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Optimisten sind weniger erfolgreich

Sagt Psychologin Gabriele Oettingen, Autorin des Buchs „Rethinking Positive Thinking”.
Interview von Berit Dießelkämper
  • rethink posizive thinking cover
    Fotos: altanaka / rehvolution/ photocas, Collage: Daniela Rudolf

Positives Denken führt zu positiven Ergebnissen. Auf dieser Prämisse bauen so ziemlich alle Disney-Filme, Herzschmerz-Komödien oder Glückskeks-Orakel auf. Sprüche wie „Dream Big” oder „Shoot for the moon – even if you fail you will land among the stars” zieren Postkarten, Kaffeetassen oder Jutebeutel. Man kann alles erreichen, man muss nur hart genug arbeiten und fest genug daran glauben – ein Satz, an den viele glauben oder zumindest glauben wollen. Stimmt aber nicht, sagt Prof. Dr. Gabriele Oettingen. Sie lehrt als Professorin für Pädagogische Psychologie und Motivation in Hamburg und New York und hat das Buch „Rethinking Positive Thinking” geschrieben. 

jetzt: Sie sagen, Menschen, die mit einer positiven Einstellung an Dinge herangehen, sind seltener erfolgreich. Wie kommt das?

Gabriele Oettingen: Wenn man in die Zukunft träumt, gibt das dem Handeln eine Richtung vor. Diese Zukunftsträumereien haben ihren Sinn, aber wenn man ausschließlich positiv in die Zukunft träumt, dann raubt das einem die Energie, um diese Dinge wirklich umzusetzen.

Wir konnten dieses Befundmuster in verschiedenen Studien beobachten. Zum Beispiel, je positiver die Zukunftsfantasien von Testpersonen, die abnehmen wollten, waren, desto weniger Gewicht haben sie verloren; je positiver die Zukunftsfantasien von Hochschulabsolventen waren, desto weniger haben sie zwei Jahre später verdient; je positiver Menschen darüber fantasierten, mit jemanden, in den sie verliebt waren, zusammenzukommen, desto weniger wahrscheinlich haben sie tatsächlich eine Beziehung mit dieser Person angefangen; und je positiver Studenten vor einer Prüfung über eine gute Note fantasierten, desto weniger positiv war am Ende die Note.

 

Woran liegt das?

Positive Zukunftsfantasien sind weit verbreitet. Sie sind angenehm und verführerisch. Interessant ist: Wenn man Menschen anleitet, positiv über etwas zu fantasieren, sinkt ihre Energie. Das lässt sich anhand von Selbstberichten oder durch den Blutdruck messen. Wenn sie sich die Zukunft positiv ausmalen, entspannen sie sich. Sie fühlen sich, als hätten sie ihr Ziel bereits erreicht. Sie legen erst einmal die Hände in den Schoß. Und das ist das Problem, denn um diese Zukunft tatsächlich zu erreichen, muss man sich anstrengen und Probleme lösen.

 

Also sollte ich zukünftig bei allem vom Schlechtesten ausgehen?

Nein, das ist nicht gemeint. Nur das alleinige Träumen in die Zukunft ist problematisch für das Handeln. Interessant ist in diesem Zusammenhang: Je positiver Menschen die Zukunft sehen, desto weniger depressiv sind sie in diesem Moment. Erst über die Zeit werden sie dann depressiver. Das kommt auch daher, dass sie nichts mehr tun, und wenn sie nichts mehr tun, weniger Erfolg haben.

  • gabriele oettingen klein
    Foto: Privat

Das heißt: Wie man es macht, macht man es falsch. Aber Sie haben eine Methode entwickelt, um Klarheit über seine Wünsche zu bekommen und um diese erreichen zu können. Sie nennen sie  mentales Kontrastieren”. Wie funktioniert das?

Das mentale Kontrastieren ist eine Methode, um Prioritäten zu setzen, sein Verhalten zu ändern und seine Wünsche zu erfüllen. Man definiert zunächst einen machbaren Wunsch, der einem wirklich am Herzen liegt. Danach stellt man sich das bestmögliche Ergebnis lebhaft vor: Was wäre das Schönste, was passieren könnte? Und dann geht man einen Schritt zurück und fragt sich: Was in mir hält mich davon ab, dass ich mir meinen Wunsch erfülle? Das Hindernis kann beispielsweise eine Emotion oder eine schlechte Angewohnheit sein. Wenn man das Hindernis spezifiziert hat, stellt man es sich ganz genau vor. Wie fühlt es sich an, wenn das Hindernis auftritt? Zuletzt überlegt man, was man tun kann, um dieses Hindernis zu überwinden. Man erstellt einen konkreten „Wenn-Dann-Plan” zur Umsetzung: Wenn das Hindernis auftritt, dann verhalte ich mich so. Das Wenn-Dann-Planen ist eine Technik, die von Peter Gollwitzer von der Universität Konstanz entdeckt wurde. Wenn das Hindernis überwindbar ist, dann kommt mit der Problemlösung auch die benötigte Energie. Mentales Kontrastieren ist eine bewusste Vorstellungs-Technik, die zu nicht bewussten Konsequenzen führt und damit das Erreichen der Wünsche möglich macht. 

 

Gaukelt einem das nicht auch vor, alles schaffen zu können – eben nur durch ein anderes Vorgehen?

Nein, denn wenn man betrachtet, was diesem Wunsch entgegen steht und feststellt, dass dieses Hindernis nicht zu überwinden ist, oder momentan etwas anderes wichtiger ist, dann kann man sich auch von dem Wunsch lösen.

 

Das heißt, ich muss mich gegebenenfalls mit etwas weniger Positivem zufrieden geben und meine Erwartungen runterschrauben?

Es sind nicht die Erwartungen, die man anpassen muss, sondern das Streben, einen Wunsch zu erfüllen. Aber natürlich: Im Einzelfall kann der Wunsch auch ganz abgelegt werden. Das nimmt einem oft auch das schlechte Gewissen, denn diese Wünsche sitzen einem nicht mehr im Nacken und man kann sich auf alternative, machbare Wünsche fokussieren.

 

Und das ist jetzt der beste Weg zum Erfolg?

Ich weiß nicht, ob es der beste Weg zum Erfolg ist und das ist auch nicht unser Anspruch. Mentales Kontrastieren ist ein Handwerkszeug, das man anwenden kann, um sich das Leben klarer, bewusster und schöner zu machen. Es hilft einem, Prioritäten zu setzen und klarzumachen, was man wirklich möchte und was wirklich möglich ist. Man räumt auf im Kopf – und das hilft mehr als positives Denken allein.

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