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„Man geht kaputt, wenn man alleine ist“

Die Straßenkinder von Leipzig leben in Abrisshäusern und trinken Kaffeesahne, wenn es nichts zu essen gibt.
Reportage von Alexander Krützfeldt
  • Strassenkinder in Leipzig
    Foto: Patrick Pleul / dpa

„Du kannst immer anrufen, ich geh auch ran“, hatte er gesagt. Und dann war er verschwunden, der große, schlaksige Junge, dem oben beide Schneidezähne fehlten. Beim ersten Anruf: weggedrückt. Beim zweiten: Mailbox.­

 

Unschlüssig stehe ich in der Dunkelheit. Das alte Haus. Zerschlissene Möbel. Zerbrochenes Glas. Pflanzentriebe bahnen sich langsam ihren Weg durch das offene Fenster ins Innere.

Es war keine gute Idee, in die kaputten Häuser zu gehen, die außerhalb der Stadt stehen. Nicht, weil sie einstürzen könnten, sondern weil ich nicht weiß, ob ich hier überhaupt finde, was ich suche. Und dass der Typ jetzt nicht an sein Telefon geht, das macht diese Vermutung zunehmend zur Gewissheit: Hier ist niemand. Und es wird auch keiner mehr kommen.

 

"Es ist nicht untypisch, dass sie unzuverlässig sind", sagt Gabi Edler. "Das hat nichts mit dir zu tun. Das geht auch mir so." Das eine Mal erzählten sie, es sei alles in Ordnung, dass es auch schon viel besser geworden sei mit den Eltern. "Und dann sind sie trotzdem Monate weg", sagt Gabi, "und du weißt nicht, wo, und wenn sie wiederkommen, sagen sie: Du, Tante E., meine Mama will mich jetzt auf den Strich schicken." Gabi dreht sich zu mir um: "Ein zwölfjähriges Mädchen, das musst du dir mal vorstellen."

 

Gabi, besser bekannt als Tante E., kümmert sich seit über 25 Jahren um Straßenkinder in Leipzig. Um junge Menschen mit gebrochenen Biografien und ohne Zuhause. Wie viele es sind, weiß niemand so genau. Gabi nicht – und die Behörden auch nicht. Zweimal am Tag gibt es im "Straßenkinder e.V." warmes Essen, mittags und abends, außerdem geben die vier festen und sechs ehrenamtlichen Helfer Ratschläge und warme Kleidung mit auf den Weg.

 

Seit ein paar Tagen begleite ich Gabi und mache mich nützlich, jedenfalls hoffe ich das. Anfangs war es merkwürdig. Wie jeder, der noch nie geholfen hat, fühlte ich mich schlecht. Deplatziert.

"Heim heißt Gewalt. Dann lieber Straße."

 

"Trau dich einfach. Sie werden lange brauchen, bis sie dir vertrauen", erklärt Gabi. "Wenn überhaupt. Aber das gehört eben auch dazu. Manche werden nie etwas erzählen und alles für sich behalten. Damit muss man leben können."

 

Liest man über Leipzig, dann liest man, dass die Stadt boomt. Aber auch, dass sie mit Armut zu kämpfen hat. Es fehlen qualifizierte Arbeitsplätze, gleichzeitig zieht es viele Menschen hierher. Wenn es Probleme in den Familien gibt – Gewalt, Streit oder finanzielle Schwierigkeiten –, gibt es für Kinder nur zwei Alternativen: Kinder sollen grundsätzlich mit ihren Eltern notuntergebracht werden, in einer Wohnung, die die Stadt anmietet und in denen man eine Zeitlang kostenlos wohnen kann. Kinder werden nur dann von den Eltern getrennt und dem Jugendamt übergeben, wenn nichts Anderes mehr hilft. So jedenfalls die Theorie. Wenn nichts mehr geht, kommen sie ins Heim.

 

Im "Straßenkinder e.V." löffelt ein Mädchen neben mir teilnahmslos ihren rosa Joghurt. "Viele wollen nicht ins Heim, Heim heißt Gewalt", sagt sie irgendwann. Ihren Namen will sie nicht nennen. "Dann lieber Straße."

Wer zu Gabi kommt, hat meist viel Hunger mitgebracht: "Wir wissen ja nicht, wann es wieder was gibt", sagt das Mädchen, zuckt mit den Schultern, kratzt fast zärtlich ihre Schale aus. "Da nehmen wir mit, was geht. Ist doch klar."

