„Wegen meiner Hautfarbe denken viele, ich sei ein Grapscher“

In seinem Buch „Unter Weißen“ verarbeitet Mohamed seine Erlebnisse mit Rassismus.
Interview von Charlotte Haunhorst

Mohamed Amjahid wurde 1988 in Frankfurt geboren. Als Kind zog er mit seinen Eltern zurück nach Marokko und kam zum Studium zurück nach Deutschland. Er arbeitet als Reporter beim Zeitmagazin.

© Götz Schleser

jetzt: Wann ist dir das erste Mal bewusst geworden, dass deine Hautfarbe einen Unterschied macht?

Mohamed Amjahid: Abstrakt war es mir schon als Kind klar, richtig verstanden habe ich es aber erst, als ich fürs Studium zurück nach Deutschland kam. An meinem ersten Tag an der Uni in Berlin stand in der Toilettenkabine die Parole „Araber ins Gas“. Das hat mir zu denken gegeben. Und dann gab es noch diese Situation im Seminar, bei der eine Kommilitonin mich angeschrien hat.

Was war da passiert?

Sie hatte etwas gesagt – es ging um das politische System – und ich erwiderte: „Wir reden hier aber auf einer anderen Ebene.“ Damit meinte ich: Eine andere Ebene im politischen System. Sie hat daraufhin allerdings ihr Mäppchen auf mich geworfen und geschrien: „Ihr Ausländer macht unsere Unis kaputt! Ihr habt überhaupt keinen Respekt und wisst nicht, wie man mit den Leuten richtig spricht!“ Ich habe erst gar nicht verstanden, was da passiert ist.

Viele deiner Erfahrungen in deinem gerade erschienenen Buch "Unter Weißen" haben mich als Mitglied der Mehrheit, der Weißen, ziemlich umgehauen. Zum Beispiel wenn du beschreibst, wie dir auf Ämtern Aufenthaltsgenehmigungen verweigert werden, bis du die Bürgschaft von einem Weißen mitbringst.

Ich habe eine arabische Freundin, die jetzt an einer deutschen Uni anfängt. Der habe ich geraten: Nimm zu jedem Gang aufs Amt einen weißen, alten Mann mit. Sie spricht perfekt Englisch, aber die Sachbearbeiterin hat eh nur den weißen Mann angesprochen. Am Ende hat sie bekommen, was sie wollte. Das ist simpel und dumm, aber es scheint die Leute zu beeindrucken. Ich bin mittlerweile teilweise besser eingelesen in das Gesetz als einige Sachbearbeiter. Aber trotzdem bin ich oft pragmatisch und nehme die Bürgschaft von meinem Chefredakteur mit. Wenn der Sachbearbeiter den Briefkopf von der Zeit sieht, läuft es. 

Ich habe mich nach der Lektüre schuldig gefühlt. Wie eine, wenn vielleicht auch unbewusste, Rassistin.

In dem Buch will ich die historischen Strukturen aufzeigen, aus denen Rassismus gewachsen ist. Diese Strukturen haben immer Weiße bevorzugt. Trotzdem ist es mir wichtig zu sagen: Nicht alle Weißen sind Rassisten. Ich habe jetzt schon häufiger gehört, dass Menschen alleine schon dadurch, dass ich sie als „Weiße“ bezeichnen, sich beschuldigt fühlen. Aber darum geht es mir nicht! Man muss immer auf das Individuum schauen. Nicht pauschalisieren, sondern mutig besprechen, was mir auffällt. Und dann darüber reden, was man dagegen tun könnte.

"Wenn ich am Flughafen in Eile bin, lasse ich die Pakistaner vorgehen"

Hast du schon einmal körperliche Gewalt erlebt?

Ich wurde in Lichtenberg einmal verfolgt, da hat mich auch jemand mit dem N-Wort bezeichnet. Ich komme mir auch in Racial Profiling Situationen, also wenn die Polizei mich wegen meiner Hautfarbe kontrolliert, bedroht vor. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber die ersten Male habe ich das Problem nicht verstanden. Da dachte ich die ganze Zeit, ich hätte etwas falsch gemacht.

Hat sich dein Verhalten gegenüber der Polizei durch diese Erfahrungen verändert?

