"Versteht unsere Lage als Warnung für die Bundestagswahl!"

Junge Amerikaner erzählen, warum sie gegen Trump auf die Straße gehen.
Aus der jetzt-Redaktion

Allaire Bartel, 25, freie Fotografin, wohnt in New York

"Die Zeit wird zeigen, ob Trumps Regierung wirklich die Uhren in vielen Bereichen zurückdreht – was viele von uns fürchten. Ich denke, dass Rassisten, Frauenfeinde und bigotte Menschen sich durch Trumps Sieg bestätigt und ermutigt fühlen. Es gibt jetzt viel mehr Leute, die Angst davor haben, anders als die Masse zu sein. Es macht mir auch Sorgen, wie gespalten unser Land geworden ist. Man muss aber auch sagen, dass es in beiden politischen Lagern viel Intoleranz gibt, und wenig Bereitschaft zu Kompromissen.

Foto: privat

Auf der Demo war viel Energie zu spüren, das war sehr belebend – und hat viel dazu beigetragen, mich aus der miesen Stimmung rauszuholen, die ich direkt nach der Wahl gefühlt hatte. Während des Protests waren Tausende Menschen auf der Straße, der Verkehr brach komplett zusammen. Die Demonstranten hielten Schilder hoch und schrien Dinge wie "Fuck Donald Trump", "Racist, sexist, anti-gay; Donald Trump go away!",  und "My body my choice!". Dazu stimmte eine Gruppe junger Männer ein mit: "Her body, her choice!" Was ich dort mit meinen eigenen Augen gesehen habe, war friedlich. Da war zwar viel Wut, aber keine Gewalt. Wie auch immer, später hab ich gelesen, dass es auch einige Festnahmen gab.

Ich fordere von Donald Trump, dass er sich von den Übergriffen distanziert, die in seinem Namen überall im Land begangen werden. Und aufhört, sich rassistischen Organisationen wie dem Ku-Klux-Klan anzubiedern. Ich glaube, sein allerwichtigster und erster Schritt muss es jetzt sein, sich die Unterstützung derjenigen Amerikaner zu holen, die ihn nicht gewählt haben und ihn nicht akzeptieren.

Es ist schwer zu sagen, warum Trump-Wähler und Gegner so wenig miteinander reden können. Diese Wahl hat gezeigt, dass es zwischen der Land- und Stadtbevölkerung klare Unterschiede gibt. Auf dem Land, so scheint es, nehmen die Menschen ein komplett anderes Amerika wahr. Aber es ist schon auch so: Die Leute auf beiden Seiten wollen nur die Fakten und Meinungen hören, die ihre Sicht der Dinge stützen. Es wird eher versucht, die andere Seite zum Schweigen zu bringen oder zu übertönen, statt sich gegenseitig zuzuhören. Das resultiert jetzt eben darin, dass die eine Hälfte des Landes einen einzigartig unqualifizierten und ganz und gar nicht wünschenswerten Präsidenten gewählt hat – und zwar aus einer Art Protest heraus. Und der anderen Hälfte des Landes kippen die Kinnladen nach unten ob der Tatsache, dass so viele andere Amerikaner eine komplette andere Wertevorstellung haben. 

Ich würde mir wünschen, dass das die Leute dazu bringt, einander verstehen zu wollen. Aber ich befürchte, das Gegenteil ist der Fall und der Graben zwischen ihnen wird tiefer. Es ist eine krasse Zeit in unserem Land gerade, und ich mache mir Sorgen um die Zukunft.

Ich glaube aber auch nicht, dass das der Anfang vom Ende ist. Amerika ist zäh, da kommen wir schon durch. Ich werde allerdings sehr genau hinschauen, was Trump und seine Berater in den nächsten Jahren machen.

Wenn ich euch Deutschen etwas raten darf: Versucht zu verstehen, warum jemand anders denkt als ihr, wo er herkommt, was er erlebt hat. Schaut euch unsere Lage hier an – und versteht sie als Warnung für eure kommende Bundestagswahl!"

Brian Goetzinger, Kulturverwalter bei einer Ballettkompanie, 23 Jahre alt, lebt in New York

Foto: privat

 

"Als homosexueller Mann fürchte ich nun um meine Eherechte. Ich nehme Trumps Wahlsieg persönlich. Er ist ein Affront gegen Farbige, queere Menschen, Opfer von sexuellen Übergriffen, Behinderte, Muslime, Steuerzahler, Frauen, und überhaupt: anständige Menschen. Sicher sind nicht alle Trump-Wähler Frauenfeinde, Rassisten und voreingenommen gegenüber Fremden. Aber sie haben jemanden unterstützt, der all das ist. Sie haben ihre provinziellen Interessen vor alle anderen Interessen gesetzt.

 

Am Tag nach der Wahl schloss ich mich deshalb den Anti-Trump-Protesten an, um meine Solidarität zu zeigen. Der Marsch war die meiste Zeit friedlich, es gab keine echte Gewalt. Wir wurden aber angehalten, jede Auseinandersetzung mit der Polizei zu filmen, was für mich die Angst, das Misstrauen und die Entmündigung zeigt, die viele empfinden, wenn sie es mit den lokalen Behörden zu tun haben.

 

Ich muss zugeben, es fühlt sich kathartisch an, gegen Trump auf der Straße zu skandieren. Und den Unmut darüber zu zeigen, dass das Wahlmännergremium sich durchgesetzt hat, obwohl zahlenmäßig mehr Menschen für Clinton gestimmt haben. Der Protest jetzt deutet zumindest an, dass die Amerikaner sich ihre Rechte nicht ohne Widerstand streitig machen lassen.

