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Sofort „Get Out“ anschauen!

Das ist ein Befehl! Der Film ist wahnsinnig unterhaltsam, wahnsinnig überraschend, wahnsinnig wahnsinnig – und eine der klügsten Rassismus-Analysen seit Langem.
Von Nadja Schlüter
  • get out cover jetzt
    Foto: Universal Pictures

Die besten Filme haben keine guten Trailer. Weil sie so sehr Film sind, so sehr alles aus dieser Kunstform herausholen, dass es einfach nicht möglich ist, die Essenz auf zwei Minuten zusammen zu kochen.

„Get Out“ ist so ein Film. Einer, bei dessen Trailer der Zuschauer noch denkt: „Was zur Hölle ist das für ein Trash-Film? Und was soll diese komische Rassismus-Ebene da drin?“ Oder auch einfach nur: „Ach du meine Güte, ein Horrorschocker, guck ich nicht, erschreck ich mich zu sehr.“ Und dann schaut man ihn doch an – und ist danach völlig begeistert von dieser irren Mischung aus Horrorfilm, Komödie und Gesellschaftssatire.

 

„Get Out“ läuft am 4. Mai in den deutschen Kinos an, und aus den USA, wo er schon seit Februar zu sehen ist, eilt ihm ein großartiger Ruf voraus: Kritiker preisen seine Genialität, in der ersten Woche schoss er auf Platz 1 der amerikanischen Kino-Charts und bei Rotten Tomatoes hat er eine Bewertung von 99 Prozent erreicht. Und das alles völlig zurecht. Denn er ist extrem unterhaltsam – und gleichzeitig kommentiert Autor und Regisseur Jordan Peele (der in den USA ein gefeierter Comedian ist und für „Get Out“ das Fach gewechselt hat) darin mit viel Scharfsinn und Humor den Rassismus in den USA, von der Sklaverei bis zur Gegenwart.

Im Zentrum von „Get Out“ steht Chris Washington (Daniel Kaluuya), ein junger, afroamerikanischer Fotograf aus New York City. Chris ist seit einigen Monaten mit Rose Armitage (Allison Williams, bekannt als Marnie aus „Girls“) zusammen, einem bildhübschen, klugen und humorvollen All-American-Girl. Jetzt steht die nächste Beziehungsstufe an: Rose möchte Chris übers Wochenende mit in das Haus ihrer Eltern in Upstate New York nehmen. „Wissen sie, dass ich schwarz bin?“, fragt Chris seine Freundin. „Nein“, sagt Rose – und versichert ihm, er müsse sich keine Sorgen machen. Im Anwesen der Armitages angekommen, scheint das auch erst mal zuzutreffen: Roses Eltern Dean und Missy treten als das typische weiße Ostküstenpaar auf, wohlhabend und linksliberal. Dean betont stolz, dass er ein drittes Mal Obama gewählt hätte, wenn es denn möglich gewesen wäre. 

    • get out regisseur jordan peele
      Foto: Universal Pictures
    • get out 2
      Foto: Universal Pictures
    • get out 1
      Foto: Universal Pictures

Aber die Stimmung kippt schnell. Die beiden schwarzen Bediensteten der Armitages, die Haushälterin Georgina und der Gärtner Walter, benehmen sich wie auf Freundlichkeit programmierte Roboter und sind ziemlich gut darin, aus dem Nichts aufzutauchen und gruselig zu starren. Roses Bruder Jeremy nimmt Chris beim Abendessen in den Schwitzkasten und referiert über dessen „genetisches Material“. Und für die Gartenparty zu Ehren des verstorbenen Großvaters fährt eine Reihe Limousinen vor und spuckt eine ganze Schar weißer Großbürger aus, die Chris im Laufe des Tages davon überzeugen wollen, wie toll sie Afroamerikaner finden („Tiger Woods ist der Größte!“). Chris sieht sich gefangen in einer Welt, in der die Weißen sich gegenseitig dafür feiern, wie „post-racial“ sie sind, dabei aber lächelnd eine rassistische Bemerkung nach der anderen machen. Mehr und mehr stellt sich bei ihm – und mit ihm beim Zuschauer – das Gefühl ein: Hier stimmt etwas nicht.

