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Warum so viele Studierende lieber "was Praktisches" machen wollen

Jeder dritte bricht ab. Woher kommt die Sehnsucht nach dem Anpacken?
Josa Mania-Schlegel
  • studienabbrecher jetzt
    Illustration: Lucia Götz

„Schauen Sie mal nach links und rechts zu Ihren Sitznachbarn“, ruft der Dozent im Film „13 Semester“ in die Vorlesung, Fach: Mathematik. „Rein rechnerisch werden Sie die beiden Kommilitonen bei Ihrem Diplom nicht wiedersehen.“

 

Gut, in Mathe wird wohl ordentlich ausgesiebt, dachte man da. Was man eher nicht erwartet hätte: Im Schnitt fehlt auch in anderen Fächern am Ende des Studiums zumindest ein Sitznachbar. Hochschulforscher haben nachgerechnet und herausgefunden, dass ein Drittel aller Studenten abbricht. Und, dass die Hälfte aller Studenten zumindest mit dem Gedanken ans Hinschmeißen spielt.

„Woher kommen die Zweifel? Die Forscher fanden drei Gründe heraus: Motivationslosigkeit, zu schwerer Stoff und der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit. Eine kleine Umfrage im privaten Studenten-Umfeld zeigt: Die drei Probleme kennt jeder. Zu einem harten Schnitt, wie dem Hinschmeißen des Studiums, ist aber kaum einer meiner Bekannten bereit. Wie würde man das Mama und Papa verklickern? Wie würde man den Stolperer im Lebenslauf erklären?

 

Stattdessen hört man immer wieder Absolventen, die im Nachhinein vor allem eines wehmütig sagen: Hätte ich mal was Praktischeres gemacht!

 

Mein Bruder ist so einer. Er hat es durchgezogen – für einen Master in Geschichte und Politik. Gerade ist er 30 geworden und sagt: „Hätte ich mal was Ordentliches gelernt!” Ich kann ihn ja verstehen. Da gibt man sechs Jahre lang den Wissenschaftler, schreibt bei „Beruf” immer „Student” hin, schuftet monatelang für eine Abschlussarbeit über die Seekriege englischer Teehändler – und wofür? Heute pflegt mein Bruder hauptberuflich Facebook-Profile und formuliert möglichst lustige Tweets für Unternehmen.

 

Wer Abi hat, muss an die Hochschule, denken viele. Nach dieser Denkweise müsste auch, wer über 1,90 Meter ist, auf jeden Fall Basketball-Profi werden

 

Seine Freundin ist Hebamme. Er sagt: „Die bringt auf der Arbeit Kinder zur Welt – und ich sorge dafür, dass Werbung noch mehr Leute erreicht. Leute, die überhaupt keine Werbung wollen!” Da ist sie, die Sehnsucht nach was Praktischem!

Die Situation, in der er steckt, brachte vor einigen Jahren Facebooks Chef-Analytiker Jeff Hammerbacher auf den Punkt: „Die besten Köpfe unserer Generation denken darüber nach, wie noch mehr Menschen auf Werbung klicken könnten.” Eine ganze Generation Mathematiker, Geisteswissenschaftler, BWLer und Juristen, die ihre klugen Köpfe nicht einzusetzen weiß. Haben sie alle das Falsche studiert? Fehlte ihnen bloß der Mumm, zu sagen: Schluss, es reicht?

 

Nachfrage an dem Ort, den manche Abbrecher sogar kurz vor Schluss noch mal aufsuchen: die Studienberatung. Annette Doll leitet an der LMU München den Workshop Studienabbruch? Lebensaufbruch!”, der Studenten helfen soll, ihre Zukunft zu planen. Die Workshops sind immer schnell ausgebucht, erzählt sie. Ein häufiger Grund der Zweifler? „Viele denken: 'Jetzt habe ich Abitur, jetzt muss ich auch studieren'”, sagt Doll. Wer eine Hochschulzugangsberechtigung hat, muss an die Hochschule, denken viele. Und sind dann enttäuscht, weil sie sich vorher nicht gefragt haben, was Studieren wirklich bedeutet. Was für ein Missverständnis! Nach dieser Denkweise müsste auch, wer über 1,90 Meter ist, auf jeden Fall Basketball-Profi werden.

 

Doch es stimmt ja: Schon am Gymnasium wird unmissverständlich klargemacht: Auf Abi folgt Uni. Vor den letzten Prüfungen werden Studienwahltests ausgegeben. Man klickt Vorlieben an und bekommt einen Studiengang empfohlen. Doch wer in der Freizeit philosophiert, muss nicht unbedingt Philosophie studieren. Im Gegenteil: Aus dem Hobby wird plötzlich Prüfungsstoff. Und vielleicht wäre man eine exzellente, sagen wir: Klavierbauerin geworden. Bloß kannte der Studienwahltest solche Berufe nicht. Warum nicht mal einen Berufswahltest, der eine Ausbildung ausspuckt? Warum nicht gleich was Praktisches?

