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Warum ist Altersarmut weiblich?

Ein Gespräch über ein unangenehmes Thema.
Interview von Mercedes Lauenstein
  • rentenschwerpunkt 2
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Die Münchner Kulturwissenschaftlerin Alex Rau promoviert gerade zum Thema weibliche Altersarmut im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Prekärer Ruhestand. Arbeit und Leben von Frauen im Alter“ von Prof. Irene Götz an der LMU München. 

 

jetzt: Mein erster Gedanke bei dem Thema deiner Promotion war ja: Warum sind Frauen ärmer dran als Männer in Sachen Altersvorsorge? Altersarmut kann doch jeden treffen.

Alex Rau: Stimmt. Aber es sind viel mehr Frauen davon betroffen, weil es so etwas wie eine typisch weibliche Erwerbsbiographie gibt, die Altersarmut schlichtweg vorprogrammiert.

 

Die da wäre?

Ich kann natürlich nur die Altersarmut von Frauen erforschen, die die Weichen für ihre jetzige Situation vor Jahrzehnten gestellt haben. Sie kommen aus einer Zeit, in der das sogenannte traditionell bürgerliche Familienmodell vorherrschend war: Der Mann hat gearbeitet, die Frau hat die Kinder auf die Welt gebracht und den Haushalt geschmissen, die Eltern und Schwiegereltern gepflegt und vielleicht nebenher noch Teilzeit gearbeitet

  • alex rau
    Foto: Privat

 Was ist daran das Problem?

Die Aufteilung an sich ist ja noch nicht problematisch. Um eine Gesellschaft am Leben zu erhalten braucht es nun mal beide Elemente: Produktions- und Reproduktionsarbeit. Das Problem liegt darin, dass  die Produktionsarbeit meist entlohnt ist und vom Mann erledigt wird, die Reproduktionsarbeit hingegen meist weiblich besetzt ist und nicht entlohnt wird. Gleichzeitig sind aber viele gesellschaftliche Absicherungssysteme – eben auch die Altersversicherung – vor allem an die Produktionsarbeit geknüpft. Und das fanden diese traditionell bürgerlichen Paare auch so weit in Ordnung, weil man davon ausging, dass der Mann später für die Rente der Frau mit aufkam. Nur war und ist das bei Paaren, die es bis heute so regeln, leider oft ein rein emotionaler Vertrag…

 

…der juristisch nichts garantiert, falls es zur Scheidung kommt und außerdem zum Problem wird, sobald die Frau auch gern einen Job außerhalb des eigenen Haushalts hätte.

Genau. Und dann gab es die Frauenbewegung, die Geschlechterbilder brachen zumindest teilweise auf, es kam zu wachsenden Scheidungszahlen. Die emotionalen Versprechen vieler Frauen aus ihren jungen Jahren gingen nicht mehr auf. Sie standen nach der Scheidung ohne bezahlten Job und ohne Altersvorsorge da, während ihre Männer abgesichert waren.

 

Nach Kindern lohnt es sich für die Frau selten, wieder richtig in den Beruf einzusteigen

 

Aber das kann mir heute doch alles nicht mehr passieren. Ich habe eine Ausbildung, verdiene mein eigenes Geld und führe eine gleichberechtigte Beziehung, in der keiner mehr verdient als der andere.

Sollte man meinen. Aber nehmen wir ein konkretes Beispiel, vielleicht sogar das Privilegierteste: ein Mann, eine Frau, so um die 30, beide studiert, beide emanzipiert, gebildet, haben beide nach dem Studium eine gut dotierte Stelle in einem guten Unternehmen bekommen. Behaupten wir, sie verdienten beide gleich viel. Dann kommt das erste Kind. Allein durch das Gebären des Kindes fällt die Frau jetzt für einen gewissen Zeitraum beruflich aus. Und genau das ist der Zeitpunkt, in der auch das liberalste, avantgardistische Paar in die sogenannte Traditionalisierungsfalle tappen kann und mit großer Wahrscheinlichkeit nach wie vor tun wird. 

Die da wäre?

Der Mann arbeitet in dieser Zeit weiter, steigt auf, kriegt Gehaltserhöhungen, während die Frau durch die Babypause in ihrer beruflichen Entwicklung hängen bleibt und außerdem nichts in ihre Vorsorge einzahlen kann. Und je mehr Zeit vergeht, desto krasser wird die Diskrepanz. Vor allem, wenn dann noch ein zweites und drittes Kind dazukommen. Für die Frau lohnt es sich danach selten, wieder richtig in den Beruf einzusteigen, sie kann den Vorsprung ihres Mannes nicht mehr aufholen. Sie bleibt zu Hause und kümmert sich um Kind und Haushalt. Nimmt eventuell wieder eine Teilzeitstelle an, aber die Haupteinkünfte erzielt ab jetzt der Mann. Diese Aufteilung ist für das Familiengefüge ohne entsprechende gegenläufige Anreize einfach lukrativer.

