„Ich habe nicht gedacht, dass er zurückkommt“

Wie schafft man eine Beziehung, wenn einen nicht nur Kilometer, sondern auch Kulturkreise trennen? Zwei Paare erzählen.
Protokolle von Katharina Mau und Johanna Bouchannafa
Collage: Lucia Götz, Fotos: privat

„In Ghana war es problematisch, dass wir eine Beziehung hatten und nicht verheiratet waren“

Philipp, 27 und aus dem Emsland, ist seit sieben Jahren mit Marigold, 27 aus Kumasi in Ghana zusammen. Sie erwarten gemeinsam ein Baby. Seine Sicht auf die Beziehung:

"Ich war 2009/2010 für meinen Freiwilligendienst ein Jahr lang in Ghana. Zwei Wochen vor dem Rückflug habe ich Marigold kennengelernt. Wir haben viel gequatscht und gemerkt, da ist etwas zwischen uns. Danach waren wir für sieben Monate getrennt, das war nicht einfach. Am Anfang, als ich zurückkam, habe ich das Jahr und das Land sehr vermisst. Da war es toll, noch Kontakt nach Ghana zu Marigold zu haben. Aber irgendwann ist wieder Alltag eingekehrt und dann habe ich mich natürlich schon gefragt, ob es das wert ist und ob wir eine Beziehung führen können.

Doch als wir uns dann wieder gesehen haben, habe ich gemerkt, dass noch alles da ist. Es war ein Glück, dass wir das wieder auffrischen konnten. In der restlichen Zeit, als ich in Deutschland war und Marigold in Ghana, war es uns wichtig, dass wir jeden Tag telefonieren oder schreiben. Auch wenn wir einmal keine Lust hatten, haben wir uns dazu gezwungen. Denn sonst bleibt mal drei Tage der Kontakt aus und dann besteht die Gefahr, dass die Beziehung sich verläuft. Wir waren sehr offen zueinander. Klar waren Zweifel da, wir haben uns gefragt, ob eine Beziehung auf so große Distanz einen Sinn hat. Aber letztendlich kam es für uns nicht in Frage, aufgrund der Entfernung Schluss zu machen, obwohl wir uns noch lieben.

Anfangs, als ich aus Ghana zurückkam und erzählt habe, dass ich verliebt bin, hat meine Familie das nicht so ernst genommen. Sie meinten: "Komm erst mal wieder an, dann werden wir ja sehen, wie es weiter geht." Nach etwa eineinhalb Jahren haben sie akzeptiert, dass es eine richtige Fernbeziehung ist.

Ich habe mich dann total gefreut, als Marigold mich endlich in Deutschland besuchen konnte. Insgesamt hat sie sieben Mal versucht, ein Besuchervisum zu bekommen. Es hat nur einmal geklappt. Das war nach drei Jahren. Es war Winter und die Kälte kannte Marigold aus Ghana natürlich nicht. Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht, ob sie sich wohl fühlt bei uns auf dem Land. Aber vor allem war ich neugierig auf ihren Besuch und es war dann eine sehr schöne Zeit.

Es war sicher auch gut, dass sie einmal mein Leben in Deutschland kennenlernen konnte. Die Freizeitgestaltung ist oft sehr anders als in Ghana. Hier geht man gerne bis morgens früh feiern. Wenn wir telefoniert haben und ich war gerade mit einem Kumpel unterwegs und es lief Musik, war das manchmal schwierig. Wenn man eine Fernbeziehung führt, ist Eifersucht ein großes Thema. Umgekehrt hatte Marigold viele männliche Freunde, mit denen sie eng zusammen war. Das ist hier vielleicht nicht so verbreitet. Natürlich kommen da Fragen auf, aber ich habe mir immer bewusst gemacht, dass es Unterschiede gibt und, dass ich die akzeptieren muss.

