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Wie das Internet unser Körperbild verändert

Mit dem Handy erforschen und sezieren wir uns fotografisch. Das hat negative Folgen.
Von Nadja Schlüter
  • selfie cover
    Illustration: Katharina Bitzl

Das Schlüsselbein des Menschen ist so lang wie seine eigene Hand. Es ist leicht S-förmig gebogen und verbindet das Brustbein mit dem Schulterblatt. Im realen Leben ist der dünne Knochen ein Schwächling, anfällig für Brüche, im Internet ist das Schlüsselbein ein Star. Hashtag #collarbones: mehr als 500.000 Beiträge auf Instagram. Und noch mal im Singular #collarbone: knapp 200.000 Beiträge. Auf den meisten Fotos sind junge Frauen zu sehen oder Bildausschnitte von jungen Frauen, zwischen Kinn und Brust. Manchmal sind auch Gesichter zu sehen. Oder ein paar Münzen. Die Gesichter sind egal. Die Münzen sind es nicht. Je mehr Geldstücke auf dem Schlüsselbein liegen, desto schlanker die Besitzerin. #collarbonechallenge. 

 

Das Schlüsselbein ist nur eines von vielen Körperteilen, die Instagram-User mit ihren Smartphones in Szene setzen. Tagtäglich, stündlich, ja minütlich sezieren sie mit der Handykamera ihr Leben. Und ihren Körper. Sie analysieren ihn aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln und zerlegen ihn in seine Einzelteile. Sie fotografieren ihre Brust von der Seite (#sideboob), den Bauchnabel von vorne (#bellybutton) oder den Po von hinten (#belfie). Aus dutzenden Fotos wählen sie am Ende das perfekte aus, verschicken die Premium-Edition ihrer selbst über Whatsapp und Snapchat, laden sie bei Facebook oder Instagram hoch. „Schaut her, das bin ich!“, schreien sie in die Welt. Gleichzeitig ahnen sie: Das bin ich nicht.

 

Keine Generation hat sich selbst so oft fotografiert

  

Jeder von uns wurde im ersten Drittel seines Lebens Tausende Mal häufiger fotografiert als unsere Eltern in ihrem ganzen Leben. Von keiner Generation gibt es mehr Fotos. Und keine Generation hat sich selbst so oft fotografiert. Doch der Wahrnehmung des eigenen Körpers scheint das eher zu schaden als zu nutzen.

 

Eine aktuelle Studie der britischen Royal Society of Public Health, für die 1500 14- bis 24-Jährige befragt wurden, besagt, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social Media und der Entwicklung von Depressionen und Angststörungen besteht. Es ist eben belastend, täglich durchtrainierte und „perfekte“ Körper im Internet zu sehen. Vor allem auf Instagram sind die meisten Bilder perfekt inszeniert, ausgeleuchtet, weichgezeichnet. „Instagram sorgt schnell dafür, dass Mädchen und Frauen das Gefühl haben, ihr Körper sei nicht gut genug“, sagt eine Studienteilnehmerin.

Vor allem Frauen und Mädchen, aber auch Männer und Jungs betrachten die Bilderflut aus Schlüsselbeinen, Brüsten und Bauchnabeln, ihren eigenen und fremden, und fragen sich: Welches Foto zeigt, wie ich wirklich aussehe? Wo reiht sich mein Körper zwischen all den anderen ein? Bin ich zu dick? Oder zu dünn? Habe ich zu viele Haare oder zu wenige? 

 

Es ist der Beginn eines Teufelskreises. Um sich auf der Attraktivitätsskala einordnen zu können, macht man immer mehr Fotos von sich. Und hofft, so eine Antwort auf die Frage zu finden: Wer bin ich? Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Abbilder existieren, desto weniger kennt man seine wahre Gestalt. Denn auf jedem Bild sieht man anders aus. Manchmal scheinen zwischen zwei Fotos auf den ersten Blick Jahre zu liegen, dabei waren es höchstens zwei Minuten. Verändert haben sie nur die Pose und den Filter. Brust nach vorne, Po nach hinten, Weichzeichner drüber, schon sehen Bauch und Taille fünf Diäten schlanker aus.

Aber auch die besten Fototricks katapultiert einen nicht an die Spitze der gefühlten Schönheitsskala im Kopf. Denn am oberen Ende stehen nicht etwa die gut aussehende Freundin oder der sportliche Kollege, sondern professionell perfektionierte Ichs. Die Fotos von straffen Yoga-Anhängerinnen am Strand oder muskulösen Jungs vor der Hantelbank transportieren vor allem eine Botschaft: „Seht her, ich habe meinen Körper im Griff, also habe ich mein Leben im Griff.“ 

 

Für die „Pro Ana“-Community ist der perfekte Körper einer, der verschwindet

  

Wie wichtig der Abgleich mit den Profilen anderer Social-Media-Nutzer ist, hat Christian Schwarzenegger untersucht. „Der ständige Vergleich ist sehr wichtig für die Einordnung und Einschätzung des eigenen Körpers und des eigenen Ideals“, sagt der Medienwissenschaftler. Gemeinsam mit zwei anderen Kollegen der Universität Augsburg hat er Fitness-Inhalte auf Instagram-Profilen analysiert und junge Frauen zwischen 18 und 23 interviewt, also die Kernnutzer von Instagram. Das Ergebnis: Weil der eigene Körper beim Vergleichen meist schlechter abschneidet, sorgt das für Stress bei den Nutzern. Der wird noch dadurch verstärkt, dass die Strand-Yogis und Hantel-Jungs anders als das Model auf der Plakatwand gerne für sich beanspruchen, „ganz normale Menschen“ zu sein.

