlingen und wird auf Partys oft gefragt, ob diese wirklich Handys geschenkt bekommen.
Protokoll von Lara Thiede
  • job kolumne sozialpa dagogin
    Foto: privat

Was ich tue

Ich arbeite seit einem Jahr in einem heilpädagogischen Kinderheim. Im Schichtdienst betreue ich dort fast zwanzig jugendliche Asylbewerber. Die meisten sind alleine aus Afghanistan geflüchtet, zwischen 14 und 18 Jahren alt und traumatisiert von Flucht und Krieg im Heimatland. Da gibt es jeden Tag andere Probleme, die auftreten können. Man weiß nie genau, wer wie drauf ist.

In der Nachmittagsschicht sind alle Jungs anfangs noch in der Schule. In dieser Zeit kümmere ich mich um Bürokratisches, stelle also Anträge, kläre Kosten ab, schreibe Entwicklungsberichte und so weiter. Wenn die Jungs dann gegen 15 Uhr nach Hause kommen, wird erst einmal viel erzählt und geredet, danach helfe ich ihnen bei den Hausaufgaben. Am Nachmittag ist die Tür zum Büro immer offen, die Jugendlichen können sich also immer an mich wenden, wenn sie ein Problem haben. Oft geht es in Gesprächen um die Angst vor Ablehnung des Asylantrags, aber auch um Streit in der Schule oder einfach darum, wie man am besten ein Mädchen anspricht. Abends kochen und essen dann alle gemeinsam. Natürlich fällt dann dem ein oder anderen doch noch ein, dass er noch was für die Schule zu tun hat. Dann packen wir eben auch um 22 Uhr noch mal das Hausaufgabenheft aus. Im Grunde läuft es wie in einer richtigen Familie.

In der Nachtschicht gehe ich zuerst eine Gute-Nacht-Runde, gegen 23 Uhr schlafen die Jungs. Der nächste Morgen beginnt für viele schon um fünf, wenn sie sich das wünschen, für alle anderen eigentlich um sechs. Natürlich quengelt dann immer noch jemand und will nicht aus dem Bett raus. Kurz vor sieben wird gefrühstückt und die Jungs fahren mit dem Bus zu ihrer jeweiligen Schule.

Im Grunde erfülle ich so jeden Tag viele Aufgaben: Ich bin Mutter, Seelsorgerin, Freundin.

 

Was im Kopf bleibt

Das war das Schönste im vergangenen Jahr: Meine Jungs, einige davon fast schon Männer, wie sie an Heiligabend zum ersten Mal im Leben mit weit aufgerissenen Augen vor dem leuchtenden Christbaum saßen und Kinderpunsch schlürften. Vorher hatten alle in der Küche gestanden und fünf Stunden lang ihr liebstes und aufwendigstes afghanisches Gericht gekocht. Braten sollte es nicht geben, fanden sie – aus Rücksicht darauf, dass ich kein Fleisch esse. Die Jungs, alle Muslime, sind immer wieder so begeistert von unseren christlichen Traditionen, dass ich selbst erst wieder wahrnehme, wie schön unsere Bräuche eigentlich sind. Natürlich gibt es auch schlimme Momente. Die schlimmsten kommen in großen gelben Umschlägen. Die erste Ablehnung, die ich miterleben musste, traf mich wie ein Schlag. Obwohl ich frei hatte, fuhr ich in die Arbeit, um bei dem Jungen sein zu können. Als er dann bestens gelaunt aus der Schule kam, warteten ich und meine Kolleginnen schon mit toternster Miene im Büro auf ihn. Wir sagten ihm, dass er leider nicht in Deutschland bleiben dürfte. Mit einem Satz zerstörten wir seine gesamte Zukunft. Das nächste Telefonat mit seinen Eltern war furchtbar. Sie konnten nicht glauben, dass Deutschland ihn wieder zurückschicken würde, obwohl er sich gut benommen hatte. Er musste irgendetwas falsch gemacht haben, davon waren sie überzeugt. Der Junge weinte bitterlich. Die Ungerechtigkeit bricht einem das Herz.

