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„Wir werden nicht gehen“

Foto: Nadja Schlüter

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Am Dienstag hat die US-Regierung DACA für beendet erklärt, ein Programm, das die sogenannten „Dreamer“ schützt. Migranten, die als Kinder ohne Papiere in die USA eingewandert sind. Barack Obama hatte DACA 2012 als Präsidialdekret durchgesetzt, also ohne die Zustimmung des Kongresses. Viele Republikaner hielten und halten das für verfassungswidrig. Der Kongress hat nun sechs Monate Zeit, eine neue Lösung für die Dreamer zu finden, bevor deren DACA ausläuft.

800.000 junge Menschen in den USA haben derzeit ein DACA, das ihnen einen legalen Aufenthalt garantiert und mit dem sie studieren und arbeiten können. Einer von ihnen ist Eduardo Lujan, 24 Jahre alt, aus Arizona. Er ist mit acht Jahren aus Mexiko in die USA gekommen, in Tucson aufgewachsen und erfuhr als Teenager zum ersten Mal, dass er nicht legal im Land ist. Lange hat er dafür gekämpft, studieren zu können. Vergangenes Jahr haben wir Eduardo in Tempe getroffen, wo er die Uni besucht und uns seine Geschichte erzählt hat – und dass die Einführung von DACA für ihn ein kleines Wunder war.

Wir haben Eduardo angerufen, um zu fragen, welche Konsequenzen die Entscheidung der Trump-Regierung gegen DACA für ihn hat.

jetzt: Eduardo, wie geht es dir heute?

Eduardo Lujan: Ich bin traurig und wütend, dass sie DACA beenden. Und es ist sehr nervenaufreibend, nicht zu wissen, was in Zukunft passieren wird. Ich und alle anderen, die das betrifft, wir hängen in der Luft. Ich versuche aber, optimistisch zu bleiben, sonst wird man in dieser Situation ja verrückt.

Hat die Nachricht dich überrascht?

Nein, das nicht. In den vergangenen eineinhalb Wochen wurde die ganze Zeit gesagt: „DACA wird morgen beendet“, und am nächsten Tag wieder „DACA wird morgen beendet“ und so weiter. Wir waren also alle sehr angespannt und haben uns geistig darauf eingestellt, dass es passieren wird.

DACA Teaserbild

DACA Teaserbild

Foto: John Gastaldo / reuters

Du sagst immer „wir“? Sind auch Freunde oder Familienmitglieder von dir betroffen?

Ja, viele meiner Freunde. Sie haben Angst und sind verunsichert. Aber wenn wir darüber reden, sagen wir uns immer, dass es besser ist, positiv zu bleiben.

Du hast DACA sofort nach seiner Einführung 2012 beantragt. Was bedeutet es für dich?

DACA hat mit erlaubt, zu studieren und mich für Stipendien zu bewerben. Ich mache im Dezember  zum Glück meinen Bachelorabschluss, das wird auf jeden Fall noch gehen – aber wenn ich dann  mein DACA verliere, werde ich danach nicht arbeiten dürfen. Vor allem aber gibt mir mein DACA  Sicherheit. Einen legalen Aufenthalt. Es schützt mich davor, aus dem Land abgeschoben zu werden, das ich Heimat nenne, und in ein Land, über das ich nichts weiß. Ich kann einfach in den Supermarkt gehen, ohne Angst haben zu müssen. 

Alle, die schon DACA haben, werden es noch sechs Monate behalten können. In dieser Zeit soll der Kongress eine Lösung für sie finden. Was genau könnte diese Lösung sein?

Ich hoffe darauf, dass der Kongress in den nächsten sechs Monaten den „Dream Act“ überarbeitet und verabschiedet. Das ist ein Gesetzentwurf, der es allen, die schon als Kinder ins Land gekommen sind, ermöglichen soll, eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Der Entwurf hat im Kongress aber bisher nie eine Mehrheit bekommen. Darum hat Obama ja damals dieses Dekret erlassen.

 

"Wir wissen ja, wie immer, nicht mal, was Trump eigentlich will"

 

Wird ein solches Gesetz denn jetzt eine Mehrheit bekommen können?

Das weiß niemand. Alle Demokraten und die moderaten Republikaner sind für einen Dream Act, aber ob es am Ende genug Stimmen dafür im Kongress gibt… Wir wissen ja, wie immer, nicht mal, was Trump eigentlich will. Ob er dafür oder dagegen ist. Aber immerhin gibt er dem Kongress Zeit für einen neuen Entwurf.

 

Wie hast du die Zeit seit Donald Trumps Wahlsieg erlebt?

Ich erinnere mich gut an die Wahlnacht, denn das war eine sehr harte Nacht für mich. Ich konnte nicht schlafen und habe viel geweint. Es hat mich so verängstigt, nicht zu wissen, was passieren würde. Das war ein absoluter Tiefpunkt für mich. Dabei war es vorher schon schlimm: Trump hat unsere Community ständig angegriffen, uns als Vergewaltiger und Drogendealer bezeichnet, uns mit MS-13 gleichgesetzt (lateinamerikanische Gangs, Anm. d. Red.). Worte haben Gewicht, vor allem seine, denn jetzt ist er der amerikanische Präsident! Und wenn jemand eine Lüge lange genug erzählt, dann glauben die Menschen sie ihm.

 

Hast du einen Weg gefunden, damit umzugehen?

Es ist wie mit allem: Man lernt, damit zu leben. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mir einfach sage: Trump ist eben Trump, man muss weghören, ihn manchmal nicht allzu ernst nehmen. Ich kann da in meinem Kopf mittlerweile so eine Art Schalter umlegen. Allerdings ist das alles trotzdem immer da, immer im Hinterkopf.

 

Obama hat gestern einen langen Facebook-Post veröffentlicht, in dem er sich für die Dreamer ausspricht und sie bestärkt. Hat dir das geholfen?

Obama ist mein Held. Aber es sind nur tröstende Worte. Wir können nicht viel tun.

 

Was könnt ihr denn tun?

Wir können weiter Proteste organisieren, wie es sie jetzt schon im ganzen Land gibt. Wir können den Kongress, also die Senatoren und unsere Abgeordneten, unter Druck setzen, indem wir sie anrufen, über Social Media mitreden, zu Townhall Meetings gehen. Wir müssen sie dazu bringen, in unserem Sinne zu handeln und abzustimmen. Und wir müssen auf öffentliche Unterstützung hoffen. Am Wochenende haben die großen Tech-Firmen, Facebook, Amazon, Google und so weiter, einen offenen Brief unterzeichnet, mit dem sie sich für die Dreamer einsetzen.

 

Was machst du, wenn es keinen Dream Act geben wird?

DACA oder ein neues Gesetz definieren uns nicht. Ob mit oder ohne DACA oder Dream Act, wir sind Amerikaner und werden dieses Land immer Heimat nennen. Wir werden nicht gehen.

 

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