 

Jeder, der das Haus betritt, geht zuerst ins Bad. "Das ist immer so ein Klischee", erklärt ein Junge. "Penner sind asozial und waschen sich nicht, ne? Natürlich waschen wir uns. Hygiene ist total wichtig. Wenn du stinkst, gibt dir keiner Geld. Die Duschen am Hauptbahnhof sind gut, aber die kosten, glaube ich, gerade so um die acht Euro."

 

"Wo lebt ihr denn?"

 

Keine Antwort.

 

Darüber würden sie nicht reden, hatte Gabi mich gewarnt: "Keine Chance, das halten sie geheim." Sandra Fröhlich, die selbst ein paar Monate obdachlos war, und heute als Streetworkerin Obdachlose betreut, sagt: "Sie nennen sie ihre Grotten. Es sind die Abrisshäuser am Ende der Stadt, in die sie gehen."

 

In einem dieser Häuser stehe ich jetzt – allein, im Dunkeln. Das Problem war: Ich hatte auf eigene Faust versucht, eines dieser Häuser zu finden, in dem sie leben. Das geht nur in welchen, die zugänglich sind, hatten sie mir gesagt. Gleichzeitig aber nicht so offen, dass jeder rankommt. Es kamen also nicht die zentralen Abrisshäuser in Frage, aus denen schon bald schöne Loft-Wohnungen oder Büros würden. Aber es gibt in Leipzig so viele – und ich hatte offensichtlich keinen Treffer gelandet. Ich versuche mich an hilfreiche Details zu erinnern: Was hatte der junge, schlaksige Typ noch gesagt?

 

"Als ich aus dem Knast kam, hat Gabi mir ein Handy gegeben. Damit ich mich bei ihr melden kann, bei meinen Freunden, damit mich das Amt erreicht oder das Gericht."

 

Nein, das war es nicht. Etwas wegen der Häuser.

 

"Gabi ist für uns alle hier wie eine Mutter. Ohne sie wären einige sicher weg vom Fenster."

 

Ich krame in meinem Gedächtnis und betrachte die kleinen Sahneverpackungen, die auf dem Fußboden liegen, etwas versteckt zwar, aber sichtbar. Sie sollen Kalorien geben, diese kleinen Teile, die zum Kaffee gereicht werden, hatte einer gemeint: Kalorien, wenn es mal nichts zu essen gibt. Und man kann sie schnell klauen.

 

 

"Hauptsächlich Abrisshäuser, ja. Aber keiner redet drüber", das hatte der Schlaksige gesagt und seinen weißen Pullover ganz oben auf Gabis Kleiderstapel gelegt. "Viele haben Angst, weißt du, dass jemand kommt, die Schlafplätze findet und zerstört. Du kannst es von außen sehen: Es ist wichtig, dass die Fenster intakt sind. Sind die Fenster kaputt, wird es nie richtig warm."

 

Dann war er aufgestanden, hatte noch einmal den weißen Pullover betrachtet und im Austausch eine Jacke vom Haken in den Rucksack gestopft, die Tür geöffnet und sich umgedreht: "Ich weiß, wo ein paar dieser Häuser sind. Jedenfalls kenn' ich da ein paar Leute. Hier, meine Nummer. Hab nur kein Guthaben mehr. Du kannst aber immer anrufen, wenn du willst, ich geh' auch ran."

 

Nun stehe ich im Abrisshaus und er tut eben das nicht. Drückt mich weg, lässt die Mailbox rangehen. Der Wind streicht durch die offenen Fenster. Kompletter Fehlschlag.

  • haus leipzig
    Illustration: Anselm Hirschhäuser

Es kommt immer mal wieder vor, sagt die Polizei, dass Kinder in Abrisshäusern aufgegriffen werden. Dann werden ihre Identitäten festgestellt, wenn das geht, und vermisste Kinder meldet das elektronische Erfassungssystem den Streifen sofort.  Aber nicht immer werden die Kinder überhaupt als vermisst gemeldet – denn das kann Fragen aufwerfen: nach dem Kindergeld, der Aufsichtspflicht, dem Zustand der Wohnung oder der Souveränität der Familie.