In Ghana war es problematisch, dass wir eine Beziehung hatten und nicht verheiratet waren. Das war etwas repektlos ihrer Familie gegenüber. Wir wollten beide gerne heiraten und im Januar 2016 hat es endlich geklappt. Um in Ghana traditionell heiraten zu können, musste eigentlich auch jemand aus meiner Familie dabei sein. Weil das so schwierig war, hat es sich immer wieder verzögert. Letztendlich durfte jemand aus der Organisation von meinem Freiwilligendienst diesen Part übernehmen. Die Hochzeit war für uns sehr wichtig und auch für ihre Familie als Zeichen, dass wir es ernst meinen.

Danach haben wir in Ghana noch offiziell geheiratet. Wir haben das aus Liebe getan und der schöne Nebeneffekt war, dass wir dann auch eine Familienzusammenführung beantragen konnten. Seit bald drei Monaten ist Marigold jetzt hier in Deutschland. Anfangs war es für mich ein bisschen ungewohnt, dass ich meinen Alltag jetzt noch auf eine andere Person abstimmen muss, aber es ist total schön. Marigold ist schwanger und bald bekommen wir ein Kind. Nun wollen wir erst einmal ein paar Jahre in Deutschland bleiben und dann ist offen, ob wir zusammen woanders hingehen. Ob das Ghana ist, wissen wir noch nicht genau."

Marigold aus Ghana und Philipp aus Deutschland

Foto: privat

„Ich habe am Telefon geweint. Sogar Philipp hat manchmal geweint“

 

Marigolds Sicht auf die Beziehung zu Philipp:

 

"Als Philipp zurück nach Deutschland geflogen ist, habe ich nicht gedacht, dass er zurückkommt. Wenn du in Ghana jemanden kennenlernst, der dann wieder das Land verlässt, ist die Chance, dass ihr zusammenbleibt, vielleicht 20 Prozent.

 

Meiner Familie habe ich nichts von Philipp erzählt. Als ich irgendwann ein paar Freunden sein Foto gezeigt habe, meinten sie: "Er wird nicht zurückkommen. Verschwende deine Zeit nicht damit, auf ihn zu warten." Nur eine Freundin hat gesagt: "Hör nicht auf die anderen. Wenn du mit ihm zusammen sein willst, dann warte auf ihn." Als ich dann sieben Monate später am Flughafen stand und Philipp gesehen habe, war es wir ein Traum. Er war wirklich wieder da.

 

In den Jahren danach, habe ich immer wieder versucht, ein Besuchervisum für Deutschland zu bekommen. Das war sehr anstrengend. Ich musste jedes Mal  die weite Strecke von meiner Heimatstadt Kumasi in die Hauptstadt Accra fahren. Und ich musste die Gebühren für den Visumsantrag zahlen, auch wenn er abgelehnt wurde. Wenn das passierte, hat es sich schlimm angefühlt. Ich habe am Telefon geweint. Sogar Philipp hat manchmal geweint.

 

Ein Mal habe ich ein Visum bekommen und konnte Philipp in Deutschland besuchen. Es war meine erste Reise außerhalb von Ghana. Ich war total neugierig und es hat mir gut gefallen. Philipp hat alles getan, dass ich mich wie zuhause fühle und ich war glücklich, dass ich endlich sehen konnte, wie mein Freund lebt.

 

Ich denke, Philipp hat am meisten für unsere Beziehung gekämpft. Ich hatte öfter Momente, in denen ich aufgeben wollte. Ich wollte ihn so gerne sehen und er war nicht da. Wir haben sehr offen darüber gesprochen. Ich habe ihm gesagt: "Ich halte dieser Fernbeziehung einfach nicht mehr aus. Vielleicht ist es besser, wenn wir beide unsere Wege gehen." Dann hat er auf mich eingeredet. Er hat gesagt: "Lass uns das zusammen durchstehen. Ich weiß, es ist schwer, aber irgendwann können wir zusammen sein und dann wird alles besser."

 

Auf der anderen Seite hatte ich auch immer wieder Angst, dass Philipp mich verlassen könnte. Es ist so einfach, eine Beziehung abzubrechen, besonders, wenn man so weit voneinander entfernt ist. Als wir dann geheiratet haben, habe ich mich viel sicherer gefühlt. Ich war so glücklich. Ich wollte mit ihm zusammen sein, für den Rest meines Lebens. 

