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Mein wenig ruhmreicher Auftritt bei Böhmermann

Fernsehmacherin Johanna Maria Knothe fragt sich: Wer ist schuld, dass ich in diese sexistische Kackscheiße geraten bin?
Ein Gastbeitrag
  • johanna maria knothe jetzt
    Foto: Youtube/NeoMagazinRoyale

Frauen im Fernsehen sind Mangelware – Entschuldigung – selten. Trotzdem bin ich neulich zu Gast gewesen im Neo Magazin Royale bei Jan Böhmermann (die ganze Folge vom 20.04.17 gibt es hier, Auftritt ab Minute 26). Mein Auftritt verlief allerdings nicht so ruhmreich wie ich mir das wünschte. In einem Artikel des Frauen-Onlineportals Edition F wird er hinterher sogar als – ich fasse zusammen – enttäuschend und sexistisch beschrieben. Was war geschehen?

Die Macher des Neo Magazins hatten sich für meinen Besuch im April eine Studioaktion ausgedacht. Welche das ist, erfahre ich kurz vor der Aufzeichnung. Ein Spiel, in dem ich einer meiner größten Schwächen entgegentreten darf: meiner Prüfungsangst. Ich bin zwei Mal durch den Führerschein gefallen. Nun habe ich in einer eigens für mich inszenierten Fahrschulsituation vor Publikum die Chance zu zeigen, was ich kann. „Seht her! Frau am Steuer, Ungeheuer – nicht mit mir!“ Vorher natürlich das Interview. Darauf freue ich mich, durch lange Vorgespräche mit der zuständigen Redakteurin fühle ich mich gut vorbereitet. Falsch gefühlt leider. Böhmermann fragt natürlich ganz andere Sachen, die mich irritieren, unser Gespräch ist fahrig und passt so ganz gut zu dem, was danach kommt: 

Da sitze ich und würge am Schaltknüppel einer ausgeleierten Idiotentest-Apparatur herum. Vor mir drei Monitore mit Videospieloptik, hinter mir Böhmi im „Fahrlehrerlook“. Er spielt die Klischeepartitur in Moll und Dur („Ich habe selten eine schöne junge Dame neben mir sitzen”, „Nur noch eine halbe Stunde und zwei aufgegeilte Männer entfernt.”) und berührt mich mit Ansage ein bisschen zu lang am Arm. Das Bild ist soweit stimmig.

 

Ich gebe mich in die Rolle, die mir zugewiesen ist: Berliner Hipster-Tante, die nicht Auto fahren kann. Und blond – um Gottes Willen – blond bin ich auch, geht mir auf. Zeitgleich brettere ich unkontrolliert durch die zappelnde 2D-Landschaft und ramme permanent Wände. Das geile Gerät übersteuert bei der kleinsten Berührung.  Irgendwo in dieser Situation steigt Prüfer William Cohn zu uns in den Wagen, womit das natürliche Geschlechterverhältnis des TV hergestellt ist: 2:1. Aber dazu später mehr.

 

„Wahrscheinlich wurde seit den 70er Jahren keine Blondine mehr so vorgeführt"

 

Prüfungssimulation, Blackout. Welches Pedal ist noch mal welches? Jan wirft mir von hinten Ratschläge zu, die falsch sind. Irgendwann übernimmt er das Steuer und scheitert ebenfalls. Eine hübsche Schlusspointe, er wirkt nicht so als ob er das erwartet hätte.

 

„Wahrscheinlich wurde seit den 70er Jahren keine Blondine mehr so vorgeführt im Fernsehen“ höre ich mich kurz vor Ende der Sendung von der Rückbank aus sagen. Ich meine das ernst, aber nicht böse. Ein Lieblingsmechanismus unserer Unterhaltungswelt ist eben das Vorführen von Menschen. Vorne wird gelitten, hinten gelacht oder sympathisiert oder beides. Das gehört dazu und um das zu erreichen muss übertrieben werden. Ich finde es gut, dass Frauen von solchen Übertreibungen nicht ausgeschlossen werden. So fühlt es sich eben manchmal an, das zarte Negligé der Emanzipation.

Trifft man in diesem Fummel dann auf Sexismus, der sich in einen Schleier der Ironie hüllt, ist es schwer zu erkennen, wer da vor einem steht. Dann braucht es die Beobachtung von außen, um ihn wahrzunehmen. Nachdem ich den Edition F-Artikel gelesen und ausgiebig in eine Papiertüte geatmet habe, sehe auch ich: Ja, ich bin in sexistische Kackscheiße geraten. Übrigens gemeinsam mit den Machern der Sendung, die sich das auch anders vorgestellt hatten: Die sensible Sportwageneinstellung des Computerprogramms war nicht geplant, erzählt man mir hinterher. Aha. So, so. Wäre die Aufgabe wirklich weniger sexistisch gewesen, wenn sie einfacher gewesen wäre? Es wäre zumindest weniger aufgefallen.  

 

Im Schnitt kommen im TV zwei Männer auf eine Frau. Ein bisschen wie im Porno

 

Eine empirische Studie, basierend auf 4000 Stunden Sendezeit zeigt: Auf allen deutschen Sendern und durch alle Genres hinweg sind im TV weniger Frauen als Männer zu sehen. Im Schnitt kommen zwei Männer auf eine Frau. Ein bisschen wie im Porno. Oder eben in einer Fahrprüfungssituation.

