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Lufthansa-Piloten hängen nach ihrer Ausbildung in der Luft

Dabei träumen sie vom Fliegen.
Von Marlene Thiele
  • luftnummer jetzt
    kallejipp / photocase.de

Eigentlich sollte Johannes Heß (Name von der Redaktion geändert) seit mindestens zwei Jahren im Cockpit sitzen. Festanstellung, früher Ruhestand, ein Jahresgehalt von 65.000 Euro schon im ersten Berufsjahr, das war der Plan, unter anderem deshalb war Pilot sein Traumjob.

 

Inzwischen sieht er das anders. Er hat keine Festanstellung und er verdient nichts. Stattdessen wartet er. Der 26-Jährige beendet in diesem Jahr ein Bachelorstudium, das er eigentlich nie anfangen wollte. Er hängt in der Luft, statt zu fliegen. 

 

Knapp 900 Nachwuchs-Piloten der Lufthansa haben derzeit keine Ahnung, wie es für sie weitergeht. Die Hälfte von ihnen hat die Ausbildung abgeschlossen, der Rest steckt mittendrin, ohne Abschluss und ohne zu wissen, wann sie die nächste Unterrichtseinheit beginnen können. 

"Es ist schwierig, den Bedarf im Voraus abzusehen", erklärt ein Lufthansa-Sprecher. "Natürlich bedauern wir die Situation der Jungpiloten. Wir haben auch nicht damit gerechnet, dass sich die Einigung mit der Gewerkschaft so hinziehen würde."

 

Seit fünf Jahren streiten die Lufthansa und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit über Verträge der Piloten. Wenn die Piloten nicht billiger würden, bliebe der Konzern nicht wettbewerbsfähig, hieß es von Seiten der Airline. Unter den aktuellen Bedingungen könne man nicht weiter einstellen. Die Gewerkschaft reagierte mit 14 Streiks, bestand auf einigen Eckpunkten in den Verträgen und darauf, dass die Nachwuchspiloten endlich übernommen werden.

 

Als Johannes 2012 seine Ausbildung bei der Lufthansa begann, wurden dort die letzten Absolventen eingestellt. Die nächsten zwei Jahre kamen noch Jungpiloten zu damals angemessenen Bedingungen bei der Konzerntochter Germanwings unter, seit 2014 herrscht Einstellungsstopp. 

 

Heß hatte zu diesem Zeitpunkt die ersten drei Ausbildungseinheiten hinter sich: Theorie in Bremen, erste Flugstunden in Phoenix unter den perfekten Wetterbedingungen der US-amerikanischen Wüste, dann noch einmal Unterricht in Bremen. Insgesamt 150.000 Euro kostet die Pilotenausbildung der Lufthansa, 60.000 Euro müssen die Flugschüler selbst beisteuern, wenn sie einen Job bei der Lufthansa haben. 

Nur rund sieben Prozent der Bewerber bestehen die Eignungsprüfung, geschult wird nach Bedarf. Theoretisch. Tatsächlich starteten bis Ende 2014 neue Ausbildungsjahrgänge, obwohl nicht mehr eingestellt wurde. 

 

Neben ihrer ungewissen Zukunft ist für die Flugschüler auch die Situation in der Ausbildung unbefriedigend: Beim Ausbildungspersonal kommt es zu Engpässen. Die Fluglehrer müssen selbst wieder fliegen und haben keine Zeit zum Unterrichten – während im Cockpit der Nachwuchs ausbleibt, geht der Flugverkehr schließlich weiter. 

 

Johannes Heß wurde nach dem Flugunterricht in Bremen anderthalb Jahre vertröstet, ehe er seine Ausbildung fortsetzen konnte. Geplant war nur eine sechsmonatige Pause, gefordert wurde maximale Flexibilität. "Bei einigen hat die Lufthansa nur wenige Wochen vorher Bescheid gesagt, wann und wo sie als nächstes geschult werden", erinnert er sich, "ein normaler Job mit Kündigungsfrist war kaum möglich." Also überbrücken die meisten fast fertigen Piloten die Zeit mit Gelegenheitsjobs, die man jederzeit wieder beenden kann. Ein paar haben schon vor der Ausbildung gearbeitet und können in diesen Beruf zurückkehren, einige heuern als Flugbegleiter an. Alle sind frustriert. Sie wollen doch eigentlich fliegen.

 

Die Lufthansa nimmt sie nicht, und zu anderen Linien können sie nicht gehen

 

Johannes bekam Geld von seinen Eltern und begann in dieser Zeit das Studium. Er schaffte zwei Semester, ehe er die Ausbildung zum Pilot fortsetzen konnte. Noch fehlt ihm aber der Abschluss, die ersehnte Multi-Crew Pilot Licence (MPL). Doch auch damit wird er an den Konzern gebunden bleiben: Da die Lizenz stark auf den ausbildenden Flugbetrieb ausgerichtet ist, berechtigt sie nur zum Fliegen dort. Bei der Lufthansa wird die MPL erst nach einem speziellen Training im Rahmen der Festanstellung ausgestellt. 