 

In Ghana habe ich Marketing studiert und in diesem Bereich gearbeitet. Es war schon etwas schwierig, das zurückzulassen, aber ich habe es gerne getan. Auch meine Familie steht hinter mit. Sie wollen, dass es mir gut geht. Ich bin überglücklich, dass Philipp und ich jetzt zusammen sein können. Wir hatten nie mehr als zwei oder drei Monate am Stück gemeinsam. Ich bin gespannt, wie es ist, wenn wir zusammen leben, wie wir gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten gehen. Und ich freue mich sehr auf unser Baby. "

Miguel aus Nicaragua und Inga aus Deutschland

Foto: privat

„Die längste Trennung war unsere erste, da haben wir uns elf Monate nicht gesehen“

 

Inga, 25 aus Leverkusen, ist seit 2011 mit Miguel, 23, aus La Playa bei Somoto in Nicaragua zusammen. Ihre Sicht auf die Beziehung:

 

"Nach dem Abi habe ich einen Freiwilligendienst in einem Touristenbüro in Nicaragua gemacht, wo Miguel als Guide gearbeitet hat. Wir haben uns also gleich am Anfang meines Jahres kennen gelernt, weil wir Arbeitskollegen waren. Wir waren dann erst ziemlich lange gute Freunde, bevor es gefunkt hat. Als mein Jahr dann rum war und ich zurück nach Deutschland musste, sind wir ein Paar geblieben.

 

Meinem Gefühl nach haben wir das gar nicht bewusst entschieden. Wir haben einfach nicht darüber gesprochen, aber die Möglichkeit Schluss zu machen bestand auch nicht. Wir wussten einfach, dass wir zusammengehören. Zum Glück hat dann auch alles geklappt. Meine Freunde und Familie zuhause in Deutschland waren natürlich total überrascht, als ich ihnen von Miguel erzählt habe und dass wir trotz der 9000 Kilometer Entfernung zusammenbleiben wollen. Vielleicht hat auch der eine oder andere gedacht, dass wir es nicht schaffen. An konkrete Kritik oder Schwarzmalerei kann ich mich aber nicht erinnern. Und letztendlich zählt ja auch nur, was Miguel und ich über die Sache denken.

 

Wobei eine Fernbeziehung natürlich nicht immer leicht ist. Teilweise haben wir uns monatelang nicht gesehen. Mit Vertrauen und Durchhaltevermögen kann man das aber schaffen. Wir hatten vor allem über Telefon und Internet Kontakt und im Endeffekt gehen die Monate, die man voneinander getrennt ist, doch schneller um als es am Anfang scheint.

Wenn wir uns dann gesehen haben, haben wir aber auch direkt mehrere Monate miteinander verbracht. Da mein Bachelorstudium international ausgelegt war, konnte ich beispielsweise ein halbes Jahr nach Nicaragua zu Miguel gehen. Außerdem ist er über den Winter hier gewesen. So hatten wir sozusagen ein richtiges Leben, einen Alltag zusammen. Statt nur kurze Ausschnitte vom Leben des anderen mitzubekommen, waren wir dann immer ein fester Bestandteil.

 

Die längste Trennung war unsere erste, da haben wir uns elf Monate nicht gesehen. Aber je länger man zusammen ist und je mehr Zeit man miteinander verbringt, desto schwieriger werden die Abschiede. Und das geht natürlich auch nicht auf Dauer. Nach drei Jahren haben wir beschlossen, dass es keine Abschiede mehr für uns geben darf, sondern dass wir immer zusammenleben wollten. Daraufhin sind wir zuerst für einige Monate zusammen nach Guatemala gegangen und dann nach Deutschland, wo wir geheiratet haben. Das hatte Konsequenzen für Miguel, er hat für mich seinen Job aufgegeben und ist dann für meinen Master auch noch gemeinsam mit mir nach Schweden gezogen.

