Partner von

„Manche haben sich Sorgen gemacht, weil Simo Muslim ist“

Wie schafft man eine Beziehung, wenn einen nicht nur Kilometer, sondern auch Kulturkreise trennen? Mirja und Simo erzählen.
Protokoll von Johanna Sahm-Ott
  • fernbeziehung cover
    Foto: Privat

Mirja, 25, aus der Schweiz, und Simo, 28, aus Marokko, sind seit vier Monaten ein Paar. Hier berichten die beiden, wie Freunde und Familie auf ihre Beziehung reagiert haben, wie sie mit der großen Distanz umgehen – und was ihre Pläne für die Zukunft sind.

 

„Manche meiner Freunde haben sich Sorgen gemacht, weil Simo Muslim ist“

 

Mirjas Sicht auf die Beziehung mit Simo:

 

„Ich habe Simo vor genau einem Jahr während meines Marokko-Urlaubs kennengelernt. Es war mein letzter Abend und Simo Kellner in dem Restaurant, in dem ich essen war. Er ist mir direkt aufgefallen! Am selben Abend hat er auf Facebook gefühlt die Hälfte meiner Bilder geliket, ohne mir eine Freundschaftsanfrage zu schicken. So sind wir in Kontakt gekommen. Es hat aber etwas gedauert, bis sich daraus mehr entwickelt hat.  

 

Ich liebe Marokko und reise regelmäßig nach Marrakesch. Zwischen unserem Kennenlernen und dem zweiten Treffen lagen trotzdem fast sechs Monate. Zu dem Zeitpunkt waren wir beide noch in einer Beziehung und auch, wenn eine Anziehung zwischen uns zu spüren war, haben wir das Ganze freundschaftlich gehalten. Als ich im Juli 2017 wieder in Marokko war, war mir klar, dass ich meine Gefühle nicht mehr ignorieren kann. Nachdem wir beide unsere Beziehungen beendet hatten, kamen wir relativ schnell zusammen. Dass wir eine Fernbeziehung führen müssen, war uns natürlich klar – aber besser so, als ohne den anderen sein. 

 

Wir versuchen, jeden Abend zu skypen. Da Simo aber bis nachts arbeiten und ich immer früh aufstehen muss, klappt es nicht immer. Besonders schwierig ist es, wenn es Streit gibt. Wenn man sich nicht persönlich sieht, gibt es viel mehr Missverständnisse und man kann auch einfach auflegen und die Anrufe nicht mehr entgegennehmen. Was alles nur noch schlimmer macht. Trotzdem ist für uns immer klar, dass wir uns lieben und dass wir zusammen sein wollen, egal, wie schwer es ist.

 

Die meisten meiner Freunde wussten erst nicht so ganz, wie sie damit umgehen sollen. Aber das hatte eher mit dem schnellen Partnerwechsel zu tun, als mit der Fernbeziehung. Später habe ich dann gemerkt, dass sich manche Sorgen gemacht haben, weil Simo Muslim ist. Aber mittlerweile freuen sich meine Freunde mit mir. Meiner Familie ging es anfangs auch zu schnell und sie haben sich Sorgen gemacht wegen der kulturellen Unterschiede und weil das Bild der Muslime in Europa leider nicht das Beste ist. Mittlerweile haben sie aber größtenteils akzeptiert, dass ich diesen Mann liebe und mit ihm zusammenbleiben will. 

 

Ich wollte immer gerne nach Marokko auswandern, auch schon, bevor ich Simo kannte. Aber als ich mich dann entschieden habe, ein Studium in der Schweiz anzufangen, haben sich alle Pläne geändert. Weil uns klar war, dass wir nicht die nächsten drei oder vier Jahre getrennt voneinander leben wollen, haben wir uns entschieden, sobald wie möglich zu heiraten. Ganz klein und nur auf Papier, damit Simo zu mir in die Schweiz kommen kann. Er hat mir einen Antrag gemacht. Wir heiraten im Januar 2018. Für meine Familie war das noch mal ein Schock, aber die meisten können auch damit mittlerweile ganz gut leben. Einige werden auch zu unserer Hochzeit kommen.

 

„Er wird seine Familie und Freunde verlassen. Alles, damit wir zusammen sein können“

 

Zurzeit stecken wir mitten in den Vorbereitungen. Es soll nun doch eine große marokkanische Feier in Marrakesch geben. Simos Familie, vor allem seine Mutter, wollte das unbedingt für uns organisieren. Neben den Vorbereitungen haben wir sehr viel mit den Papieren für die Hochzeit und Simos Visum zu tun, das ist echt ganz schön stressig! Und trotzdem ist es gut, so wie es ist. Unsere Beziehung ist viel harmonischer geworden, seit wir einen genauen Plan haben. Die Ungewissheit war für uns beide sehr schwer. 

 

Wenn alles gut geht, werden wir für mindestens drei bis vier Jahre in der Schweiz leben. Für Simo wird das viel schwieriger werden, als für mich.  Er wird vorher Deutsch lernen und sich dann hier einen Job suchen. Er wird in ein Land ziehen, in dem er vorher noch nie war. Seine Familie und seine Freunde verlassen, seinen jetzigen Job aufgeben. Alles, damit wir zusammen sein können. 

