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„Die deutsche Botschaft weiß mehr über meine Beziehung als meine Eltern“

Eine Reise nach Deutschland ist für viele junge Libanesen interessant - doch hier befürchtet man, sie könnten nie wieder gehen. Drei Betroffene erzählen.
Von Julia Neumann
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    Foto: privat

Sie wollen nach Deutschland zum Wacken Festival, zu einem Workshop und die Freundin besuchen. Drei junge Menschen aus dem Libanon erzählen, wie schwer es ist, an ein Visum für Deutschland zu kommen. Tim Gerber  ist wiederum Jurist und Vorsitzender des Vereins Familienvisum. Er berät ehrenamtlich Menschen mit Problemen bei der Einreise von Familienangehörigen und hat die drei Fälle für uns kommentiert (kursiv).

 

„Sie haben solche Angst, dass ich bleibe“

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    Foto: privat

Meine Freundin lebt in Erfurt. Um sie zu besuchen, habe ich das Visum beantragt. Ich habe auch andere Schengen-Visa, aber die sind einfach zu bekommen. Das deutsche Verfahren ist strikter.

 

Tim Gerber: Ich höre auch oft, dass die Deutschen besonders streng sind. Aber ich kann das nicht vergleichen. Die Regeln sind gleich, sie richten sich nach dem Visakodex der Europäischen Union.

 

Ich habe ein Visum für drei Monate mit mehreren Einreisen bekommen. Das war eine lange Prozedur – am Ende hatte ich eine 20-Zentimeter dicke Akte. Ich musste die Flugtickets vorlegen und Fingerabdrücke aller Finger abgeben. Du brauchst eine Bestätigung deines Arbeitgebers, dass du zurückkommen wirst. Damals habe ich für eine niederländische NGO im Libanon gearbeitet. Dazu die Einträge aus dem Familienregister und dem Zivilregister – sie enthalten die Namen, das Alter und Beziehungsstatus all deiner Familienmitglieder.

 

 

Es ist lächerlich, dass ich all das machen muss, nur um nach Deutschland zu kommen. Sie haben solche Angst, dass ich bleibe. Dabei kann ich mehr Geld verdienen, wenn ich im Libanon arbeite. Aber ich verstehe es auch. Wir haben hier die Hisbollah, die von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft werden. Außerdem viele unkontrollierte Geflüchtete. Trotzdem: Ein Drogendealer aus Brasilien kann zum Beispiel einfach so einreisen, bis zu 90 Tage visumsfrei.

 

Tim Gerber: Dass das Visumsverfahren Kriminelle nicht wirklich abschreckt, ist eine Binse. Aber klar, es ist schon ein riesen Zirkus, dessen Zweck sich nicht wirklich erschließt. Sie prüfen die Rückkehrbereitschaft und die familiäre und wirtschaftliche Verwurzelung im Herkunftsland.

 

Für das Visum brauchst eine Krankenversicherung von einem Anbieter aus dem Schengen-Raum, die bis zu 30.000 Euro im Schadensfall ersetzt. Ich wusste, wie ich sie online kaufen kann, aber ich kenne Leute, die das über eine Agentur machen und extra Geld bezahlen.

Außerdem brauchst du einen Kontoauszug von dir und von der Person, die dich einlädt. Der Auszug darf nicht älter als drei Tage sein. Das wichtigste war die Einladung des Vaters meiner Freundin. Er musste er zu der Kommunalverwaltung in seinem Bundesland gehen und die bestätigten Papiere abholen. Er musste garantieren, dass er alles zahlt, falls etwas passiert. Sie checken sogar ob ich meine Ausgaben zahle. Er musste seine Finanzen offen legen und ich musste genug Geld auf dem Konto haben: Mindestens 50 Euro pro Tag, den ich in Deutschland verbringen möchte.

 

Tim Gerber: Das ist ein bisschen merkwürdig und nach meiner Auffassung so nicht zwingend. Alternativ können Bargeld, Reiseschecks oder Kreditkarten als Reisezahlungsmittel verwendet werden. Der Visakodex verweist hier auf Artikel 5 Schengener Grenzkodex, in dem diese Zahlungsmittel ausdrücklich aufgeführt sind. Aber darüber besteht zwischen mir und dem Auswärtigen Amt Streit. Die Einladung des Vaters ist eine förmliche Verpflichtungserklärung und kostet 25 Euro. Sie dient dem Nachweis, dass der Einlader die Kosten übernimmt. Die hätte er nicht gebraucht, da er ja nachgewiesen hat, selbst über ausreichend Geld zu verfügen. Zum Nachweis des Reisezwecks genügt auch eine formlose Einladung des Gastgebers, gegebenenfalls mit einer Meldebscheinigung und Kopie des Ausweises.

