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Der Netflix-Film "To The Bone" verhandelt Essstörungen

Und enttäuscht im Umgang mit diesem sensiblen Thema.
Von Tami Holderried
  • tothebone ap fotograf gilles mingasson
    Bild: AP/ Gilles Mingasson

Heute erscheint „To the Bone“ auf Netflix. Der Film mit Lily Collins in der Hauptrolle handelt von dem jungen Mädchen Ellen, das an Magersucht leidet. Ellen hat gerade ihr Studium abgebrochen und scheinbar schon einige Therapien hinter sich. In ihrer Patchwork-Familie wird ihre Krankheit offen und meist unsensibel thematisiert – ihre Stiefmutter schenkt ihr zum Beispiel einen Kuchen in Form eines Burgers, auf dem „Ellen, eat me!“ steht. Ellen selbst hat ihre eigene, ironisch-resignierte Art entwickelt, mit ihrer Krankheit umzugehen.

 

Sie soll nun eine letzte Therapie ausprobieren, bei dem als charismatisch und unkonventionell beschriebenen Arzt Dr. Beckham, gespielt von Keanu Reeves. Der hat eine angeblich revolutionäre Behandlungsmethode – was an seiner Therapie so revolutionär sein soll, das erfährt der Zuschauer aber nicht. Jedenfalls nimmt Dr. Beckham Ellen in sein Therapieprogramm auf: Sie zieht in ein Haus, wo schon sechs andere junge Menschen leben, die alle an einer Form von Essstörung leiden. Besonders mit einem der anderen Patienten, Luke, einem aufgedrehten britischen Tänzer, entwickelt Ellen eine tiefe Freundschaft. 

 

Marti Noxon, die Produzentin des Filmes, sowie Hauptdarstellerin Lily Collins litten als Jugendliche selbst an Magersucht, im Fachjargon Anorexia nervosa genannt. Das mag den Film bereichern, weil er nicht von Außenstehenden sondern von Betroffenen erzählt wird. Das macht ihn aber auch gefährlich. Collins hat sich für die Rolle auf die Figur einer Magersüchtigen herunter gehungert – obwohl sie offen darüber spricht, jahrelang unter der Krankheit gelitten zu haben. Man bekommt die Frage nicht aus dem Kopf, ob ihr diese Rolle bei der Bewältigung der Vergangenheit geholfen oder vielleicht alte Wunden aufgerissen hat. Und genau das ist auch das grundlegende Problem des Films: Hilft er Außenstehenden zu verstehen, was in Patienten vor sich geht, oder zeigt er nur detailliert dürre Körper, erklärt Taktiken, die die Protagonisten anwenden, um Gewicht zu verlieren und verharmlost so eine schwere Krankheit, die eine Sterberate von bis zu 20 Prozent hat?

 

Magersucht ist nicht glamourös

 

Im Netz läuft momentan eine Petition gegen Netflix, deren Ziel es ist, den Start des Films zu verhindern. Die Initiatoren wollen das aus zwei Gründen: Zum Einen, weil der Film Betroffene triggern könnte – ein Argument, mit dem man eigentlich alle Art von Kunst, Kultur und Film direkt abschaffen könnte, weil irgendwas immer irgendjemanden triggern könnte. Der wichtigere Einwand der Petition ist aber, dass „To the Bone“ Essstörungen idealisiert. Magersucht bedeutet keinesfalls nur eine große Lücke zwischen den Beinen und lässig-schlackernde Oversized-Pullis. Depressionen, Hormonstörungen bis zur Unfruchtbarkeit, aufgeplatzte Haut, Haarausfall auf dem Kopf, extremer Haarwuchs an allen anderen Körperstellen und Herzrhythmusstörungen sind nur ein paar der umglamourösen Begleiterscheinungen der Krankheit Anorexie. Diese finden in „To the Bone“ aber wenig bis keinen Platz. Alle Hauptdarsteller sind attraktiv und sehen, abgesehen von ihrem Untergewicht, durchaus recht gesund und gut aus. Wenn Netflix also in einem Film über Anorexie nicht mehr sagt, als dass Menschen mit Essstörungen ein Problem mit Nahrung haben und sie das extrem dünn und extrem unglücklich macht, dann fragt man sich, was der Sinn des Film ist.

 

Kontroverse Themen bringen Aufmerksamkeit und Geld

 

Vielleicht haben die Verantwortlichen bei Netflix einfach gemerkt, dass kontroverse Themen besonders viele Zuschauer, viel Presse und somit viel Geld bringen. Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Essstörungen faszinieren und lassen sich dramatisch verfilmen und vermarkten. Dass gerade diese Inhalte besonders viel Achtsamkeit und Vorsicht verdienen, scheint dabei keine große Rolle zu spielen. Der letzte Coup gelang Netflix mit „Tote Mädchen Lügen Nicht“, ebenfalls eine Eigenproduktion, die den Suizid eines jungen Mädchens thematisiert. Kritiker warfen der Erfolgsserie eine Romantisierung von Suizid vor – und warnten vor allem vor dem Einfluss auf junge Menschen.  Netflix reagierte spät und fügte im Nachhinein eine Triggerwarnung sowie einordnendes Zusatzmaterial an. Letzteres vermisst man bei „To the bone“ (noch). Auf Nachfrage von jetzt wollte sich dazu leider kein Verantwortlicher von Netflix äußern.  

 

„To the bone“ erzählt Ellens Geschichte mit Humor und Ironie. Das hilft zu verstehen, dass die Betroffenen mehr sind als ihre Krankheit: Nämlich Menschen mit Träumen, mit Talenten, mit Liebeskummer. Was aber fehlt, ist die Frage nach dem warum. Warum sind so viele vor allem junge und vor allem Frauen so unglücklich? Und warum suchen so viele den Grund für dieses Unglück in sich selbst und kämpfen gegen sich selbst, gegen ihren eigenen Körper an? Darauf bleibt „To the Bone“ eine Antwort schuldig.

 

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