 

Trotzig schreiben sich jedes Jahr eine halbe Million neue Studenten ein – und treten damit einem ziemlich spleenigen Club bei: der Wissenschaft. „Sie werden zum Wissenschaftler oder zur Wissenschaftlerin ausgebildet”, bringt Annette Doll auf den Punkt, was Studieren eigentlich ist. Dabei schlagen die wenigsten anschließend eine wissenschaftliche Laufbahn ein.

 

Warum auch: Die akademische Welt zahlt nicht besonders gut und bietet nur vage Jobs. Noch dazu hat sie das Image einer schrulligen Parallelwelt, die immer dann große Aufmerksamkeit bekommt, wenn über ihre abseitigen Studien berichtet wird: Mediziner, die behaupten: „Frühstücken ist so schlimm wie Rauchen!” Oder Psychologen, die erklären: „Süße Hundebabys retten die Ehe!” Als Student ist man Teil dieser Welt und arbeitet ihr zu, unbezahlt. Wer wundert sich da über Abbrecher, die sich nach mehr Praxis sehnen?

 

Man stelle sich nur mal das Gegenteil vor: Nach dem Abitur würde man wie selbstverständlich einige Jahre am Fließband in einer Autofabrik arbeiten. Man könnte sich einschreiben für bestimmte Felder: Radmutter schrauben, Türen lackieren, Rückspiegel einsetzen. Aber hinterher wird man Gärtner. Diese Praxis-Parallelwelt würde auch bald die ersten Abbrecher hervorbringen. Ihre Gründe: Brennende Sehnsucht nach einem Bücherstapel trockener Theorie!

 

Wer sind die Abbrecher? Das Bildungsministerium zeigt auf einer Website die Geschichten von Akademikern, die ihre Träume vom Praktischen wahr gemacht haben: Auf studienabbruch-und-dann.de wird etwa die Erfolgsstory von Marie Petris erzählt, die sich aus „Südasiatischer Kunstgeschichte” exmatrikulierte und Feinwerkmechanikerin wurde, weil sie erkannt hatte: „Ihre große Leidenschaft war schon immer Handarbeit.”

 

Vielleicht ist „Irgendwas mit den Händen” das neue „Irgendwas mit Medien”

 

Vielleicht liegt sie ja dort, die Antwort auf die Sehnsucht nach „etwas Praktischem”: in der Handarbeit. Es würde ja passen: Bodenständig ist schon länger das neue Extravagant. Das Walden Magazin lesen Menschen, die gern Holzfäller wären, in der Landlust blättern verhinderte Landschaftsarchitekten, junge, coole Menschen schmücken sich mit Fachwissen über kleine Craftbeer-Brauereien, „die das alles selbst in ihrem Keller machen”, und trinken Gin aus kleinen Hinterhofbrennereien. „Ich möchte mal wieder was mit den Händen machen” jammern manche, die früher „irgendwas mit Medien” machen wollten.

Vielleicht ist ja das der neue Plan für junge Menschen ohne Plan: Vielleicht ist „Irgendwas mit den Händen” das neue „Irgendwas mit Medien”.

 

Andererseits arbeitet auch die Feinwerkmechanikerin Marie Petris nicht unbedingt an der frischen Luft. Krankenschwestern, Schreiner, Klempner haben alle einen längeren Arbeitstag als die meisten Akademiker, sie verdienen in der Regel schlechter, schuften härter. Warum haben Studenten diese seltsame Sehnsucht nach dem Anpacken?

 

„Weil die auf was reagieren!”, fällt mein Bruder ins Wort und ich weiß nicht sofort, was er meint. „Meine Masterarbeit verschwindet in irgendeiner Schublade, dagegen bleibt der Stuhl des Tischlers erhalten”, sagt er. „Die Krankenschwester rettet im besten Fall Leben. Der Klempner macht, dass Wasser aus dem Hahn kommt. Das ist sicher auf längere Sicht für das Ego befriedigender: auf Probleme reagieren. Akademiker? Stellen sich immer nur ihren eigenen Problemen.”

 

Die Uni verliert ihren Platz als Nummer-1-Ort der Selbstverwirklichung. Bei meinem Bruder, bei vielen Abbrechern, bei den wehmütig Klagenden.

 

Wenn das so ist, dann muss auch der Satz aus „13 Semester” neu gedacht werden. Wenn der Professor am Ende des Studiums sagt: „Schauen Sie mal nach links und rechts” – und dort sitzt niemand: Hat man es dann geschafft? Oder haben die es geschafft?

 

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