 

Vor ein paar Tagen fuhren wir Lebensmittel aus, Gabi und ich, sie spendet den anderen Einrichtungen alles, was sie zu viel bekommt. Vor einem Haus parkten wir den Bus, da sprang ihr ein kleines Mädchen auf den Arm, blickte sie an und fragte: "Du, Mama, wann nimmst du mich mit?" Gabi ist natürlich nicht ihre Mutter, aber die Kinder und Jugendlichen lieben sie wie eine. Wer bei solchen Szenen nicht heult, der sollte sich mal dringend beim Kardiologen untersuchen lassen, ob da überhaupt noch was ist hinter den linken Rippen.

 

Die Kleine wohnt in einer Einrichtung für Kinder, die keine Eltern mehr haben oder die ihren Erziehungsberechtigten weggenommen wurden. "Oft ist es das ganze Umfeld, was nicht mehr stimmt", sagt Gabi. "Oder es ist der scheiß Alkohol."

 

Im Haus für die Straßenkinder erscheint ein junger, blasser Typ mit seiner Freundin im Türrahmen. Mittagessen. Sie: schwanger. Sicher sechster, siebter Monat. Die Augen ihres Freundes wandern hektisch durch den Raum, er reibt sich die Oberarme mit den Händen, wippt unruhig hin und her. Drogen vielleicht.

 

"Wer bist du?", fragt er mich nach einer Weile. Wir sitzen nebeneinander, er isst. Ich halte die Fresse.

 

"Niemand", sage ich.

 

"Gut, ich auch nicht", antwortet er.

 

"Deine Freundin?"

 

"Verlobt, ja. Hab sie bei Gabi kennengelernt und ihr den Antrag gemacht, als ich aus dem Knast kam. Eigentlich hab ich nur was zum Ficken gesucht. Kann ja keiner ahnen, dass einem da die Liebe seines Lebens über den Weg läuft."

 

 "Was ist der Vorteil vom Zusammensein?"

 

"Draußen meinst du?"

 

"Zum Beispiel."

 

"Wenn du in der Clique bist, bist du stark. Du musst draußen immer stark sein. Das hab ich im Kast gelernt. Da sind auch kluge, nette Leute. Aber sie dürfen es nicht zeigen. Sonst … Naja, du weißt schon. Allein sein ist nie gut. Man geht kaputt, wenn man alleine ist."

 

Übergriffe von Fremden seien nicht selten. "Du hast auf der Straße aber keinen Support. Niemand hilft dir. In den Augen vieler Leute bist du doch Abschaum."

 

Gabi, über 70, hat mit ihrer Arbeit schon angefangen, als sie noch Straßenbahn fuhr, nach der Wende. Sie ist mit ihrer Tätigkeit berühmt geworden, hat Charity-Auszeichnungen bekommen und die Themen Obdachlosigkeit und Armut immer wieder auf die Agenda gehoben. Die Geschichten, die sie erlebt und zu erzählen hat, sind wie der Bodensatz im Türkischen Kaffee, den man nicht sieht. Wenn man ihn aus Versehen mittrinkt ist das erstens ein Schock und zweitens ganz schön bitter. Danach muss man sich immer wieder neu aufbauen. Gabi hört dafür die "Flippers" im Auto. "Ich kann das ganz gut ab mit der Zeit – aber du musst dich emotional distanzieren", erklärt die über 70-Jährige. "Man gewöhnt sich daran." Stimmt nicht ganz: Auch an Gabi geht es nicht spurlos vorbei.

 

  • Gabi Edler
    Foto: Peter Endig

 "Wo schlaft ihr?"

 

"Wo offen ist. Bank. Alte Häuser. Am Hauptbahnhof ist gut", sagt der mit der Glatze. "Da sind die Bullen. Und wo die Bullen sind, ist es oft sicher. Sie tun uns nichts und sorgen dafür, dass keiner stört."

 

"Fragen sie euch nicht nach dem Ausweis?"

 

"Dann musst du halt schnell weg. Wer draußen ist, will nicht zurück: Zurück bedeutet Knast. Oder Heim. Und Heim bedeutet Gewalt", sagt das Mädchen.

 

Warum sie von Zuhause weggingen, sagt keiner.

 

Eine Weile passiert nichts. Nur das Geräusch von Löffeln und Schalen und Messern und Tassen.

