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Wacholder Unsinn?!

Junge Leute fachsimpeln neuerdings über Gin Tonic als wäre es Rotwein. Über eine neue Form des Geschmacksbürgertums.
Von Jan Stremmel
  • wacholder unsinn 1
    Illustration: Daniela Rudolf

Samstagnacht vor ein paar Wochen. In einer lauten Kneipe beugt ein Freund sich über den Tresen und brüllt den Barmann an. "Hast du zum Monkey 47 auch das 1724 Tonic Water? Das erschlägt ja die Arooomen nicht so!"

 

Es ist ein paar Jahre her, da trank am Wochenende plötzlich jeder Gin Tonic. Der war nämlich so schön herb im Vergleich zu Wodka Lemon, den wir sonst getrunken hatten, wenn Bier zu schwach war. Auch wenn wir längst nassgetanzt und besoffen waren, fühlte sich ein Gin-Tonic-Mund immer schön trocken und sauber an. Von Aromen sprach damals keiner. Ganz zu schweigen von Arooomen.

Spaß oder Spießer: Spannungsfeld Gin

Jetzt ist eine neue Ära angebrochen. Die der Gin-Auskenner. Die Gin-Auskenner sind ein typisches Symptom unserer Zeit, weil sie zeigen, dass guter Geschmack das letztgültige Statussymbol ist. Und leider auch, wo guter Geschmack zu Blasiertheit wird.

 

Die Gin-Auskenner sind eigentlich ganz normale Menschen. Ich weiß das, weil viele meiner Freunde seit kurzem Gin-Auskenner sind. Sie studieren Medizin oder arbeiten als Junior-Architekten, da sind sie noch ganz verschieden. Aber in ihren Wohnzimmern steht, oft auf einer hüfthohen Holzanrichte, der immer gleiche kleine Wald aus Flaschen. Ein Wald aus Gin. In den greifen die Auskenner abends rein, wenn Freunde da sind. Nach ein paar Sekunden, die aussehen wie eine reifliche Überlegung, ziehen sie eine Flasche heraus. Und dann erzählen sie.

 

Mit der Gurke fing es an. Heute legt man Fruchtzesten-Teebeutel in den Gin Tonic.

 

Von London Gin, Dry Gin, Old Tom Gin, Sloe Gin und Genever. Und zwar so, als seien das keine farblosen Spirituosen, sondern indogermanische Stämme, die sie seit langem studieren. Sie sagen auch nicht mehr Gin Tonic, sondern Gin and Tonic, die Zeit muss schließlich sein. Und wenn die Zeit mal nicht ist, haben sie eine Abkürzung: "GnT".

 

Und mit diesem GnT experimentieren die Gin-Auskenner: Sie bereiten ihn mit Rosmarinzweigen zu, mit Orangenschalen oder Pfefferkörnern. Sie schenken sich gegenseitig zum Geburtstag kleine Probierkistchen mit neuen Tonic Waters aus Patagonien oder der Bretagne. Dann sagen sie Sätze wie: "Das Thomas Henry hat einfach eine ganz tolle Kohlensäure."

 

Ich erinnere mich, dass es mit dem Hendrick's Gin anfing. Der kam hier vor ein paar Jahren an und hatte ein Gimmick im Gepäck: Man bestellte ihn "mit Gurke". Eine Zeit lang konnten wir mit diesem Detail Eindruck schinden. Erst vor Barkeepern, die dann wissend nickten. Dann nur noch vor den paar Menschen, die wirklich nie in Bars gingen: "Puh, hey, mit Gurke?! Wer schmeißt denn Gemüse in seinen Drink, haha! Aber oh, hmmey, schmeckt ja echt gut, merk ich mir!"

 

So verbreitete sich der Geheimtipp von Gelegenheitstrinker zu Gelegenheitstrinker. Und weil irgendwann jeder das Gimmick mit der Gurke kannte, musste was Neues her. Es folgten: der Miller (den man ohne Gurke bestellt, weil er mit Gurke destilliert wird). Der Sipsmith (den der Auskenner wegen der Fruchtnoten mit Fentimans Tonic Water kombiniert). Der Monkey 47 (aus dem Schwarzwald!), der Adler (Berlin!), und natürlich der Duke aus der Münchner Maxvorstadt. Statt Gurke bekommt man in manchen Bars heute Teebeutel mit Fruchtzesten ins Glas.

 

Der Barmann sagt: "Wodka ist für Wirkungstrinker, Gin für Bildungstrinker."

 

Und es ging aufwärts mit der Auskennerei. Heute klingen ganz normale junge Menschen an Kneipentresen, als säßen sie im Pullunder in einem holzgetäfelten Raucherzimmer und dekantierten Rotwein für die Herren von der Fuchsjagd. Vorher haben sie das Zeug noch getrunken und gelallt: "Lecker, nich' so süß wie Cuba Libre!" Jetzt nippen sie und sagen: "Puh, also Gordon's kann ich ja echt nicht mehr trinken."

 

Das Gin-Trinken ist zur Wissenschaft geworden. Wobei ich da vielleicht Wissenschaftlern Unrecht tue. Die prahlen seltener mit ihrem Wissen. In Hamburg gibt es eine Bar, die mehr als 80 Ginsorten anbietet. Das ist nichts Besonderes, solche Bars gibt es jetzt überall. Aber der Barkeeper dieser Bar in Hamburg hat dem Spiegel einen erstaunlichen Satz diktiert: "Wodka ist für den Wirkungstrinker, Gin ist für den Bildungstrinker." Und das ist genau der Punkt: Die Gin-Auskennerei dient der sozialen Distinktion.

 

Gin Tonic, Verzeihung, Gin and Tonic, ist in diesen Graden der Kennerschaft nicht mehr nur ein Getränk mit Wacholder-Note, es ist ein Statussymbol wie ein Porsche. Der richtige Gin, kombiniert mit dem richtigen Tonic, das sind Codes, mit denen man Geschmack beweist wie mit den richtigen Manschettenknöpfen oder dem doppelten Windsor. Klar kann man auch Tengelmann-Gin und Schweppes saufen. Aber dann ist man halt ein Prolet.

 

Noch ein Zitat: "Das zu mögen, was massenweise zu haben ist, gilt als schlechter Geschmack." Das schrieb im Herbst das Zeit-Magazin in einem Text, der erklärte, worüber sich die wohlhabende Mittelschicht zurzeit definiert: über die Einzigartigkeit von seltenen Produkten. Vom Fahrrad bis zur Auflaufform. So ist es auch mit der Gin-Auskennerei.

 

Schon klar: Ein bisschen Distinktion wissen wir alle zu schätzen. Wir hören nicht irgendwelche Musik und tragen nicht irgendwelche Schuhe und es macht Spaß, über solche Ebenen zu kommunizieren. Die Distinktion beginnt aber zu kippen, wenn man alles gleichzeitig sein will: Bewusster Genussmensch, aber auch trinkfest, gediegener Connaisseur, aber auch lässiges Feiertier. Es gibt einen Punkt, an dem Geschmack zu Blasiertheit wird, Haltung zum Krampf.

 

Und vielleicht ist dieser Punkt genau dort, wo man anfängt, sich über Kohlensäure in Tonic Water zu unterhalten. Über Luft in Wasser.

 

 

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