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Mädchen, was ist so toll an "Gilmore Girls"?

Wünscht ihr euch so eine Heile-Welt-Mutter-Tochter-Beziehung, in der die großen Probleme Kaffee, Jungs und die richtigen Klamotten sind?
Von Max Sprick und Mercedes Lauenstein
  • sde jungsfragegilmore saeed adyaninetflixdpa
    Foto: Saeed Adyani / Netflix/ dpa

Liebe Mädchen,

 

„Bitte Luke, bitte bitte!“, das sind die ersten Worte, die die dunkelhaarige Frau mit der hässlichen Strickmütze und dem grellen rosa Cardigan ausspricht. Dabei hält sie einem Kerl (Typ gealterter Holzfäller-Surfer) ihre große Kaffeetasse hin und schmachtet ihn an, wie ein Schulmädchen. „Wie viele Tassen hast du dir heute schon genehmigt?“, fragt der ältere Surfer-Dude. „Fünf! Aber deiner ist der beste!“, antwortet die Strickmütze. „Du hast ein Problem“, erwidert er. Darauf sagt sie, sehr bestimmt: „Ja genau“, und streckt ihm die Tasse noch aufdringlicher entgegen. Er rollt mit den Augen, schenkt aus seiner Filterkaffeekanne aus und seufzt: „Junkie“. Sie beendet die Szene mit: „Engel! Dich hat der Himmel geschickt, Baby!“

Puh. Erste Szenen eines Filmes oder einer Serie müssen krachen, altes amerikanisches Erfolgsrezept. In der allerersten Szene der allerersten Folge von Gilmore Girls kracht gar nichts, höchstens mein Kopf gegen den Schreibtisch.

 

Weil jetzt die neue Staffel Gilmore Girls auf Netflix erscheint und ich überall lese und höre, wie aufregend das ist, gucke ich zum ersten Mal überhaupt in die Serie rein. Recherche. Nein, Selbstversuch. Voller „schlagfertiger Dialoge“ soll die Serie sein, verspricht Netflix. Es gehe um „die Beziehung zwischen der unabhängigen alleinerziehenden Mutter Lorelai und ihrer hochintelligenten Tochter Rory“.

 

Das klingt – für mich – zunächst nicht so spannend. Trotzdem flippen alle meine weiblichen Bekannten aus, sobald man nur das Wörtchen „Gilm..“ auszusprechen beginnt. Warum? Das will ich herausfinden. Also weitergucken.

 

Nachdem also Lorelai, das muss die schmachtende Kaffee-Bettlerin sein, sich mit ihrer Tasse an einen Tisch gesetzt hat, kreuzt ein anderer Gast auf, deutlich jünger als sie. Er spricht sie an, sagt er sei auf der Durchreise. Lorelais Reaktion: „Du bist ein rastloser Reisender!“ Meine Reaktion: Jetzt weiß ich, wo „Bauer sucht Frau“ die Alliterationen herhat. Es folgt ein kurzer awkward moment. Er setzt sich, sagt er heiße Joey. „Wie neeeeeeeett“, antwortet Lorelai. Er fragt, ob sie auch einen Namen habe. „Sicher habe ich auch einen, aber ich bin wirklich verabredet, deshalb...“, antwortet sie.

 

Schlagfertige Dialoge? Na gut, ich lasse mich weiter darauf ein, gebe der Serie noch eine dritte Chance und bleibe dran…

 

Und nach sieben Minuten und zwölf Sekunden drifte ich zum ersten Mal gedanklich ab. Ich google „Faszination Gilmore Girls“ und finde eine Dissertation zum Thema „Sitcoms und ihr wachsender Einfluss auf jugendliche Zuschauer“. Darin schreibt die Autorin, Erfolg und Faszination der „Gilmore Girls“ rührten daher, dass die gute Mutter-Tochter-Beziehung so ausdrücklich betont würde. Lorelai und Rory würden als beste Freundinnen dargestellt, so eine Beziehung wünschten sich auch die vielen jugendlichen Zuseherinnen.

 

Und dann noch die Charaktere: Während Lorelai, die Mutter, oft albern und unausgeglichen agiere, sei Rory, die Tochter, ebenso oft ernst und zielstrebig. Vertauschtes Rollenbild also, das einen angeblich spannenden Beziehungs-Konflikt ergibt.

 

Ihr merkt: Ich verstehe, wenn überhaupt, nur so halb, was diese Serie interessant macht. Was ich mich nach dem Reinschauen aber umso mehr frage: Sucht ihr, wie in der Dissertation behauptet, auch so eine innige Mutter-Tochter-Freundschaft? Wünscht ihr euch eine Mutter wie Lorelai? Eine Heile-Welt-Beziehung, in der die großen Probleme Kaffee, Jungs und die richtigen Klamotten sind? Oder liegt es einfach nur daran, dass in dieser Serie tatsächlich mal zwei Frauen die Hauptfiguren sind?

 

Sagt doch mal!

 

Eure Jungs

 

 

Die Mädchenantwort:

 

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

bis heute lebe ich mit einem Ritual, das ich von Rory übernommen habe: Ich habe immer ein Buch dabei. Egal, wo ich hingehe. Seit Jahren. Und seit Jahren auch immer mal wieder Bücher von der exzellenten „Was ich noch hören/lesen/gucken will“-Liste, die mir „Gilmore Girls“ beschert hat. Allein was Bücher angeht, taucht von Dostojewski über Salinger, Bukowski, Plath bis Butler in der Serie quasi alles auf, was in der Literaturgeschichte wichtig ist. Lorelai und Rory erklären sich ihren Alltag durch versteckte Zitate ihrer Lieblingshelden aus Büchern, Filmen und Songs und immer wieder sind Buchtitel im Bild zu sehen.