 

Womit man fertig werden muss

Im Moment kommen eine Menge Bescheide an, fast alle sind Ablehnungen. Die meisten Jungs haben keine Familie mehr oder wissen nichts von ihr. Einer von ihnen musste deshalb seit er zwölf Jahre alt war auf einer Baustelle im Iran arbeiten, um sich die Flucht finanzieren zu können. Mit 16 kam er an, mit 18 soll er wieder gehen. Ich finde das schrecklich: Da kommuniziert die Politik ihnen: „Streng dich an, lern‘ gut Deutsch, integrier‘ dich, dann darfst du bleiben“, nur um sie wenig später aus dem Land zu vertreiben. Seit immer mehr Bescheide ankommen, brauchen auch viel mehr Jungs als vorher eine Therapie. Sie haben wahnsinnige Angst vor der Ablehnung, oft Schlafstörungen und chronische Kopfschmerzen. Im Moment warten noch zwölf Jungs auf ihr „Urteil“. Bei dem Rest können wir nur Klage einreichen, versuchen, Zeit zu schinden und hoffen, dass sich durch die nächsten Wahlen irgendetwas ändert.

 

Was ich verdiene

Ich verdiene brutto etwa 2.700 Euro im Monat. Je nach dem, wie viele Nacht- oder Wochenendzuschläge dazu kommen, bekomme ich zwischen 1.700 und 2.300 Euro raus. Damit komme ich sehr gut hin – was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich mit meinem Freund in einer günstigen Wohnung lebe und in erster Linie nur für mich selbst verantwortlich bin.

 

Wie ich dort hin gekommen bin

Mit 14 begann ich, samstags im Betreuten Wohnen für Senioren zu arbeiten. Weil mir das viel Spaß machte, war für mich schnell klar war, dass ich später unbedingt im sozialen Bereich arbeiten wollte. Nach dem Abi machte ich deshalb noch ein Praktikum bei den Johannitern und studierte Soziale Arbeit an der Fachhochschule. An meinen Job mit meinen Jungs kam ich aber vor allem durch meine Bachelorarbeit mit dem Thema „Asyl“. Danach wollte ich unbedingt auch die Praxis zur Theorie erfahren und Flüchtlingen helfen.  

 

Was der Job mit meinem Privatleben macht

Ich liebe meinen Schichtdienst. Denn wenn ich spät arbeite, hab ich auch viel vom Tag. Ich habe nie Schwierigkeiten, Zeit zum Ausschlafen zu finden oder einen Zahnarzttermin zu bekommen. Das genieße ich. Nur ganz selten nervt es, wenn ich kurzfristig den Nachtdienst übernehmen muss und deshalb eine Veranstaltung verpasse.  

Privates und Berufliches kann ich auch ganz gut trennen. Ich nutze die Heimfahrt, um mich gedanklich mit dem zu beschäftigen, was ich auf der Arbeit erlebt habe. Sobald die Tür ins Schloss fällt, kann ich meistens ganz gut abschalten. Wenn mich etwas aber wirklich mitnimmt, bespreche ich das mit meinem Freund. Der teilt dann meine Sorgen und irgendwann geht es wieder. Er und meine Familie sind sowieso super stolz.

Die Frage auf Partys

Wenn ich auf Feiern bin und erzähle, dass ich als Sozialpädagogin arbeite, kommt fast immer die Frage: „Und? Kannst du deinen Namen tanzen?“ oder „Stimmt es, dass ihr in Sitzkreisen studiert?“ Ich schaue immer gleich beschämt in irgendeine Ecke, weil wir solche Sitzkreise tatsächlich hatten – genau wie Klatsch- und Tanzspiele. Meinen Namen kann ich aber trotzdem nicht tanzen. An dem Tag des Seminars war ich nämlich krank.

 

Wenn das Gespräch später noch auf meine Jungs kommt, wollen viele wissen, ob es wirklich stimmt, dass Flüchtlinge sofort neue Handys geschenkt bekommen, sobald sie nach Deutschland kommen. Ich freue mich, über solche Fragen. Durch sie kann ich mit Vorurteilen aufräumen.

 

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