 

Dann musste ich zu der Botschaft, fürs Interview. Mein Termin war um 11, ich war pünktlich um 10.30 Uhr da. Trotzdem musste ich Schlange stehen: Sechs Stunden lang, draußen in der Sonne. Vor mir warteten viele Menschen aus Syrien, die seit sechs Uhr morgens da waren. Sie wollten die Botschaft schließen und sagten, ich solle morgen wieder kommen. Da wurde ich sauer und sie ließen mich rein.

 

Tim Gerber: Dass die Vertretungen in den an Syrien angrenzenden Ländern hoffnungslos überlastet und überfordert sind, ist bekannt. Das Auswärtige Amt hat einiges unternommen, um das zu entschärfen, ob es ausreicht, kann sich streiten.

 

In dem Interview haben sie viele Fragen gestellt. „Warum willst du nach Deutschland? Was arbeitest du? Was arbeiten deine Eltern? Wie viel Geld verdienen sie? Was arbeitet die Person, die dich einlädt?“ Die checken alles doppelt und auch, ob du die einladende Person wirklich kennst. „Woher kennst du deine Freundin? Wie habt ihr euch kennen gelernt?“ Sie haben mich auch gefragt, ob ich vor habe zu heiraten. Ich antwortete: „Nein. Wenn, dann lass' ich es euch wissen.“ Die deutsche Botschaft weiß jetzt mehr über meine Beziehung als meine Eltern.

 

Tim Gerber: Das alles schreibt der Visakodex vor. Zu prüfen ist der Reisezweck, Rückkehrbereitschaft und ausreichende Mittel für die Reise. Das persönliche Interview ist auch vorgeschrieben, jedenfalls im Zweifelsfall. Besser sie führen eines, als einfach abzulehnen.

Dass sie den Mann überhaupt zu seiner Freundin haben reisen lassen, ist recht erstaunlich. Sie haben Angst vor Dänemark-Ehen und dergleichen. Das Kennenlernen ist für unverheiratete Paare oft nur im Ausland möglich. Für den Ehegattennachzug müssen dann noch Deutschkenntnisse nachgewiesen werden. Auch, wenn die Paare verheiratet sind, gibt es keine Besuchsvisa, weil man unterstellt, sie würden dann illegal bleiben und so den Deutschtest umgehen wollen.

„Er sagte nur: Ich verstehe nicht, wie man diese Art von Musik mögen kann“ 

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Ein Visum für Deutschland zu bekommen ist sehr tough. Wir waren zu dritt, alle 100 Prozent libanesische Staatsbürger. Wir wollten für eine Woche nach Deutschland, um unser Lieblings Heavy Metal Festival zu besuchen: Wacken 2016. Kurzum brauchten wir viele Dokumente, es gab überraschende Kosten von 150 Dollar und danach war ich für eine Weile pleite.

 

Wir bekamen von der Botschaft eine Liste mit den nötigen Dokumenten, die wir zur Bewerbung für das Visum ausfüllen mussten. Nachdem wir das alles zusammen hatten, konnten wir zum Interview. Pünktlich haben wir uns in die Warteschlange gestellt. Ich habe ausgesehen wie ein Metalhead, langes lockiges Haar und schwarze Kleidung.

 

Als wir dran waren, wurden wir von einem Angestellten befragt. Da war ein dickes Schallschutzglas zwischen uns, wir mussten über ein Mikrofon auf Arabisch kommunizieren. „Warum wollt ihr Jungs nach Deutschland?“ Wir haben über das Festival gesprochen, aber er hatte noch nie davon gehört! Er suchte online und fand heraus, dass es tatsächlich existiert.

 

Die Nächte des Festivals wollten wir auf dem Gelände zelten – wie alle anderen auch. Wir hatten also für vier Nächte keine feste Unterkunft. Der Interviewer sagte uns, wir sollten für alle Nächte ein Hotel buchen. Was für eine Geldverschwendung! Seine Antwort darauf war: „Das sind die Regeln.“

 

Nachdem wir einige Minuten diskutierten, rief er seinen Boss, ein Deutscher. Wir sprachen mit ihm auf Englisch, er wedelte mit den Tickets vor unserer Nase. „Nennt einige Bands, die in Wacken auftreten“. „Iron Maiden, Twisted Sister, Steel Panter.“ Er sagte nur: „Ich verstehe nicht, wie man diese Art von Musik mögen kann.“

Wir erklärten, dass wir selbst eine Heavy Metal Band sind, seit unserer Kindheit spielen. Er fragte uns nach dem Namen der Band, dann zückte er sein Handy und checkte ein paar unserer Videos online. Er legte das Handy weg und erzählte uns von einem deutschen Trinkspiel. „Dabei haut ihr euren Kopf mit einem Bier an, ihr werdet das in Wacken sehen. Rock on, guys!“ Er gab uns das Teufelshorn-Zeichen und verschwand.