 

Inzwischen sind wir seit zwei Jahren glücklich verheiratet, ich stehe kurz vor meinem Masterabschluss, während Miguel sich auf eine Deutschprüfung vorbereitet. Sobald ich den Abschluss habe, wollen wir wieder nach Deutschland ziehen. Ansonsten planen wir nicht sehr konkret, sondern lassen das Leben einfach auf uns zukommen. Miguel möchte gerne sein Deutsch perfektionieren und eine Ausbildung machen. Auf der anderen Seite würden wir gerne noch mehr von der Welt sehen und in anderen Ländern leben. Ach ja, und irgendwann hat man einfach genug von möblierten Zimmern. Eigene vier Wände mit eigenen Möbeln, das wäre schön." 

„Schnee zu sehen war eine ganz neue Erfahrung für mich“

 

Miguels Sicht auf die Beziehung mit Inga: 

 

"Ich habe als Guide in einem Canyon gearbeitet und dann kam Inga für einen einjährigen Freiwilligendienst. Wir haben zusammengearbeitet und als Freunde viel in der Gruppe unternommen. Als wir zusammenkamen, musste Inga schon fast wieder zurück nach Deutschland. Da war es natürlich schon ein bisschen schwierig, sich vorzustellen, dass wir zusammenbleiben würden. Wir wussten ja nicht mal, wann und wo wir uns wiedersehen würden. Aber wir haben es einfach versucht und am Ende hat es ja so auch funktioniert.

 

Es hat mir bestimmt auch geholfen, dass meine Familie und Freunde uns immer unterstützt haben. Zwar war es für die erst einmal eine totale Überraschung, aber ich habe nie Kritik zu hören bekommen. Vielleicht hat mir das auch geholfen, wenn Inga und ich uns längere Zeit nicht sehen konnten. Aber generell liegt es einfach an unserer Beziehung zueinander, dass wir auch die Zeiten mit großer räumlicher Trennung so gut überstanden haben. Wir hatten einfach Vertrauen zueinander.

Nach Ingas Freiwilligendienst bin ich nach Costa Rica gegangen. Wir hatten immer Kontakt über Telefon und Internet, bis sie nach elf langen Monaten wieder nach Nicaragua kam um mich zu besuchen. Dafür bin ich dann aus Costa Rica zurückgekommen. Das nächste Mal war ich an der Reihe mit reisen und ich bin zu Besuch nach Deutschland gekommen, um ein bisschen zu frieren und zum ersten Mal Schnee zu sehen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich und es war auch total spannend, jetzt einmal umgekehrt zu sehen, wie Inga aufgewachsen ist und was für ein Leben sie in Deutschland führt.

 

Konkret entschieden, dass wir ab jetzt zusammenleben wollen, haben wir in dem Moment, in dem es für beide immer schwieriger wurde, getrennt voneinander zu sein. Wir sind zuerst zusammen für einige Zeit nach Guatemala gegangen und danach nach Europa, um hier zu leben, wo wir auch geheiratet haben. Jetzt lerne ich fleißig Deutsch, ich möchte mein Deutsch perfektionieren und vielleicht eine Ausbildung machen. Manchmal vermisse ich es natürlich, einen Job zu haben, vor allem aber meinen alten Job als Guide. Aber es gab ja nur diese eine Option. Einer von uns beiden musste ja sein altes Leben inklusive Job aufgeben. Trotzdem hoffe ich natürlich irgendwann auch in Deutschland zu arbeiten. Oder vielleicht komme ich nochmal dazu in meinem alten Job zu arbeiten, wer weiß. Wir wollen auf jeden Fall noch viel zusammen reisen und in anderen Ländern der Welt leben und neue Dinge und Orte gemeinsam ausprobieren. Wir sind beide einfach totale Abenteuerer und wollen gemeinsam noch viel erleben.Aber wie und wann wir das genau machen, steht noch in den Sternen. Denn so viel können wir nun auch wieder nicht vorausplanen."

Mehr Beziehungsgeschichten: 

  • teilen
  • schließen