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Marco will nicht mehr masturbieren

In den USA ist die "NoFap"-Bewegung riesig. Jetzt ist sie auch in Deutschland angekommen.
Von Matthias Bolsinger
  • no fap
    Foto: privat

Marco, 19, drahtiger Körper, Soldatenschnitt, geht mit seinem Hund in einen Wald nahe Leipzig, macht einige Klimmzüge, dann beginnt er, sich zu filmen, Oberkörper frei. Er grinst, als er in die Kamera spricht: „Was geht, meine Freunde? Heute soll’s darum gehen: Sieben Tage ohne Wichsen.“ Am besten sogar 90, sagt Marco. Später stellt er das Video bei Youtube ein, dort nennt er sich Vackurah.

 

Tag eins, Marco will sein Leben ändern. Indem er nicht mehr masturbiert.

Es ist Herbst, September 2016, als Marco (der eigentlich anders heißt und lieber unerkannt bleiben möchte) sieht, dass es so nicht weitergehen kann. Marco sieht seine Probleme vor sich liegen, Einsamkeit, Motivationsmangel, die Angst, auf Menschen zuzugehen. Und er glaubt, dass sie alle eine gemeinsame Wurzel haben. Er muss sie nur herausreißen.

 

Marco ist Teil einer Minderheit, die aber seit Jahren stetig wächst. Umfragen zufolge befriedigen sich 94 Prozent der Männer selbst. Doch allein in den Foren von Reddit.com tauschen sich derzeit mehr als 220.000 Menschen darüber aus, wie sie aufhören zu masturbieren und wie sie das verändert. Jünger der Enthaltsamkeit in einer übersexten Welt. „Fapstronauten“ nennen sie sich, „NoFap“ ist ihr Codewort. „To fap“ bedeutet onanieren.

Einige der Männer führen ein Video-Tagebuch und erzählen, was der Verzicht mit ihnen macht. Mal euphorisch, weil sie ihren inneren Drang zu masturbieren bezwingen. Mal enttäuscht, weil sie ihm erlegen sind, „relapse“ nennen sie das. Meist sind es US-Amerikaner. Im Herbst ist Marcos Videoblog eines der ersten deutschen, das sich nur um NoFap dreht.

 

Und Marco hält sein Wort. Es vergehen Tage, Wochen, in denen er weder onaniert noch Sex hat. Nach rund 40 Tagen fühlt er sich so fokussiert wie noch nie. Er ist im „Gottmodus“, wie er sagt. Fühlt sich wie ein König. Glaubt, dass dieses Gefühl lange anhalten wird. Marco sagt: „NoFap ist für mich ein Lifestyle geworden.“ Andere Abstinenzler motivieren ihn in den Kommentaren unter seinen Videos. Sie sind eine Gemeinschaft. Anders als in den USA ist sie in Deutschland noch klein, es gibt kein etabliertes Forum. Marcos Videoblog folgen rund 430 Menschen. Doch die Community wachse, sagt er.

 

Alles beginnt 2011. Alexander Rhodes, 23, Programmierer aus Pittsburgh, verlinkt auf Reddit eine Studie aus China. Der zufolge steigt das Testosteron-Level eines Mannes um knapp 46 Prozent, wenn er sieben Tage lang nicht ejakuliert. Bevor Rhodes zum Gesicht der NoFapper wurde, masturbierte er sechs Mal am Tag, sagte er 2014 in einem Interview mit jetzt.  Er gründet ein Forum, in dem sich Menschen herausfordern, auf Masturbation zu verzichten. Womit er nicht rechnet: Aus wenigen Nutzern werden schnell Zehntausende. Die Geburt einer Bewegung.

Was sich die „NoFapper“ von ihrer Abstinenz versprechen: Mehr Energie, mehr Selbstbewusstsein, besseren Sex, die Rückkehr ihrer Männlichkeit. Sie wollen die Herrschaft über ihr Leben zurück. „Die Kontrolle über die Masturbation gibt manchen das Gefühl, wieder Herr über sich zu sein“, sagt Diana Lüchem, Sexualtherapeutin aus München. 

„Ernsthaft: Ich war überzeugt davon, dass Frauen unterdrückt werden sollten“

 

Auch Marco hatte das Gefühl, sich nicht mehr im Griff zu haben. „Ich war antriebslos“, sagt er. Jahrelang masturbierte er bis zu fünfmal am Tag, manchmal dauerte das drei Stunden.

