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2900 Euro brutto für den Mitarbeiter auf dem Wertstoffhof

Für Markus, 27, ist es ein Traumjob, auch wenn er schon mal Sexspielzeug aus den Containern ziehen oder Hausverbot erteilen muss.
Von Liza Marie Niesmak
  • job kolumne wertstoffhof
    Foto: privat

Was ich auf Partys gefragt werde

 

Von mir selbst aus erzähle ich gerne, dass wir manchmal Sexspielzeuge in den Containern finden. Die Leute schämen sich, nachzufragen, wo das hingehört und werfen es dann in einen beliebigen Container, wo es überhaupt nichts zu suchen hat.

 

Oft werde ich auch gefragt, was ich behalten darf oder ob jemand dieses und jenes bei mir abholen könnte, zum Beispiel Bilderrahmen für eine Hochzeit. Ich erkläre dann, dass ich überhaupt nichts behalten darf und dass wir auch nichts an Kunden oder Freunde abgeben dürfen.

 

Nur die wenigsten wissen, dass man in der „Halle 2“ in Pasing auch sehr gute, gebrauchte Möbel und Fahrräder kaufen kann, die bei uns abgegeben werden. Davon profitieren besonders Studenten, weil die Sachen vergleichsweise günstig sind. Ich selber habe allerdings nichts von dort, denn ich mag gebrauchte Sachen einfach nicht so gerne.

Wo ich arbeite

 

Seit November 2014 arbeite ich beim Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM). Zunächst als Einweiser, bereits im Juli 2015 bin ich dann zum stellvertretenden Platzwart am Wertstoffhof in München-Freimann aufgestiegen. Vielleicht schaffe ich es noch bis zum Platzwart.

 

Vorher war ich neun Jahre lang in der freien Wirtschaft und hatte dort viel Druck. Hier fühle ich mich viel wohler. Ich mag den Kontakt zu Menschen und Kollegen. Außerdem bin ich gerne draußen, selbst die Kälte im Winter macht mir nichts aus. Im Gegenteil: Schneeschippen macht mir richtig Spaß.

 

An einem normalen Arbeitstag stehe ich morgens um 6:10 Uhr auf. Mit dem Auto brauche ich rund zehn Minuten, das ist sehr praktisch. Meine Dienstkleidung ziehe ich erst vor Ort an. Dort wird sie auch gewaschen, dafür haben wir in der Gemeinschaftsküche eine Waschmaschine und einen Trockner.

 

Was ich tue

 

Ich habe täglich Kundenkontakt, eigentlich den ganzen Tag. Einige kenne ich schon, weil sie öfter kommen. Dann begrüßt man sich und redet auch ein, zwei Minuten miteinander. Ich berate die Kunden, wo sie ihre verschiedenen Abfälle entsorgen sollen. Wenn die Leute giftige Substanzen anliefern, hole ich mir einen unserer Chemiker hinzu, der sich das anschaut und gleich entscheiden kann, was wie korrekt entsorgt wird. Es ist oft sehr schwer, den Kunden unsere Regeln verständlich zu machen, zum Beispiel, dass es Mengenbegrenzungen gibt.

 

Zusätzlich bediene ich die Pressen, in denen zum Beispiel der Sperrmüll in einem Container zusammengepresst wird. Ist ein Container voll, zum Beispiel der für Altholz, Gartenabfall oder für Eisenschrott, dann muss ich das aufschreiben und an die Kollegen vom Containerdienst faxen, damit die wissen, welche Container sie am nächsten Tag abholen und leeren müssen. 

 

Ich bin glücklich hier und denke, man kann diesen Job bis zur Rente machen. Nur: Irgendwann braucht man wahrscheinlich einen Stuhl. Das viele Stehen ist auf Dauer schon ganz schön anstrengend.

 

 

 

Was mich wirklich ärgert

 

Wenn Kunden hochnäsig sind und nicht respektieren, was ich sage, regt mich das auf. Erst kürzlich kam ein Kunde auf den Hof und fragte, wo er Glasflaschen entsorgen kann. Ich habe ihm erklärt, dass er diese an die Wertstoffinseln bringen müsse. Er wollte das nicht einsehen und hat die Glasflaschen einfach in den Sperrmüllcontainer geworfen.

 

Manche Kunden erwarten auch, dass sie mit dem vollen Auto auf den Wertstoffhof kommen und wir ihnen das Auto ausräumen, was nicht unsere Aufgabe ist. Einer der Standardsprüche ist: „Ihr werdet schließlich von Steuergeldern bezahlt!“. Sie verstehen nicht, dass wir vor allem dafür sorgen müssen, dass alle Abfallarten korrekt in den richtigen Containern landen. Dorthin bringen müssen die Kunden sie aber selbst.

