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Illustration: Katharina Bitzl

Sonja Hofer, 26, Master-Studentin, hat aufgehört sich zu rasieren:

„Mit meinem damaligen Freund war es ein Kampf. Von ihm habe ich immer wieder zu hören bekommen: ‚Kannst du dich nicht mal rasieren? Kannst du nicht mal normal sein?‘ Genau darauf wollte ich aber scheißen. Das Gemeckere hat mich sogar motiviert, mich nicht zu rasieren.

Ich habe mit Anfang 20 aufgehört, mich am Körper zu rasieren. Zum Teil aus Rebellion gegen meine Mutter, vor allem aber hatte ich angefangen, mich mit feministischen Theorien auseinanderzusetzen, und wollte das Bild aufweichen, wie eine Frau zu sein oder auszusehen hat. Mich nicht zu rasieren, war für mich eine Form, mich politisch zu positionieren.

Ich habe mich daran erinnert, wie viele Schnitte ich mir beim Rasieren schon zugezogen hatte, und habe mich gefragt: Für wen machst du das eigentlich? Machst du das gerade gerne? Machst du das wirklich für dich? Wem willst du damit gefallen, wie gefällst du dir selbst und wie könntest du dir noch gefallen?

Unrasiert zu sein, hat sich im Intimbereich sehr gut angefühlt und auch unter den Achseln war das überhaupt kein Problem für mich. Mit behaarten Beinen auf die Straße zu gehen, hat mich am Anfang aber viel Überwindung gekostet, vor allem im ersten Sommer. Ich wurde oft schräg angeguckt. In der Kita, in der ich damals als Betreuerin gearbeitet habe, kamen viele Kommentare – von Kollegen, aber auch von den Kindern, die fragten: ,Hä? Bist du eine Frau oder ein Mann?‘

Später habe ich meine Beinhaare teilweise mit Stolz getragen. In meinen feministisch geprägten Freundeskreisen habe ich viel Lob dafür bekommen. Viele Freundinnen sagten aber auch: ,Krass, dass du dich das traust, ich wünschte, ich könnte das auch.‘ Oder: ,Du kannst das ja auch tragen, deine Haare sind nicht so dunkel.‘

 

Mein Freund hat ganz klar gesagt, er finde es schöner, wenn ich im Intimbereich rasiert bin. Und dass Oralsex auch für ihn auch nur dann in Frage komme. Meine Haltung dazu war: Er muss damit klarkommen, dass ich es nicht bin. Andererseits wollte ich auf Oralsex auch nicht verzichten. Manchmal meinte ich dann: Hey, wenn du unbedingt willst, dass ich rasiert bin, dann rasier' du mich doch! Da sind dann manchmal sexy Badewannenzeremonien draus entstanden.

 

Im Nachhinein betrachtet, habe ich das radikale Nicht-Rasieren aber auch wieder für ein bestimmtes Außenbild gemacht und nicht für mich. In letzter Zeit bin ich wieder weggekommen von dem Gedanken, eine Feministin müsse so und so aussehen. Seit ich wieder Single bin, rasiere ich mich wieder mehr unter den Achseln. Im Intimbereich habe ich inzwischen mehr Haarwuchs als früher, da stutze ich ein bisschen. Mit den Beinhaaren lebe ich in Frieden, die bemerke ich gar nicht mehr richtig. Vielleicht rasiere ich sie mal für einen besonderen Anlass, aber eigentlich sind sie mir egal.

 

Ich kann mich inzwischen selber mögen, egal ob ich rasiert bin oder nicht. Und das ist wahrscheinlich der Idealzustand, den ich erreichen wollte.“

 

 

Patrick und die Sache mit dem Bart:

 

Ich hatte mir vor wenigen Monaten einen Bart stehen lassen. Gut, Bart ist übertrieben. Es waren ein paar Haare zwischen Nase und Oberlippe, die trotz d’artagnanhafter Lücke in der Mitte aus der Entfernung einem echten Bart recht ähnlich sahen. Der Rest des Gesichts aber: glatt wie ein Smartphone. Eine genetische Sache; die Männer in meiner Familie haben alle nur wenige Haare im Gesicht.

Jedenfalls: Neulich kaufte ich an einer Tankstelle Zigaretten. Die Frau am Schalter schob sie mir rüber und verabschiedete mich mit einem unaufgeregten „Nächster!“ Ein paar Wochen später war ich wieder dort, mittlerweile wieder ohne „Bart“. Ich bestellte bei der gleichen Frau wieder Zigaretten. Sie sagte: „Ausweis.“ Ich sagte: „Das hier ist mein Autoschlüssel.“ Sie sagte: „Führerschein gibt es jetzt auch ab 17.“ Ich sagte: „Aber in dem Auto da draußen sitzt niemand, weil der einzige Fahrer vor Ihnen steht.“ Sie sagte: „Junge …“ Ich zeigte ihr meinen Ausweis. Sie lachte. „32 Jahre? Sieht man dir nicht an!“

 

Ich bin mir sicher: Eine Szene wie diese kennt jeder, der wenig Bartwuchs hat. Diese demütigenden Momente, in denen man vom Mann zum Jungen gemacht wird.

 

 Mag sein, dass der Hipster-Bärte-Peak schon überschritten ist. Trotzdem gibt es überall Männer mit Bärten. Instagram ist praktisch zugewachsen. #bart – knapp eine Million Treffer. #beard – 26 Millionen Treffer. Aber noch viel mehr natürlich in der echten Welt: Hipsterbärte auf Pomade-Dosen, auf T-Shirts, auf Plakaten, in der Werbung, an 17-Jährigen, auf wirklich jeder Hochzeit in Form von Bartmasken, die man sich für das Polaroidfoto vors Gesicht hält. Selbst im hinterletzten Dorf haben Friseure entdeckt, dass sich durch den Bartkult auch mit Männern endlich Geld verdienen lässt. Altes Motorrad reinschieben, Rasiermesser besorgen, Bier anbieten, zack, fertig ist der Barber-Shop.

 

Es ist unmöglich, dem Bartkult auszuweichen. Manchmal wäre ich auch gerne einer von den Bärtigen. Sie strahlen Autorität aus, mit ihren Vollbärten. Oder verwegene Sexyness, mit ihren Drei-Tage-Stoppeln. Das ginge auch, zum Beispiel durch eine Barttransplantation. In ganz schwachen Momenten ziehe ich sie in Betracht, weil ich mir denke: Einmal aussehen wie so ein richtig kerniger Typ. So indianajonesmäßig. Oder so Typ Intellektueller. Ich würde mich im Stuhl zurücklehnen, nachdenken und dabei meinen Bart zwirbeln. Aber dann hilft mir wieder meine Bequemlichkeit, die sagt: Wenn das dein einziges Problem ist, entspann dich, das ist die ganze Sache nicht wert. Meine Freundinnen hat das jedenfalls nie gestört.

 

Und noch einen Vorteil hat der spärliche Bartwuchs: Glatzen bekommen die Männer in meiner Familie nur im Gesicht. 

 

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