 

Aber es gibt doch jetzt zum Beispiel die Elternzeit für Väter.

Dass die so in Anspruch genommen wird, wie sie gedacht ist, ist erstens noch längst nicht die Regel und führt meist auch nicht zu einer grundsätzlichen Lösung des Problems. So lange es zum Beispiel noch Regelungen wie das Ehegattensplitting gibt, die begünstigen, dass eine Person der Partnerschaft nicht arbeitet, bzw. deutlich weniger, kann sich da nicht viel ändern. Zur Erklärung: beim Ehegattensplitting wirft man beide Gehälter in einen Topf, das gesamte zu versteuernde Einkommen wird auf beide Partner aufgeteilt und der Steuersatz dadurch gedrückt. Es gibt jetzt zwar die sogenannte Mütterrente, die bedeutet, dass man als Frau Rentenpunkte bekommt für die Zeit, in der man Kinder erzogen hast, als Ausgleich, weil man eben nicht wie der Mann in die Altersvorsorge einzahlen konnte…

 

…aber das reicht noch nicht?

Nein, erstens sind die Beträge nicht annähernd in Relation zur geleisteten Arbeit zu setzen, das heißt: viel geringer im Vergleich zur Einzahlungsmöglichkeit in einem regulären Job. Außerdem gibt es leider auch heute noch viele weitere subtile Mechanismen, die die traditionellen Ungleichheitsverhältnisse zwischen Mann und Frau stabilisieren. Und bisher haben wir auch nur über ein heteronormatives Paar gesprochen. Hinzu kommen weitere Differenzen wie die Sexualität oder individuelle Herkunft, die Einfluss auf Machtverhältnisse und Selbstbestimmung der Einzelnen haben. Frau ist also nie gleich Frau und doch in den meisten Fällen qua Geschlecht gegenüber Männern benachteiligt.

 

Stichwort: Frauen werden schlechter bezahlt.

Richtig. Es gibt eine Gender Pay Gap von circa 21 Prozent. Es ist einfach noch immer so, dass Männer besser verdienen und daher auch mit einem viel größeren Selbstverständnis für ihre finanzielle Absicherung sorgen.

 

Ein faires Entlohnungsmodell muss für das her, was wir Reproduktionsarbeit nennen

 

Müssen Frauen noch viel tougher werden und noch viel mehr auf ihren Rechten beharren?

Mich stört eigentlich genau das: diese Aufforderung, dass die Frau als Individuum das alles selbst ändern muss. Diese ganzen Ratgeber für Frauen: „So verhandelst du gut im Job bzw. so und so verhandelst du gut mit deinem Ehepartner, dass er deine Rentenversicherung zahlt, während du dich der Familie widmest.“ Das darf nicht nur auf den Einzelnen abgewälzt werden, das muss auch strukturell gelöst werden. Die Frauen, die ich getroffen habe, haben teilweise ihr ganzes Leben lang wirklich ihr Bestes gegeben und hart gearbeitet. Nicht nur, weil sie jahrelang Kinder erzogen haben oder Angehörige gepflegt haben, sondern darüber hinaus auch immer oder immer wieder erwerbstätig waren und wirklich versucht haben, bestens vorzusorgen. Und dann geht es trotzdem nicht auf. Ich wüsste in vielen Fällen wirklich nicht, was sie hätten besser machen können.

 

Das ist so deprimierend.

Verstehst du: Ich will hier kein Bild von der Frau als durchs Leben dümpelndes Naivchen zeichnen, das sich blind auf den Mann verlässt. Das würde den Frauen nicht gerecht. Auch will ich kein Bild von der Frau als Opfer ihrer Umstände zeichnen. Natürlich trägt jeder und jede auch Verantwortung für das eigene Handeln, wenn es ums Vorsorgen geht. Dieses Handeln ist aber immer durch gesellschaftlich dominante Bilder und Vorstellungen von Männlichkeit oder Weiblichkeit beeinflusst. Das sind noch immer Strukturen, die den weiblichen Alternsprozess benachteiligen. Das zu ändern, muss auch die Politik leisten.

 

Aber was sollte die Politik denn genau machen?

