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Wie es ist, auf ein Konzert zu gehen, um zu pennen

Zu Besuch auf einem Schlafkonzert.
Von Marie Ludwig
  • Schlafkonzert
    Foto: Sebastian Weindel

Es ist 15 Uhr. Die Sonne in Baden-Baden brennt vom Himmel. 32 Grad. In der Innenstadt sitzen die allermeisten Menschen gemütlich mit einem Eis unter weißen Sonnenschirmen. Aber nicht alle. In einem großen Saal machen sich gerade 40 Leute fertig für ein Nickerchen. Für ein gemeinsames Nickerchen. Matratze an Matratze. Denn in Baden-Baden findet heute ein Schlafkonzert statt.

Diejenige, die sich das ausgedacht hat, ist Julia Buch. Sie hat an der Pop-Akademie in Mannheim Musik studiert und hatte die Idee zu einem Schlafkonzert in einem Traum. „Als ich dann aufgewacht bin, dachte ich, Mensch, das ist doch genau das, was wir heute brauchen: Musik und Entschleunigung!“, erzählt die 26-Jährige und erinnert sich an die Zeit vor fünf Jahren. Ihr Konzept: Alle Konzertbesucher kommen in einem Raum zusammen, um 70 Minuten lang bei Livemusik auf Matratzen liegend und in Decken eingemummelt zu entspannen und um zu schlafen.

 

Einschlafen ausdrücklich erlaubt

 

„Dieses Konzert findet ausschließlich im Liegen statt“, tönt eine Ansagestimme vom Band durch den Saal. Tanzen, pogen, Stage Diven, ausrasten – all das ist also heute nicht geplant. All das, was bei normalen Konzerten zur Grundausstattung gehört, soll es hier nicht geben. Aber dafür, so erzählt es die Stimme weiter, ist Einschlafen ausdrücklich erlaubt. Kann das funktionieren?

 

Der barocke Festsaal, in dem sonst Paare ihre Hochzeit feiern, füllt sich langsam mit Konzertbesuchern. Auf dem Parkettboden liegen Matratzen. Aufgerollte Fleecedecken am Fußende. Es hat etwas von einem ersten Besuch in einem Yogastudio. Tippel, tippel. Blick rechts, Blick links. Liegt da schon jemand? Brauch ich die Decke wirklich? Wurschtel, wurschtel.

Die 22-jährige Annika muss ihren Eltern erstmal erklären, dass man sich einfach schon auf die Matratze setzen könne. Sie hat den beiden den Konzertbesuch zum Mutter- und Vatertag geschenkt und findet, dass Entspannung genau das Richtige sei. „Oder?“ Annikas Eltern nicken wild. Schick und ordentlich gekleidet sehen die beiden aus und auch ein bisschen so aus, als würden sie sich fehl am Platz fühlen. „Mal abwarten“, sagt Annikas Vater.

 

Dann schließen sich die Flügeltüren. Der Blick ruht auf der barocken Schnörkeldecke. Glitzernde Kristallleuchter. Es riecht nach Sonnencreme und nach einem Hauch teurem Parfüm – nach Baden-Baden im Sommer eben. Und dann kommen die Musiker in den Raum. Julia Buch spielt Klavier und singt. Begleitet wird sie von Gitarrist Kosho, der auch für die Söhne Mannheims auf der Bühne steht, und Schlagzeuger Thorsten Rheinschmidt.

 

Mit den Schlafkonzerten möchten sie eine neue Perspektive auf die Musik werfen – im Liegen eben. „Viele Musiker sind zu Tänzern oder Models geworden, aber die wenigsten können sich noch hinter die Musik zurückstellen“, sagt Buch. Bei ihr jedoch gibt es auf der Bühne keine Show – nichts zu sehen: „Die Musik soll für sich stehen.“

 

Kann man dann nicht gleich auf dem Sofa zu Hause liegen bleiben und Musik hören? Sie findet nicht. Ihre Konzerte seien ein Liveerlebnis. Dadurch, dass man am Boden liegt, hört man die Instrumente nicht nur, sondern spürt sie als Vibration am ganzen Körper. Und man fühlt die Präsenz der anderen, auch oder gerade weil keiner einfach aufsteht oder einen ablenkt wie vielleicht zu Hause.

