Wie geht Feiern ohne Alkohol?

Das weiß das Lexikon des guten Lebens.
Von Erik Brandt-Höge
Foto: jala photocase

Freitagabend. Schluss mit Arbeiten, Lernen, Stress. Laptop zu, Musik an, Bier, Wein, Sekt auf. Alkohol, mal mehr, mal weniger, gehört für uns zur Freizeitgestaltung immer wieder automatisch dazu, vor allem abends, vor allem am Wochenende. Findet eine Party statt, findet sie mit Alkohol statt. Gehen wir mit Freunden in Bars, Clubs oder nur in die WG-Küche, haben wir schnell Gläser und Flaschen in den Händen. Weil wir wissen, Alkohol entspannt uns. Macht uns irgendwie locker. Alkohol enthemmt und bewirkt, dass wir eine gute Zeit haben. 

Wir meinen, unser Trinkverhalten kontrollieren zu können: anfangen zu können, wenn der Anlass passend ist und aufhören zu können, wenn es nötig ist. Dabei vergessen wir, was allein die Regelmäßigkeit unseres Alkoholkonsums bewirken kann. „Wenn ich immer zu bestimmten Zeiten Alkohol konsumiere, gehe ich den ersten Schritt in die Gewohnheit“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Bärbel Würdinger, Leiterin der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle des PROP e.V. in Freising. Wer gezielt trinke, um entspannter zu werden, verleihe dem Trinken eine riskante Funktion. Würdinger sagt: „Ein regelmäßiger Rausch am Wochenende oder die tägliche Weinschorle stellt per se noch keine Abhängigkeit dar, kann aber bei unreflektiertem Dauerkonsum zu einer Abhängigkeit führen.“ Eine konsumfreie Zeit sei nicht verkehrt, um die Muster zu durchbrechen.

Natürlich gibt es Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen überhaupt nicht trinken und im Laufe der Jahre ihre ganz eigenen Feier- und Entspannungsrituale kultiviert haben. Sie vermissen den Alkohol nicht. Aber den meisten von uns, die - ob aus einer gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahme, wegen Fahrerpflichten oder nur aus Neugier - das Trinken für eine gewisse Zeit sein lassen, fehlt etwas. Auch weil wir die Freunde sehen, die weitermachen wie bisher, und die irgendwie anders sind als wir, wenn sie trinken und wir nicht. Und weil wir vielleicht auch ein bisschen Angst haben, dass wir nüchtern nicht nur weniger Spaß haben, sondern den Nichtnüchternen auch weniger Spaß machen, also nicht mehr so gut ankommen wie sonst. Wie kriegen wir es also hin, auch ohne entspannende alkoholische Getränke entspannt zu sein? Wie geht der Freitagabend anders?

Würdinger meint, es komme vor allem darauf an, das zu tun, was wir sowieso gerne tun – ob mit oder ohne Alkohol. Ihr Tipp: „sportliche, gewagte und kreative Aktivitäten.“ Sachen, die dem Hirn signalisieren: Da passiert etwas, das uns glücklich macht, auch ohne Alkoholzusatz. Klar, dass diese Dinge dann eher eine Runde Beachvolleyball, Fußball, Frisbee-Werfen im Park, ein Tipp-Kick-Turnier oder ein Spielchen Stadt-Land-Pornotitel am Küchentisch sind als in der Lieblingsbar direkt vor dem Zapfhahn rumzuhängen. Was uns sonst nur mit Alkohol Spaß macht, müssen wir in Alkoholauszeiten nicht zwingend ausprobieren – wobei es auch für dieses Problem Lösungen geben kann. Wer den Spaßverlust am Tresen in der Abstinenzzeit fürchtet, kann statt der üblichen Fertig-Limos auch mal selber mixen. Nein, keine komplizierten Cocktails, für die man Shaker, Crushed Ice und sieben verschiedene Sirupe braucht. Sondern zum Beispiel einfach nur ein Glas Orangensaft und ein Fläschchen Bitter Lemon. Kann zusammen genauso gut schmecken und durch den Abend führen wie Fassbier, Weißwein oder Hugo. Und geht natürlich auch mit Tonic Water oder Ginger Ale statt Bitter Lemon.

Ebenso gut: Softdrinks pimpen. Mit frischer Minze. Oder mit Obst. Oder mit Brausepulver. Denn schon kleine Besonderheiten können den Spaßfaktor beim Trinken erhöhen – auch ohne Alkohol. Alkoholfreies Bier hingegen ist nur so halb sinnvoll in der alkoholfreien Zeit. Denn laut Lebensmittelrecht darf auch dieses bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten (auch in Malzbier kann ein Alkoholrest sein, hundertprozentig alkoholfrei ist nur der Malztrunk) und ist deshalb auch eine Gefahr für trockene Alkoholiker. Nicht, weil 0,5 Prozent sie sofort wieder in die Sucht stürzen würden. Vielmehr, weil der Alkohol lange Zeit ein wichtiger Begleiter und Freund war. Die Psyche kann diese Freundschaft schnell wieder beleben – es reicht schon das Geräusch des abhebenden Kronkorkens. Heißt: Wenn wir das Rahmenprogramm so unterhaltsam gestalten, dass uns der Spaß, der dabei entsteht, ausreicht und deshalb nicht künstlich verstärkt werden muss, haben wir nüchtern automatisch nette Momente.

Fünf Tipps für Spaß ohne Alkohol:

  • Das eigene Trinkverhalten hinterfragen. Einsicht und Ehrlichkeit sind die besten Mittel, um eine Entscheidung zur Abstinenz – kurz oder lang – zu treffen und sich damit zu arrangieren. Würdinger nennt hier den Check-Punkt des „schädlichen Gebrauchs“, das heißt: ob man nach dem Alkoholtrinken schon mal einen Unfall hatte und nun an körperlichen Folgeschäden leidet. Ob Beziehungen scheitern, weil die Freundin oder der Freund mit einem bestimmten Trinkverhalten nicht klarkommt. Oder ob auch Depressionen durch das Trinken verursacht wurden.
  • Spaß bleibt Programm, und das kann man selbst bestimmen. Zum Beispiel, indem man die Freunde fürs nächste Wochenende nicht in die WG-Küche oder die Bar um die Ecke schickt, sondern mit reichlich Equipment in den Park oder an den See. Wann war eigentlich das letzte Mal Nackt- und Nachtbaden angesagt?
  • Jede Stadt hat spezielle Getränkeläden mit nationalen und internationalen Highlights. Ein Besuch lohnt sich, denn dort gibt’s bekannte und unbekannte Getränke in nicht für möglich gehaltenen Farben, Formen und natürlich allen denkbaren Geschmacksrichtungen. Exotisches ersetzt Alkoholisches.
  • Essen bleibt wichtig – und soll weiter Spaß machen. Ein Top-Abendessen plus Top-Nachtisch plus Top-Espresso oder Eiskaffee danach kann den einen oder anderen Drink bestens ersetzen.
  • Auf Vieltrinkerpartys auch viel trinken – und experimentieren. Alles, was die anderen mit Wodka, Gin und Rum auffüllen, mixen, Eis und Strohhalm rein – fertig.

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