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Wir schaffen das?

Vor einem Jahr sagte Angela Merkel diesen einen Satz. Warum provoziert er immer noch so viele Menschen? Und: Stimmt er überhaupt?
Essay von Friedemann Karig
  • Collage: Jessy Asmus

Es war der letzte Nachmittag im wärmsten August seit Beginn der Aufzeichnungen, als Angela Merkel sagte: „Wir schaffen das.“ Heute, ein Jahr danach, streitet das Land über diesen Satz, als hätte ihm die Kanzlerin zu seinem ersten Geburtstag ein kräftiges „Ihr Trottel!“ angehängt. Von Seehofer über Gabriel bis Gauck: Hartnäckig widersprechen die mächtigen Männer Deutschlands der Bundeskanzlerin. Und damit genau der Hälfte der Bevölkerung aus dem Herzen. Erst kürzlich verrieten 48 Prozent in einer Umfrage: „Ich stimme ihr ganz und gar nicht zu.“ Dieser Streit verschaffte den Fremdenfeinden und Rechtspopulisten mit ihrem „Merkel muss weg!“ zweistellige Wahlergebnisse.

 

Was ist das für 1 Satz: "Wir schaffen das"? Also: Wer ist „wir“? Was genau „schaffen“ wir – oder nicht? Und warum wecken diese drei Worte so viel Hass? 

August 2015. Fünf Tage bevor Angela Merkel diesen Satz sagt, erleidet sie einen Frontalaufprall mit der Realität. Bei einem Besuch der Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau nennen sie rechtsextreme Randalierer eine „Schlampe“ und schmeißen Steine nach ihr. In den Nächten zuvor hatten sich die Extremisten Straßenschlachten mit der zögerlichen Polizei geliefert. Während in der Unterkunft die Flüchtlinge Angst um ihr Leben hatten. Mitten in Deutschland.

 

Merkels Satz war also zuerst eine Reaktion auf „Dunkeldeutschland“ (Joachim Gauck), ein Signal an die Anständigen, dass die Unanständigen nicht das letzte Wort haben sollen – oder am besten gar keins. Merkel wollte damit drei zu null gegen die Fremdenfeinde gewinnen.

 

Vor allem aber waren es drei Wörter Zweckoptimismus in einer historischen Situation.  Ein „Yes we can!“, wie es von einer Anführerin erwartet wird. Dieses halbe Gramm Pathos, was Merkel ohnehin nur auf dem Löffel hat, wenn sie unbedingt muss.

 

Denn heute wissen wir: Merkel öffnete die Grenzen nicht, weil sie Lust auf Arbeit hatte oder sich unsterblich machen wollte. Sondern, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Oder, je nach Zynismus des Betrachters, wenigstens die Fernseh- und Handybilder von ungarischen Knüppeln auf syrischen Köpfen. Hätte sie die Hilfe verwehrt, sie wäre Mitschuld gewesen an toten Kindern auf europäischem Boden.

 

Damals ertranken täglich Dutzende Menschen im Mittelmeer. Kurz zuvor war in Österreich ein LKW mit 71 toten Flüchtlingen gefunden worden. Die halbe Welt wollte von Merkel als mächtigster Frau Europas wissen, wohin denn nun mit den Hunderttausenden, die noch unterwegs und am Leben waren. Im heute journal sagte Marietta Slomka damals: "Die Flüchtlingskrise lässt sich nicht wegmerkeln."  Ich selber hatte mich so aufgeregt, dass ich in die Zeitung schrieb, Merkel solle sich „verfickt nochmal“ endlich äußern. Ironie der Geschichte: Die von ihr geprägte „Alternativlosigkeit“ hatte Merkel eingeholt. Also sprach sie in der Sommerpressekonferenz ausführlich zur sogenannten „Flüchtlingskrise“.

 

"Ich sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“

 

Im Video findet man diese Sätze ab Minute 13:00: 

 

Sie sagte also genau genommen gar nicht, dass alles gut werden wird. Auch nicht, dass alles gut werden muss. Sondern, dass wir es wenigstens versuchen müssen. Im Juli 2016, knapp ein Jahr später, wiederholte sie: "Ich bin heute wie damals davon überzeugt, dass wir es schaffen. Wir schaffen das. Wir haben im Übrigen in den letzten elf Monaten bereits sehr, sehr viel geschafft.“

Wieder viel „wir“. Aber:

 

Wer ist wir?

 

Und wenn ja, wie viele? Als die Bundeskanzlerin „wir“ sagte, meinte sie zuerst sich selbst: die Regierung, den Bund, die Länder, die Kommunen. Diesen Dampfer namens Staat, der wenden musste. Wir, das waren und sind an vorderster Front Politiker, Beamte, Ehrenamtler. Die Menschen, die direkt mit Flüchtlingen in Berührung kommen. Sie mussten hart arbeiten. 

