Menschen unter 25 haben das höchste Armutsrisiko

Warum das so ist, erklärt Lisi Maier, Herausgeberin des "Monitors Jugendarmut in Deutschland"
Interview: Nadja Schlüter

Jugendlich sind besonders oft von Armut betroffen – und bekommen auch besonders oft keine staatliche Unterstützung.

Foto: Uwe Zucchi / dpa /Collage: Daniela Rudolf

Junge Menschen haben ein besonders hohes Armutsrisiko: 19 Prozent der unter 18-Jährigen und fast 25 Prozent der Jugendlichen zwischen 18 und 25 sind hierzulande armutsgefährdet. Diese Zahlen stammen aus dem „Monitor Jugendarmut in Deutschland“, der am 27. Mai veröffentlicht wird. Diese Studie wird alle zwei Jahre von der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit herausgegeben. Die Vorsitzende der Gemeinschaft und Herausgeberin Lisi Maier, 32, hat mit uns über die Ergebnisse des Monitors und die Gründe für Jugendarmut gesprochen.

jetzt: Warum sind Menschen unter 25 besonders armutsgefährdet?

Lisi Maier: Zum einen haben Jugendliche den höchsten Bedarf, zum Beispiel an Lebensmitteln und Kleidung, vor allem, solange sie noch im Wachstum sind. Und auch die Kosten für Bildung und Ausbildung sind hoch. Junge Menschen haben aber gleichzeitig oft die geringsten Rücklagen und am wenigsten Unterstützung, weil für die Förderung immer noch zu wenig Geld zur Verfügung steht und es hohe bürokratische Hürden gibt, wenn man Mittel beantragen will. 

Und die Herkunft spielt eine große Rolle.

Ja, in Deutschland sind Bildungserfolge immer noch sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig. 44 Prozent der Absolventinnen und Absolventen der Hauptschule haben Eltern, die ebenfalls einen Hauptschulabschluss haben. So bleibt die armutsgefährdete weiterhin groß und steigt sogar noch weiter an. 

Als armutsgefährdet gilt, wer als alleinstehende Person weniger als 987 Euro monatlich zur Verfügung hat. Aber allein der Hartz-IV-Regelsatz und das BAföG sind niedriger als dieser Betrag...

De facto kann man bei vielen Studierenden, Schülerinnen und Schülern von Armut sprechen, wenn man allein auf die Summe schaut, die sie monatlich zur Verfügung haben. Trotzdem muss man das noch mal differenzierter betrachten.

Inwiefern?

Man muss sich anschauen, in welcher Situation der Mensch ist: Hat er die Möglichkeit, auf finanzielle Reserven zurückzugreifen? Welches familiäre Umfeld hat er? Es ist ein Unterschied, ob jemand unter 25 mit BAföG-Unterstützung studiert und aus einem sicheren Umfeld kommt, oder ob er keinen familiären Halt hat, Hartz IV bezieht, oder, noch schlimmer, sogar aus dem Hartz-IV-Bezug rausfällt. Dieser junge Mensch hat dann gar keine Sicherheit mehr.

Jugendliche verlieren schneller ihren Hartz-IV-Regelsatz als jemand über 25, ihnen wird also schneller das Geld gekürzt oder sogar ganz gestrichen. Warum ist das so?

Das liegt an Regelungen, die eigentlich als Anreizsystem von der Politik gedacht waren: Man wollte es den jungen Menschen nicht so bequem machen, damit sie nicht auf Hartz IV hängenbleiben. Aber die Zahlen belegen, dass die wenigsten jungen Menschen, deren Leistungen gestrichen werden und die dadurch aus dem System rausfallen, sich geweigert haben, eine Arbeit, Ausbildung oder Wiedereingliederungsmaßnahme anzufangen.

Sondern?

76 Prozent wurde ihr Regelsatz wegen Meldeversäumnissen gestrichen – wenn jemand zum Beispiel einen Termin beim Arbeitsvermittler verpasst oder sich im Datum geirrt hat, oder sich nach einem Urlaub nicht rechtzeitig zurückgemeldet hat. Da ist die Frage: Muss man bei diesem Grund wirklich gleich die härtesten Sanktionen ansetzen?