 

"Man, scheiße", sagt der Blasse plötzlich. "Und du bist auch pflichtversichert, vergiss das nicht. Wenn du von der Straße kommst, nach ein paar Jahren oder so, kann es sein, dass du direkt ein paar tausend Euro Schulden hast, weil die Versicherung das Geld von dir will."

Ein Anderer nickt: "Schulden und Schufa und irgendwann Knast. Eine Wohnung kriegste so auch nicht.  Aber wir haben ja Mutti, nicht wahr, Gabi?"

 

"Du hast doch bald wieder Arbeit", ruft Gabi aus der Küche dem Blassen zu. "Geh auch hin, hörst du. Sonst gibt’s Krach!"

 

"Jaja. Mach ich doch. Mutti muss immer auf uns aufpassen", erwidert er lachend.

 

Plötzlich sieht er auf dem Kleiderstapel den weißen Pullover: "Schatz", sagt er auf einmal ganz weich zu seiner schwangeren Freundin. "Meinst du, der steht mir?" Sie wirkt unschlüssig.

 

"Wie lang bist du auf der Straße?", frage ich.

 

"Seit ich neun bin", sagt er und dreht sich, als würde er sich im Spiegel betrachten. Aber da ist nur die Fensterscheibe. "Tja. Und bald werde ich Vater. Nichts gelernt, was? Aber davon eine Menge! Es ist gut, dass ich bald Arbeit habe. Alles wird besser, bisschen Beschäftigung ist gut. Wir haben seit Kurzem auch eine Wohnung."

 

Er hatte mir erzählt, als sie kurz im Bad war, dass er an manchen Tagen denkt, sein Körper trage ihn nicht mehr lange. Sie mache sich dann Sorgen, sagt er. "Wenn wir keine ordentliche Küche finden, bis das Baby kommt, dann nehmen sie es uns doch direkt wieder weg", sagt er. "Ich muss es schaffen, bis dahin muss ich es einfach schaffen."

 

Alles scheint sich zu wiederholen: sein Leben, weitergegeben an das seines Kindes, wenn es aus der Familie genommen wird. Armut vererbt sich, sagen Soziologen. Es ist unendlich traurig, dieser Kreislauf, aus dem man selbst dann schwer entkommt, wenn man sich Mühe gibt. Gabi stellt sich neben mich, als er geht. "Wir geben ihnen was, mach dir keine Sorgen bitte", sagt sie. "Wir lassen uns etwas einfallen. Wir lassen uns immer etwas einfallen."

 

Ich nicke.

 

Sie nickt.

 

Ich hoffe sogar, Gott nickt gerade, obwohl ich nicht an ihn glaube.

 

Ein Mädchen sitzt noch in der Ecke. Allein, spricht nicht. Mit Gabi nicht. Nicht mit den anderen. Mit niemandem. Pinke Jacke. Verwischtes Augen-Make-Up. Zerrissene Jeans. Ich denke an die Geschichte von Gabi und der Zwölfjährigen. Könnte sie das Mädchen sein? Bilde ich mir das ein? Vermutlich. Wenn du alleine bist, hatte der Blasse gesagt, dann hast du keine Chance.

 

Langsam wird es dunkel draußen. Das Haus hält mich wie in einer Schachtel gefangen. Immer noch Mailbox. Immer noch Handy aus.  Er hat mich versetzt und er hat jedes Recht darauf. Denn welches hatte ich, überhaupt herzukommen?

 

Sie wollen nicht gefunden werden. Höchstens von Gabi und ihren Leuten und von niemandem sonst.

 

Ein kalter Wind zieht durch die offenen Fenster und ich friere trotz meines dicken Pullovers.

 

Ich denke an das Mädchen, das nicht sprach. Sie stand plötzlich auf, wie auf einer Schiene geführt, gerade hoch vom Stuhl, brachte den Teller nach vorne. Bedankte sich, ohne jemanden anzugucken. Ging zur Tür. Dann schulterte sich nochmal ihre Tasche und sagte leise "Tschüss", so wie Menschen es im Film sagen, wenn sie eigentlich "Adieu" meinen.

 

"Wenn die Fenster kaputt sind, wird es nie richtig warm", hatte der blasse Typ gesagt.

 

Ich verstehe erst jetzt, dass dieser Satz gar nichts mit Häusern zu tun hat. 

 

 

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