„Wir sind nicht abartig, die Gesellschaft ist es“

Laura hat das Projekt #januhairy initiiert, das Frauen ermutigt, ihre Körperhaare wachsen zu lassen.
Interview von Christina Waechter

Vor zwei Jahren hörte Laura für ein Theaterprojekt auf, sich zu rasieren – und erlebte, wie sich ihre Beziehung zu ihrem Körper grundsätzlich änderte. Unter dem Hashtag #januhairy lädt die Britin alle Menschen auf der Welt ein, genau das zu erleben. Laura ist heute 23 Jahre alt und hat gerade die Uni abgeschlossen. Momentan konzentriert sie sich ganz auf das Projekt „Januhairy“. Wir haben mit ihr telefoniert.

jetzt: Laura, wie ist „Januhairy“ entstanden?

Laura Jackson: Ich habe als Teil meiner Abschlussarbeit für mein Theaterwissenschaftsstudium im Sommer 2018 ein Ein-Frau-Stück geschrieben, inszeniert und aufgeführt. Ich beschloss, als Teil der Performance meine gesamten Körperhaare für das Stück wachsen zu lassen – zum ersten Mal in meinem Leben, seitdem ich mich mit zwölf Jahren zum ersten Mal rasiert hatte.

Und wie war das?

In den ersten Wochen fühlte ich mich wahnsinnig unwohl. Es war einer der heißesten Sommer in England – und ich rannte mit schwarzen Jeans und langärmligen Tops herum, um mich zu verstecken. Aber dann fing ich an, meine Haare zu akzeptieren und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Und wenn du erst mal anfängst, etwas zu lieben und zu akzeptieren, was du dein ganzes Leben lang gehasst und wofür du dich geschämt hast, dann ist das unfassbar befreiend und selbstermächtigend.

Wie ist daraus ein Projekt geworden, bei dem Frauen weltweit mitmachen?

Seit dieser Erfahrung rasiere ich meine Haare manchmal, manchmal lasse ich sie auch stehen. Und ich dachte: Viele Frauen sind doch wahrscheinlich so wie ich. Vielleicht brauchen auch sie – so wie ich mit dem Theaterstück – ein Ziel, um so ein Projekt anzugehen. Und so habe ich mir Ende 2018 „Januhairy“ ausgedacht, einen Monat, in dem man seine Körperhaare wachsen lässt. 

Wie hat sich dein Verhältnis zu deinem Körper seitdem verändert?

Ich habe mich in meinen Körper verliebt. Erst heute merke ich, wie beschissen ich meinen Körper behandelt habe. Denn um eine „gute Frau“ zu sein, musst du ja ständig deine angeblichen Defizite bearbeiten: Du musst dünner werden, mehr Make-up tragen, einen ganz bestimmten Haarschnitt haben, größere Brüste, kleinere Brüste, schönere Haare, reinere Haut.

Geht es den anderen Teilnehmer*innen ähnlich?

Ja, ich bekomme wirklich viel positives Feedback. Die Mail einer 13-Jährigen aus Australien hat mich besonders berührt. Sie schrieb, wie froh sie darüber war, unsere Website gefunden zu haben. Denn sie hat wohl viel Körperbehaarung und wurde in der Schule dafür gehänselt. Daraufhin zog sie sich zunehmend zurück und schämte sich wahnsinnig. Durch „Januhairy“ hat sie gesehen, dass es total in Ordnung ist, Haare zu haben – auch viele Haare. 

„Wir müssen ja nicht alle haarig sein, um gegen die Gesellschaft zu rebellieren“

Was sagen denn deine Partner dazu?

Meine Körperbehaarung ist ein guter Radar: Sie filtert blöde Leute ganz schnell raus. Wenn jemand meine Beinhaare eklig findet, dann will ich mit demjenigen auch nicht abhängen. Aber viele Menschen, die erst total dagegen sind, realisieren im Gespräch irgendwann, wie absurd die Regeln für „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ sind, denen wir uns alle unterwerfen.