 

An einen weiteren Besucher kann ich mich sehr gut erinnern, weil es das erste Mal war, dass ich ein Hausverbot erteilt habe. Zwei Männer kamen mit einem Transporter auf den Wertstoffhof, der zu viel Material dabei hatte. Bei uns gilt: Kunden dürfen maximal bis zu zwei Kubikmeter kostenlos abladen. Wenn es mehr ist, müssen sie die Abfälle wiegen lassen und die Entsorgung selbst bezahlen. Der Beifahrer sah das aber nicht ein und drohte mir, alles vor die Tür zu schmeißen. Als ich ihm das versagte, lachte er nur und meinte: „Wer bist du eigentlich? Wie ist dein Name? Du wirst noch von mir hören!“ Daraufhin erteilte ich ihm Hausverbot. Er wollte den Wertstoffhof aber nicht verlassen, also rief ich die Polizei. Der Kunde selbst rief seinen Bruder an. Als Polizei und Bruder da waren, schimpfte der Bruder mit ihm. Am Ende haben Fahrer und Bruder die Abfälle entsorgt und die Entsorgung bezahlt.

 

Wie ich dahin gekommen bin

 

Neben der Schule habe ich Zeitungen ausgetragen, zudem habe ich zwei Praktika als Landschaftsgärtner gemacht. Und eins als Fachlagerist für eine Firma, die unter anderem Baupläne für Architekten druckt. Das fand ich sehr interessant. Mit meinem Chef habe ich mich sehr gut verstanden, so dass ich dort nach dem Hauptschulabschluss auch meine Lehre gemacht habe. Landschaftsgärtner hätte mir auch sehr gefallen, weil man da viel an der frischen Luft ist. Mit circa zwölf Jahren war ich mit meiner Mutter das erste Mal auf einem Wertstoffhof. Ich sah die Mitarbeiter bei traumhaft schönem Wetter draußen arbeiten und dachte: Dafür bekommen die auch noch Geld! Das fand ich toll.

 

Nach meiner Lehre zum Fachlagerist wurde ich zwar übernommen, überlegte aber mit einem Kumpel, wie wir etwas dazu verdienen könnten. Seine Freundin wusste, dass der AWM Samstagsaushilfen für die Wertstoffhöfe sucht. Im Grunde eine Arbeit, wie für mich geschaffen: ständig im Freien und von vielen Menschen umgeben. Als ich dann noch hörte, dass die auch Vollzeitkräfte suchen, habe ich mich beworben.

 

Wie viel ich arbeite

 

Weil die Wertstoffhöfe an sechs Tagen in der Woche geöffnet sind, haben wir Schichtdienst. Unser Modell sieht vor, dass wir immer nur vier Tage arbeiten, dafür mit einem (fast) Zehn-Stunden-Tag. Pro Woche komme ich auf 39,5 Stunden.

 

Die erste Schicht hat am Montag und Dienstag frei, die zweite Schicht am Mittwoch und Donnerstag, die dritte Schicht am Freitag und Samstag. Nach einer Schicht wechseln wir wieder weiter. Das bedeutet: Alle drei Wochen haben wir mit dem Sonntag fünf Tage am Stück frei! Ich finde das super! An solch einem langen Wochenende war ich auch schon einmal in Kroatien, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Und unter der Woche kann man, wenn man frei hat, auch schön einkaufen gehen, da ist nicht so viel los. 

 

Was ich verdiene

 

Derzeit bekomme ich rund 2900 Euro brutto. Darin enthalten sind Zulagen wie eine Vorarbeiterzulage, eine München-Zulage und ein Wochenendzuschlag am Samstag. Für städtische Mitarbeiter wie uns beim der AWM gibt es zudem Unterstützung bei der Suche nach einer günstigen Wohnung. Ich musste zwar lange warten, habe jetzt aber eine Drei-Zimmer-Wohnung, die ich bezahlen kann. Außerdem zahle ich als Angestellter im öffentlichen Dienst weniger für meine Kfz-Versicherung und bekomme eine Betriebsrente. Und, was mir ganz wichtig ist: Die Sicherheit des Arbeitsplatzes ist bei der Stadt München ein großer Pluspunkt.

 

Am meisten Geld gebe ich für den Unterhalt meiner Familie aus, ich habe eine siebenjährige Tochter. Hinzu kommen noch die Ausgaben für das Auto und die Versicherungen. Richtig Urlaub mache ich nur einmal im Jahr. Die restlichen freien Tage verbringe ich gerne zuhause. 

 

 

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