Nie wieder streiten über Geld

Muss man in einer Beziehung darauf achten, dass jeder Partner ähnlich viel Geld ausgibt? Unsere Autoren sind verschiedener Meinung.
Von Charlotte Haunhorst und Quentin Lichtblau
Illustration: Katharina Bitzl
Unsere Autorin benutzt in ihrer Beziehung zum Überblick behalten über gemeinsame Ausgaben eine App. Und sagt: Damit kaufe ich mir Freiheit! 
Illustration: Katharina Bitzl

Ich habe Angst vor einem gemeinsamen Konto. Das ist für mich etwas Ähnliches wie ein Doppelname – das Individuum tritt hinter dem Gemeinsamen zurück und das Resultat ist das Schlechteste aus beiden Welten. Gleichzeitig ist die Vorstellung, bei finanziellen Fragen nicht 100 Prozent gleichberechtigt zu sein, mir ebenfalls ein Graus. Ich zahle gerne bei allem die Hälfte – mein Partner soll nur nicht mitkriegen, was ich mit dem Rest meines Geldes mache. Okay, die Tatsache, dass ich ein Scheidungskind bin und meine feministische Mutter mir frühzeitig das Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ schenkte, spielt in diese leicht schizophrene Haltung wohl auch mit rein.

Ich habe mich in Beziehungen oft über Geld gestritten. Wer mehr bezahlt (stets ich!), wer sich wo verrechnet hat (stets er!) und ähnlicher Blödsinn. Damit bin ich nicht alleine: Zwei von drei Paaren zoffen sich regelmäßig über Geld, fand das Forsa-Institut 2013 heraus. Oft wird das Problem gelöst, indem man einfach nicht mehr über Geld spricht – und insgeheim doch der Meinung ist, benachteiligt zu werden.

Vor einem halben Jahr hat sich dieses Problem für mich erledigt. Da bin ich mit Freunden in den Urlaub gefahren und wir haben all unsere Kosten einfach in eine Split-App eingetragen. Die berechnet dann, wer im Hintertreffen ist und gibt allen einen Überblick, wer dran ist mit Bezahlen. Mein Freund und ich haben das Prinzip danach übernommen. Bin ich in der App gerade im Minus, bezahle ich den nächsten Einkauf und umgekehrt. Seitdem gibt es gar keine Diskussion mehr über Geld. Steht ja alles genau in der App.

Für Außenstehende klingt das kleinkariert. Aber ich glaube, dass diese Art von Geldaufteilung wirkliche Freiheit erst ermöglicht. Jeder kann sich von seinem eigenen Geld kaufen, was er möchte, ohne sich vor irgendjemandem rechtfertigen zu müssen. Gemeinsame Ausgaben werden trotzdem fair geteilt. Durch die App gibt es quasi einen unsichtbaren Dritten, der alles Finanzielle im Hintergrund regelt.

Das ist auch für die Liebe gut: Anstatt über Geld zu streiten, hat man Zeit für tausend andere Themen und Aktivitäten. Man lädt sich gefühlt ständig gegenseitig zum Essen ein, je nachdem, wer gerade dran ist mit zahlen. Und auch „echtes“ Einladen ist dabei natürlich weiterhin möglich, dann trägt man einfach nichts in die App ein. Ganz nebenbei führt man durch das Auflisten der Finanzen auch Tagebuch über die gemeinsamen Unternehmungen. Das kauzige Café, der Theaterbesuch, der Kurztrip nach Polen – so erinnert man sich stets daran, was man alles Gutes gemeinsam unternommen hat.

Natürlich ist es bei all dem wichtig, nicht tatsächlich zum Schwaben zu werden. Wir tragen dort keine Minibeträge ein und runden unsere Ausgaben eher ab als auf. Auch ist die schwarze Null am Ende nie wirklich das Ziel, wir überweisen einander kein Geld, um diesen Ausgleich zu schaffen. Stattdessen ist stets einer im Minus – aber eben abwechselnd und somit fair. Die Beziehung bleibt im Gleichgewicht.

Natürlich weiß ich, dass dieses Konzept limitiert ist. Es funktioniert nur, wenn beide ähnlich viel verdienen, der finanzielle Gleichstand also auch mit den realen Möglichkeiten des Einzelnen übereinstimmt. Und das auch nur, so lange man keine Kinder hat – da will ich nämlich sicher nicht jede Pampers in eine App eintragen. Dann werde ich vermutlich auch nicht drum herum kommen, ein Haushaltskonto mit meinem Freund eröffnen zu müssen – auf das wir dann hoffentlich aber beide genau gleich viel einzahlen!