 

Seit einem Jahr ist es zwar rechtlich möglich, die Ausbildung bei einer anderen Airline zu beenden, in der Praxis ist das aber fast nicht umsetzbar. Nur sehr wenige Fluglinien schulen nach MPL – wenn, dann bilden sie meist selbst aus und sind daher nicht auf externe Flugschüler angewiesen.

 

"Das ist genau das Dilemma, in dem die Flugschüler der Lufthansa stecken", sagt Markus Wahl, Pressesprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. "Die Lufthansa nimmt sie nicht, und zu anderen Linien können sie nicht gehen, weil die Lizenz nicht übertragbar ist." Hin und wieder würden Lösungen für Einzelfälle gefunden, dann müsse aber genau abgesprochen werden, wer die Ausbildungskosten trägt. Denn der Deal ist eigentlich: Wer zur Konkurrenz geht, zahlt alles selbst. Das kann sich natürlich kaum einer leisten. Also warten die meisten – manche seit mehreren Jahren. 

 

„Ich kenne Leute, die wachen jeden Tag zornig auf“, erzählt Johannes Heß, „wir wollten schließlich alle bei der Lufthansa fliegen. Die stellt uns nicht ein, will uns aber auch nicht gehen lassen.“

 

Manche sind nach all den Jahren so enttäuscht, dass sie sich einen anderen Lebenstraum suchen – zumindest für den Moment. Abbrechen will kaum einer, die Hoffnung bleibt.

 

Vielleicht ist sie berechtigt: Inzwischen bietet die Lufthansa für Nachwuchs-Piloten mit Lizenz und noch einem Stück Restvertrauen zumindest eine Übergangslösung: Seit 2015 gibt es Zwei-Jahres-Verträge bei den Konzerntöchtern Austrian Airlines, Brussels Airlines und Eurowings. „Die Arbeitsbedingungen sind dort aber weitaus schlechter als bei der Lufthansa selbst“, sagt Wahl. Zum Beispiel verdienen Eurowings-Einsteiger 20.000 Euro weniger im Jahr, haben eine schlechtere langfristige Absicherung und weniger Urlaub.  Die Airlines können teilweise auch gar nicht von der deutschen Gewerkschaft vertreten werden, weil sie im europäischen Ausland angesiedelt sind. Meistens ein schlechtes Zeichen. 

 

Trotzdem nehmen einige diese Übergangs-Angebote an. Manche Absolventen haben mit Mitte 30 noch nicht in die Rentenkasse eingezahlt und nehmen die schlechteren Konditionen jetzt hin, damit es endlich mal losgeht mit dem Berufsleben. „Wir verdienen monatlich knapp 1500 Euro weniger als bei der Lufthansa“, erklärt Sven Scheller, der eigentlich auch anders heißt und zu den 900 Jungpiloten auf der Warteliste gehört.  „Irgendwann möchte man auch mal Geld verdienen. Ich bin verheiratet, ich muss auch an meine Frau denken.“ Svens Geschichte unterscheidet sich nicht wesentlich von Johannes, er hat bloß zwei Jahre früher angefangen und zwischendurch ein bisschen länger aussetzen müssen. Inzwischen lebt der 28-Jährige in Wien und fliegt von dort für Austrian Airlines, trotz schlechterer Konditionen. Seine Frau hat einen Job in Wien gefunden – Familie und Freunde leben aber in Norddeutschland. Gerade im Hinblick auf die Familienplanung wollen die beiden sobald wie möglich dorthin zurückkehren. 

Vielleicht hat Sven Scheller Glück und er bekommt bald den Job, der ihm eigentlich versprochen wurde. Mitte März gaben die Lufthansa und die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit bekannt, dass es endlich eine Lösung gebe. „Wir haben uns quasi geeinigt, dass wir uns einigen wollen“, erklärt Markus Wahl. „Es gibt ein Eckpunktepapier. Die Stichpunkte werden jetzt bis Mitte des Jahres in Verträge gefasst. Dann ist es auch offiziell.“ Insgesamt sollen die Piloten 15 Prozent billiger werden. Dafür garantiert die Lufthansa ihnen eine Flotte von 325 Flugzeugen und verspricht, in den nächsten fünf Jahren 700 neue Co-Piloten einzustellen.

 

Sven Scheller steht ziemlich weit vorne auf der Warteliste. Trotzdem wagt er kaum Optimismus: „Eine unverbindliche Absichtserklärung hat für mich keinen Wert. Die Lufthansa hat uns schon genug versprochen und am Ende nicht gehalten. Wenn man plant, wird man doch nur enttäuscht.“

 

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