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Mädchen, wann habt ihr euren ersten BH angezogen?

Und wie ging es danach weiter, mit euch und dem Büstenhalter?
Von Jakob Biazza und Nadja Schlüter
  • cover jungsmaedchenfrage bh evolution collage daniela rudolf
    Collage: Daniela Rudolf

Die Jungsfrage: 

Liebe Mädchen,

 

wie blind wir doch all die Jahre waren! Alles haben wir ja schon gefragt. Körbeweise Fragen zu den Körbchen: „Mädchen, kennt ihr eure BH-Größe?“„Mädchen, warum verbrennt ihr immer noch BHs?“ Womöglich daraus geboren: „Mädchen, sollen wir euch Unterwäsche schenken?“  Und dann weiter: „Mädchen, wie ist das mit euch und dem Push-Up?“„Mädchen, wie fühlt sich das an, den BH auszuziehen?“ Und, beim Stöbern gerade mein absoluter Favorit: „Mädchen, warum dürfen wir Bikini-Brüste sehen, BH-Brüste aber nicht?“ Große Sammlung! Blickt in jede Ecke der Rundungen. Lässt keine Frage offen.

Von wegen! Denn die eine große Frage, die diese vielen kleinen großen Frage quasi zusammenhält, wie – nun, keine Experimente jetzt, jetzt bleiben wir sprachlich bitte auch im Kosmos – wie der BH die Brust also, die fehlt. Die Frage will jedenfalls wissen, wie er verläuft, euer Weg zum ersten BH. Und von da aus weiter.

 

Das scheint uns eine Frage von immensen Dimensionen zu sein. Und eine, das merke ich gerade mit Blick auf den vorangegangenen Satz, bei der die Wortspiele sich offenbar nur unter größter Vorsicht vermeiden lassen. Also mal ein paar ganz ernstgemeinte Versuche. Weil: So eine Brust, die ist ja nicht über Nacht da. Man wacht, vermutlich, nicht irgendwann auf und sagt: „Hoppla! Na, dann mal auf zu Palmers!“ Das passiert ja schleichend. Und wie immer, wenn etwas schleichend passiert, brauchst es doch auch da bestimmt eine externe Instanz, die das für einen einordnet. Die einen irgendwann beiseite nimmt und sagt: „Es ist Zeit!“ Oder: „Du bist so weit!“ Oder irgendwas in der Art. Stimmt’s?

 

Ich tippe da mal auf Mütter oder großen Schwestern (und frage mich, wie schwer das für alleinerziehende Väter sein muss …)? Und würde dann gerne wissen, wie sich das anfühlt, wenn der Hinweis kommt: Stolz? Verwirrt? Erwachsen? Nach „Holla, jetzt geht’s los“ oder eher nach „Oh mein Gott, was soll das denn jetzt?!“?

 

Und dann? Wie ist das mit den vielen verschiedenen Modellen und Möglichkeiten? Eher verwirrend oder eher aufregend? Ist da gleich Neugier, was so ein Push-Up leistet? Oder hält man sich die ersten Wochen/Monate/Jahre an das, was die große Schwester einem hingelegt hat, weil das schon unangenehm genug ist? Schleicht ihr ein paar Wochen lang um Teile mit Spitze (in leicht/mittel/sehr durchsichtig, in auffälligen Farben) herum, bevor ihr euch das erste Mal traut, eines mitzunehmen? Wann und wie lässt man den BH mal wieder weg? Und tauscht ihr euch eigentlich darüber aus, was geht und was nicht?

 

Ach so, und wenn ihr schon die ganze Evolution durchexerziert, vielleicht auch noch ein winziger Ausblick, der also quasi eine Klammer mit dem Anfang bildet: Wenn ihr gerne mal auf den BH verzichtet oder diese gerade angeblich so angesagten Bralettes ohne Stützfunktion tragt – habt ihr dann Angst davor, dass irgendwann jemand kommt und euch sagt, dass diese ungestützten Zeiten nun besser vorbei sein sollten?

 

Würde uns interessieren,

eure Jungs

Die Mädchenantwort:

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

ah, mal wieder eine dieser Frage, für die wir uns in die dunkelste Zeit unseres nicht mehr ganz taufrischen Menschenlebens zurückdenken müssen: in die Pubertät. In die Jahre, als unsere Proportionen aus dem Lot gerieten, um sich dann langsam neu zu ordnen, als wir eine Taille und eine Hüfte bekamen, Achselhaare und Pickel und schlechte Laune und: Brüste.

 

Nun habt ihr mit mir eine Autorin erwischt, die das Glück hatte, mit zwei älteren Schwestern aufzuwachsen. Deswegen haben meine Eltern nicht die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, als mein Körper seine Rundungen entwickelte, sondern vermutlich gedacht: „Aha, noch zwei Brüste mehr in der Familie.“ Und im Schrank lagerten sportliche Bustiers aus Baumwolle, die man vorsorglich aufgehoben hatte, nachdem meine Schwestern zu echten BHs übergangen waren. Und mit den Bustiers fing es dann also auch an. Ich erinnere mich nicht genau, meine aber, dass eine meiner Schwestern mir irgendwann nahelegte, ich könne doch mal so einen probieren, weil, naja, man sähe da ja jetzt schon was (sie ging dabei ähnlich vorsichtig vor wie in dem Moment, als sie mir sagte, es sei an der Zeit, mal Deodorant zu benutzen – der mir aber weitaus unangenehmer war und dazu führte, dass ich Sprüh-Deo mit Eisteegeruch verwendete). Und ich meine mich auch zu erinnern, dass ich es ganz angenehm und erwachsen fand, dieses neue Stück Unterwäsche zu tragen. Es war weich und gleichzeitig fest und schützte einen Teil von mir, der empfindlich auf Berührungen reagierte. Fand ich gut.