 

Vielleicht guckt ihr Jungs also ein bisschen zu viel „Bauer sucht Frau“, um diesen popkulturellen Charme der „Gilmore Girls“ zu verstehen? Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie ihr die Anfangsszene dermaßen fehlinterpretieren konntet:

 

Lorelais Bemerkung mit dem „Rastlosen Reisenden“ ist eine dieser Anspielungen, für die die Serie steht. Vielleicht ist sie etwas holprig übersetzt – na gut, sie ist katastrophal übersetzt. Im Original lautet sie: „You’re a real Jack Kerouac“. Lorelai macht sich mit dieser Bemerkung also über diesen Joey lustig, dessen verrucht gemeinte Wannabe-Attitüde sie nicht ansatzweise beeindruckt.

 

Und diese Szene verrät eigentlich schon alles über den speziellen Vibe von „Gilmore Girls“. Ich habe das am Anfang ja auch überhaupt nicht gecheckt: Wie geht das zusammen, diese einerseits extrem populäre, weichgezeichnete Ami-Serie, die in ihrer Kleinstadtidylle oft hart an seichten Kitsch grenzt, aber andererseits gespickt voll ist von diesen wahnsinnig gut kompilierten popkulturellen Referenzen, weird-lustigen Momenten und Dialogen?

 

Man könnte es vielleicht so sagen: „Gilmore Girls“ war immer so etwas wie die Alternative-Platte, die es irgendwie ins Mainstream-Regal geschafft hatte. Und dort holte sie einen entsprechend dual begabt ab. Einmal in dieser Überschaubare-heile-Welt-Sehnsucht, die einen in der Videothek im schlimmsten Fall heimlich zu Filmen wie „Schlaflos in Seattle“ greifen lässt. Und andererseits in der Lust auf die verschroben-originäre Poesie von Donnie Darko.

 

Allein die Konzipierung der Heldinnen: Rory und Lorelai sind beide emanzipierte Eigenbrötler-Typinnen, hochintelligent und selten um Direktheit verlegen, die ein chaotisch-unangepasstes, aber am Ende doch extrem harmloses Leben in der Kleinstadt leben.

 

Lorelai ist alleinerziehend und arm und verhält sich die meiste Zeit wie ein rebellwütiger, unreifer Teenager – baut sich dann mitten in der Serie aber einfach ihr eigenes Hotel auf und gibt plötzlich ein ziemlich cooles Idol in Sachen weibliches Unternehmertum ab.

 

Rory und ihre koreanische Freundin Lane mit der fiesen Antiquitäten-Händlerin als Mutter sind Popkultur-Nerds und Außenseiter. Und dann gibt es da noch diese etablierten, überreichen Großeltern, die allein schon eine ganze Serie wert wären: Der golfende Sanftmut-Großvater und die First-Lady-like-Großmutter, eine schwarzhumorig autoritäre Furie. Oh, und immer gibt es zuerst einen Drink im Salon, wenn sie sich bei diesen Großeltern zum wöchentlichen Essen treffen. Und dann klackert das Eis so schön im Martini und Rory und Lorelai wirken gleichzeitig bizarr-unbeholfen und wie zum Sterben cool in dieser arrivierten Oberschichts-Kulisse, die mit ihrem eigenen Leben so gar nichts gemein hat.

Alles Momente also, in denen man ein cosy Gefühl bekommt. Man will selbst dabei sein. Man guckt die Serie nicht, weil man nur wissen will, wie es weitergeht. Es ist eine Serie, in der man drin sein will – klingt komisch, aber vielleicht wisst ihr, was ich meine, wenn ihr es euch ex negativo denkt:

 

In „Breaking Bad“ will man zum Beispiel nicht drinnen sein. Da will man sich auch keine Rituale draus klauen. Da ist man einfach nur gebannt, aber eben nicht ganzheitlich involviert. Bei „Gilmore Girls“ eben schon. Da nimmt man, wie Rory, überallhin ein Buch mit. Trinkt mehr Kaffee als gut für einen ist und denkt: Würde Lorelai auch machen! Oh, diese gemütliche Sucht, diese unschuldige Abhängigkeit, dieser rituelle Zauber, der macht, dass alles kurz wieder gut ist, egal wie schlimm es eigentlich ist.

 

Also durchaus die Weltflucht in einen harmlosen sozialen Kosmos, in dem kaum ein Problem nicht durch Kaffee, Freunde und das kindliche Zelebrieren der Jahreszeiten gelöst werden kann.

 

Weniger aber die Sehnsucht nach einer ähnlichen Mutter-Tochter-Beziehung. Weil das ist ja eigentlich eher befremdlich wie nah die beiden sich sind. Wer will so eine hysterische Mutter? Wer so eine brave Tochter? Lorelai nervt in ihrer ausgeflippten Teenie-Art, und Rory in ihrer streberhaften Prüderie. 

 

Aber es ist mit den beiden eben, wie so oft mit Menschen, die einen anfangs zu Tode nerven. Irgendwann liebt man sie. Und genau so ist es mit diesem Ort, Stars Hollow. Am Anfang fürchtet man, nie dazuzugehören, und ist vielleicht sogar froh drum angesichts all der verschrobenen Bewohner. Aber hat man sich erst eingelebt, will man nie wieder weg.

 

 

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