Damit die Zuhörer nach dem Konzert nicht vollkommen müde sind, hat Julia Buch die Songabfolge in mehreren Phasen komponiert: Abholen, ankommen, ausruhen, aufwachen, aufstehen. Es fängt auf Zimmerlautstärke an und endet dort auch wieder. Zwischenzeitlich ist die Musik nur ganz zart zu hören. Das Schlagzeug schweigt. Der Gesang auch. Und tatsächlich; es funktioniert. Nach einer halben Stunde hallt der erste inbrünstige Schnarcher durch den Saal. Jetzt beginnt die Tiefschlafphase. Doch nicht alle schlafen. Manche liegen einfach nur da, schmunzeln über ihren geräuschvoll schlafenden Nachbarn. Andere können dem Drang, doch nach vorne zu schauen, nicht wiederstehen. Sie drehen sich auf die Seite und schauen zu, wie Kosho auf der Hawaiigitarre – einer der ersten elektrischen Gitarren – schwingende Töne erzeugt. Tanzen will jetzt keiner. Dafür ist die Musik zu ruhig und auch in der Aufwachphase zu melodisch, als dass man aufstehen will – ein bisschen wie bei einer Trance.

 

Die Musik soll entspannen. Spirituell ist sie jedoch nicht – von Walgesängen oder Panflötengedudel weit entfernt. Julia Buchs Songs klingen eher nach Popmusik. Gefühlvolle Texte. Soli auf den unterschiedlichsten Gitarren und ein zurückhaltender Schlagzeuger. Die Songs sind so komponiert, dass sie mit langsamen bpm – also den Beats pro Minute – die Zuhörer runterbringt.

 

"So etwas hatten wir hier noch nie"

 

„Wenn die Musik mit der Frequenz des Herzschlags oder etwas langsamer ist, dann kann man in die Entspannung abtauchen“, erklärt Hans-Günter Weeß. Er ist Leiter eines Schlafzentrums und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und sieht den Besuch eines Schlafkonzerts zwar nicht als Therapiemaßnahme bei Schlafstörungen, aber als Möglichkeit zur bewussten Entschleunigung. „Wir leben in einer 24h-Nonstop-Gesellschaft; Ruhephasen kommen uns da oft abhanden“, sagt Weeß. Den Besuch eines Schlafkonzerts am Nachmittag hält er für sinnvoll, am Abend jedoch empfehle er es nicht. Es sei dann wie ein Schlaf vorm Fernseher. Wer nach einer Schlafphase wieder erwache, habe es beim Wiedereinschlafen umso schwieriger.

„So etwas hatten wir hier noch nie“, sagt Babette Schmahl. Die 32-Jährige ist Hoteldirektorin und plant gewöhnlich die Veranstaltungen für den Barocksaal, der heute als Schlafsaal dient. „Man muss auch mal offen für neue Dinge sein“, sagt sie und erinnert sich dennoch daran, dass der Ticketverkauf etwas schleppend lief. „Ein Schlafkonzert kennt man eben noch nicht“, entschuldigt sie die Baden-Badener. Ein Ticket für das Schlafkonzert kostet 42 Euro – könnte natürlich auch ein Grund für die anfangs mangelnde Nachfrage sein.

Nach dem Konzert sitzen viele noch länger auf den Matratzen – lassen die Musik noch nachhallen, wie es Juliane und zwei ihrer Freundinnen in der ersten Reihe sagen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so gut gefallen würde“, erzählt Juliane und findet, dass es solche Konzerte eigentlich direkt nach der Arbeit unter der Woche geben müsste: „Das wäre optimal zum Runterkommen. Ich bin jetzt auch gar nicht müde.“

  • Schlafkonzert
    Foto: Marie Ludwig

Auch Konzertbesucher Marc konnte die Entschleunigung während der Musik genießen. „Das hier ist was anderes, als irgendwo auf einem Festival biertrunken mitzugröhlen – und ein altbackenes Violinenkonzert war es eben auch nicht“, sagt er. Annikas Mutter hingegen ist nicht überzeugt: „Das war mir einfach viel zu laut“, sagt sie und zieht das „i“ dabei ganz arg in die Länge. „Ich hatte immer Angst, dass es wieder richtig losgeht – so rockige Musik ist nichts zum Schlafen!“ Sie schüttelt einmal energisch den Kopf. „Das war gar kein Rock, Mama!“, merkt Annika pikiert an. Sie jedenfalls sei jetzt richtig entspannt und auch fast eingeschlafen.

Julia Buch und ihr Team können sich noch nicht ganz entspannen. Sie müssen an Konzerttagen oft bis zu drei Mal spielen – sonst lohnt es sich nicht. Im Liegen passen schließlich nur 40 Leute in den Raum. Julia Buch stört sich daran jedoch nicht, sie genießt ihren sechsundzwanzigsten Konzerttag: „Ich habe drei Jahre an einer Handkrankheit gelitten, dass ich jetzt wieder spielen kann ist einfach toll.“ In diesen drei Jahren hat sie selbst nur dagelegen und der Musik zugehört. Heute ist sie schmerzfrei und froh ein Musikkonzept umzusetzen, das ihr eigenes und etwas Neues ist: ein Konzertbesuch, bei dem einem nicht vor Langeweile, sondern mit voller Absicht die Augen zufallen.

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