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Warum ich mich mit meinen Eltern betrinken will

Ich glaube, ich würde sie besser kennenlernen – und sie mich.
Von Maximilian Weigl
  • trinkolumne eltern
    Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

 

„Tequila? Oder machst du schlapp?“ Papa winkt mich an den Tresen. Mama kichert. Das macht sie häufig, aus fast jedem vorstellbaren Grund. Das Besondere an diesem Kichern: Sie hat gerade ihr volles Bier auf Ex ausgetrunken. Respekt, Mama.

 

Leider ist diese Szene frei erfunden. Leider waren meine Eltern und ich noch nie in einer Kneipe trinken. Ich habe es oft vorgeschlagen, vielleicht nicht entschlossen genug. Ich fände das aber wichtig. Denn ich glaube, wir würde uns im Rausch besser kennenlernen. Ich würde sie außerhalb ihrer Elternrolle erleben, sie mich außerhalb meiner Studentenrolle. 

 

Mein Studenten-Ich kennen meine Eltern gut. Den naiven Träumer, der sich nach künstlerischer Anerkennung sehnt, kennen sie kaum. Der Träumer in mir blitzt ihnen gegenüber nur selten auf. Und wenn, hisst er schnell die weiße Fahne. Aus Angst vor den vorwurfsvollen, besorgten Blicken meiner Beamteneltern. Ich sage ihnen zum Beispiel, dass ich gerne Musikmachen und Schreiben kombinieren würde. „Als Hobby, nicht als Beruf?“, haken meine Eltern dann nach. Der fleißige Student bejaht unsicher. Der betrunkene Träumer würde anders antworten

Warum sie meine Träumerei nicht bemerken? Das Leben, das ich in der Großstadt führe, ist für meine Eltern auf dem Land nicht sichtbar. Ein wichtiger Teil meines Lebens spielt sich in der Nacht ab. Dann bin ich meinen Träumen am nächsten. Es gibt nämlich diesen Moment zwischen Dämmerung und Dunkelheit, zwischen Nüchternheit und Rausch, an dem uns unsere Ziele ganz nah erscheinen. Dort werden sie radikal ausgesprochen und nicht mehr verborgen. Sobald aber der Tag anbricht, gehe ich nach Hause. Und lasse meine Träume in den leeren Spelunken liegen.

 

Vielleicht würden meine Eltern in einer dieser berauschten Nächte besser verstehen, wieso ich nicht nur gelegentlich schreiben und Musik machen will. Wieso ich damit am liebsten auch noch sehr erfolgreich wäre. Es geht mir nicht um Selbstentblößung, sondern darum, ihnen eine Seite an mir verständlich zu machen, die sie kaum kennen. Sollte das nicht klappen, könnte ich ihnen zumindest zeigen, wie man braunen Tequila trinkt. Das kann man auch mit Mitte 50 noch lernen.

 

Ich kenne meine Eltern nur in ihrer Rolle als umsorgende Beschützer. Ich habe keine Ahnung, welche früheren Träume noch in ihnen stecken. Ich weiß, dass mein Vater in seiner Freizeit Jazzmusik macht und meine Mutter mal Motorrad gefahren ist. Ob mein Vater aber gerne berühmt geworden wäre, oder wie meine Mutter von der draufgängerischen Motorradbraut zur Lehrerin wurde, das weiß ich nicht. Sie wischen solche Fragen meistens weg. Das sei lange vorbei. Keine Frage: Wir müssen redseliger werden, und dabei könnten der Alkohol und der Schutz der Nacht helfen. 

 

Ich möchte, dass meine Eltern in meine Welt eintauchen und mir ihre Träume offenbaren

 

Es gab Momente, da blitzte eine Seite an meinen Eltern auf, die ich nicht kannte. An ihrem Hochzeitstag, ich war noch klein, wir gingen ins Restaurant. Mein Vater schnippte nach einigen Gläsern Wein heimlich Süßstoffkugeln auf den Mann am Nachbartisch. Der fasste sich nach jedem Angriff hysterisch an den Hinterkopf. Als kleiner Junge verstand ich Papas Verhalten nicht. Es kam mir vor, als hätte der Alkohol ihn verändert. 

 

Im Teenageralter fand ich betrunkene Eltern natürlich peinlich. Inzwischen mag ich aber, was ein paar Bier mit meinen Eltern machen. Ich erkenne mich sogar in ihnen wieder. Mein Vater wird zu einer schlechten Kopie von Stefan Raab und lacht über jeden seiner Kommentare – wie ich. Meine Mutter wird anhänglich und betont in jeder Sekunde, dass ihr schrecklich schwindelig ist und sie vermutlich morgen krank sein wird – wie ich. Im Rausch scheint es, als wären sie wieder Anfang zwanzig. 

 

Ich würde diesen Zustand gerne gemeinsam mit ihnen erleben. Ich möchte, dass sie in meine Welt eintauchen und mir ihre Träume offenbaren, die sie vor langer Zeit für immer in den Kneipen begraben haben. Wenn sie dann auf magische Art wieder jung sind, verstehe ich womöglich besser, warum mein Vater nicht Jazzmusiker geworden ist oder meine Mutter nicht mehr die Rockerbraut ihrer Jugend ist. Vielleicht kommt hinter dem Nebel aus Alkohol ja genau diese Rockerbraut wieder zum Vorschein? Vielleicht schwärmt mein Vater von seinen heimlichen Jazz-Ambitionen? Die Nacht und der Alkohol sind ja bekanntlich perfekte Verwandlungskünstler. Vielleicht könnten meine Eltern mir in so einer Nacht sogar einen Rat für meinen Student-versus-Träumer-Konflikt geben. 

 

Ob man seine Elternrolle einfach so ablegen und sich eine Nacht lang zusammen betrinken kann? Es wäre zu schön. Und meine Eltern würden obendrein lernen, wie man braunen Tequila trinkt: erst streuen, dann Zimt ablecken, trinken, Orange essen.

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