job kolumne altenpfleger
Illustration: Johannes Englmann; Foto: privat

Fabian ist 25 und befindet sich im ersten Jahr der Ausbildung zum Altenpfleger in einem Seniorenzentrum.

Momente, die im Kopf bleiben

Jeden Tag passieren kleine Dinge, die mich glücklich machen. Die vielleicht schönste Situation war aber eine eigentlich traurige:

Als ich noch relativ neu war in der Altenpflege, lernte ich eine Bewohnerin kennen, der es sehr schnell sehr schlecht ging. Die meisten Bewohner empfinden das Sterben als Erlösung – sie hatte aber wahnsinnige Angst.

Als sie dann tatsächlich im Sterben lag, verlangte die Bewohnerin explizit nach mir. Sie wollte nicht gehen und auch nicht, dass ich gehe. Ich bin also bei ihr geblieben, habe mich zu ihr ins Bett gesetzt und sie in den Arm genommen. Ich habe sie daran erinnert, wie toll ihre Kinder geraten sind, wie viel sie im Leben erreicht und wie viel Schönes sie erlebt hat. Als schließlich ihre Angehörigen ankamen, war sie bereit zum Sterben und fand es in Ordnung, dass ihr Leben nun vorbei war. Das hat mich sehr darin bestätigt, dass ich den richtigen Beruf ausübe, dass ich das gut kann und die Bewohner mich brauchen.

 

Natürlich reagieren die dementen Bewohner nicht immer ruhig. Einmal habe ich einer Bewohnerin am Bett ihr Essen gegeben und mich dafür ein wenig zu ihr herunter gebeugt. Da guckte sie plötzlich ganz böse und trat mir wie aus dem Nichts mit dem Fuß in die Kehle, schlug und spuckte nach mir. Ich weiß nicht, ob ihr das Essen nicht geschmeckt hat oder wo das Problem lag. Ich habe dann einfach das Zimmer verlassen. Als ich wieder zurück kam, lächelte sie wie immer und wusste gar nichts mehr von all dem.

 

Generell sind das die anstrengenden Momente: Die, in denen etwas Unerwartetes passiert, das dich viel Zeit kostet. Wenn einer stürzt und du dich kümmern musst, kann es schon mal passieren, dass nebenan noch einer stürzt. Dann musst du beide gleichzeitig betreuen und zwei Krankenwagen rufen.

 

Wie ich dazu gekommen bin

 

Nach meinem Quali habe ich jahrelang als Maschinenführer gearbeitet und Antennen hergestellt. Damit konnte man in der Nachtschicht gutes Geld verdienen. Eines Tages hatte ich aber die Schnauze voll von dieser monotonen Beschäftigung – ganz plötzlich und einfach so. Ich hatte keine Lust mehr, meine Zeit noch einen Tag länger damit zu verschwenden und dann war meine Kündigung wahrscheinlich das, was man eine Kurzschlussreaktion nennt.

 

Ich bin losgefahren. Einfach los und weiter, sieben Wochen lang, ohne Plan quer durch Europa. Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Ungarn, Tschechien, Polen, Dänemark, die Niederlande – ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich überall war. Ich habe überhaupt nicht nachgedacht, einfach dicht gemacht – ich hatte keine Lust an morgen zu denken.

Als ich dann zurückgekommen bin, hatte ich irgendwie nicht mehr viel. Sogar meine Wohnung hatte ich gekündigt. Ich bin dann zu meiner Freundin gezogen, die ich erst seit ein paar Monaten kannte. In ihrem Ort habe ich mich für ein Praktikum im Seniorenzentrum beworben. Ich wusste, dass sie in der Pflege immer Leute suchen. Nach drei Monaten Praktikum habe ich dann dort die Ausbildung zum Pflegefachhelfer angefangen.

 

Wo der Job richtig hart ist

 

Ich dachte vorher, man hätte mehr Gelegenheiten, sich wirklich zu kümmern. Im Alltag bleibt aber nicht viel Zeit für Spiele und Gespräche.

 

In der Regel sind wir zu zweit oder zu dritt für zwanzig Bewohnerinnen zuständig. Das ist im Vergleich zu anderen Seniorenzentren eigentlich ein enorm gutes Betreuungsverhältnis. Auf einigen Pflegestationen gibt es in der Nachtschicht manchmal auch nur eine Pflegerin für 75 Patienten. Trotzdem rennen auch wir oft durch die Gänge, weil wir zu wenig Zeit haben.

 

Anfangs hatte ich als Praktikant, der nur für die Betreuung zuständig war, die Belastung noch nicht so sehr zu spüren bekommen. Erst nach drei Monaten habe ich Aufgaben wie das Waschen der Bewohner übernommen. Die ersten Male Windeln wechseln habe ich mich dann ehrlich gesagt auch gefragt, ob ich das jetzt wirklich noch einmal machen will. Nach einer Woche Routine ist da aber gar nichts Komisches mehr dabei.  

 

Am Anstrengendsten sind tatsächlich die Wechselschichten. Die wechseln nämlich nicht wöchentlich, sondern oft auch täglich. Dann arbeitest du zwei Tage spät, einen Tag früh, dann wieder spät. Es zehrt schon an den Kräften, wenn man teils erst um 21 Uhr nach Hause kommt und am nächsten Tag wieder um halb 5 los muss.