 

Marco sagt, er sei süchtig gewesen, süchtig nach Pornografie. Als er das erste Mal onaniert – Marco ist damals 13 Jahre alt – schaut er dabei einen Porno. Je mehr Videos er sieht, desto weniger reizen ihn die alten. „Ich brauchte immer einen neuen Kick, immer krassere Sachen.“ Bis er 17 ist, hat Marco keine Kontakte zu Frauen. Als er doch welche kennenlernt und mit ihnen schlafen will, bekommt er kaum eine Erektion, spürt nichts, kommt nicht zum Orgasmus. Die Pornos, sagt er, hätten ihn abgestumpft. Auch sein Frauenbild habe das geprägt. „Ernsthaft: Ich war überzeugt davon, dass Frauen unterdrückt werden sollten.“

 

Nicht jeder, der sich entschließt, auf Masturbation zu verzichten, will damit weg von der Internet-Pornografie. Abstinenz helfe jedem, heißt es in der Community, auch jenen, die vorher nicht exzessiv masturbiert hatten. Jeder könne sich optimieren. Dennoch ist NoFap ein Spross der Generation Porno. Vor allem junge Männer wachsen heute mit dem Sex im Internet auf. 2011 hatte jeder zweite 13-jährige Junge in Deutschland bereits Kontakt damit. Jede vierte Suchanfrage auf Google hat mit Pornografie zu tun.

 

Porno macht krank, glauben die NoFapper. Das menschliche Gehirn sei mit der Flut ständig neuer sexueller Reize überfordert. Innerhalb weniger Minuten sehen junge Männer heutzutage mehr nackte Frauen als ihre Vorfahren während eines ganzen Lebens. Jedes Mal ein neuer Dopamin-Kick. Das, so die These einiger Wissenschaftler, zerstöre langfristig das Belohnungssystem im Hirn. Der alltägliche Anblick einer Frau könne Männer nicht mehr reizen. Die Folgen: Erektionsprobleme, Einsamkeit, soziale Ängste.

 

Tag 90, Marco steht wieder im Wald, wieder grinst er in die Kamera. Will zeigen: Er hat es geschafft. Die zwischenzeitliche Euphorie ist zwar dahin, Marco fühlt sich schlapp, hatte mentale Tiefs. Aber er will weitermachen.

Wie viele der jungen Enthaltsamen glaubt auch Marco, Pornos seien der Ursprung seiner Probleme. Doch diese Argumente sind umstritten. Sie seien zu simpel, sagt etwa der Psychologe David J. Ley, Autor des Buches „The Myth of Sex Addicton“. Es gebe keine Datengrundlage für die These, Pornos zerstörten das Liebesleben. Tatsächlich gibt es Studien, die behaupten, regelmäßige Pornokonsumenten hätten mehr Lust auf Sex mit ihren Partnern. Die Erektionsstörungen, so Ley, hätten andere Gründe: Angst, Medikamente oder mangelnde Erfahrung. In Wirklichkeit stecke hinter den pseudowissenschaftlichen Argumenten etwas anderes: eine moralische Verurteilung der Selbstbefriedigung.

 

„Im Endeffekt schadet man sich selbst“, sagt die Sexualtherapeutin

 

Das ist nicht neu. Im späten Mittelalter bereits galt Masturbation als Sünde. Auch die Aufklärung bekämpfte die Lust am Sex mit sich selbst. Zwischen 1712 und 1716 veröffentlichte der Quacksalber und Schriftsteller John Marten ein Buch namens „Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung“, ein Bestseller. Wer masturbierte, war für den Philosophen Immanuel Kant ein willenloses Opfer seiner Triebe.

 

Viele NoFapper halten Onanie ebenfalls für verfehlte Sexualität. Eigentlich ein Rückschritt – denn Masturbation generell zu verteufeln, ist ebenfalls zu kurz gedacht und hat mit natürlicher Sexualität nicht viel zu tun. Viele NoFapper sind deshalb auch nicht generell gegen das Masturbieren, sondern nur gegen das exzessive Masturbieren. Marco gehört aber eher zur ersten Gruppe: „Beim Sex mit der Partnerin gibt und nimmt man. Das ist für mich etwas Natürliches“, sagt er, „Masturbation nicht. Da gibt man nur.“

 

Also bekämpfen NoFapper ihre Begierden. Aber ist das gesund? „Im Endeffekt schadet man sich selbst“, sagt Sexualtherapeutin Lüchem. Selbstbefriedigung sei per se kein Problem. Werde sie exzessiv, weise das auf andere Probleme hin: Sinnverlust, Einsamkeit, Langeweile. Marco sagt, dass er durch die Pornos vor Stress und Problemen flüchtete. Da helfe nur eine Therapie, kein Masturbationsverzicht, so Lüchem. „Der klappt auf Dauer häufig ohnehin nicht.“

 

Das musste auch Marco erfahren. 97 Tage ist er enthaltsam geblieben, dann hält er es nicht mehr aus. Er masturbiert zu Nacktbildern und Pornos, gleich viermal nacheinander, Abwärtsspirale, fühlt sich wieder im Unreinen mit sich selbst. Aufgeben will Marco nicht, er will ein Leben ohne Pornos und ohne Selbstbefriedigung. Er beginnt von Neuem. Es ist Ende März – Tag 10.

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