Unser Autor kann sich nichts Unromantischeres vorstellen, als in einer Beziehung Schuldenlisten zu erstellen. Auch nicht, wenn das schwäbische Hausmütterchen dabei verkleidet in einer schicken App daherkommt. 
Illustration: Katharina Bitzl

Ein Restaurant irgendwo in Süditalien, Wein und Käse waren köstlich, langsam legt sich die Sonne im Meer schlafen. Ein Paar blickt ihr hinterher. Der dezente Ober bringt die Rechnung. Nachdem sie bezahlt haben, bleiben sie noch einen Moment sitzen. Dann schauen sie sich tief in die Augen.

 

„Danke, Liebster. Was für ein Ort, was für ein Essen, ich liebe dich für solche Momente!“

 

Er aber zückt sein Smartphone. Sein Gesicht verzieht sich zu einer Wolfgang-Schäuble-Fratze:

 

„BÄM, 3,46 EURO MINUS, DU PLEIDEGEIER! ÄSCHTE MAHNUNG ISCH RAUS!“

 

Auch wenn sich diese Szene in der Beziehung obiger Autorin vielleicht noch nicht abgespielt hat: Wer sich die Split-App aufs Handy lädt, holt sich den Schwabenspießer im Smartphone-Schafspelz in seine Beziehung. Den absoluten Liebestöter.

 

Zunächst mal: Klar spielt Geld ab und an eine Rolle, auch in der Liebe. Auch wenn ich persönlich es nicht für unmöglich halte, das der rostige Spätkapitalismus irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte landet ­– natürlich leben wir (noch!) in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Auch eine Beziehung lässt sich nicht in einen Garten Eden verlegen, dessen Bewohner jeden Gedanken an Geld einfach wegküssen können. Gerade, wenn das Geld nicht in Strömen fließt.

 

Dennoch ist die Liebe ein Ort, den man mit allen Mitteln vor dem wirtschaftlichem Kosten-Nutzen-Denken bewahren muss. Sie ist eine der letzten Bastionen, die sich nicht der berechnenden „Rationalität“ unterworfen haben. Sie ist ihr Endgegner.

 

Ok, genug Pathos vorerst. Was ist denn jetzt genau so schlimm an dieser superpraktischen Split-App?

 

Zunächst einmal wäre da die perfide Fähigkeit von Schuldenlisten oder besagter Split-App, die gemeinsamen Momente ihrer Essenz zu berauben: Des Erlebten an sich. Das kauzige Café, der Theaterbesuch – all diese Momente stehen nicht länger für sich, sondern für Schuldenauf- und abbau. Für eine Verschiebung der Abhängigkeiten in der Beziehung. Zum Vorteil des Einen, zum Nachteil des Anderen. Das Gemeinsame ist futsch. Die Momente bekommen mit offenbar grenzenloser Akribie einen Warenwert zugewiesen. Das Erlebte tritt in den Hintergrund, was zählt, ist der ausgeglichene Haushalt. Und zwar centgenau!

 

Der Denkfehler der App-Nutzer ist dabei der Glaube daran, dass eine Beziehung auf Augenhöhe sich sich mit der Wirkweise von Schulden vereinbaren ließe. Denn: Jede Form von dokumentierter Schuld weist den beteiligten Menschen ein Machtverhältnis zu. Sie teilt sie ein in Gläubiger und Schuldner, Herr und Sklave. Aus Schulden entsteht immer ein Schuldgefühl. Bei jedem Öffnen der App sieht der jeweilige Schuldner das Gesicht des Partners vor sich, das höflich, aber bestimmt fragt: „Wo ist mein Geld, du Arsch?“ Die liebste Person im Leben als türhämmerndes Pfändungs-Kommando. Hach, wie romantisch.

 

Das, was meine Kollegin hier als romantisches Geben und Nehmen verklärt, spontane Restaurantbesuche oder Reisen, ist dann nicht mehr als durchkalkulierter, emotional unterkühlter Schuldendienst. Kann ein Spontantrip romantisch werden, wenn der Partner ihn nur aus einem Schuldgefühl heraus gebucht hat? Wegen ein paar roter Zahlen in einer verdammten App?

 

Man mag nun einwenden, dass sich die Rollen von Schuldner und Gläubiger ja ständig abwechseln. Diese Annahme ist reichlich naiv. Was, wenn die Schulden dauerhaft einseitig ausfallen? Gibt es dann Sparprogramme? Muss der Partner drei Wochen lang Toast mit Ketchup essen, um die Liebste dann endlich wieder ins Restaurant einladen zu können? Was hat das noch mit Liebe zu tun?

 

Dass in all diesen Einflüssen ein gigantischer Gefühlskiller und jede Menge Streitpotential stecken, erklärt sich wohl von selbst. Insofern ist der Name Split-App wohl nur konsequent. Das Grundübel steckt aber nicht in der App, sondern im Kopf ihrer Nutzer: Wer wenigstens in seiner Beziehung nicht bereit ist, Dinge zu geben, ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erwarten, führt zwar ein vermeintlich abgesichertes Leben. Von Liebe hat er aber nichts verstanden.

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