 

Zweitens meinte sie uns alle: 80,62 Millionen Deutsche und die knappe Million Menschen, die neu zu uns gekommen war. Langfristig, das ist klar, wird jeder in diesem Land etwas zu schaffen haben. Und sei es nur, sich menschlich gegenüber neuen Mitbürgern zu verhalten. Doch viele fühlten sich gegen ihren Willen in dieses Wir eingeschlossen. Sie wollten nichts schaffen müssen. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte glaubt: "Dieser Satz lässt deshalb so viel Kritik zu, weil er in seinem Subtext eine hohe moralische Qualität in Anspruch nimmt. Und weil er der Alternative, dem „Wir schaffen das nicht“, eine geringere moralische Qualität zugesteht."

 

Viele Menschen dachten: Wenn ich bei diesem „wir“ nicht dabei sein will, bin ich dann ein schlechter Mensch? Ein Rassist oder gar ein Nazi? Gibt es überhaupt ein akzeptables wir außerhalb dieses Satzes? "Dadurch entstand bei vielen Menschen ein Gefühl der Alternativlosigkeit“, sagt Korte, „was immer Widersacher auf den Plan ruft."

Doch als Helmut Kohl damals über die deutsche Einheit sagte, „dass wir das schaffen werden“, als er sogar „blühende Landschaften“ versprach, blieben die kritischen Stimmen erstaunlich leise. Bis der Osten pleite war. Weil es Deutsche waren, denen man einen Solidaritätszuschlag überwies? Weil das, was zu schaffen war, in der Familie blieb? 

 

Als Merkel feat. Steinbrück 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise behauptete: „Die Spareinlagen sind sicher“, fand man sie clever. Weil es nur um unser Geld und nicht um das Leben fremder Menschen ging?

 

Und wieso fühlen sich die Menschen umso heftiger moralisch angegriffen, je weiter weg sie von dem weg sind, was andere schaffen müssen? Wieso meckerte ausgerechnet das passive wir, während das andere half?

 

"Es war eine Volksabstimmung ganz eigener Art“, schreibt der Kölner Stadtanzeiger, weil für jeden sächsischen Schreihals tausende Helfer aufliefen. 24000 Mitglieder zählt die AfD. Acht Millionen hatten sich bis Ende 2015 für Flüchtlinge engagiert. Das rechnet eine aktuelle Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche. Aber was machen diese zehn Prozent der Deutschen eigentlich? Also:

 

Was sollen wir schaffen?

 

Wer letztes Jahr zu uns gekommen ist, ob krank, ob gesund, ob böse oder gut, werden wir niemals wissen. Wochenlang wurde niemand mehr ordentlich registriert. Hunderttausende Asylanträge sind noch nicht bearbeitet. Zwar haben in den vergangenen zwölf Monaten Zehntausende Flüchtlinge eine Arbeit gefunden. Hunderttausende aber sind noch auf den Staat angewiesen. Und werden es noch lange sein. Bezahlbare Wohnungen waren vorher knapp, jetzt werden sie knapper. Dazu muss die Bürokratie, angefangen mit dem Bundesamt für Flüchtlinge, reformiert werden. Alles langwierige Prozesse. Wie geht es denen, die Teil der Lösung sind?

 

„Wenn man eine Familie aufnimmt, die ihr Kind gerade auf dem Mittelmeer verloren hat“, sagte neulich eine Helferin in der Tagesschau, "oder im Internet nach dem enthaupteten Vater zu suchen, das ist natürlich nicht ohne.“  Dennoch denkt eine Mehrheit der Ehrenamtlichen laut einer Studie der Humboldt-Universität Berlin, dass Deutschland in der „Flüchtlingskrise“ nicht überfordert ist. Dennoch helfen jeden Tag unzählige Menschen.   

 

Und die Hauptamtlichen? Viele Kommunen kamen an ihre Belastungsgrenze. Im Januar noch setzte Peter Dreier, Freie Wähler-Landrat in Landshut, 31 Syrer in einen Bus zum Bundeskanzleramt nach Berlin. Er wollte zeigen: Wir schaffen das bald nicht mehr.

Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Im ganzen Land stehen Erstaufnahme-Einrichtungen leer, weil fast keine Flüchtlinge mehr kommen. Passaus Bürgermeister Jürgen Dupper bilanziert: „Wir haben alles unter Kontrolle". Vor einem Jahr wurde seine Stadt zu Deutschlands Lampedusa hochgeschrieben. Gestorben ist vor Duppers Küsten aber niemand. Zumindest das Passau hat wohl erstmal geschafft.