Leider bleibt es für die meisten jungen Mädchen nicht bei dieser ersten Annäherung, beziehungsweise führt sie leider nicht ohne Umwege zu einem erwachsenen Verhältnis zur eigenen Unterbekleidung. Denn je weiter man in den dunklen Pubertätstunnel vordringt, desto verwirrender und furchtbarer wird ja alles – inklusive einem selbst. Man fängt in sämtlichen Bereichen an zu experimentieren, auch bei der Unterwäsche, und stolpert im Falle des BHs durch verschiedene Phasen, die meistens von einem schwedischen Textilhandelsunternehmen (und eventuell noch der Warenhauskette, in der die eigene Mutter Prozente bekommt), angestoßen und gefördert werden. Weil es da ja so schrecklich viel Auswahl gibt, die zu schrecklichen Entscheidungen führt.

 

Nicht jede macht alle Phasen durch und auch nicht alle in der gleichen Reihenfolge, aber so in etwa sind es diese: die niedliche Phase, in der man mit dem unvermeidlichen Snoopy-Teil rumläuft, als könne man das Erwachsenwerden aufhalten, wenn man nur genug putzige Cartoon-Motive auf dem Busen hat. Die sexy Phase, in der man glaubt, alles, was man als Frau drunter trägt, müsse Schleifchen und Spitze haben und beim Tragen auf der Haut unendlich kratzen, weil es ja nur um Schönaussehen und nicht um einen selbst geht. Und die Form-Phase, in der man all das ausprobiert, was stützt und modelliert, Bügel, Push-ups, verschiedenste Körbchenmodelle. Manchmal fallen auch zwei Phasen zusammen und insgesamt leistet man sich in allen davon Fehltritte. Die haben oft mit Geschmack zu tun, noch öfter aber mit Unwissenheit und sie machen, dass die Brüste komisch aussehen, aus dem Ausschnitt quellen, zu hoch oder zu tief sitzen, dass sich der BH unterm T-Shirt abzeichnet, weil er oben übersteht, und dass es piekst, zwickt, rutscht und unter den Achseln oder an den Rippen drückt.

 

Das Schwerste an der BH-Evolution ist also, herauszufinden, welche Form und welche Größe am besten zu einem passt (eine Kollegin hat da sogar mal extra einen Ratgeber-Text drüber geschrieben). Das ist umso schwerer, solange die Brüste noch wachsen. Und es bleibt auch danach noch anstrengend – denn etwas finden, das unten drunter so gut sitzt, dass oben drüber alles gut aussieht (und im besten Falle so, als hätte man gar nichts unten drunter), ist eben eine ziemlich große Herausforderung. Wenn man endlich hinten aus dem Pubertätstunnel rauskommt, ist man dementsprechend erschöpft und will eigentlich nur noch eins: einen bequemen BH. Und es gibt dann, nach all der Sucherei und allen Fehltritten, diesen tollen Moment, in dem man ihn findet. Den einen, bequemen, perfekten BH. Dieses eine Modell von dieser einen Marke in dieser einen Größe. Man will ihn zehn Mal in verschiedenen Farben kaufen. Weil er so bequem ist, dass man ihn nicht spürt, und so gut sitzt, dass man ihn nicht sieht. Und dann ist man erwachsen.

 

Schön wär’s, es wäre damit vorbei. Ist es aber natürlich nicht. Denn dann kommen zum Beispiel neue Trends auf und alle tragen die von euch angesprochenen Bralettes. Wozu ich aber nur sagen kann: Ist nicht für jeden was. Weil, allen politischen BH-Verbrennungs-Szenarien zum Trotz, ist es immer noch nicht ganz leicht, die Normen, die die Gesellschaft uns und unserem Busen vorgibt, einfach zu ignorieren. Wenn man dann nicht von Natur aus extrafeste, extrarunde Apfelbrüste hat, ist so ein hauchdünner Stofffetzen nicht die erste Wahl. Und dann gibt es ja auch noch biologische Faktoren, wie zum Beispiel Schmerzen beim Joggen oder in bestimmten Zyklusphasen, die sich am besten dadurch vermeiden lassen, dass jemand aufpasst, dass da nicht so viel wackelt. Und dieser Jemand heißt BH. Aber auch abseits von Trends geht das Leben weiter und man wird vielleicht schwanger und kriegt ein Kind, was einen vor ganz neue BH-Herausforderungen stellt. Oder man nimmt ab oder zu (ja, man nimmt auch an den Brüsten ab und zu). Oder man wird alt und die Schwerkraft wird stärker als der eine Super-BH, den man mal gefunden hat. Ihr merkt schon: das mit uns und dem BH, das ist eine neverending Story.

 

Im Gegensatz zu meiner Antwort, die ich hiermit beende. Ich möchte aber gerne noch kurz darauf hinweisen, dass sie ohne ein einziges Wortspiel ausgekommen ist!

 

Gern geschehen,

eure Mädchen

 

 

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