Wieso ist die Zahl der Meldeversäumnisse denn so hoch?

Teilweise liegt das am vererbten, funktionalen Analphabetismus, dass Eltern also die amtlichen Schreiben nicht verstehen, ihre Kinder auch nicht, und sie darum sehr fehlerhaft mit den Formularen und Unterlagen umgehen. Andere junge Menschen bekommen die Post vom Jobcenter gar nicht, weil sie sich unter ihrer Meldeadresse, also meistens bei ihren Eltern, nicht zuhause und geborgen fühlen und sich darum auch nicht dort aufhalten.

Also wohnungslose Jugendliche?

Ja, aber dabei geht es nicht nur um Menschen, die auf der Parkbank leben, sondern auch um junge Menschen, die von Freund zu Freund wandern oder in irgendwelchen Communitys mal hier, mal dort schlafen, aber keinen Ort haben, an dem sie sich heimisch fühlen. Und dadurch auch keine Adresse, an die das Amt Briefe schicken kann. Dadurch fallen sie völlig durchs Raster.

Lisi Maier, Herausgeberin des Jugendarmut-Monitors

Foto: BDKJ

Wie viele Jugendliche sind davon betroffen?

Wir wissen, dass die Wohnungslosigkeit seit 2008 um 47 Prozent angestiegen ist. Weil es keine bundesweite Statistik gibt, können wir nicht sagen, ob das besonders oft junge Menschen trifft, aber wir vermuten es. Es gibt Zahlen aus Nordrhein-Westfalen, die besagen, dass dort etwa ein Viertel der Wohnungslosen unter 25 Jahre als ist. Es wäre extrem wichtig, eine deutschlandweite Erhebungen dazu zu machen, aber dagegen wehrt die Politik sich immer noch.

 

Es gibt fast 94.000 Jugendliche in Deutschland, über deren Verbleib man nichts weiß. Wieso bitten so viele nicht selbst um Unterstützung oder Hilfe?

Wie gesagt spielt der funktionale Analphabetismus eine große Rolle. Und dass junge Menschen nicht oder falsch über die Möglichkeiten des Hilfesystems informiert sind. Und viele schämen sich auch einfach, weil in unserer Gesellschaft oft immer noch der Eindruck vermittelt wird: „Für dein Scheitern bist du selbst verantwortlich“.

 

Wie kann man das ändern?

Wir müssen – unter anderem durch die Veröffentlichung des Monitors Jugendarmut – die Situation junger Menschen in Armut immer wieder ins Bewusstsein rufen. Praktisch muss man früh genug ansetzen, so dass diese Menschen gar nicht erst verloren gehen. Man muss sie über persönlichen Kontakt, vor allem in der Schulsozialarbeit, da abholen, wo sie stehen, und vor allem bei den Übergängen von Schule zu Ausbildung und von Ausbildung zu Beruf begleiten, weil dort die meisten durchs Raster fallen.

 

Was müsste dafür passieren?

Vor allem Jugendamt und Arbeitsagentur müssten besser zusammenarbeiten und die verschiedenen Förderungsmöglichkeiten müssten besser aufeinander abgestimmt werden. Damit nicht die eine Unterstützung endet und die andere noch nicht anläuft.

 

Im Monitor Jugendarmut gibt es eine Anmerkung, dass Geflüchtete in den Statistiken noch nicht berücksichtigt sind. Es sei bisher nur zu erahnen, wie sich das auswirken wird. Was erahnen Sie da?

Meine Hoffnung wäre natürlich, dass wir 2018, wenn der nächste Monitor erscheint, nicht viel höhere Zahlen präsentieren müssen, weil wir es nicht geschafft haben, junge Menschen mit Migrationshintergrund und einer Fluchtgeschichte sinnvoll zu integrieren und ihnen eine Perspektive zu bieten. Das wäre traurig. Aber es ist leider ein mögliches Szenario.

 

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