Ja, ich habe absurde, aber funktionierende Methoden entwickelt, um nicht rausgezogen zu werden. Ich setzte mich beispielsweise in den Zug und breite die Zeitung groß vor mir aus. Das klingt superdumm, aber dann gehen die Polizisten oft weiter nach dem Motto „Ah, ein intellektueller Araber.“ Auch gemein von mir: Wenn ich am Flughafen in Eile bin, lasse ich die Pakistaner vorgehen. Die werden dann von der Polizei rausgefischt und ich komme durch. Ich hasse mich auch dafür, aber es funktioniert! Außer in Regionalzügen in Bayern. Da könnte ich ein Tütü anziehen und mir Glitzer ins Gesicht schmieren, die ziehen mich trotzdem immer raus.

Welche Privilegien fehlen dir noch, abseits vom Racial Profiling?

Mein Name ist Mohamed. Da denken viele, dass ich mich gleich in die Luft jage. Wegen meiner Hautfarbe denken viele, ich sei ein Grapscher und würde Frauen belästigen. Auf dem Flur hat mich mal ein Kollege mit „Na, du Salafist?“ begrüßt. Sowas erlebe ich täglich.

Wie erlebst du dann die Debatte um die sexuelle Belästigung von Frauen in der Silvesternacht in Köln?

Diese jetzt als „Nafri“-gelabelte Debatte hat mein Vater als Gastarbeiter im Deutschland der Achtzigerjahre ja auch schon erlebt. Auch der menschenverachtende Begriff „Ziegenficker“, den Jan Böhmermann vergangenes Jahr für sein Schmähgedicht aus der Kiste geholt hat, ist damals schon verwendet worden. Aber jetzt wird diese Diskussion medial verstärkt. Ich bekomme Leserbriefe, die beginnen mit „Ey, du Nafri“. Viele Dinge, die lange in den Menschen schlummerten, dürfen jetzt gesagt werden.

Wird von dir automatisch erwartet, dass du dich von diesen Übergriffen distanzierst?

Die ganze Zeit! Von jedem Terroranschlag, von jeder Grapscherei muss ich mich distanzieren. Ich sitze als bekennender Feminist auf Podien und sage, dass keine Frau weltweit begrapscht werden oder sich unsicher fühlen darf. Dass das ein No-Go ist! Und trotzdem fragt danach immer nochmal jemand aus dem Publikum: „Distanzieren Sie sich von Grapschern?“ 

"Seit ich denken kann, wurden über mich und meinen Körper Sachen erfunden"

Warum ist das so, glaubst du?

Weil Vorurteile hartnäckig sind. Es fällt Menschen schwer zu realisieren, dass ein Mohamed trotz seines Namens kein Grapscher ist. Dass 99,9 Prozent der Muslime auch keine Dschihadisten sind. Aber dann schreibt jemand ein Buch vom „islamischen Faschismus“ und das wird ein Bestseller. Mich hat das Wort „postfaktisch“ deshalb auch so geärgert, weil es dieses Phänomen ja schon immer gab. Seit ich denken kann, wurden über mich und meinen Körper Sachen erfunden. Dass ich hypersexualisiert sei, stinke, nicht lesen könne, zuviel Knoblauch äße. Das ist alles erfunden! Das ist, als ob ich jetzt sagen würde: Ein biodeutscher Pilot hat mit Absicht ein Flugzeug in die Alpen gesteuert, also sind alle Deutschen suizidlüstern und wollen Menschen umbringen.  

Mit dem Buch über „islamischen Faschismus“ meinst du den Bestseller von Hamed Abdel-Samad, der sich als Muslim kritisch über den Islam äußert. In deinem Buch hast du für dieses Phänomen ein eigenes Wort: Tokenism. Was bedeutet das?

Jemand sollte unbedingt einen deutschen Wikipedia-Eintrag für dieses Wort anlegen! Anfangs hat es Frauen bezeichnet, die es beruflich nach oben geschafft haben und danach sagen: „Sowas wie Diskriminierung gegen Frauen gibt es nicht.“ Diese Frauen sind dann für viele der „Token“, also der Beweis, dass Frauen es gar nicht schwerer haben als Männer. Das kann man auch auf Privilegien übertragen. In diesem Fall sind Männer wie Hamed Abdel-Samad oder Akif Pirinçci der Token. Die machen pauschale Islamkritik und die Pegida-Anhänger sagen danach: „Dieser Moslem hat es doch geschrieben! Also muss es stimmen!“ Der Tokenism-Theorie zufolge machen Minderheiten das, um auch am Tisch der Mehrheit Platz nehmen zu dürfen. Aber das geht immer nach hinten los.

