Rette deine Rente!

Wer nach 2001 geboren ist, soll erst mit fast 70 in die Rente? Nichts da. Warum wir über unsere Rente reden müssen.
Kommentar von Mercedes Lauenstein

Illustration: Julia Schubert

Treffen sich zwei Frauen zwischen 20 und 40. Sagt die eine: „Ich müsste mich ja auch mal um sowas wie Rente kümmern.“ Sagt die andere: „Oh Gott, hör damit auf, ich auch.“ Die eine: „Haha.“ Die andere: „Haha.“ Die eine: „Ja, scheiß drauf.“ Die andere: „Schöner Nagellack.“

Der Witz hat leider keine Pointe. Und ist genau genommen noch nicht mal ein Witz, sondern leider immer noch der durchschnittliche Rentendialog von jungen bis mittelalten Menschen im Jahr 2019. Insbesondere von jungen Frauen, die leider später besonders häufig von Altersarmut betroffen sein werden. Wird schon werden, denken sie, den Cortado im biologisch abbaubaren Coffee-to-go-Becher fest in ihren Händen haltend. Das triste Sequel gibt es dann zwanzig Jahre später: Der Becher ist längst abgebaut, die Frauen treffen sich zum Flaschensammeln.

Das ist weniger böse als tragisch und vor allem leider sehr realistisch. Zumindest wenn wir davon ausgehen, dass junge Menschen und insbesondere Frauen weiterhin finanziell so naiv bleiben wie heute. Und es in zwanzig Jahren noch Pfandflaschen gibt.

Ja, das klingt alles todlangweilig, oder viel schlimmer: furchtbar bedrohlich

Die Bundesbank fordert eine Erhöhung des Rentenbeitrittsalters bis 2070 auf mindestens 69 Jahren und vier Monaten (klingt besser als 70). Verglichen mit dem heutigen Eintrittsalter von 67 ist das schon ein Sprung. Findet die Bundesbank aber okay, weil die Menschen in Deutschland durchschnittlich älter werden als früher und das glücklicherweise auch noch bei besserer Gesundheit. Leider ist dieses kollektive Älterwerden für das gesetzliche Rentensystem die Pest. Unser Rentensystem ist nämlich umlagenfinanziert, heißt in diesem Fall: Die immer weniger werdenden jungen Menschen bezahlen die immer mehr werdenden Älteren. Die Schieflage ist längst da und dementsprechend schlecht sehen die Prognosen aus. Nach derzeitiger Gesetzeslage werden sich die Beitragssätze, der Bundeszuschuss und das Versorgungsniveau ab circa 2040 so radikal zum Schlechteren verändern, dass der finanzielle Absturz droht. In Zahlen: Heute ist der Beitragssatz bei 18,6 Prozent, 2070 wird er bei 26 Prozent sein. Zwar erhöht sich der Bundeszuschuss in der gleichen Zeit um etwa die Hälfte, trotzdem fällt das Versorgungsniveau um fast 17 Prozent.

Huch, aus Versehen eingeschlafen, was gibt’s heut Abend nochmal zu essen? Ja, das klingt alles todlangweilig, oder viel schlimmer: furchtbar bedrohlich. Sowas will echt keiner hören und hey, vielleicht ist die Erde in paar Jahren sowieso abgebrannt. Um alles kann man sich auch nicht kümmern. Flugscham ist schon anstrengend genug, also langweil’ mich nicht mit Kurvendiagrammen.

Aber: Wir müssen über so etwas reden. Insbesondere, weil wir derzeit so eifrig versuchen durch Friday-for-Future-Demos und Veganismus Grund und Boden unserer Gesellschaft zu retten. Bringt uns nur leider alles nichts, wenn wir nicht gleichzeitig verhandeln, wie wir in der geretteten Welt leben wollen. Gibt halt immer viel zu tun, #sorrynotsorry.