 

Zu weiteren Protestmärschen werde ich aber nicht gehen. Stattdessen sollten wir jetzt mobil machen und den Initiativen helfen, die sich für die Rechte von Minderheiten  einsetzen. Wir müssen die Kinder, die diesen Gruppen angehören und jetzt unter Trump aufwachsen, wissen lassen, dass sie in unserem Land genauso willkommen sind und gewertschätzt werden, wie andere auch.

Ich sehe Trumps Sieg als vorübergehenden Rückschritt, aber als einen mit erheblichen Auswirkungen. Die Republikaner dominieren nun den Senat, das Repräsentantenhaus und das Weiße Haus. Gut möglich, dass der Oberste Gerichtshof bald so weit nach rechts tendiert wie schon lange nicht mehr. Ich war nach dem Wahlausgang niedergeschlagen und wütend, aber nicht ohne jede Hoffnung. Die Welt dreht sich weiter. Wir müssen Senat und Repräsentantenhaus bei den kommenden Zwischenwahlen 2018 umdrehen.

 

Ich glaube auch, dass man jetzt sehen wird, wie unvorbereitet Trump auf das Amt des Präsidenten ist und dass er keine Pläne hat, wie er seine Versprechen umsetzen kann. Er ist wie ein Kind, das Schulsprecher werden will und deshalb Limonaden-Automaten und eine "große Pause" auf Dauer in Aussicht stellt. Außerdem erwarte ich wenigstens hundert Fauxpas', peinliche Tweets oder Skandale.

 

Ich denke, der Dialog mit Trump-Wählern ist so schwierig, weil sie den liberalen Medien misstrauen. Selbst wenn du Trump mit seinen eigenen Worten zitierst, glauben sie, dass das nur verdreht dargestellt wurde, um ihn schlechtzumachen. Die politische Polarisierung schreitet voran. Den Trend kann man auch in anderen Ländern beobachten.  Wir müssen den Kommunikationsgraben zwischen den Lagern überbrücken. Deshalb mein Appell an junge Deutsche: Gebt fehlgeleiteter, vernunftwidriger Wut nicht nach. Und vor allem: Geht wählen. Ich möchte nicht, dass ihr, wie ich, aufwacht und alles für einen schlechten Traum haltet."

 

 

Madison Magee ist 16 Jahre alt und geht in Maryland zur Schule. Sie protestierte am Wochenende in New York City.

Foto: privat

"Ich fühle mich gleichzeitig wütend und deprimiert. Clinton wäre sicher nicht perfekt gewesen, aber Trump ist ein Sexist, Rassist und nicht qualifiziert, um der mächtigste Mensch auf der Erde zu sein.

 

Ich bin raus, um zu demonstrieren. Ich will, dass meine Meinung zur Wahl gehört wird. Mir ging es dabei sehr gut. Meiner Stimmung Luft zu machen, hat mir eine ganz neue Perspektive eröffnet.

 

Es war seltsam: Die Leute dort kannten einander nicht, und trotzdem marschierten wir alle gemeinsam. Ich hoffe, dass es wirklich was verändert im Land, aber so richtig glauben kann ich daran nicht. Ich hoffe aber, dass Donald Trump es sieht und erkennt, dass er sich zwingend bessern muss. Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten, ob uns, die gegen ihn demonstrieren, das nun passt oder nicht.

 

Es ist Wahnsinn, was auf den Straßen los ist. Ich habe am Wochenende in den Straßen rund um die Trump Towers demonstriert. So ungefähr 10.000 Menschen waren da. Es ist traurig, die alle so enttäuscht zu sehen. Aber ich hoffe, es ändert sich bei ihnen etwas, wenn sie merken, dass sie nicht alleine sind. Die Proteste sind zur großen Teilen friedlich. Wenn, dann gingen Streitereien von Trump-Unterstützern aus. Ich verstehe eh nicht, was die bei unserer Veranstaltung machen?! Die haben da doch nichts verloren, wir wollen unserem Unmut Platz machen, und die kommen und machen Ärger.

 

Für mich ist es extrem schwierig, mit Trump-Unterstützern zu reden. Ich respektiere das, wenn Menschen Trump wegen seiner ökonomischen Überzeugungen mögen. Einige haben für ihn gestimmt, weil sie keine Steuern für 'faule' Menschen zahlen wollen. Aber was ist mit den Minderheiten, was ist mit den Frauen, die sich den Arsch aufreißen und trotzdem sehr wenig verdienen? Ich kann verstehen, wenn es einem nicht passt, dass Demokraten an der Macht sind. Ich kann es auch verstehen, wenn man bestimmte Ideologien nicht mag, wie zum Beispiel den Sozialismus. Aber ich kann absolut nicht verstehen, warum man einen, der so voller Hass, Rassismus, Sexismus und Ignoranz ist, wie Trump, unterstützt.

 

Ich fordere von Donald Trump deshalb, dass er über seine Kommentare nachdenkt. Die haben teilweise das Schlimmste in den Menschen zum Vorschein gebracht. Trump sollte alle Menschen gleich behandeln. Es ist traurig zu sehen, dass er offenbar nicht kapiert, dass jeder Mensch anders ist und gerade das das Schöne daran ist. Aber ob er das wirklich versteht, bezweifle ich. Gerade wenn er zum Beispiel sagt, dass nur hübsche Frauen erfolgreich sein können. Ich verlange von Trump, klüger als das zu sein, und mal zu recherchieren. Der Klimawandel zum Beispiel ist eine ernste Angelegenheit und wird unsere Wirtschaft irgendwann sehr hart treffen.

 

Ich werde so lange demonstrieren, bis er diese Probleme alle anspricht. Er muss verstehen, dass seine Kommentare wirklich großen Schaden verursacht und sehr viele Leute verletzt haben."

 

Und was sagen Trump-Unterstützer dazu? 

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