Warum suchen auch Minderheiten immer noch jemanden, auf dem sie rumtrampeln können?

Weil alles auf eine Norm zuläuft! Du musst weiß sein, männlich, heterosexuell, mindestens der Mittelschicht angehören, eine intakte Familie haben, was auch immer das sein soll. Dieses Ideal wurde uns eingetrichtert, durch Kindergeschichten, Medien, Werbung. Und daran arbeiten sich alle Minderheiten ab. Deshalb tritt man auf die, die es noch schwerer haben als man selbst.

Wen diskriminierst du?

Es gibt eine kolonial etablierte Hautfarbenlehre, die auch in Nordafrika etabliert ist. In meinem Buch zitiere ich da einen jungen Algerier: „Die Europäer haben uns gesagt, wir seien unter ihnen, aber immerhin sind wir noch über den schwarzen Afrikanern.“ Das haben wir in uns drin und müssen wir reflektieren.

"Ich sage immer: 'Ich bin froh, dass ich einen Penis habe'"

In deinem Buch erzählst du vom „Privilegien-Spiel“. Dabei stellen sich alle in einer Reihe auf, es werden Fragen vorgelesen wie: „Sind Sie bislang von sexueller Belästigung verschont gewesen?“ oder „Können Sie problemlos ins Ausland reisen?“. Wer mit „Ja“ antwortet, darf vorgehen. Am Ende dieses Spiels stehst du meist ganz hinten.

Ich bin kein pädagogischer Typ, aber als ich das erste Mal dieses Spiel gesehen habe, war ich begeistert. Weil es so deutlich macht, was Privilegien eigentlich sind. Aus welcher Position heraus man in einem gesellschaftlichen Raum eigentlich spricht. Bei der Belästigungsfrage müsstest du zum Beispiel vermutlich stehen bleiben, ich dürfte nach vorne gehen.

Weil Frauen auch schon weniger privilegiert sind als Männer.

Genau. Ich sage immer: „Ich bin froh, dass ich einen Penis habe.“ Das hilft mir in einigen Situationen. Zum Beispiel beim Männerklüngel. Kein Chef kommt darauf, dass ich schwanger werden könnte und stellt mich deshalb nicht ein. Das ist ein Privileg. Dafür dürftest du bei Fragen zur Diskriminierung wegen deiner Hautfarbe nach vorne gehen und ich müsste stehen bleiben.

In deinem Buch gibt es auch eine Szene, in der du am Münchner Hauptbahnhof die Flüchtlingshelfer interviewen willst. Es ist dir unmöglich, weil alle dich für einen Flüchtling halten und nicht normal mit dir reden. Müssen die Weißen vielleicht gar nicht nur sensibler werden, sondern auch lockerer?

Ja, auf jeden Fall! Ich plädiere dafür, nie verkrampft zu sein! Lockerheit bedeutet aus meiner Sicht nicht, dass man etwas auf die leichte Schulter nimmt. Wenn ich einen dummen Witz höre, mache ich mittlerweile einen besseren Witz. Ich bin kein Freund von Verboten. Ich will auch keine Worte verbieten. Zum Beispiel das N-Wort. Das verbieten zu wollen, motiviert nur einige Privilegierte, es besonders häufig zu benutzen.

Gleichzeitig erklärst du in einem Kapitel deines Buches, warum Schokokuss ein besseres Wort ist als das immer noch oft verwendete "Negerkuss". Sprache ist dir also doch wichtig?

Ich würde nie jemandem vorschreiben, welche Worte er benutzen soll. Wirklich nie. Ich will nur Leute, die sich unsicher sind, ermutigen nachzufragen. Du würdest in einer Redaktion ja auch ungern als Puppe bezeichnet werden, oder?

Nein, fände ich nicht so super.

Genau. Und wenn jemand das aber nicht weiß, wäre es doch toll für dich, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen und das zu klären. So geht es mir eben auch.

Du bist 29, studiert, Redakteur beim Zeitmagazin und hast gerade dein erstes Buch in einem renommierten Verlag veröffentlicht. Eigentlich auch ganz schön privilegiert, oder?

Ja, ich bin sehr privilegiert. Ich kann tun, was ich möchte, bin finanziell abgesichert, habe Arbeit. Ich will auch gar kein Opfer sein. Für all das habe ich hart gearbeitet, das wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Und es gibt trotzdem Privilegien, die ich qua Hautfarbe nicht habe und mir auch nicht erarbeiten kann. Und deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.

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