Nichts ist besser als finanzielle Selbstermächtigung

Für alle, denen das jetzt Angst gemacht hat, gibt es eine eigentlich fantastische Nachricht: Weder sind die Anhebung des Rentenalters, noch Altersarmut und die Teilzeitfalle 2019 Geheimnisse und man kann als junger bis mittelalter Mensch sofort etwas dagegen unternehmen. Und zwar ganz egal ob Student*in, Geringverdiener*in oder jemand, der sich bereits in der sogenannten Teilzeitfalle befindet. Nie war es einfacher, sich in Eigenregie über die eigenen Finanzen zu ermächtigen, als heute. Das Internet wimmelt vor guten Texten, in denen erklärt wird, wie die eigene Kohle sinnvoll zwischen jetzt und morgen verteilen werden könnte. Autorinnen wie zum Beispiel Natascha Wegelin, in der Blogosphäre auch bekannt als Madame Moneypenny, bereiten das Thema private Altersvorsorge selbst für hoffnungslose Dyskalkuliker*innen verständlich auf.

Gleichzeitig war es nicht nur nie einfacher, sondern ist auch nichts heißer, als finanzielle Selbstermächtigung. Ja, doch, durchaus im erotischen Sinn. Denn entgegen aller idealistischer Sinnsprüche bedeutet genügend Geld ganz einfach Freiheit und die Art von Macht, die berechtigterweise die sexyeste von allen ist: die über das eigene Leben. „Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, ist allen geholfen“ mag wie eine fiese Parole Ultraliberaler klingen, ist aber einmal zu Ende gedacht völlig richtig. Nur so gibt es irgendwann noch mehr Leute, die anderen helfen können, wenn sie wegen Pech oder Schicksalsschlägen nicht mehr weiter wissen. Es ist also nicht nur unsere persönliche, sondern auch unsere gesellschaftliche Pflicht, finanziell unabhängig zu sein. Und das ist doch jetzt mal eine erfreuliche Erkenntnis: Egoismus und Gemeinschaftssinn gehen im besten Fall einfach Hand in Hand.

Fixe Altersbegrenzungen sind und waren schon immer idiotisch

Meine bescheidene Meinung zum Thema Rente mit 69 lautet jedenfalls: Bullshit. Genauso, wie niemand kürzer arbeiten sollte, als er will, sollte deshalb auch niemand länger arbeiten müssen, als er kann. Fixe Altersbegrenzungen sind und waren schon immer idiotisch, sie leugnen die immense Vielfalt von individuellen Lebensrealitäten und dürfen deshalb nie mehr als ein Orientierungsangebot sein. Das ewige Nachhintenverschieben des Renteneintrittsalters ist dabei nur die Symptombekämpfung eines dysfunktionalen Systems.

Und zum Glück bin ich nicht die einzige, die das so sieht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund steht auf der Seite der Arbeitnehmer*innen und lehnt die Forderung der Bundesbank mit der Begründung ab, dass viele Arbeitnehmer*innen das gesetzliche Rentenalter gar nicht als Arbeitnehmer*innen erreichten, weil sie vorher krank oder arbeitslos würden. Ähnliches gelte für risikobehaftete Berufe: Wer schwer arbeite und voraussichtlich früher sterbe, dem würde durch ein höheres Rentenalter eiskalt die Rente gekürzt.

Finde deine private Haltung und steh dafür ein 

Was also tun? Es gibt ja bereits diverse Ideen für ein besseres Rentensystem: Die Linken fordern eines ohne Ausnahmen, in das alle einzahlen müssen. Die Grünen wollen erst einmal Strategien für gesünderes Arbeiten entwickeln, eine stärkere Erwerbsminderungsrente und attraktivere Teilrenten einführen, statt fixe Altersangaben. Die Union stellt sich ebenfalls gegen strenge Altersgrenzen und will Rente und Berufstätigkeit kombinieren. Mit der SPD ringt sie derzeit darum, in welcher Höhe Menschen, die zu wenig in die Rentenkassen eingezahlt haben, trotzdem eine Grundrente erhalten sollten. Die FDP wünscht sich eine große Reform, die das Umlagesystem durch echte Kapitaldeckung stärkt und die Generationengerechtigkeit nicht gefährdet. Nur eine Partei kann sich nicht auf ein Rentenkonzept einigen. Quizfrage: Wer wohl?

In diesem Sinne: Sei keine AfD. Finde deine Haltung. Denn auch wenn jeder und jede zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat vorsorgen kann und sollte, müssen wir wissen, welches System wir für die Zukunft unserer Gesellschaft wollen und wie wir uns dafür einsetzen können, dass es realisiert wird. Schöner Nagellack, übrigens.

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