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"Tinder erlaubt uns, oberflächlich zu sein"

Sarah hat ein Buch über ihre Erlebnisse mit der Dating-App geschrieben.
Interview von Victor Redman
  • Tinder_Sarah Berger_Cover
    Foto: Laura Hoffmann

Es gibt Apps, die unser alltägliches Leben so nachhaltig verändert haben, dass wir aus ihren Namen Verben gemacht haben: Wir googeln, wir whatsappen – und wir tindern.

 

Seit fünf Jahren swipen Paarungswillige auf der ganzen Welt jetzt schon Fotos nach rechts oder links, um so Singles in ihrer Umgebung in „hot oder not“ einzuteilen. Im Gegensatz zu vielen anderen Dating-Apps und -Plattformen erfreut Tinder sich weiterhin großer Beliebtheit: 2016 verzeichnete Tinder etwa 1,4 Milliarden Swipes und circa 26 Millionen Matches pro Tag.

Sarah Berger ist Schriftstellerin und Fotografin. In ihrem Buch „Match Deleted. Tinder Shorts“ beleuchtet die Berlinerin die skurillen, lustigen und tragischen Seiten ihrer Partnersuche und zeigt Ausschnitte ihrer Tinder-Chats. Zum fünften Geburstag von Tinder haben wir mit ihr über ihr Projekt und ihre Erfahrungen mit der Dating-App gesprochen.

 

jetzt: Tinder wird 2017 fünf Jahre alt. Was meinst du, warum bisher keine andere der zig Dating-Apps Tinder den Rang ablaufen konnte?

Sarah Berger: Tinder erlaubt uns, oberflächlich zu sein. Das spart Zeit, denn davon haben wir gegenwärtig zu wenig – zumindest ist das unsere Überzeugung. Keine lange Beschäftigung mit einer Person, kein langes Studieren des Profils und Überlegen, ob es passt oder nicht. Entschieden wird in wenigen Sekunden auf Grundlage von Bildern und ein paar Informationen. Kommt es zum Match, wird nach wenigen Worten weiter entschieden. Das geht alles recht schnell und kommt diesem genuinen Gefühl des Gehetztseins entgegen – zumindest auf dem Screen. In der Realität führen genau diese Oberflächlichkeit und das rasche Tempo letztlich auch zu dieser Einsamkeit und Leere, welche meinen Texten immanent sind. Dating ist zu einer Art Bedürfnisbefriedigung geworden, so wie Einkaufen – vielleicht geht es gar nicht mehr darum, jemanden kennen zu lernen, sondern nur noch darum, das bisschen Zeit, was noch zur Verfügung steht, möglichst schnell angenehm zu füllen. Vielleicht ist das der Erfolg von Tinder.

 

Dein Buch heißt "Match Deleted. Tinder Shorts". Was darf der Leser sich darunter vorstellen?

Inhaltlich dreht sich in dem Buch alles um die Frage, ob und wie wir gegenwärtig zueinander finden, um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Kommunikation. Es geht um das Ich im Kontrast zu, im Kampf mit und im Zweifel zum anderen; um zwischenmenschliche Alltagskonfusionen, Liebe und natürlich um Tinder als digitalen Vermittler dieser Themenkomplexe – erzählt durch den Blick einer weiblichen Figur.

 

Warum hast du dir Tinder als Thema ausgesucht?

Ich habe schon vor Tinder oft Chatdialoge geschrieben, die dann in Theaterstücken oder Romanen auftauchen. Für mich ist das als gängige Kommunikationsform wichtiger Bestandteil meines Lebens, ergo fließt es auch in meine künstlerische Arbeit.

Hast du Tinder vor dem Buchprojekt auch benutzt?

Ich nutze Tinder tatsächlich schon von Anfang an – zunächst nur um Fotomodelle zu akquirieren, ich bin ja auch Fotografin. Zum Dating nutze ich die App erst seit diesem Jahr. Ich hatte niemals beabsichtigt, Tinder zum Schreiben von Texten zu nutzen. Allerdings haben mich die Dinge, die ich dort nach und nach erlebt habe, so sehr aufgewühlt und zum Nachdenken angeregt, dass ich nicht umhin kam, diese Plattform auch literarisch zum Thema zu machen.

 

Was ist dir denn da passiert?

