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Unsere Individualität hängt von unserem Konto ab

Das hat unsere Autorin gelernt, als sie sich mit einer Freundin die Kreditkarte teilte.
Von Sophie Schriever
  • kreditkarte
    Illustration: Federico Delfrati

Auf den verpixelten Bildern der Überwachungskamera konnten wir später alles nachvollziehen. Während meine beste Freundin und ich Pfannkuchen mampfend auf der Terrasse des Hostels saßen, schnappte sich der Mann hinter uns ihre Tasche, nahm Geld und Kreditkarte heraus und verschwand, ohne dass wir auch nur das Geringste bemerkten. So saßen Sophie und ich eine Woche nach Beginn unserer großen Südamerikareise mit nur einer Kreditkarte in Huacachina, einem kleinen Wüstenort in Peru. 

Ziemlich schnell wurde uns klar: Wenn man im Ausland, noch dazu in Südamerika, eine Kreditkarte verliert, dann bekommt man so schnell keine neue. Die einzige Lösung: zusammen meine Karte benutzen. Zweieinhalb Monate Reise quer durch Südamerika standen uns bevor, mit einem Konto, mit sehr begrenztem Budget. Kein Problem, dachte ich, solange wir auf die zweite Kreditkarte besser aufpassen.

 

Am Anfang haben wir alle Ausgaben aufgeschrieben, jedes Eis, jede Cola, und uns immer auch ein „Taschengeld“ abgehoben. Wir hatten also immer drei Portemonnaies dabei: ihres, meins und eins für gemeinsame Ausgaben. Jedes Mal, wenn wir eine Grenze überquerten, musste sämtliches Bargeld ausgegeben werden und da wir insgesamt in vier Ländern unterwegs waren, bedeutete das vier Abrechnungen in vier Währungen. Ein ziemliches Chaos.

 

Irgendwann stellte sich auch heraus: Eigentlich trinke nur ich gerne Cola und auch nur ich will dauernd ein Eis. Immer öfter habe ich mir diese Cola oder dieses Eis dann einfach nicht mehr gekauft. Zu umständlich. Das müsste man ja jetzt wieder aufschreiben. Sophie ging es umgekehrt genauso. Die Kette kaufen? Ach nein, dann müssten wir ja jetzt schon wieder Taschengeld für jeden abheben. Und ob ich das noch verbrauchen würde, bis wir über die nächste Grenze fahren? Oder willst du auch eine Kette? Komm, dann lass uns zwei kaufen, dann sind wir quitt.

 

Das war also meistens die Konsequenz: lass uns einfach zwei kaufen. Oder keine. Komm, wir essen einfach beide ein Stück Pizza. Du willst doch bestimmt auch noch einen Caipirinha? Nein? Dann nehme ich auch keinen. Am Ende unserer Reise haben wir einfach nur noch die gleichen Sachen gegessen und gekauft. Sogar die gleiche Bluse, um uns vor Mückenstichen im Dschungel zu schützen. Dann sahen wir auch noch gleich aus.

Und das alles, weil wir auf einmal nicht mehr alleine über das eigene Konto bestimmen konnten. Anstatt sich für jeden Kauf zu rechtfertigen, haben wir unsere individuellen Entscheidungen einfach abgegeben. Verrückt, wenn man bedenkt, dass eine anstatt zwei kleinen Plastikkärtchen uns so stark beeinflusst hat. Aus zwei Menschen fast schon zwei Mal die gleiche Person gemacht hat. Zumindest, was das Konsumverhalten anging.

 

Wenn die Entscheidung, was wir kaufen, auf einmal von jemand anderem abhängt, dann verändert das auch, wer wir sind

 

Aber vielleicht ist das gar nicht so verwunderlich. Wir sind einfach daran gewöhnt, über unser Geld selbst zu bestimmen. Seit wir das erste Mal eine Mark Taschengeld bekommen haben, genießen wir eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Wir konnten damals entscheiden, das Geld für eine gemischte Tüte am Kiosk oder für Panini-Bilder auszugeben oder es ins Sparschwein zu stecken. Und seit diesem Moment des ersten Taschengelds haben wir immer einen bestimmten Betrag gehabt, über den wir ganz allein bestimmen konnten.

 

Die Entscheidung, wofür wir dieses Geld ausgeben, ist mehr als der simple Kauf an sich. Ob es einem gefällt oder nicht, in unserer Gesellschaft gilt eben auch immer: Du bist, was du kaufst und konsumierst. Individualität wird letztendlich zu einem großen Teil dadurch ausgedrückt, welche Kleidung, Musik und, ja, sogar auch welche Lebensmittel wir kaufen. Die Entscheidung für die Panini-Bilder damals hat meine Begeisterung für Fußball ausgedrückt, so wie heute der Kauf eines neuen T-Shirts etwas über mich aussagt. Wenn die Entscheidung, was wir kaufen, auf einmal von jemand anderem abhängt, dann verändert das auch ein bisschen, wer wir sind.

 

Eine lange Reise ist natürlich eine Extremsituation in Sachen Geld. Das Budget ist begrenzt. Alles, vom Luxusgrad des Hostelschlafsaals über die Zutaten fürs Abendessen bis hin zu den Transportmitteln der Weiterreise, ist offen und verhandelbar. Wahrscheinlich hat das Teilen des Kontos nur funktioniert, weil Sophie und ich beste Freundinnen sind. Weil die Punkte, wo unsere Meinung in Sachen Geldausgeben auseinanderging, sich auf Eis und Cola beschränkten.

 

Und trotzdem habe ich mich eingeschränkt gefühlt. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich bei vielen meiner Freunde noch viel abhängiger fühlen würde. Und ich verstehe jetzt auch gut, warum Feministinnen in den Fünfzigerjahren so vehement für das Recht auf ein eigenes Konto gekämpft haben. Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet eben auch Individualität. Sophie und mich hat die Erfahrung vielleicht sogar noch ein bisschen ähnlicher gemacht. Aber trotzdem werde ich auf die nächste Reise zwei Kreditkarten mitnehmen. Nur zur Sicherheit.

 

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