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Warum Mexikaner so ein Musst-du-probieren-Schnaps ist

Und warum unser Autor die tomatige Brühe trotzdem furchtbar findet.
Von Josef Wirnshofer
  • trink kolumne schnapps
    Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

 

Einmal ging es mir wirklich zu weit. Irgendwann im vergangenen Jahr, dürfte Frühsommer gewesen sein. M. und ich standen am Tresen einer Münchner Bar. Wir hatten schon ein paar Bier getrunken, uns sehr nett unterhalten und beschlossen, noch zu bleiben. Lass doch einen Schnaps trinken, meinte M., und er fiel sich beinahe selbst ins Wort, als er gleich danach ausrief: Oh ja, einen Mexikaner! Meine Antwort: Gern, ich trink aber was anderes. Und schon waren wir mittendrin.

Musst du probieren, sagte er. Hab ich schon, antwortete ich, schmeckt mir nicht. So ging das hin und her. M. schien entschlossen, mir dieses, nun ja, Getränk näher zu bringen. Ich wiederum wusste mir irgendwann nicht mehr anders zu helfen, als einmal deutlich auszusprechen, dass ich Mexikaner für einen Scheißschnaps halte.

 

Kann man netter sagen, stimmt schon. M. aber sah mich an, als hätte ich gesagt: Was hast du nur für hässliche Kinder.

 

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber regelmäßig will mir jemand einen Shot tomatigen Schlamassels andrehen. Und jedes Mal, wirklich jedes Mal, quittiert mein Gegenüber es mit Unverständnis, wenn ich ablehne. Dabei wäre es ganz einfach: Mexikaner (was für ein bescheuerter Name übrigens) schmeckt nicht jedem. Gar nicht schwer. Könnte man sich drauf einigen. Aber Menschen, die diesen Musst-du-probieren-Schnaps toll finden, scheinen über ein spirituoses Sendungsbewusstsein zu verfügen. M. sogar über eine spirituose Penetranz.

 

Dabei kann ich ziemlich einfach erklären, was mein Problem damit ist: der Tomatensaft und der Tabasco. Ergibt zusammen mit dem Wodka oder dem Korn nämlich ein scharfes, gnadenlos überwürztes Irgendwas. Das noch schlimmer wird, wenn man einen Löffel Oregano darin versenkt. Schmeckt dann wie Pizza, die man in Tankstellen-Gorbatschow tunkt.

 

Die Schnullibulli-Version des Bloody Mary

 

Darf man Mexikaner-Fans natürlich nicht so sagen. Ich habe M. damals auch nicht weiter damit behelligt, dass es sich ja eigentlich nur um die Schnullibulli-Version des Bloody Mary handelt. Überhaupt: Vielleicht sollte ich bei diesem Thema etwas distinguierter formulieren. Nicht sagen, dass Mexikaner grausig schmeckt, sondern dass mir das Umami darin zu präsent ist.

 

Wieso scheint es sozialkompatibler zu sein, wenn man keinen Whiskey mag? Keinen Tequila oder keine Cola? Wieso ist Mexikaner so ein Musst-du-probieren-Schnaps?

 

Nach dem Abend mit M. habe ich auf diesen Fragen eine Weile rumgekaut. Dass er sich mit Mexikaner-Trinken abheben will? Unwahrscheinlich, dann doch eher ein sündhaft teurer Gin oder ein hochpreisiges Glas Wein. Dass er mir geschmackliche Pein zufügen will? Auch nicht seine Art. Es muss also eine tiefere Logik geben, der dieser Pizza-Schnaps folgt.

Freilich, in Hamburg mag es zum alkoholischen Einmaleins gehören, Mexikaner zu trinken. In St. Pauli, wo man ihn hinter jeder Tür bekommt. In München dagegen bieten ihn nur wenige Bars an. Könnte man Geschmacksbeweis nennen, oder Nachlässigkeit, je nach dem. Jedenfalls ist Mexikaner hier außergewöhnlich. Etwas Besonderes. Was dann aber heißt: Der Kumpel, mit dem man am Tresen sitzt, hat im Zweifelsfall noch nie einen getrunken. Und das wiederum heißt: Lädt man ihn dazu ein, zeigt man ihm etwas Neues. Beschert ihm am Ende gar eine Art erstes Mal. Macht man eigentlich nur mit Menschen, die einem wichtig sind.

 

Vielleicht, dachte ich, habe ich M. ein wenig getroffen, als ich sein Herzensgetränk einen Scheißschnaps getauft habe. Nicht des Geschmacks wegen, sondern weil er ihn mit mir teilen wollte.

 

Schöner Mist: Jetzt tat mir die Sache auch noch leid.

 

M. und ich haben uns in der Zwischenzeit noch einmal getroffen. In derselben Bar wie vergangenes Jahr. Er hat wieder gefragt, ob ich einen Mexikaner mit ihm trinke. Diesmal habe ich „ja“ gesagt. Ihm zuliebe. Und schon auch, weil ich keine Lust auf hin und her hatte. Keine Lust auf seinen entsetzten Blick.

 

Geschmeckt hat mir das Zeug natürlich nicht. Aber es war ein netter Abend. Und wahrscheinlich werde ich es wieder tun, wenn M. mich das nächste Mal fragt. Werde versuchen, den Schnaps möglichst schnell und an meiner Zunge vorbei zu schlucken. Kann nur sein, dass ich M. irgendwann mal einen Gorbatschow über die Pizza kippe.

 

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