 

Das ist natürlich das Horrorfilm-Gefühl schlechthin. Dem Guardian sagte Jordan Peele, er liebe dieses Genre über alles und habe es seit seiner Jugend ganz genau studiert. Dass er später im Comedy-Bereich landete, ist dabei kein Widerspruch: Horror und Humor liegen nah beieinander, findet Peele. „Beides erlaubt uns, uns in sicherer Umgebung von unseren Ängsten und unserem Unbehagen zu befreien. Das ist wie Therapie.“ Klassische Katharsis also. In „Get Out“ kann man nun spüren, dass Peele riesigen Spaß daran hatte, Grusel und Lacher miteinander zu verbinden. Herausgekommen ist ein völlig unvorhersehbarer Film: Immer, wenn man sich sicher ist, zu wissen, was gleich passieren wird, passiert entweder gar nichts oder etwas völlig anderes.

 

„Get Out“ ist ein „Social Thriller“: ein Horrorfilm, in dem das Monster die Gesellschaft ist

 

Aber trotz des Grusels und der Absurditäten ist das Setting von „Get Out“ in Teilen sehr realistisch. Und das macht den Film so relevant. Peele sagt, er rechne „Get Out“ eigentlich zu einem Subgenre des amerikanischen Filmszum „Social Thriller“, in dem das Monster immer die Gesellschaft sei. In diesem Falle eine amerikanische Gesellschaft, in der die Menschen auf der Gartenparty der Armitages immer noch das Sagen haben: Wohlhabende Weiße, die – wie die alte Dame, die mit beinahe medizinischem Interesse Chris’ Bizeps betastet – auf Menschen mit anderer Hautfarbe hinabschauen. Mal gönnerhaft, mal hasserfüllt. Schon der Einstieg des Films spielt auf die brutalsten Auswüchse dieses strukturellen Rassismus an: Da läuft ein junger Afroamerikaner durch die dunklen Straßen einer wohlhabenden Vorstadt und sagt seiner Freundin am Telefon, er fühle sich „wie ein Außerirdischer“ und grusele sich. Zurecht, wie sich herausstellen soll. Die Szene erinnert – bis hin zum Telefonat mit der Freundin – an den Fall des 17-jährigen Trayvon Martin, der im Februar 2012 in Sanford, Florida von einem Nachbarschaftswachmann auf offener Straße erschossen wurde.

 

Dass „Get Out“ einen sofort gefangen nimmt, liegt auch an den großartigen Schauspielern. Allison Williams ist die perfekte, moderne, weiße Frau, scheinbar absolut „woke“ und gleichzeitig absolut liebenswert. Sie macht sich über die Partygäste und die eigenen Eltern lustig und verteidigt Chris gegen jeglichen Alltagsrassismus. Sie verankert uns in der Realität und wiegt uns über lange Zeit in Sicherheit. Und Daniel Kaluuya spielt sich so nah an den Zuschauer heran, dass der Chris’ Unbehagen körperlich spüren kann, wenn er den schwarzen Bediensteten im Haus das erste Mal begegnet oder er unter all den Weißen auf der Gartenparty steht.

 

Jordan Peele will „das Publikum mit den tief verwurzelten Ängsten eines Schwarzen vertraut machen“ – und das gelingt ihm ohne einen einzigen Bruch. Immer wieder werden die Unterdrückung der afroamerikanischen Identität in der US-Gesellschaft und der Schmerz, den das bei den Betroffenen auslöst, in einzelnen Szenen gespiegelt. So ist man zum Beispiel genauso verunsichert wie Chris, wenn der einzige andere Schwarze auf der Gartenparty sich seltsam angepasst, also: seltsam weiß benimmt.

 

Noch beängstigender ist eine Begegnung mit der Haushälterin Georgina. Er fühle sich immer unwohl, wenn zu viele Weiße um ihn seien, sagt Chris zu Georgina. „Nein“, antwortet sie. „Nein, nein, nein, nein, nein, nein.“ Und dabei lächelt sie ihr festgetackertes Lächeln und aus ihren absolut leeren Augen laufen ihr die Tränen. Die Gänsehaut, die man in diesem Moment bekommt, ist mehr als der Grusel vor den schrecklichen Geheimnissen im Hause Armitage, hinter die Chris wohl oder übel noch kommen wird. Es ist der Grusel vor dem eigentlichen Monster, das direkt vor unserer eigenen Haustür lauert. Und in uns selbst. 

Rassismus gibt es überall – hier berichten Betroffene aus Deutschland:

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