Ich glaube, ich habe in den letzten neun Monaten alles auf dieser Plattform erlebt, was man erleben kann – nur einen Partner habe ich nicht gefunden. Frustrierend sind Gesprächsabbrüche; Leute, die sich nach ersten Begegnung einfach nicht mehr melden, obwohl es eigentlich ein schöner Abend war. Absurd ist, wenn man eine Person trifft, die plötzlich ganz anders ist als im Chat oder im Laufe des Abends schräg wird. Oder wenn man plötzlich in einer Wohnung steht, die aussieht wie aus einem Horrorfilm. Ganz schlimm ist es, wenn der Mann sich darüber aufregt, dass ich getrennt bezahlen will. Das finde ich auch absurd.

 

Gab es auch positivere Verläufe als die in deinem Buch?

Ja, zum Beispiel neue Freundschaften oder sehr intensive Begegnungen, von denen beide wussten, dass es eine einmalige Sache ist. Unterm Strich hält es sich die Waage. Trotzdem irritiert mich die Art und Weise, wie wir gegenwärtig miteinander umgehen, und daher habe ich angefangen, darüber zu schreiben. Gerade eine App wie Tinder gibt mir einen sehr konzentrierten Ausdruck der Gegenwart.

 

Inwiefern?

Es hat mir eine neue Perspektive auf mich und meine Umwelt gegeben, ein Gefühl für den Zeitgeist . Und mich auf viele Fragen gebracht – zum Beispiel, warum ich einer Generation angehöre, der es schwer fällt, sich auf andere einzulassen oder sich anderen zu öffnen. Um auf solche Fragen oder Beobachtungen zu kommen, muss ich in Kontakt treten mit anderen Menschen, mir meine Umwelt anschauen und mich ihr auch stellen – genau diese Möglichkeit gibt mir Tinder weit über meine Bubble hinaus.

 

Gab es ein Match, das du als dein Skurrilstes beschreiben könntest?

Sehr lustig fand ich es, als mir ein Typ innerhalb von zwei Minuten an die 50 Nachrichten geschickt hat, einschließlich Irritation darüber, dass ich nicht reagiere, obgleich er mir kaum Zeit dazu ließ. Skurril waren auch Gespräche darüber, warum ich keine One-Night-Stands will. Da wird mir dann oft vorgeworfen, ich sei frustriert. Dann wunderten sich viele Männer über den Ausdruck „Feministin“ in meinem Profil – so was hilft mir aber natürlich auch, Personen auszusortieren, die ich gar nicht erst treffen will. Ergo habe ich auch selbst einige Matches wieder gelöscht.

In deinem Buch begegnest du deinen Tinder-Matches ja oft auf ungewöhnliche Art: Du nimmst zum Beispiel ihre abgedroschenen Floskeln ernst, antwortest ausführlich auf Standardfragen. Wie kam das an?

Ich finde eine offene und ehrliche Kommunikation sehr wichtig und versuche die Dinge, die mich selbst stören, nicht zu reproduzieren. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Manchmal wird es schräg in der Kommunikation, und häufig werde ich einfach gelöscht. Damit muss ich dann umgehen.

Meinst du, dass Tinder – vielleicht gerade für dich als Frau – das Dating verkompliziert, weil viele Männer sich im Chat Sachen rausnehmen, die sie sich im persönlichen Gespräch nicht trauen würden?

Mich persönlich stören nur Ansprachen, die von mir gesetzte Grenzen übertreten. Wenn mich jemand zum Beispiel fragt „Wanna fuck“, dann ist das für mich erst mal okay. Fragen kann man ja. Wenn ich dann aber „Nein“ sage und die Person weiter fragt, empfinde ich das als störend, denn ich habe mich ja bereits positioniert. Aber Grenzüberschreitungen gibt es online wie offline. Da merke ich keinen Unterschied. Ich glaube nicht, dass bestimmte Schroffheiten, die im Internet leichter von der Hand gehen, das Dating an sich komplizierter machen, aber es muss einiges ausgehalten werden. Je nach emotionalen Kapazitäten kann das schnell ganz schön runter ziehen. Wenn ich eigentlich auf der Suche nach einer intensiveren Begegnung bin und mich fünf Männer hintereinander „Wanna fuck“ fragen, fällt es mir beim sechsten echt schwer, höflich zu bleiben. Dafür kann er ja nichts, aber ich bin an meiner Grenze des Aushaltbaren und werde grob, obgleich ich es gar nicht sein will. So entstehen Ketten der Frustration auf beiden Seiten, denn der Typ fragt sich dann, warum ich so sauer bin und so weiter. Die Komplexität besteht vielleicht einfach darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die besteht aber auch offline.

 

Sarahs Buch „Match Deleted. Tinder Shorts“ erscheint im September 2017 im Frohmann Verlag.

 

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