Dafür habe ich leider auch kein Patentrezept, aber es muss ein faires Entlohnungsmodell für das her, was wir Reproduktionsarbeit nennen. Außerdem müssen soziale Berufe, die meistens weiblich besetzt sind, besser bezahlt werden. Die Vereinbarkeitsfrage ist noch längst nicht gelöst. Ansätze wären zum Beispiel die generelle Arbeitszeitverkürzung. Und grundsätzlich braucht es eine viel fundiertere Aufklärung zum Thema Altersvorsorge – in diesem Fall natürlich für alle Geschlechter. Es ist oft zu kompliziert zu durchblicken.

A propos kompliziert, bist denn jetzt immerhin du ein Profi in Sachen Altersvorsorge und kannst alle deine Freunde aufklären?

Eben überhaupt nicht. Wir verzweifeln in unserem Forschungsprojekt selbst beinahe daran, das Thema Rente verständlich zu erklären. Das ist ein Irrgarten. Kein Wunder, dass so viele nicht wissen, was ihnen zusteht und wie sie es bekommen. Aufklären kann ich meinen Freundinnen nur indirekt, zumal man die Zukunft natürlich nicht zu 100 Prozent vorhersagen kann. Ich kann ihnen erklären aufgrund welcher Biografien Frauen heute in Altersarmut leben. Diese Aufforderungen: Sei unabhängig, arbeite immer Vollzeit, teile die Reproduktionsarbeit genau 50/50 auf, mache einen Job der gut bezahlt ist, lege dein Geld gut an - so einfach ist das nicht, zumal es in vielen Punkten eben strukturell überhaupt nicht machbar ist. Aber sich das alles einfach mal bewusst zu machen, darüber zu sprechen, mit Freunden, mit dem Partner, ist ein guter Anfang. Aber wie gesagt: es besteht vor allem auch politischer Handlungsbedarf.

 

Aus philosophischer Perspektive gibt es die Prognose, dass Prekarität zur gesellschaftlichen Normalität wird

 

Mir dämmert ja überhaupt erst jetzt, dass ich vielleicht mal etwas in Sachen Vorsorge unternehmen sollte. Es mangelt meiner Meinung also schon auch an Aufklärung.

Ich habe das auch nie richtig auf dem Schirm gehabt. Ich habe das weder in der Schulzeit mitbekommen, noch habe ich es im Elternhaus ans Herz gelegt bekommen. Und so geht es doch den meisten.

 

Kannst du denn jedenfalls so etwas wie eine Zukunftprognose wagen? Wie wird es uns beiden einmal im Alter gehen, sagen wir 2050?

Der Gedanke daran stimmt mich nicht gerade positiv. Aus philosophischer Perspektive gibt es die Prognose, dass Prekarität zur gesellschaftlichen Normalität wird. Das heißt: in der Zukunft werden viele mit  einer generellen Unplanbarkeit des eigenen Lebens konfrontiert sein. Der Wohlfahrtsstaat, wie er sich seit der Nachkriegszeit etabliert hat, befindet sich gegenwärtig im Abbau. Sozialstaatliche Absicherungssysteme werden sich zunehmend auflösen und vieles wird in die private Hand verlagert. Gleichzeitig werden immer weniger Menschen die Möglichkeit haben, ausreichend finanzielle Rücklagen zu bilden, die im Alter von Erwerbsarbeit unabhängig machen. Die Individuen werden zunehmend aufgefordert, selbstverantwotlich zu handeln. Das führt aber auch dazu, dass jeder ganz besonders individuell sein muss, seine eigene Marke aufbauen muss, um sich in kapitalistischen Sinne besser verkaufen zu können. Man glaubt ja schon jetzt oft nicht mehr, dass es wirklich sinnvoll ist, zusammen für eine Sache zu kämpfen. Jeder schaut halt, wo er bleibt.

 

Da erkenne ich mich durchaus drin wieder. Ich stelle manchmal mit Erschrecken fest, dass ich kaum Gemeinschaftssinn besitze. Ich will am liebsten privat vorsorgen, mich privat krankenversichern und verschwende gar keinen Gedanken daran, dass die Entscheidung dafür oder dagegen vielleicht auch etwas mit gesellschaftlicher Verantwortung zu tun hat.

Ja, total. Und ein neoliberaler, kapitalistischer Markt funktioniert ja auch nach dieser Logik: Es gibt einen immensen Leistungsdruck, der alle Individuen in eine dauernde, existenzielle Konkurrenz zueinander stellt. Man kann es sich kaum leisten, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Man hat überhaupt nicht mehr die Zeit dazu. Klingt jetzt alles sehr pessimistisch. Heißt aber nicht, dass wir nicht auch die Möglichkeit haben, die Zukunft unserer Gesellschaft anders zu gestalten. Dass wir jetzt darüber reden, ist doch schon ein Anfang.

 

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