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Bleiben Sie mir vom Leib!

Jemanden aus Versehen umarmen, der einem nur die Hand geben wollte oder andersherum: Begrüßungsunfälle sind unerträglich.
Von Mercedes Lauenstein
  • social phobie begru ßungsunfa lle
    Illustration: Federico Delfrati

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Folge 1: Die Angst vor Begrüßungsunfällen.

 

Ich möchte eine Regel einführen, die ab sofort für alle gelten soll und deren Missachtung hart bestraft wird. Sie soll lauten: Pflicht zum unmissverständlichen Händeschütteln bei Begrüßung und Abschied für alle. Ausnahmen nur im engsten Freundes- und Familienkreis gestattet oder unter mittelstarkem bis starkem Alkoholeinfluss aller Beteiligten, und dann bevorzugt in abgedunkelten, von lauter Musik beschallten Räumen.

 

Ich habe eine Phobie vor unkontrollierten Begrüßungen und Abschieden entwickelt. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten

 

Warum so radikal? Ich habe eine Phobie vor unkontrollierten Begrüßungen und Abschieden entwickelt. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Händeschütteln? Wie stark und wie lang? Umarmung? Linksrum oder rechtsrum? Eine echte oder nur eine angedeutete? Mit Rückenstreicheln oder ohne? Lieber Rückenklopfen? Wie lang? Küsschen links, Küssen rechts? Wieviele Küsschen? Küsschen mit Umarmung oder ohne? Oder gar nix, nur ein leichtes Nicken ohne Körperkontakt? Meistens entscheiden sich zwei Menschen aus all diesen Möglichkeiten für die jeweils falsche und dann gibt es einen Unfall. Einen Begrüßungsunfall. 

Der sieht zum Beispiel so aus: Ich strecke meinem Gegenüber die Hand hin und das Gegenüber nimmt sie, kommt aber näher und zieht dabei leicht an meiner Hand, ich denke, oh, er will mich an sich heranziehen, Umarmung, gut, kein Problem. Ich falle also ergeben nach vorn, öffne herzlich die Arme, bin schon fast am Hals der anderen Person angekommen, da merke ich, das war kein Ich-mache-eine-Umarmung-Näherkommen, das war nur ein leichter Schritt vorwärts, meine Umarmung muss sofort gebremst werden! Ich bleibe also abrupt in der Luft hängen, habe den Arm aber schon rausgestreckt zum Gegenüber, muss ihn jetzt irgendwie unauffällig fallen lassen, was ich auch tue, doch in genau dem Moment schon hat der andere sich rübergebeugt, um meine unbeholfene Umarmung höflich aufzufangen, aber da bin nun ich schon wieder weg, und er hängt allein in der Luft. Und so geht die stille Choreographie der Beklommenheit, die sich übrigens niemals in Echtzeit, sondern für alle Beteiligten und Umstehenden in quälender Zeitlupe ereignet.

 

Die stille Choreographie der Beklommenheit ereignet sich für alle Beteiligten und Umstehenden in quälender Zeitlupe 

 

Nach Begrüßungsunfällen tun die meisten Beteiligten so, als wäre nichts geschehen. Ich aber habe nach einer fehlgeschlagenen Begrüßung das dringende Bedürfnis, die Sache zu klären. Sei es nur durch einen blöden Witz oder eine anderweitige Signalisierung der Tatsache, dass das ja grad peinlich war, haha, was solls, haha, naja, egal. Rätselhafterweise macht da keiner mit. Die Peinlichkeit wird einfach überspielt. Mich aber beschäftigt die Banalität der gescheiterten Begegnung noch mindestens fünf Minuten lang. Mein Gegenüber redet längst weiter, aber ich kann nur stottern und kaum einen Gedanken fassen, denn ich bin noch viel zu beschämt. Die Kette der Unsouveränitäten nimmt kein Ende. Mein Gesicht glüht, und das sehen die anderen, peinlich, außerdem muss ich an später denken. Was, um Gottes willen, machen wir später, wenn das Verabschieden ansteht? Wiederholen wir das armselige Ballett? Hoffentlich nicht. Wahrscheinlich aber schon. Keiner weiß es. Man kann über so etwas nicht reden. Was soll man auch sagen? „Entschuldigen Sie, da es nun ja etwas verwirrend war, wie wir uns begrüßen und verabschieden, wollte ich vorab, Sie wissen schon, wegen später, mal fragen, wie wir das in Zukunft machen wollen: Händedruck, Umarmung, linksrum, rechtsrum, Küsschen, wieviele, sagen doch einfach Sie!“? Macht keiner! Niemand! Nie!

 

Jeder Mensch ist sein eigenes Land und das ganze Leben ein permanentes Kollidieren mit den ganz privaten Mini-Kulturkreisen anderer Personen

 

Und das ist ja eigentlich gut so. Begrüßungsunfälle werden als Banalität begriffen, grad geschehen, schon vergessen. Mir aber sind sie mehr als das. Mir sind sie einer dieser lichten Momente, in denen mir wieder einmal klar wird, wie einsam ich auf der Welt bin. Wie wenig ich wirklich von den anderen weiß, egal, wie nah ich ihnen auch sein mag. Was haben sie vor, was hatten sie vor, wie sieht die Welt aus ihren Augen heraus aus, wie konnten wir uns bei etwas so Einfachem wie einer Begrüßung so missverstehen?

 

Darin bestätigt sich die grässliche Ahnung, dass man einfach gar nichts im Leben unter Kontrolle hat, nicht die eigenen Gefühle, nicht die Außenwirkung, nicht das Selbstbild, einfach nichts, nicht mal eine lapidare Begrüßung im professionellen Umfeld. Passiert einem so etwas in Japan, meinetwegen, andere Länder andere Begrüßungen, da geht man von vornherein mit der Erwartung der Unbeholfenheit heran. Doch die fehlgeschlagene Begrüßung unter Nachbarn oder Arbeitskollegen macht einem endgültig klar: Jeder Mensch ist sein eigenes Land und das ganze Leben ein permanentes Kollidieren mit den ganz privaten Mini-Kulturkreisen anderer Personen. Absolutes Einverständnis gibt es nicht. Man bleibt eingesperrt hinter den eigenen Augen.

 

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