 

Nach ein paar Wochen kamen wir, um unsere Reisepässe zu holen. Wir bekamen jeder ein Sechs-Monate Schengen Visum und konnten aufs Festival.

 

Tim Gerber: Die Geschichte ist lustig und ich finde, da hat sich die deutsche Bürokratie doch ganz locker gezeigt. Der libanesische Lokalbeschäftigte, wie das im Botschaftsjargon heißt, wusste mit Wacken halt nix anzufangen, ist doch klar. Wenn ich Fälle von Verwandtenbesuchen aus dem Libanon denke, die abgelehnt werden, kann ich diesem Fall nur amüsantes entnehmen.

„Sie geben dir das Gefühl, dass du ohne Geld nichts bist und nicht akzeptiert wirst“

 

Elsy, 27, freiberufliche Kamerafrau. Sie möchte nicht mit Foto gezeigt werden aus Angst, ihre Kritik könnte zukünftige Visa-Anfragen gefährden.

 

„Ich habe ein Visum nach Deutschland beantragt, um an einem Workshop in Berlin teilzunehmen. Außerdem wollte ich meine Schwester besuchen, sie wohnt in München. Ich wollte ein Touristenvisum und plane, drei Wochen zu bleiben. Doch jeder Tag, den ich nach dem Workshop bleiben will, steigert das Risiko, abgelehnt zu werden.

 

Meinen Termin bei der Botschaft musste ich einen Monat im Voraus buchen, wegen Verzögerungen und Mangel an Terminen. Ich musste erst einen Eintrag aus dem Familienstammbuch besorgen, es auf Englisch übersetzen und dann kopieren.

 

Tim Gerber: Hier prüfen sie die Rückkehrbereitschaft. Dazu sind familiäre und wirtschaftliche Verwurzelung im Herkunftsland entscheidend. Alles streng nach Visakodex, der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshof.

 

Ich musste meinen Pass erneuern, damit er sechs Monate nach Aufenthalt gültig ist. Außerdem musste das Bürgermeisteramt meine Fotos stempeln. Ich brauchte Flugtickets, Hotelreservierungen und Krankenversicherung. Dazu kam, dass die Organisatorin des Workshops mir eine Einladung geschrieben hat. Außerdem hat meine Schwester eine offizielle Einladung geschickt. Es hilft, Leute in Deutschland zu kennen – andernfalls bekommt man kaum ein Visum. Vor Ort musste ich 105.000 libanesische Lira zahlen (etwa 60 Euro). Man darf allerdings nicht mit einem einfachen 100.000 Lira Schein zahlen, sondern mit kleineren Scheinen.

 

Tim Gerber: Die Gebühr ist im Visakodex vorgeschrieben. Warum das mit den Zahlungsmodalitäten so ist, weiß ich nicht. Vielleicht haben Sie Angst vor gefälschten Scheinen.

 

Sie wollten einen Kontoauszug über die vergangenen sechs Monate sehen. Ich arbeite als freie Kamerafrau und Filmemacherin. In einem Monat habe ich mal sehr viele Aufträge und in anderen weniger. Während des Interviews wurde deutlich, dass ihnen nicht gefällt, dass ich freiberuflich arbeite. Für sie war das keine klare Arbeit und ich hatte kein eindeutiges Einkommenspapier vorzuweisen. Außerdem akzeptieren sie nur, wenn man auch ein eigenes Bankkonto hat.

Ich musste all das selbst herauszufinden – die Botschaft antwortet mir nicht auf Nachfragen. Das Verfahren dauert viel zu lange. Ich wünschte, es wäre einfacher, spontan zu entscheiden, nach Deutschland zu kommen. Das ganze Prozedere ist zermürbend und zeitraubend. Sie geben dir das Gefühl, dass du ohne Geld nichts bist und nicht akzeptiert wirst.

 

Tim Gerber: Die Beratung ist schlecht, die Visastellen antworten nicht. Das trifft zu und ist zu kritisieren. Das ist auch rechtswidrig. Die eigentliche Bearbeitungszeit ist recht kurz, aber der Vorlauf um alle Unterlagen zu besorgen und einen Termin zu bekommen, ist schon enorm. Der Termin muss eigentlich innerhalb von 14 Tagen gewährt werden. Rund um Syrien ist das schwer. Gegen Deutschland lief auch schon mal ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission wegen zu langer Dauer. 

 

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