 

Und sie zeigen nicht nur einen idealen Körper, sondern auch einen idealen Lifestyle. Hinter den Bildern, so Schwarzenegger, stecke die Idee des „neoliberalen Erfolgsversprechens“: „Der eigene Körper ist ein Rohstoff, den man aus eigener Kraft veredeln kann. Er ist Ausdruck der eigenen Leistungsbereitschaft und des Erfolgs.“ Das Paradoxe daran sei, dass die Nutzerinnen zwar erkennen würden, dass die Bilder inszeniert seien – das jedoch einfach hinnähmen. „Es ändert nichts daran: Sie finden das Ideal schön und streben es an.“

  

Ein besonders gefährliches Ideal ist die extreme Schlankheit, bis hin zur Magerkeit. Dadurch sind schon seltsame Trends entstanden, die uns online begleiten. Die berühmte #thighgap zum Beispiel, also Bilder von der Lücke zwischen den Oberschenkeln. Oder die #bellybuttonchallenge, bei der der eigene Arm um den Rücken herum bis zum Bauchnabel reichen muss. In die gleiche Kategorie gehören die „Thinspirations“, also die Fotos von extrem dünnen Frauen, die als Motivation fürs Abnehmen dienen sollen.

 

Für die „Pro Ana“-Community, die Magersucht zum Lifestyle erklärt, ist der perfekte Körper einer, der im Begriff ist, zu verschwinden. Schön ist, wo nichts ist. Wo mehr Lücke als Schenkel ist. Mittlerweile sind die Hashtags, die „Pro Ana“-Anhängerinnen oft benutzen, auf Instagram gesperrt – wer sie ins Suchfeld eingibt, bekommt keine Ergebnisse mehr angezeigt. 

 

Die Bilder von „unperfekten Körpern“ werden gemeinsam zu einem Statement

  

„Früher waren es die Männer, die Frauen zum bloßen Objekt degradiert haben. Heute machen sich Frauen mit solchen Fotos selbst zum Objekt“, sagt Ann-Marlene Henning, dänische Psychologin, Sexologin und Autorin der Aufklärungsbücher „Make Love“. Von Freunden und Followern bekämen sie dafür Likes und fühlten sich in ihrem Ziel bestätigt. Die Konsequenz: „Die jungen Frauen spüren sich nicht mehr, sie horchen nicht in sich hinein, es geht nur ums Äußerliche und sie werden unglaublich sensibel für Ablehnung.“ Auch Kontaktanbahnungen würden in der Scheinwelt erschwert. Eine junge Frau stellt Fotos von sich ins Netz, auf denen sie Haare, Haut und Körperumfang verändert hat, dann geht sie zum Date – „und hat Angst, dem anderen Menschen zu begegnen, weil sie ja weiß, dass zwischen ihren Fotos und ihrem Körper Welten klaffen“. 

 

Bei 700 Millionen Instagram-Nutzern weltweit gibt es aber natürlich auch solche, die keine Lust auf Stress und Selbstzweifel haben. Die nicht bei der ewigen Vergleichbarkeit und Inszenierung mitmachen, sondern die Perfektion bekämpfen wollen. Sie kapern bekannte Hashtags der Perfektionisten und machen sich mit ihren Bildern darüber lustig und starten eigene wie #loveyourself, #curvy oder #hairywomen. Egal ob dick oder dünn, extrem groß oder klein, ob mit Cellulite, Speckröllchen, Behaarung oder Behinderung – all diese verschiedenen Körper kann man auf Instagram ja ebenfalls sehen. Gemeinsam werden sie zu einem Statement, in dem Stolz, Trotz und Stärke mitschwingen: „Seht her, auch wenn wir nicht eurer Norm entsprechen, gibt es doch ganz schön viele von uns. Und wir verstecken uns nicht.“ 

 

Das Problem ist: Auch die „Body Positivity“-Bewegung trägt zur Idealisierung und ständigen Vergleichbarkeit bei. Denn die Bilder wirken nur im Kontrast zu ihren Idealen. Und die Urheber der Fotos handeln am Ende genau so wie diejenigen, die sie bekämpfen wollen: Sie greifen zum Telefon. Stellen sich vor den Spiegel. Machen ein Foto.

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