 

Das Neo Magazin Royale im ZDF macht in Sachen Geschlechterausgeglichenheit keine Ausnahme. In den vergangenen zwei Jahren waren von insgesamt 57 Gästen nur 19 weiblich. Warum das so ist, finde ich ähnlich rätselhaft wie das Nichtvorhandensein von Frauen in deutschen Führungsetagen. Seit 15 Jahren arbeite ich beim Fernsehen und obwohl ich in den Redaktionen vielen Frauen begegne, bestimmen in den Sendern und Produktionsfirmen in der Regel männliche Menschen darüber, was wie erzählt wird. Es gibt natürlich Ausnahmen: von elf öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben zum Beispiel drei eine Intendantin. Woohoo!

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    Foto: Daniel Pasche

Die Chefredakteurin des Neo Magazins erzählt mir von ihren Bemühungen, das Gast-Gästinnen-Verhältnis ausgewogen zu halten. Schwierig, obwohl sie die Leute in erster Linie nach Interessantheitsgrad und nicht nach Popularität auswählt. Viele Frauen sagen ab. Keine Zeit? Kein Babysitter? Oder schlicht keinen Bock auf den Männer-Zirkus? Alles möglich.

 

Wenn dann eine Frau kommt, zudem eine weniger bekannte, muss man mit der was machen, das die Leute bei der Stange hält – so ist das beim Fernsehen. Zum Beispiel eine Studioaktion, die es so noch nicht gab. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Redaktionskonferenz zu meiner Führerschein-Aktion vorher ausgesehen hat:  

„Böhmi muss so ne butterige Lederjacke anhaben und aussehen als hätte er harten Filterkaffee-Atem.” – „Ja, er beugt sich dann immer so rüber, berührt sie ein bisschen zu lang und macht Schaltknüppelwitze.” – „Das wird super unangenehm.” – „Ganz genau, das wird super!” Sollte die „Ist das nicht super sexistisch ne blonde junge Frau mit Prüfungsangst vor laufenden Kameras den Idiotentest machen zu lassen?“-Frage aufgekommen sein, ist sie wahrscheinlich mit einem „Ach komm!“ vom Tisch gewischt worden. Das ist ja nur Spaß! Das muss sie schon verkraften, hallo? Wir sind ein Satireformat!

 

 

Ich weiß selbst: Es macht Spaß, Klischees zu karikieren. Es ist aber auch schlau, sie irgendwie zu brechen um über das Gewohnte hinaus zu gehen und so eine Aussage zu treffen. Man kann ironisch zu Britney Spears tanzen, tanzt dabei aber trotzdem zu Britney Spears. Die Darstellung eines Klischees ist immer auch seine Wiederholung. Wenn es bei der bloßen Reproduktion bleibt, zementiert man unter Umständen etwas, über das man sich bestenfalls kritisch lustig machen wollte. Eine Einordnung, ein Twist können das verhindern.

 

Wäre dieses Studiospiel auch mit einem Herrn Johanna Maria Knothe denkbar gewesen?

 

Das muss ich Böhmermann und seinen Leute nicht erzählen, das wissen die ja. Hat an dieser Stelle trotzdem nicht interessiert. War ja auch ironisch. Ironischer Sexismus halt. Wie funktioniert das aber? An diesem Punkt möchte und muss ich die ultimative How-to-uncover-Sexism-Frage stellen und bitte um die geistige Mitarbeit aller Leser:

Wäre dieses Studiospiel auch mit einem Herrn Johanna Maria Knothe denkbar gewesen? Ich glaube: nö.

 

„Wen laden wir ein, was machen wir mit denen, haben die was zu erzählen?” Bis eine Frau tatsächlich im Fernsehen sitzt, muss sie einige Hürden genommen haben. Es ist ein faszinierendes Phänomen: Am Ende epischer Gäste-Brainstormings werden grundsätzlich weniger Frauen als Männer für fähig befunden, würdiger Gast zu sein („Leute, wir brauchen noch Frauen!”). Je nach Leistungsanforderung generiert sich die Top 4 des Gästinnenwunschkatalogs zudem oft aus den gleichen Personen: Anke, Barbara, Ina, Carolin. Allesamt starke Frauen, klar. Und allen unterstelle ich, dass sie die Sprache der Männer von A bis Z beherrschen. „Alte” Frauen stehen übrigens selten auf dieser Liste, Menschen über 60 Jahren sind im Deutschen Fernsehen zu 80% männlich. Frauen ab Mitte 30 sind von Jahr zu Jahr weniger präsent. Bei Männern ist das anders.

 

Ich als weibliche Frau (wie mein echter Fahrlehrer einmal zu mir sagte), die zudem gelegentlich im Fernsehen auftritt, kann über die Furcht vor Fernsehauftritten sagen: Der eigenen Spezies möchte man keine Schande machen. Frauen kritisieren streng und am allerliebsten sich selbst, das kann jede beobachten, die mit den Freundinnen Fernsehen oder Youtube-Videos guckt. „Wie kann sie nur! Sieh Dir das an!“ Wir sind nicht das schwache, wir sind das strenge Geschlecht – und Frauensolidarität ist eine magere Angelegenheit. Die Furcht, etwas falsch zu machen, ist ein weiterer Grund dafür, den Auftritt in einer Fernsehshow lieber abzusagen. „Ich wundere mich nun jedenfalls nicht mehr, warum Böhmermann kaum weibliche Gäste hat“, schließt die Autorin Bisten ihren Edition F-Artikel über meine Anwesenheit beim Neo Magazin. Rebellion durch Abwesenheit? Wer sich der Prüfung nie stellt, der wird sie nie meistern.

 

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