Feministisch tindern?

Die Dating-App "Bumble" will das Flirten auf dem Smartphone revolutionieren: Frauen müssen den ersten Schritt machen und Männer sollen so keine Gelegenheit für sexistische Anmachsprüche haben.
melanie-maier

"Ficken?" "Bei dir oder bei mir?" – solche Nachrichten kennen wohl die meisten weiblichen Tinder-User. Die Dating-App verspricht schnellen, unkomplizierten Sex – zumindest scheinen viele der männlichen Nutzer das zu glauben. Mit ihren dreisten Fragen stoßen sie allerdings häufig auf das Unverständnis ihrer "Matches". Was nicht wirklich überrascht, bei Nachrichten wie "You look sort of like a slut but in a good way" oder "Would you rather go down on an airplane or a hard dick?"

Sexistische Annäherungsversuche wie diese soll es nicht geben bei "Bumble" – der Dating-App, die sich selbst feministisch nennt, weil Frauen dort den ersten Schritt machen müssen. Exakt 24 Stunden haben sie nach jedem Match Zeit, um eine Nachricht zu versenden – ansonsten wird der potenzielle Flirtpartner gelöscht (gleichgeschlechtliche Partner haben beide 24 Stunden Zeit). Die Idee dahinter: Der Rollentausch soll Männern derart schmeicheln, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommen, sich daneben zu benehmen.

So jedenfalls der Gedankengang von Whitney Wolfe. Die ehemalige Vizemarketingchefin von Tinder gründete Bumble im November 2014. Anlass war der Rosenkrieg, den sie kurz zuvor mit ihrem Ex Justin Mateen führte. Mateen, damals Tinder-Marketingchef und somit auch Wolfes Vorgesetzter, hatte seine Freundin via SMS als "Schlampe" bezeichnet – woraufhin Tinder-CEO Sean Rad ihr nahegelegt haben soll zu kündigen. Tatsächlich verließ die 26-Jährige das Unternehmen. Jedoch nicht, ohne Tinder wegen sexueller Belästigung und Diskriminierung zu verklagen. Im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung erstritt Wolfe eine Million Dollar – und startete Bumble.

 

Inzwischen nutzen mehr als eine Million iPhone-Nutzer weltweit die Dating-App, die aussieht wie eine gelb gefärbte Version von Tinder. Von diesem Monat an soll sie auch für Android-Geräte erhältlich sein, ein genauer Termin steht noch nicht fest.

 

Die deutschen Nutzer sind bisher mäßig überzeugt von Bumble. Allerdings vor allem deshalb, weil es in vielen Städten kaum andere Nutzer gibt. "Es gab am Anfang drei Fotos, die ich leichtfertig weggewischt habe. Seitdem kommt immer die Meldung, es gebe gerade keine Auswahl", sagt zum Beispiel Anna aus Stuttgart. Die 32-Jährige war lange Zeit auf Tinder – und wurde dort häufig nach Nacktfotos gefragt. Die Idee hinter Bumble findet sie gut. Dass nach der Vernetzung der App mit Facebook auch der Arbeitgeber im Profil erscheint, gefällt ihr jedoch weniger. Sven aus Augsburg hätte die App gerne genutzt: "Weniger Stress für den Mann", sagt der 26-Jährige. Nach zehn Fotos war der Spaß auf seinem Display allerdings schon wieder zu Ende. Natalia aus Wien hat nach wenigen Tagen einige Treffer. Sie empfindet es aber als "krass" zu wissen, dass sie die Initiative ergreifen muss, um zu verhindern, dass ein Match verfällt: "Es ist schwer, aktiv zu werden, wenn man nur zwei bis fünf Fotos sieht", sagt die 24-jährige Studentin. "Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es den Männern gehen muss. Kein Wunder, dass sie oft mit irgendwelchen Maschen ankommen: Wenn sie eine Person nur sehen und sonst nichts von ihr wissen, gibt es wenig, auf das sie eingehen können."

 

In Deutschland gehen Frauen beim Flirten noch immer davon aus, dass der Mann den ersten Schritt macht

 

In den USA, wo bereits mehr Menschen die App nutzen, ist die Resonanz durchaus positiv. In einem Elite Daily-Artikel über ihre eigenen Erfahrungen schreibt etwa die Autorin Kimmy Foskett, sie liebe die Idee hinter Bumble: "It feels feminist, and I consider myself one. It’s a huge positive that one cannot just receive a dick pic, or a series of repugnantly sexualized Emojis in place of a ‚Hello, how are you?"

 

Doch ist die App tatsächlich feministisch? Immerhin ändert sie an dem vorherrschenden System nichts weiter als die Reihenfolge – die bei anderen Dating-Apps übrigens nicht vorgegeben ist. "Bumble ist keine Dating-App, es ist eine Bewegung", sagt Gründerin Wolfe im Gespräch mit dem Time Magazine: "Das könnte verändern, wie Frauen und Männer miteinander umgehen, wie Frauen und Männer ausgehen und was Frauen von sich selbst halten."   Soweit würde Paula-Irene Villa nicht gehen. Die Soziologin von der Ludwigs-Maximilan-Universität München forscht zu den Themen Gender Studies und Cultural Studies. Sie beschäftigt sich mit der Auswirkung von Diskursen in den sozialen Medien. Villa ist der Ansicht, dass in Deutschland gerade junge Frauen beim Flirten noch immer stark davon ausgehen, dass der Mann den ersten Schritt macht: "Da sind Frauen – genauso wie Männer übrigens – nach wie vor sehr, sehr konservativ geprägt durch die Erziehung." Dass eine App daran langfristig etwas ändern könnte, denkt Villa nicht, dazu sei ihr Einflussbereich einfach zu klein. Dennoch befürwortet sie die Entwicklung neuer Formen und (digitaler) Orte, die einen positiven Umgangston in der Dating-Welt fördern. "Es ist schon ein interessanter Ansatz, dass bei dieser App nur die Frau entscheiden kann, ob ein Prozess in Gang gesetzt wird oder nicht", sagt sie. "Das ist eine Form zu sagen: Hier läuft es anders. Wer mitmachen will, muss das akzeptieren."

 

Okay, die Männer müssen auf eine Nachricht der Frau warten. Doch wer garantiert, dass sie nicht ein "dick pic" nach dem ersten "Hallo, wie geht’s?" versenden? Bumble hat mittlerweile zwar einen "VIP-Status" für richtlinientreue Nutzer etabliert. Bei einer App, die sich an eine breite Öffentlichkeit richtet, ist es jedoch mehr als fraglich, dass wirklich alle die Netiquette wahren. "Das muss man in der Praxis abwarten", sagt Villa. "Ehrlich gesagt glaube ich überhaupt nicht, dass Dating-Apps feministisch sein können. Höchstens dann, wenn sie aus Szenen heraus entstanden sind, die sowieso schon feministisch sind – die deren Mitglieder also digital vernetzen." Frauen müssten zudem nicht unbedingt zaghafter sein als Männer, meint die Soziologin: "Es gibt auch Frauen, die sich derb, obszön oder pornografisch verhalten." Ganz abgesehen von den Resultaten hält sie die selbsterklärt feministische App für eine wichtige Alternative zu den etablierten Varianten: "Die Vorgabe, dass im ersten Schritt die Frau aktiv sein muss, setzt ein starkes Signal. Und das ist zunächst einmal sehr gut: Weil es dazu auffordert, darüber nachzudenken, wie es sonst so läuft."

 

 

Text: melanie-maier - Foto: Bumble; Cover: Lucas1989 / photocase.de

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