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Warum Hamburger immer öfter neben einem Huhn aufwachen

Wer dort einen richtig guten Abend hat, der geht nicht alleine nach Hause, sondern mit Huhn.
Von Liza Marie Niesmak
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    Illustration: Katharina Bitzl

Ein Sonntagmorgen im Juli in den Hamburger Elbvororten: Theresa* öffnet die Augen, blinzelt ein paar Mal und ist sich sicher: Das, was da grade durchs Schlafzimmer stolziert, ist ein Hahn. Rotbraunes Gefieder, auf dem Parkettboden eine Spur seiner Hinterlassenschaften. Theresa rüttelt an der Schulter ihres schlafenden Freundes. “David, da ist ein Hahn in unserem Zimmer”, flüstert sie. Nun starren beide das Tier an. Nach einer Weile scheint auch der Hahn sich wieder seiner Natur bewusst zu werden und kräht kräftig. Im Nebenzimmer erwacht davon Davids Schwester Sophie und beginnt, sich an die vergangene Nacht zu erinnern. 

Wie sie erst im Bunker feierten, dann in ein paar Kneipen am Hans-Albers-Platz Kurze kippten und schließlich mit Sonnenaufgang den Hang zum Hamburger Fischmarkt hinunter torkelten. Dort aßen sie zunächst Backfischbrötchen, lungerten an einem der weißen Stehtische aus Plastik und beschlossen, einen Hahn zu kaufen. „Ich hatte Besuch aus New York und wollte ihnen zeigen, wie geil Hamburg ist“, erinnert sich Sophie. Bei einem Händler, der neben Federvieh auch lebendige Kaninchen verkauft, erstanden sie für zehn Euro einen Hahn in einem gelöcherten Pappkarton. Sie tauften ihn Kentucky. Im Taxi legten sie eine Jacke über den Karton, damit Kentucky nicht krähte.

 

Zu Hause angekommen, stellten Sophie und ihre Freunde den geöffneten Karton in das Zimmer von David, in dem dieser samt seiner Freundin Theresa noch schlief. Minutenlang hockten sie kichernd, auf eine Reaktion wartend, vor der Tür. Doch als nichts passierte, verzog sich nach und nach jeder nach Hause und ins Bett.

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    Foto: privat

Das Huhn im Schlafzimmer am Ende einer durchzechten Nacht – es erinnert an eine Szene aus der US-Komödie “Hangover” von 2009. Dort befindet sich, nach einem eher exzessiven Junggesellenabschied, in der Hotelsuite der vier Protagonisten nicht nur ein Baby und ein Tiger, sondern eben auch ein Huhn. Doch anzunehmen, die Hamburger hätten sich bei ihrem frühmorgendlichen Hühnerkauf an Hollywood orientiert, ist falsch. Wenn überhaupt, dann war es genau andersherum. Denn je mehr junge Hamburger man fragt, desto abstrusere Fischmarkt-Anekdoten, die teilweise bis in die frühen Nuller Jahre zurückreichen, bekommt man zu hören.

 

“Ich arbeite seit 1985 im Tierheim und kenne dieses Problem schon von Anfang an”, erzählt Katharina Woytalewicz, Leiterin des Hamburger Tierheims Süderstraße. Dort werden regelmäßig am Sonntag herrenlose Hühner abgegeben, die in der Nähe des Fischmarktes auf St. Pauli aufgelesen wurden. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Hühner einfach im Taxi zurückgelassen wurden.

 

Im Vollsuff ein Huhn auf dem Fischmarkt zu kaufen, das ist in Hamburg nicht nur Tradition, sondern für viele so etwas wie die Definition eines gelungenen Abends. Während man in anderen Städten Bierkrüge, Bauschilder oder Mercedes-Sterne als Trophäen nach Hause trägt, erwirbt der Hamburger, voller Stolz und ohne Gedanken an morgen, ein Huhn. Das Tier unterm Arm (und das Foto davon) gilt ihm als Beweis dafür, grade eine dieser magischen Nächte erlebt zu haben, von denen er noch jahrelang all seinen Freunden und Jahrzehnte später seinen Kindern erzählen wird.

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    Foto: privat

 Doch warum ist das so? Zunächst einmal zeugt der Hühnerkauf von Durchhaltevermögen. Denn der Fischmarkt im Stadtteil Altona öffnet erst um fünf Uhr morgens, im Winter sogar erst um sechs. Wer also als Hamburger (insbesondere Besuchern von außerhalb) beweisen will, wie ausdauernd man im Norden zu feiern vermag, der kündigt den Fischmarkt schon im Vorfeld als das ultimative Ziel des Abends an. Was bis dahin passiert, ist verschwommene Nebensache. Hauptsache am Ende der Nacht steht das Gruppenfoto mit Fischbrötchen (und Huhn) vor den Silhouetten der bläulichen Hafenkräne auf der anderen Elbseite.

 

Zusätzlich beweist der Hanseat, im Rest der Republik häufig als unnahbar, steif und verkopft verschrien, mit dem impulsiven Hühnerkauf, dass er nicht nur besonders ausdauern, sondern auch besonders hemmungs- und kopflos feiern kann. Beschwingt vom Alkohol lebt er voll im Moment – wohlwissend, dass sein Handeln in naher Zukunft irgendeine Art von Konsequenz haben wird.

 

Doch nicht alle Hühnerkäufer seien verantwortungslose Poser, sagt Tierheimleiterin Woytalewicz. Manche von ihnen sähen sich auch als Retter der Tiere, die dort in engen Käfigen hocken und allenfalls im Suppentopf enden. Diese Theorie bestätigt auch Sophie. „Wir hatten das Gefühl, Kentucky aus seinem schrecklich Käfig-Dasein befreit zu haben“, erklärt sie.

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    Foto: privat

Doch auf die Rettung folgte die Ausnüchterung und die Ratlosigkeit. Wohin mit dem Hahn? Mehrere Bauernhöfe blockten ab. Zu riskant, das Tier in einen Stall mit bestehender Rangordnung zu integrieren. Schließlich bekam Sophie den Tipp, eine Frau namens Gudrun Derlin zu kontaktieren. Über Frau Derlin, die einst ein Jetset-Leben als Model und Kunstagentin führte und nun einen Bio-Bauernhof betreibt, titelte die Bild 2009: “Vom Nacktmodell zu Eier-Frau”. Beim Treffpunkt tauchte dann schließlich eine dralle Frau auf, die ein Kleid trug, das aussah wie ein großes Netz aus Traumfängern. „Sie sagte uns, sie würde Kentucky domptieren und einen Star aus ihm machen“, erinnert sich Sophie.

 

Damals sei ihr das ziemlich egal gewesen, Hauptsache der Hahn sei weg gewesen, bevor ihre Eltern aus dem Urlaub zurückkamen. Doch heute sprechen sie und ihre Freunde oft von Kentucky und seiner skurrilen neuen Besitzerin „Die ganze Story hat uns mega zusammengeschweißt!“, sagt Sophie. Ein Satz, den man über Bierkrüge, Bauschilder oder Mercedes-Sterne wohl so nie hören würde.

 

 

*Namen der WG-BewohnerInnen geändert

 

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