 

Manchmal findet der Körper deswegen acht, neun Tage am Stück keine Ruhe. Auch für den Rücken ist das eine große Belastung. Der wird ja immer wieder beansprucht, wenn man ständig Menschen in ihre Betten oder auf die Toilettenstühle heben muss. Für mich als Mann ist das wahrscheinlich noch leichter zu ertragen als für meine Kolleginnen. Ich kann aber eigentlich jetzt schon damit rechnen, dass es bis zu meinem ersten Bandscheibenvorfall keine 20 Jahre mehr dauern wird. 

 

Ab und zu gibt es auch Probleme mit den Angehörigen der Bewohner. Die sehen den Druck, der auf uns lastet, oft nicht. Da kann es auch passieren, dass sie uns wegen eines Flecks auf dem Pullover ihrer Mutter anfahren. Viele haben ja das Bild vom sadistischen Pfleger, der seine armen Patienten quält. Da muss man sich schon sehr bemühen, um das zu widerlegen. Aber eigentlich sieht man an all diesen Dingen das, was ich an meinem Beruf so sehr liebe: dass jeder Tag anders ist. Ich falle nie in einen Trott, es wird nicht langweilig. Meine Arbeit schenkt mir viele bereichernde Erfahrungen, die Lebensgeschichten der Bewohner sind spannend und sie selbst sind so dankbar für die Arbeit der Pfleger – auch wenn sie sich wünschen würden, dass wir mehr Zeit für sie hätten. Ich lerne viel und habe immer das Gefühl, dass ich etwas mache, das Sinn hat. Das ist mir bei der Arbeit mit den Antennen nie passiert.

 

Wenn es fast nur weibliche Kollegen gibt

 

Ich fühle mich hier sehr exotisch. Unsere Bewohner sind alle weiblich und außer mir gibt es auch nur einen anderen männlichen Pfleger im ganzen Heim. Der Pflegeberuf wird eben hauptsächlich von Frauen ausgeübt. Manchmal gibt es auch Probleme, weil ich ein Mann bin und die Bewohnerinnen nur an weibliche Betreuerinnen gewöhnt sind: Einige möchten sich zum Beispiel ungern von einem Mann waschen lassen. Es ist ihnen peinlich, wenn ich sie nackt sähe. Meistens lasse ich das dann einfach die Kollegin machen. Die Mehrzahl lobt mich aber sogar dafür, dass ich beim Waschen sehr vorsichtig und liebevoll bin. Viele wünschen sich mehr männliche Bezugspersonen.  

 

Was mein Job mit meinem Privatleben macht

 

Anfangs habe ich noch viel über die Arbeit gegrübelt, selbst wenn ich schon zu Hause war. Inzwischen denke ich eigentlich nur noch auf dem Heimweg darüber nach. Sobald die Tür ins Schloss fällt, kann ich ganz gut abschalten. 

 

Deshalb kann ich Arbeit und Privates ganz gut vereinbaren. Klar waren meine Freunde am Anfang nicht begeistert, wenn ich wieder mal am Wochenende arbeiten musste und deshalb nicht mit feiern gehen konnte. Inzwischen verstehen sie aber, dass mir das einfach Spaß macht und können damit leben, wenn sie mal auf mich verzichten müssen. Außerdem kann ich auch Dienste tauschen, wenn ich rechtzeitig konkrete Pläne habe.

 

Meine Familie findet es ohnehin super, was ich mache und richtet sich dann meistens eher nach mir. Dann gibt es das gemeinsame Essen eben mal unter der Woche und nicht am Wochenende.

 

Was allerdings wirklich schwierig geworden ist, ist die Partnersuche. Von meiner Freundin hatte ich mich nämlich relativ schnell wieder getrennt, nachdem das Zusammenwohnen nicht so gut funktioniert hat. Die meisten Frauen, die mich jetzt interessieren, arbeiten nur wochentags bis 17 Uhr, ich komme oft auch am Wochenende viel später nach Hause. Da kann es schon schwierig werden, überhaupt ein Date auszumachen.  

 

Ätzend für das Selbstwertgefühl ist aber auch, dass viele Menschen, die nicht viel darüber wissen, meinen Beruf so wenig schätzen. Die denken, es ginge bei der Altenpflege nur ums – hart gesagt – „Arsch abwischen“. Dabei ist das doch der kleinste Teil der Arbeit.

 

Was Altenpfleger verdienen

 

Für das Geld macht man den Beruf definitiv nicht. Im ersten Ausbildungsjahr verdiene ich 1100 Euro brutto, mit jedem weiteren Jahr kommen etwa 100 euro dazu. Das Einstiegsgehalt für eine Pflegefachkraft liegt dann bei etwa 2600 Euro brutto. Das ist nicht sehr viel, aber ich komme ganz gut damit aus. Ich finde zwar eigentlich, dass wir Pfleger für all die psychischen und physischen Strapazen, denen wir ausgesetzt sind, mehr verdient hätten. Trotzdem arbeite ich lieber als Pfleger und verdiene wenig, als irgendetwas Sinnloses zu tun und mich dann nur noch über meinen Kontostand freuen zu können.

 

Der Spruch, der auf Partys immer kommt

 

Die meisten sagen sofort: „Boah, das könnt ich gar nicht!“ Dann frage ich die, was sie so arbeiten und antworte dann einfach: „Boah, das könnte ich gar nicht!“

 

Dann hat sich das meistens auch erledigt. Manche fragen natürlich trotzdem noch mal nach, warum ich das mache. Dann erkläre ich denen, wie gut ich das finde, anderen helfen zu können – und ob die das dann verstehen oder nicht, ist mir eigentlich egal.

 

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