Für Merkel und ihre Helfer, für Amtsträger und Beamte wie Dreier und Dupper bedeutet das: eine menschenwürdige Aufnahme und Behandlung aller Flüchtlinge. Und für die Asylberechtigten eine anschließende „Integration“, grob definiert im Dreiklang Sprache, Arbeit und Wohnung. Wo immer das noch nicht klappt, scheint man fast zu vergessen, dass die Leidtragenden der Überforderung nur zum Teil die deutschen Helfer sind. Dass es immer noch die Flüchtlinge sind, die warten, vegetieren, verzweifeln. Nicht wir.

 

Für viele Bürger hingegen scheint das nur die Aufrechterhaltung ihres Lebensstils zu sein, Schweinsbraten und Christstollen, Zweitwagen und Urlaubsgeld, und zwar gefälligst in Ruhe.

Das erste das bedeutet einen langen, mühsamen Prozess. Der läuft. Und das zweite?

 

Wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt, ist Deutschland für die Zukunft so gut aufgestellt wie sonst nur Skandinavien und die Schweiz. Die Steuereinnahmen sind in diesem Jahr so gestiegen, dass von Steuersenkungen gesprochen wird. Wirtschaft und Arbeitsmarkt haben profitiert.

 

Und die Sicherheit? Ist ganz Deutschland ein Kölner Silvester-Bahnhof, ist der Terror angekommen? Die Kriminalitätsrate ist nicht überproportional angewachsen. Die beiden islamistischen Anschläge von Ansbach und Würzburg sind weder in ihren Hintergründen eindeutig geklärt, noch vergleichbar mit Paris oder Brüssel. Terror ist hierzulande immer noch eine totale Ausnahme. Und wenn, kommt er eher von Rechts. Es werden mehr Leute vom Blitz erschlagen. Deutschland bleibt eines der sichersten Länder der Welt. 

 

Doch wenn eine Million vorwiegend neue Menschen in ein Land kommen, auf einen Schwung, gibt es zwangsläufig Stress. Es gibt traumatisierte unter ihnen, kriminelle und gewalttätige. Manche werden enttäuscht und abgehängt, wie leider zu oft in einer freien Gesellschaft. Junge Männer ohne Perspektive sind eine Zeitbombe, immer und überall. Man muss sich um sie kümmern.

 

Dazu muss man auch bereit sein, Deutschland noch ein bisschen mehr zu durchmischen, als es schon längst ist. So wie sich andere Gesellschaften viel stärker mischen. Unsere Identität ist nicht von den Fremden bedroht, sondern von unserer eigenen Unsicherheit. Wer sind wir denn noch, fragen sich viele, wenn die auch wir sind? Der aktuelle Gipfel der Bedrohung: Burkas. Die niemand in Deutschland trägt. An solchen Tagen könnte man meinen, Deutschland sei ein einziges großes First World Problem.

 

Im Ausland sieht man uns zum Glück längst anders: "Chancellor of the free world“, nannte das Time-Magazine seine Person des Jahres 2015. Sie hieß Angela Merkel.

 

Wer ist wirklich das Problem?

 

Die Probleme wurden nie geleugnet. Schon gar nicht von einer Kanzlerin, die kurz vor ihrem Satz noch einem Flüchtlingsmädchen vor laufender Kamera erklärt hatte, dass nicht alle bleiben dürfen. Im Gegenteil: Genau als sie die Probleme offen ansprach, fiel ihr Satz. Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Lasst uns verzagen, Leute, denn: „Wir schaffen das sowieso nicht?“ Merkel als depressiver Roboter Marvin? Was hätte sie, was hätten wir damit gewonnen? Nichts. Aber vielleicht viel verloren.  

 

Dass Merkel ihre Worte wiederholt hat, entspricht schlicht den Tatsachen im Sommer 2016. Und bei mehr als 500 fremdenfeindlichen Angriffen allein im Jahr 2015 muss man sich heute eher fragen, wer genau das Problem ist: Fremde oder Fremdenfeinde? Die Rechtspopulisten der AfD sind in manchen Landstrichen zur drittstärksten politischen Kraft aufgestiegen. Was haben sie bisher geschafft – außer mehr Hass?

 

Heute erscheint Deutschland wie das Fernsehzimmer einer Station für Depressive. Von außen sieht man Menschen in Frieden und Wohlstand beim Amüsement. Drinnen aber ist die Stimmung schlecht. Warum eigentlich?

 

Es geht uns gut. So wie vor fünf Jahren. So wie vor zehn Jahren. Wenn nicht bald ein muslimischer Godzilla unser Land verwüstet, geht es uns auch in fünf Jahren gut. Und in zehn. 

„Naiv“ und „weltfremd“ sind also nicht die helfenden „Gutmenschen“, sondern die passiven Pessimisten. Sie streiten gegen die selbsterfüllende Prophezeiung von Merkels historischem Satz. Und merken dabei nicht, dass er mit jedem Tag historischer wird. 

 

Weil er mutig war. Aber vor allem: Weil er stimmt.

 

 

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