Weißt du, ob die Leute auch nach dem Januar weiter haarig bleiben?

Manche beschließen, sich am 1. Februar zu rasieren. Und ich finde das total in Ordnung. Wir müssen ja nicht alle haarig sein, um gegen die Gesellschaft zu rebellieren. Toll wäre es nur, wenn viele erkennen würden, dass wir eine Wahl haben und dass wir liebenswert sind, ob mit Haaren oder ohne.  

Wie fand deine Familie das?

Meine Mutter ist mein größter Fan. Aber als ich anfing, die Haare wachsen zu lassen, fragte sie mich eines Tages: „Bist du nur faul? Oder willst du irgendwas beweisen?“ Und ich fand das extrem interessant, dass es für sie keine andere Option gab. Offensichtlich kontrollieren auch wir Frauen uns gegenseitig und erklären uns, wie eine Frau auszusehen hat. Und ich glaube, erst dann nehmen das Männer als gegeben an. Aber wenn wir das ändern würden und einfach beschließen, dass es sehr viel mehr Möglichkeiten gibt, würden Männer vielleicht einfach denken: Aha, so ist das jetzt also.

Dieses Jahr verbindest du „Januhairy“ mit Aktivismus gegen den Klimawandel. Wo siehst du da eine Verbindung?

Vergangenes Jahr haben wir für eine Charity namens „Body Gossip“ gespendet, die in Schulen geht und Jungs und Mädchen zeigt, wie man wertschätzend über seinen eigenen Körper spricht – das ist natürlich sehr nah an der Ursprungs-Idee dran. Aber dieses Jahr wollte ich etwas anderes machen – und der Klimawandel ist natürlich das bestimmende Thema. Die Organisation „Tree Sisters“ betreibt Wiederaufforstung von Wäldern und kümmert sich darum, dass die Umwelt geschützt und wieder aufgebaut wird. Ich finde, in gewissem Sinn machen wir das bei „Januhairy“ auch. Wir versetzen unsere Körper in ihren ursprünglichen Zustand zurück und schützen sie so, indem wir alles nachwachsen lassen. Diese Analogie mag ein wenig absurd klingen, aber ich finde sie wunderschön.

„Nippelhaare zum Beispiel: Die meisten Männer wissen nicht mal, dass es die bei Frauen gibt“

Wie kann man denn mitmachen bei „Januhairy“?

Letztendlich kann jede in ihrem Kämmerchen mitmachen, muss kein Bild posten oder es irgendjemandem erzählen. Aber ich ermutige schon dazu, darüber zu schreiben. Eine junge Frau hat zum Beispiel getwittert, dass sie sich nach einer Woche ohne Rasieren fürchterlich fühlte. Daraufhin antworteten ihr viele, dass es ihnen genauso gehe. Hätte sie das nicht erzählt, hätte sie sich bestimmt am nächsten Tag rasiert. Aber so hat sie erfahren, dass sie nicht alleine ist. Ich finde es enorm wichtig, dass wir Frauen unsere haarigen Körper herzeigen. Wir sind nicht abartig, die Gesellschaft ist es.

Ich habe das Gefühl, dass es auch bei Körperbehaarung Abstufungen gibt: Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob ich mir die Achselhaare wachsen lasse oder die Haare am Kinn. Oder?

Ich finde es total interessant, dass wir manche Körperhaare mehr akzeptieren als andere. Nippelhaare zum Beispiel: Die meisten Männer wissen nicht mal, dass es die bei Frauen gibt, weil wir sie immer sofort verschämt ausreißen. Wir denken schon sehr in Stereotypen – als Frau darf ich an bestimmten Körperstellen einfach keine Haare haben. Wenn man den eigenen Körper erst mal machen lässt, was er will, ist das am Anfang sehr eigenartig. Aber je öfter man es sieht, desto normaler wird es. Und irgendwann können wir vielleicht auch die Haare am Kinn lieben.

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