Danke, lieber Mitnehmer!

Wer nicht in der Stadt aufwächst, ist beim Feiern auf Autos angewiesen. Und auf den einen Freund, der immer fährt.
Von Lena Jakat
Bild: jmaass / photocase.de

Es gibt Menschen, die haben das Glück, in der Stadt aufzuwachsen. Wenn sie fünfzehneinhalb sind und aus dem Club komplimentiert werden, steigen sie in den Bus. Oder in die Tram. Oder in die U-Bahn. Oder sogar aufs Fahrrad! Und es gibt Menschen, die wachsen auf dem Land auf. Oder in der reizarmen Wohnzone zwischen Land und Stadt, auf jeden Fall außerhalb eines Transportnetzes, das den Namen verdient. Wenn sie fünfzehneinhalb sind und aus dem Club komplimentiert werden, steigen sie ins Auto. Und manche von ihnen haben dann das Glück, eine ganz besondere Sorte Mensch in ihrem Nachtleben zu haben: den Mitnehmer.

Der Mitnehmer ist der, der immer fährt. Der sowohl sein Fahrzeug als auch seine Dienste in einem selbstlosen, ja realsozialistischen Akt dem Wohl der Gruppe unterordnet. Der Mitnehmer verwandelt den „Wer fährt?“-Dialog in ein süßes, inhaltsleeres Wohlfühlritual. Denn es ist klar, wer fährt und die anderen mitnimmt. Ob Samstagnacht auf der Landstraße in die große Stadt, ob zum Brunchen oder zum Wochenendausflug in die Berge: Unermüdlich zieht der Mitnehmer seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche, klappt die Vordersitze seines Kleinwagens um und sieht mit einem Lächeln dem Rest dabei zu, wie er sich auf die Rückbank quetscht.

Und auch, wenn es in einem Freundeskreis mehrere Menschen mit Führerscheinen gibt, Mitnehmer gibt es meistens nur einen. Der Mitnehmer ist der, der immer fährt. Wenn ich an unseren Mitnehmer denke, bin ich sehr dankbar, ein bisschen ratlos und auch ganz schön schuldbewusst.

Deshalb ein später, etwas reuevoller Dank: Lieber Mitnehmer, es tut mir leid. Ich habe deine Fahrdienste immer ein bisschen zu selbstverständlich genommen, allerspätestens, nachdem ich selbst einen Führerschein hatte. Ich habe deine bedingungslose Fahrbereitschaft nie richtig in Frage gestellt und mich vermutlich nicht mal ordentlich dafür bedankt. Also: Vielen Dank. Danke fürs Durchdiegegendkutschieren, danke fürs Nachhausefahren. Und jetzt würde ich von dir gerne noch wissen: Warum hast du das gemacht?

Ich bin schon bei Menschen mitgefahren, die im Suff und Kreisverkehr die Grenzen ihrer Fahrkunst getestet haben. Und bei solchen, die zu bekifft waren, um abzubiegen. Bei dir war das anders. Nie wärst du betrunken oder high gefahren. Der letzte Rest guten Gefühls in so mancher Nacht kam aus dieser absoluten Gewissheit: dass du mich immer gut nach Hause bringen würdest. Warum hast du das getan?

Konntest du wirklich ohne Alkohol genauso viel Spaß haben wie wir mit? Oder war dir zumindest der bequeme Heimweg wichtiger als der Rausch, wie du immer betont hast? Oder hast du das nur gesagt, damit wir Mitgenommenen uns nicht schlecht fühlen fürs Mitgenommenwerden?  

Hast du es am Ende aus reiner Hilfsbereitschaft getan? Aus ehrlichem Altruismus heraus? Ein reiner Freundschaftsdienst – im Wortsinn? Warst du besorgt um meine Sicherheit? Besorgter als ich es je war?

Ich habe den drückenden Verdacht, Teile deiner Antwort könnten mich verunsichern. Denn es sieht danach aus, als wärst du eindeutig ein besserer Mensch als wir Mitgenommenen – und zwar damals schon, als wir noch in Shotbechern aus Kunststoff nach dem Leben gesucht haben. Wir waren Freunde. Aber du warst darin eindeutig besser. Danke!

 
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