Die Mädchenfrage:

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In unserer Kindheit sind wir noch gleichauf. Im Kindergarten basteln wir alle Marienkäfer aus Buntpapier, einem großen Stein und ein bisschen Farbe, ob Jungs oder Mädchen. Aber irgendwann, ich weiß nicht, irgendwann bekommt die Sache Schlagseite. Die Sache mit dem Do-it-Yourself, oder - wie es im Deutschen so unschön heißt - dem Kunsthandwerk. Denn irgendwann basteln nur noch wir Mädchen Geschenke, Accessoires und Kleinigkeiten selbst, während ihr Jungs das anscheinend ungeil findet. Ich bin eins der DIY-Mädchen, die sich über ihre selbstgeschneiderten Vorhänge, Kissenbezüge, Röcke oder Taschen ausdrückt. Ich schwinge gern Nadel, Hammer und Pinsel und kann mich zum Beispiel in der Umsetzung einer Patchworkdecke vier harte Wochen lang verlieren und mir selbst beweisen, dass ich es draufhabe - nämlich aus wenig ganz viel zu machen, und das jenseits von dem, was man so im Katalog bestellen kann. Am Ende steht dann ein ganz und gar unperfektes Produkt mit viel Selbstmach-Charme, produziert mit meiner Hände Arbeit. Das erdet ungemein! Etwas selbst herzustellen fördert das analytische Denken, mindestens aber die Fähigkeit, nach Anleitung hochindividuell Handfestes entstehen zu lassen. Das sieht vielleicht einfach aus, ist es aber nicht. Und wer schon mal ein Schnittmuster von Burda umsetzen konnte, darf mit Fug und Recht behaupten, schlauer zu sein als andere. Aber neben diesen ganzen ideellen Gründen, hat das Selbermachen noch andere unschlagbare Effekte: Nie bin ich um ein Geburtstagsgeschenk verlegen. Und erhalte ich zu Feiertagen ein pastellfarbenes Dekobuch oder schöne Stoffe, kann ich vor Begeisterung kaum sprechen. Unersetzbar sind auch die Mienen meiner Freundinnen, wenn ich Kinderlätzchen, Wimpelkette oder selbstgestrickte Winterschals für den Nachwuchs überreiche, die nach ihren Wünschen genäht wurden und nicht von Prinzessin Lillifee sind. Trotzdem kann ich mich eines gewissen Unwohlseins nicht erwehren, wenn in einer größeren gemischtgeschlechtlichen Runde die Sprache aufs Selberbasteln kommt. Entweder die Jungs hören vorsorglich weg oder sie machen spöttische Gesichter. Kürzlich erhielt mein selbstgemachtes Windlicht aus Holz, Draht und Moos sogar das unreflektierte Prädikat "Nippes". Doch warum ist das so? Was findet ihr so schlimm an Nähen, Häkeln und Heimwerken? Ich komm nicht drauf, also klärt mich auf, bitte.   Auf der nächsten Seite kannst du die Jungs-Antwort lesen.


Die Jungsantwort:

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Frau Häselbeck war bestimmt keine boshafte Frau gewesen. Nur mussten wir, Buben sagt man offiziell auf bayerischen Grundschulen, in ihrem Unterricht immer Dinge tun, die wir nicht tun wollten. Frau Häselbeck verdonnerte uns zum Beispiel zu einer Entspannungsübung, bei der wir Siebenjährigen mit latenten ADHS-Syndromen unsere Hände so lange wie möglich in der Luft halten sollten, ohne dass sich dabei unsere Fingerspitzen berührten. Anschließend bekamen wir feuchte Tonklumpen in die Hände gedrückt. Was Frau Häselbeck wollte: Dass wir ein Tier kneten, ein möglichst realistisch aussehendes Haus formen, eine Sonneblume gestalten. Was Frau Häselbeck auf keinen Fall wollte: Dass wir den Ton an die Wand werfen, essen, ihn in das Ohr des Nachbarn stecken, einen Penis daraus formen. Die Mädchen machten sich emsig ans Werk und präsentierten schon bald für so kleine Kinderhände erstaunliche Resultate. Sabine formte einen nahezu vollkommen symmetrischen Apfelbaum, Sonja einen Hund, der nicht aussah wie ein Esel und Mareike eine Katze, die zwar aussah wie ein Pferd, aber immerhin wie nicht wie ein eine Qualle. Frau Häselbeck war begeistert und lobte diese kleinen, fleißigen Geschöpfe. Wir Buben aber wurden von Frau Häselbeck beständig ermahnt, unserem Nachbarn nicht den Ton ins Ohr zu stecken und keinen Penis zu formen. Wir murrten, aber fügten uns. Nach beschwerlicher und ebenso harter wie widerwilliger Arbeit präsentierte Robert einen Klumpen und behauptete, es handele sich um einen indianischen Schrumpfkopf, Ulli hatte einen Baum geformt, der schwer zu leugnende Ähnlichkeiten mit einem Geschlechtsorgan aufwies und ich drückte Frau Häselbeck eine Platte in die Hand, welch eine am Rand eine Millimeter hohe Erhebung aufwies und behauptete, dies sei ein Aschenbecher. (Obwohl in meiner Familie niemand raucht, steht das Ding namens Aschenbecher noch immer auf dem Regal meiner Mutter.) Das Basteln also widerstrebte zum einem unserem ich will die Wortmine verwenden natürlichen Bewegungsdrang und war außerdem (oder vielleicht gerade deswegen?) Quell ständiger Frustration: Feinmotorisch waren wir einfach am Arsch. Und so waren wir kein bisschen betrübt, als nach der Grundschule endlich Schluss war mit diesem Stricken, Töpfern, Häkeln und dem ganzen Gedöns. Nie wieder verschwendeten wir auch nur einen Gedanken daran, unsere Kleidung selbst zu produzieren. Selbstgestrickte Kleidungsstücke, so unsere Erfahrung aus Kindheitstagen, als uns noch weibliche Verwandte uns mit ihren Erzeugnissen beschenkten, kratzen und sehen nach Kotze aus. Wenn wir einen Schal wollen, kaufen wir uns einen, von Leuten die das professionell machen. Diese Kluft haben wir bis heute nicht überwunden, Handarbeit ist uns fremd geblieben und die sie Ausführenden sehen wir mit einer Mischung aus Neid, Abscheu und völligem Unverständnis. Vor einigen Wochen fand in einem Münchner Café ein Treffen bastelbegeisterter Mädchen statt, welches die zwei Chefredakteurinnen eines Bastelmagazins initiiert hatten. Die Vorstellung, als grobmotorischer Fremdkörper inmitten elfengliedriger Wesen, die mit flinken Fingern aus nichtssagendem Material wie Filz und Wolle etwas halbwegs Brauchbares anfertigen, ist uns ungefähr genauso fremd, wie beim Schwangerschaftsjoga mitzumachen. Irgendwo sitzt da auch Frau Häselbeck und will eine Entspannungsübung mit uns machen... philipp-mattheis

Text: stefanie-woit - Cover-Foto: credit: Koecki / photocase.com