 

Ich träume davon, nach dem Studium mit ihm in Marrakesch zu leben. Aber vorher möchten wir noch ganz viele Orte zusammen bereisen. Ich will Simo Venedig und Paris zeigen. Und er träumt davon, einmal nach Madrid zu reisen.“

„Ich kann Mirja leider nicht besuchen, weil ich nicht so leicht ein Visum für die Schweiz bekomme“

 

Simos Sicht auf die Beziehung mit Mirja:

„Mirja kam eines Abends in das Restaurant, in dem ich arbeite. Sie ist mir direkt aufgefallen und jedes Mal, wenn ich zu ihr rüber geschaut habe, hat sie mich angelächelt. Sie ist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wir geben unseren Gästen immer einen Evaluationsbogen, in dem Mirja auch ihre E-Mail-Adresse angegeben hatte – darum habe ich sie über Facebook gefunden. Ich war direkt etwas traurig, weil es dort so viele Fotos mit ihrem damaligen Freund gab. Ich war zu dem Zeitpunkt selbst in einer Beziehung, aber nicht glücklich. Mirja hat mir als erstes geschrieben: ‚Bist du der Kellner aus La Maison Arabe?’ Wir haben uns direkt total gut verstanden und viel miteinander geschrieben. 

 

Als wir zusammengekommen sind, haben meine Freunde positiv reagiert. Sie wollten einfach das Beste für mich. Bei meiner Familie sah das etwas anders aus. Vor allem, dass ich in die Schweiz gehen will, war erstmal nicht einfach für sie. Aber mittlerweile freuen sie sich total für uns und sind glücklich darüber, dass wir so glücklich sind.  

 

Es ist nicht immer einfach mit der Distanz, aber wenn man als Paar zusammenhält und weiß, dass man sich liebt, kann man es schafften. Und selbst über die Entfernung hinweg schaffen wir es, füreinander da zu sein. Wenn ich einen stressigen Tag habe oder es mir nicht so gut geht, rufe ich Mirja über Skype an und fühle mich direkt besser. Wir versuchen, jeden Tag miteinander zu telefonieren und Mirja kommt so oft es geht nach Marokko. Sie war im Oktober hier und kommt Ende November wieder. Es tut mir leid, dass sie so viel hin- und herfliegen muss, auch wenn sie Marokko liebt. Aber ich kann sie leider nicht besuchen, weil ich nicht so leicht ein Visum für die Schweiz bekomme. 

 

Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede zwischen Marokko und der Schweiz. Aber Mirja und ich sind sehr respektvoll miteinander und lassen den anderen, wie er ist. Lustig war es, als Mirja zum ersten Mal zum Essen bei meiner Familie war. In Marokko essen wir traditionell mit den Händen und zwar – ganz wichtig! – mit der rechten Hand, da die linke als unrein gilt. Mirja ist Linkshänderin und hat deshalb natürlich beherzt mit der linken Hand zugegriffen. Aber das sind so Kleinigkeiten, die man einfach wissen muss. Auch dass man in Marokko Herzlichkeiten wie Küsse nicht in der Öffentlichkeit austauscht. Aber wir haben es eigentlich immer gut geschafft, uns die verschiedenen Kulturen zu erklären und uns gegenseitig zu respektieren.

 

„In Marokko legt man sehr viel Wert auf  Smalltalk, in der Schweiz ist ein ‚Hallo’ das höchste der Gefühle“

 

Vor circa drei Monaten habe ich Mirja einen Antrag gemacht und sie hat ja gesagt. Als erstes wollten wir zusammen in Marokko leben, aber Mirja möchte gerne studieren. Deswegen gehe ich für die nächsten Jahre in die Schweiz. Ich bin echt aufgeregt und weiß nicht, wie das wird. Ich habe hier einen guten Job, den ich aufgebe, und ich muss unbedingt Deutsch lernen. Ich hoffe, dass ich in der Schweiz schnell Arbeit finde. 

 

Ich bin aber auch sehr gespannt auf das Leben in der Schweiz. In Marokko legt man sehr viel Wert auf Höflichkeit und Smalltalk. Das ist zwar echt schön, aber manchmal auch etwas anstrengend. Allein auf dem Weg von der Arbeit nach Hause treffe ich jedes Mal mehrere Bekannte, nach deren Gesundheit und Familie ich mich erkundige. Mirja meint, in der Schweiz wäre das ganz anders. Da ist ein einfaches ‚Hallo’ das Höchste der Gefühle. Ich stelle es mir entspannt vor, wenn man durch die Stadt laufen kann, ohne mit jedem reden zu müssen. Aber vielleicht wird mir das auch fehlen. 

 

In Mirja habe ich die Liebe meines Lebens gefunden. Ich freue mich so darauf, sie zu heiraten und endlich jeden Tag mit ihr zusammen zu sein. Das beste an der Zukunft ist für mich, mir vorzustellen, dass ich jeden Morgen neben Mirja aufwachen werden und als erstes ihr Gesicht sehe. Das ist Glück für mich und ich hoffe, ich mache sie auch glücklich.“ 

Mehr Fernbeziehungen über Kontinente:

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren