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Was drei Jahre an der Uni mit Studenten machen

2014 haben sie mit dem Studium begonnen. Seitdem haben wir sie jedes Jahr gefragt, was aus ihren Wünschen und Plänen geworden ist.
Von Juri Gottschall
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      Fotos: Juri Gottschall

    „Ich habe inzwischen so viel geschafft, verdiene mein eigenes Geld, wohne in meiner eigenen Wohnung“ – Marius, 23, hat sein Studium erst mal auf Eis gelegt und arbeitet gerade als Crossfit-Coach. 

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Marius 2014 als Studienanfänger:

    „Mein Weg in die Uni war nicht geradlinig. Ich wollte eigentlich Industriedesign studieren, bin aber nicht genommen worden. Dann sagte mir ein Freund, ich solle was Vernünftiges machen. Also wollte ich mich für Elektrotechnik einschreiben, da war aber die Anmeldefrist vorbei. Jetzt studiere ich Romanistik, aber nur, damit ich Informatik im Nebenfach haben kann. Da wäre ich sonst nicht reingekommen. Die Romanistik-Vorlesungen besuche ich eher sporadisch.

    Informatik ist bisher ganz okay, allerdings auch sehr trocken. Es ist langweiliger als ich dachte und doch sehr speziell. Außerdem sind die anderen Studenten totale Nerds und nicht sehr kommunikativ. Ich wollte eigentlich auch neue Leute kennenlernen und dachte, alle seien offen und interessiert, aber irgendwie ist eher das Gegenteil der Fall und ich ecke mit meiner offenen Art ziemlich oft an.

    Neben der Uni habe ich angefangen in einem Restaurant an der Bar zu arbeiten, außerdem verkaufe ich Turnschuhe. Und gerade habe ich einen Personal-Shopping-Dienst gegründet, weil ich mir unbedingt was Eigenes aufbauen will. Bisher läuft es noch nicht so richtig. Außerdem will ich aufhören zu rauchen und weniger trinken. Und Arabisch lernen. Bei meinen Eltern will ich auch ausziehen, aber dieser Plan hängt ein bisschen vom Erfolg meiner diversen Jobs ab, denn sonst kann ich mir das nicht leisten.“

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      Foto: Juri Gottschall

    2015, nach seinem ersten Jahr als Student, will Marius das Studienfach wechseln:

    „Ich habe früher ein paar Sachen völlig falsch verstanden. Zum Beispiel dachte ich, dass Geld glücklich macht. Deshalb wollte ich auch so gerne Elektrotechnik studieren, weil das eine sichere Sache ist, um später ganz gut zu verdienen. Heute weiß ich: Darum geht es gar nicht im Leben. Ausschlaggebend dabei war Silvester, da habe ich von einem auf den anderen Tag aufgehört zu rauchen. Und meine Teilnahme an der „A year of books“ Challenge von Mark Zuckerberg, bei der er jede Woche ein neues Buch liest.

    Angefangen habe ich mit „The End of Power“ von Moises Naim. Da habe ich mich vier Wochen lang sechs Stunden jeden Tag durchgequält. Irgendwann machte es mir Spaß. Inzwischen bin ich über 40 Bücher hinaus. Parallel habe ich angefangen, viel Sport zu machen und mich mit Yoga und Meditation befasst. Irgendwann wusste ich: Mit meinem Studium geht es so nicht weiter. Durch Zufall stieß ich auf den neuen Studiengang „Gesundheitswissenschaften“. Als ich die Beschreibung las, wurde mir mit jedem Satz klarer: Das ist genau das, was ich machen möchte! Seit ich diese Entscheidung getroffen habe, gibt es keinen Tag mehr, auf den ich mich nicht freue. Ich arbeite nicht mehr im Sneaker-Laden, mit dem Personal-Shopping habe ich auch aufgehört. Jetzt möchte ich andere Menschen coachen und zu ihrem persönlichen Glück führen.“  

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      Foto: Juri Gottschall

    2016 merkte Marius, dass sein neues Studium auch nicht besser ist als das alte:

     

    "Das Studium der Gesundheitswissenschaften war wirklich der größte Scheiß, den ich jemals gemacht habe. Ich bin sehr enttäuscht gewesen, was einem da für antiquiertes Wissen vermittelt wurde. Ständig hatte ich das Gefühl, dass man nur dafür gedrillt wird, später mal für eine Krankenkasse oder sowas zu arbeiten. Dafür war ich charakterlich einfach nicht bereit und zugleich auch noch total unterfordert. Teilweise fühlte ich mich richtig verarscht von dem, was da von mir erwartet wurde. Trotzdem habe ich bis Februar durchgehalten und war täglich in der Uni. Ich wollte einfach nicht schon wieder einen Rückzieher machen und dem Studium wirklich eine Chance geben. Als ich dann von einem auf den anderen Tag aber total depressiv wurde, habe ich aufgegeben.

     

    Meine Eltern haben mir dann natürlich ein bisschen Druck gemacht, nachdem sie mir ja nun schon anstandslos den zweiten Studienversuch finanziert hatten. Also habe ich für mich einen Entschluss gefasst: Ich wollte 100 Prozent unabhängig und frei sein und nicht mehr auf Kosten anderer leben.

    Ein Freund sagte mir dann irgendwann: Mach doch einen YouTube-Channel! Er meinte wohl, dass ich gut darin wäre, die Leute zu unterhalten und von meinem Leben zu erzählen. Also mache ich jetzt seit einem halben Jahr als „Prinzgeil“ regelmäßige Vlogs. Das macht unglaublich viel Spaß und hilft mir total, meine Kreativität auszuleben. Ich lerne auch total viel dadurch und werde immer professioneller. Einen Modeljob und einen Moderationsauftrag habe ich dadurch auch schon bekommen.

     

    Im Sommer habe ich mich dann in ein Mädchen verliebt und von einem Tag auf den anderen mein ganzes Leben geändert. Ich dachte ständig, ich sei nicht gut genug für sie und wollte immer mehr geben. Also habe ich ein Praktikum bei einer Zimmerei gemacht, weil ich wirklich daran dachte, eine handwerkliche Ausbildung anzufangen. Als ich den Ausbildungsvertrag nach sechs Wochen schon in der Hand hielt, bin aber auch an einen Job bei einem großen Finanzdienstleister gekommen. Plötzlich merkte ich: Wow, ich kann ja auch einfach mit angenehmen, entspannten Menschen in einem klimatisierten Büro mein Geld verdienen und muss nicht im Hochsommer auf Dachstühlen rumklettern. Also bin ich dabei geblieben.

     

    Gleichzeitig haben meine Eltern auch noch ihre Wohnung aufgegeben und ich musste mir eine eigene Bleibe suchen. Auch da hatte ich unglaubliches Glück und im letzten Moment ergab sich noch eine Zwischenmiete und jetzt sogar eine Wohnung, die ich mir mit meiner kleinen Schwester teile. Jetzt fange ich mit Computerlinguistik an und lerne gleichzeitig noch Arabisch und Italienisch. Das wollte ich schon immer tun. Außerdem habe ich den Job als Werksstudent behalten. Die Liebesgeschichte ist zwar leider schon wieder vorbei, aber das mit der finanziellen Unabhängigkeit hat schon mal geklappt. Jetzt ist das nächste Ziel der Bachelor!"

    • 04 marius
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Marius heute: 

     

    „Computerlinguistik habe ich gerade mal zwei Semester durchgehalten. Ich habe sogar im Februar noch die Klausuren geschrieben und gar nicht schlecht abgeschnitten. Trotzdem wurde mir mehr und mehr langweilig. Irgendwann bin ich dann gar nicht mehr in die Uni gegangen und habe die Sachen, die ich wissen musste, einfach selbst gelernt. Warum ich das Studium überhaupt begonnen habe, weiß ich heute selbst nicht so genau. Wahrscheinlich, weil ich glaubte, dass man für einen Job unbedingt ein Studium braucht. Ich dachte, ich könnte alles, was ich dort lerne, sofort im Unternehmen umsetzen. Das war allerdings ein großer Irrtum, weil die meisten spannenden Sachen hinter geschlossenen Türen stattfinden.

    Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ein Job eben primär ein Job ist und nicht unbedingt der Selbstverwirklichung dienen muss. Die zweiten Prüfungen des Jahres habe ich dann schon nicht mehr gemacht. Ich habe ja schon gespürt, dass ich das Studium sowieso nicht weitermachen würde.

     

    Meine Youtube-Channel habe ich wieder aufgegeben. Das hat mich langfristig einfach nicht befriedigt. Ich dachte die ganze Zeit nur noch an die Kamera und was ich als nächstes filmen könnte. Im April bekam ich dann das Angebot als Crossfit-Coach zu arbeiten. Ich habe ja schon immer viel Sport gemacht und wollte das schon immer gerne machen. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, dass ich jetzt in dem Studio, in dem ich selbst immer trainiere, als Coach arbeiten würde, hätte ich das wahrscheinlich gar nicht glauben können. Das war schon damals ein richtiger Traumjob, an den ich mich gar nicht zu denken getraut habe. 

     

    Ein neues Studium möchte ich aber auch noch anfangen. Es heißt „Technische Redaktion und Kommunikation“ und wird an der Fachhochschule angeboten. Ich möchte das vor allem machen, weil ich in diesem Jahr sowieso schon sehr viel in diese Richtung gearbeitet habe. Ich designe T-Shirts, habe für ein Startup das Grafikdesign gemacht und für Freunde Logos entworfen. Außerdem fotografiere ich viel. Ich habe immer das Gefühl, dass ich einfach alles ein bisschen kann. Allerdings habe ich auch gar keine Lust, tiefer einzusteigen. Ich glaube, im 21. Jahrhundert muss man das auch gar nicht mehr unbedingt. Man kann ja sowieso so viel Verschiedenes machen und sich zur Not immer wieder weiterbilden und dazulernen. Zumindest so lange, bis man etwas gefunden hat, was man wirklich für immer machen möchte. Ich wollte ja schon von Beginn an ein gestalterisches Studium machen und ich erhoffe mir von der Fachhochschule mehr Praktisches und nicht so viel Theorie. Ich habe mich früher nie getraut einfach nur Künstler zu sein. Jetzt sehe ich das viel entspannter und souveräner. Ich habe inzwischen so viel geschafft, verdiene mein eigenes Geld, wohne in meiner eigenen Wohnung. Da wird das hoffentlich auch noch klappen.“ 

    • 025 alicia alle
      Fotos: Juri Gottschall

    Mein Traum ist trotz allem noch das Singen“ – Alicia, 22, ist nicht mehr mit ihrem Freund zusammen und bewirbt sich weiter für ein Gesangsstudium. 

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Alicia 2014:

    „Seit ich klein bin weiß ich, dass ich etwas mit Musik machen will. Mein Klavierstudium und mein zweites Fach „Elementare Musikpädagogik“ mit Hauptfach Gesang machwn mir bisher auch großen Spaßund ich freue mich jeden Tag auf die Uni. Natürlich ist der Stundenplan bei zwei Studiengängen sehr voll und ich hätte gerne mehr Zeit für mich und um Klavier zu üben. Das kommt gerade noch ein bisschen zu kurz, aber ich hoffe, das pendelt sich noch ein. Ansonsten sind meine Kurse sehr klein, das ist super. Insgesamt erhoffe ich mir von meinem Studium meine künstlerische Persönlichkeit zu entdecken und vollkommen zu entfalten. Bereits jetzt singe ich oft bei verschiedenen Chören und Projekten mit. Das beschert mir ein schönes Taschengeld, aber vor allem macht es mir Spaß und ist eine gute Ergänzung zu meinem Studium, da ich so schon viele praktische Erfahrungen sammeln kann.

    Ich würde gerne zu Hause ausziehen, da ich aber kurze Wege zur Uni habe und bei meinen Eltern ein toller Flügel zum Üben steht, wird das wohl nicht so bald passieren. Später möchte ich unbedingt in einer anderen Stadt studieren, das gehört für mich zum Studentendasein einfach dazu.“

    • alicia2
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Alicia ein Jahr später, als sie ihr Doppelstudium auf ein Fach reduziert:

    „Zwei Fächer gleichzeitig zu studieren, war stressiger als ich dachte. Ich hatte das Gefühl, beides nur halb zu machen, weil ich einfach zu wenig Zeit hatte, mich auf beide gleich gut vorzubereiten. Deshalb habe ich mich für das Klavierstudium entschieden. Es war mir von Anfang an eigentlich wichtiger als Elementare Musikpädagogik.

    Ansonsten hat das Klavierstudium meine Erwartungen erfüllt. Mir war zwar klar, dass es zeitintensiv wird, aber das ganze Ausmaß habe ich erst jetzt begriffen. Es ist nicht einfach, vier Stunden Üben in den Tag zu bekommen. Ich singe immer noch in mehreren Chören und bin sogar jetzt mit einem Vokalensemble bei einer Produktion in den Kammerspielen dabei, darauf freue ich mich sehr. Und ich werde bald ausziehen. Meine WG-Partnerin ist eine Kommilitonin und Freundin von mir und bringt ein Klavier mit in unsere Wohnung, somit muss ich nicht immer zu meinen Eltern oder in die Hochschule fahren zum Üben. Ich bin sicher, das wird super.

    Ich will unbedingt noch Gesang studieren. Wenn es schon nächstes Jahr klappt, wäre es toll. Wenn nicht, dann mache ich es ganz in Ruhe nach meinem Klavierstudium.“ 

    • alicia3
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Alicia 2016:

     

    "Mein Klavierstudium läuft jetzt ganz gut. Ich habe im Sommer Zwischenprüfung gespielt und war sehr zufrieden. Ich versuche jetzt gleich im neuen Semester mindestens vier Stunden pro Tag zu üben, denn je mehr man übt, desto mehr Spaß macht's auch.

     

    Die Aufnahmeprüfung für Gesang, die im Sommer war, habe ich leider nicht geschafft. Ich war zwar erst enttäuscht, aber mittlerweile bin ich ganz froh. Ich habe auch so schon genug zu tun mit dem Üben auf dem Klavier und dem Singen in verschiedenen Chören und Kirchen. Das ist derzeit meine Haupteinnahmequelle, mein Nebenjob sozusagen, und macht mir immer noch sehr viel Spaß.

     

    Durch meinen Freund, der Techno-DJ ist, lerne ich plötzlich auch eine ganz andere Musikrichtung kennen. Ich konnte früher nicht sonderlich viel damit anfangen, aber mittlerweile macht es mir sehr Spaß, diese Art von Musik zu hören und ich beginne auch den Reiz dahinter zu verstehen.

     

     

    Meinen Traum vom Gesangsstudium werde ich auf keinen Fall aufgeben, ich probiere es nächstes Jahr vielleicht noch einmal in München, ansonsten wie vorgehabt nach meinem Klavierstudium in einer anderen Stadt." 

    • 024 alicia
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Alicia heute: 

     

    „Im vergangenen Jahr ist dann doch mehr passiert, als ich dachte. Ich bin nicht mehr mit meinem Freund zusammen, außerdem bin ich in eine neue sehr nette WG gezogen. Lustigerweise habe ich im letzten Jahr auch noch mal viele Leute von der Hochschule näher kennengelernt, woraus viele Freundschaften entstanden sind. Deshalb möchte ich grade auch gar nicht mehr weg aus München. Trotzdem werde ich mich für das Gesangsstudium in diesem Jahr auch in anderen Städten bewerben.

     

    Das Klavierstudium macht mir immer noch Spaß, gerade habe ich sogar wieder besonders Freude am Klavierspielen gefunden. Das liegt eventuell auch an meinem neuen Fach, Liedbegleitung. Für mich ist es die perfekte Kombination, da ich so meine beiden Leidenschaften, das Klavier und den Gesang, verbinden kann.

    Ich habe auch zwei private Klavierschüler, das ist in meinem Semesterplan fest vorgesehen. Das macht mir großen Spaß, und ist eine gute Erweiterung zu meinem Studium, da ich so schon Berufserfahrung sammeln kann.

     

    Mein Traum ist trotz allem noch das Singen, entweder in einem Rundfunkchor oder in einem Opernhaus. Schließlich habe ich schon mit sechs Jahren zu meinen Eltern gesagt, dass ich irgendwann mal „Die Königin der Nacht“ singen möchte.“

    • 035 jonas alle
      Fotos: Juri Gottschall

    Ich war mir selten bei einer Entscheidung so sicher wie bei dieser“ – Jonas, 23, denkt nicht mehr an sein Jura-Studium und ist jetzt glücklich mit Literaturwissenschaft.  

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Jonas 2014, als er frisch an der Uni war:

      "Ich wollte schon Psychologie, Philosophie, Soziologie, Politik oder irgendwas auf Lehramt studieren, habe mich jetzt aber für Jura entschieden, weil das für mich die ideale Schnittmenge darstellt. Jura umgibt uns schließlich immer und Fächer wie Staatslehre oder Rechtsphilosophie sind da eine ideale Ergänzung.

    Bisher ist das Studium auch sehr interessant. Natürlich ist es ziemlich viel und auch viel anspruchsvoller als alles früher in der Schule, aber das habe ich auch nicht anders erwartet. Ich will das jetzt auf jeden Fall durchziehen, mich anstrengen und dann schauen wo ich stehe und wie es mir damit geht.

    Ich hoffe, dass ich im nächsten Sommer genug Geld haben werde, um eine größere Reise zu machen. Ich möchte nämlich bald nach Kuba fahren. Als Nebenjob arbeite ich schon lange im Supermarkt, aber ich habe gehört, dass man nach dem ersten Semester auch in Kanzleien jobben kann. Vielleicht läuft es da finanziell ein bisschen besser.

    Außerdem ziehe ich jetzt mit Freunden zusammen in eine WG und bin schon gespannt, wie das wird. Aber eigentlich plane ich mein Leben gar nicht gerne so weit im Voraus…"

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Jonas nach zwei Semestern Jura:

    "Das Jurastudium war im letzten Jahr schon ganz spannend, wenn auch nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Zumindest war es nicht interessant genug, um es sieben Jahre lang zu studieren. Ich habe kaum Leute kennengelernt, weil der Studiengang so riesig ist. Wenn da 300 Leute in einer Vorlesung sitzen, kommst du ja kaum mit dem einzelnen ins Gespräch. Trotzdem ist Jura nicht so trocken und langweilig wie viele immer sagen. Ich hab nur einfach gemerkt: Das ist nicht meins.

    Nach dem ersten Semester wollte ich dem Studium trotzdem noch eine Chance geben und habe das zweite Semester auch noch begonnen. Bald habe ich dann nur noch die Vorlesungen besucht, die mich wirklich interessierten und irgendwann bin ich kaum mehr in die Uni gegangen. Dafür habe ich als Werkstudent in einem großen Unternehmen angefangen. Ich bin auch zuhause ausgezogen und wohne seit Anfang des Jahres mit einem Freund zusammen. Das funktioniert super und tut mir sehr gut. Außerdem habe ich im Sommer einige Reisen unternommen.

    Mittlerweile habe ich mich für Romanistik und Philosophie eingeschrieben. Ich glaube, dass das genau das Richtige für mich ist. Ich spreche eh schon Spanisch und kann so meine Kenntnisse in der Sprache verbessern. Außerdem reise ich gern und ich habe gehört, dass man in diesem Fach ziemlich leicht ein Auslandssemester machen kann - oder sogar zwei. Philosophie interessierte mich auch schon immer. Das ist ja auch mit Sprache eng verbunden und es ist total faszinierend, welche Gedankengänge da möglich sind. Beide Studiengänge sind sehr frei und haben wenig Vorgaben, bedürfen aber umso mehr Eigeninitiative. Das ist völlig anders als Jura und das möchte ich mir jetzt einfach mal gönnen."  

    • jonas3
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Jonas 2016, nach einem Jahr in seinem neuen Studium:

     

    "Meine Erwartungen an das neue Studium haben sich voll bestätigt. Romanistik und Philosophie ist eine gute Kombination. Gerade von Philosophie bin ich total begeistert. Da fällt einem wirklich manchmal wie Schuppen von den Augen, was ein Autor mit seinen Texten meint. Es ist so vielseitig und frei, manchmal bekommt man wirklich nur einen Text und es heißt: Denk dir was! 

     

    Natürlich bringt diese Freiheit einen Studenten manchmal auch in organisatorische Schwierigkeiten und Erklärungsnöte. Wenn man sich alles selbst zusammenstellen oder vor anderen immer rechtfertigen muss, was man denn mit diesem Studium später mal anfangen möchte zum Beispiel. Ich antworte dann meistens nur noch, dass ich mich davon noch überraschen lassen werde. Wer solche Fragen stellt, hat sich meistens eh schon vorher ein Bild zurechtgemacht.

     

    Die Leute im Studium sind hingegen größtenteils wirklich cool und ich habe schon viele Kontakte geknüpft. Romanistik gliedert sich ja in kulturelle und einen wissenschaftliche Teile. Jetzt im dritten Semester möchte ich mich auf Sprachwissenschaft konzentrieren und neben Spanisch eine weitere Sprache lernen. Ich habe mich für Französisch entschieden. Das wird an vielen Orten gesprochen und ich möchte ja unbedingt weiterhin viel reisen. Deshalb erschien es mir sinnvoller als zum Beispiel Italienisch, das zwar meines Erachtens die schönste Sprache der Welt ist, aber wahrscheinlich nur ein schönes Hobby bliebe.

     

    Ich habe in meinem Studium im ersten Jahr schon gemerkt, was sich für Perspektiven auftun können. Entweder mache ich später noch meinen Master und gehe dann in eine Branche, in der man Sprachwissenschaftler braucht oder ich mache ein wirtschaftliches Masterstudium. Zum Beispiel European Studies, damit kann man viel anfangen. Die dritte Möglichkeit wäre ein Lehrberuf, vielleicht Deutschlehrer im Ausland. Das käme meiner Leidenschaft fürs Reisen sehr entgegen. Im Sommer war ich vier Wochen in Spanien und Paris. Ich möchte mich jetzt auch für ein Erasmus-Semester in Paris bewerben. Vielleicht hänge ich aber auch nach dem Bachelor einfach noch ein Studium dran. Psychologie interessiert mich da sehr, das wollte ich schon immer studieren.

     

    Insgesamt bin ich also sehr zufrieden. Ich habe alle Prüfungen gut bestanden und bin begeistert, wie sich so ein Studium entwickeln kann. Während am Anfang für mich ja wirklich noch alle Wege offen waren, habe ich mich jetzt schon auf ein paar Möglichkeiten beschränkt. Wenn das so weitergeht, weiß ich am Ende des Studiums genau was ich machen möchte und das ist ja wohl wirklich der Idealfall."

    • 034 jonas
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt er heute:  

     

    „Mein Studium läuft weiterhin gut. In Romanistik musste ich mich im dritten Semester zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft entscheiden und bin sehr froh, dass ich letztendlich die Literatur genommen habe. Dort beschäftigt man sich eher mit der schriftlich fixierten Form von Sprache, deren Wirkung, Hintergrund und Interpretation, während die Sprachwissenschaft mehr die Entstehung der Normen, die Lautwandel und das Sprechen untersucht. Das kommt mir sehr entgegen und ist auch näher an der Philosophie. 

     

    Französisch lerne ich in einem Sprachkurs. Das ist ein bisschen wie in der Schule und reicht sicher aus um damit durch Paris zu kommen, mein großes Steckenpferd wird aber weiterhin Spanisch bleiben. Ich möchte lieber eine Sprache wirklich perfektionieren als am Ende zwei Sprachen nur so halbwegs zu beherrschen. Deshalb gehe ich nun auch endlich ab September für ein halbes Jahr nach Valencia und danach nochmal sechs Monate nach Barcelona. Ich werde ein Jahr in Spanien studieren und meine Vorfreude ist schon jetzt gigantisch. Ich war mir selten bei einer Entscheidung so sicher wie bei dieser. Das kann fast gar nicht schlecht werden!

     

    Im Frühjahr war ich außerdem für einige Wochen in Südafrika. Dort lebt meine Freundin, die ich letztes Jahr in Spanien kennengelernt habe. Sie möchte jetzt auch nach Europa – wahrscheinlich Prag – ziehen, sodass wir uns dann hoffentlich öfter und einfacher sehen können.

     

    Besonders das Philosophie-Studium macht mir nach wie vor großen Spaß. Ich lese viel und eigentlich interessiert mich alles. Weil sich ständig neue Felder öffnen und mir zeigen, was ich alles noch nicht weiß, habe ich immer den Eindruck: Je mehr ich lese, desto weniger weiß ich.  

    Mir gefällt besonders, dass ich lerne, wie pluralistisch alles eigentlich ist. Es gibt gar kein richtig oder falsch mehr und irgendwie wappnet einen dieses Wissen auch gegen vermeintlich „schlechte“ Dinge oder gegen Menschen, die stets behaupten, sie hätten DIE EINE Lösung für alles. 

     

    Ich bin sehr froh, dass ich gerade gar nicht viel planen muss. Was sich nach meinem Jahr in Spanien ergibt, wird sich dann schon zeigen. Vielleicht bereite ich meine Bachelorarbeit vor. Und wenn alles glatt läuft, bin ich Ende 2018 fertig.“

     

     

    • 045 viccy alle
      Fotos: Juri Gottschall

    "Ich habe eine Band gegründet und gute neue Freunde gefunden" – Viccy, 22, wohnt jetzt in einer WG und geht in ihrem Studium voll auf. 

    • viccy1
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Viccy 2014:

    „Ich liebe das Theater! Nachdem ich einige Praktika gemacht habe, wollte ich deshalb Regie studieren. Das liegt mir mehr als die Schauspielerei, auch weil ich gerne mitbestimmen möchte. Allerdings bin ich für die meisten Schauspielschulen noch zu jung und habe mich deswegen jetzt für meine zweite Wahl entschieden. Ich hoffe so, noch andere Künste neben dem Theater besser kennenzulernen. Außerdem wollte ich mehr Struktur in mein Leben bringen, um mein Ziel besser verfolgen zu können. Nachdem ich nach der Schule ein Jahr frei gearbeitet habe, brauchte ich wieder einen geregelten Alltag. Auch, weil ich noch bei meinen Eltern wohne. Ich bin aber ganz stolz, dass ich noch kein einziges Mal in der Uni gefehlt habe! Ich schaffe auch plötzlich viel mehr. Allerdings ist das Studium zeitaufwendiger als ich dachte. Was man allein alles lesen muss! Ich dachte, das kann man locker alles nebenher machen.

    Im Laufe des Jahres werde ich mich weiter für Regie bewerben, hoffentlich komme ich dann aber nicht in eine ganze andere Stadt als mein Freund. Der wohnt im Moment auch in München, will aber Schauspiel studieren und bewirbt sich bei Schulen in ganz Deutschland. Außerdem hoffe ich, dass ich irgendwas finden werde, was mich wirklich erfüllt. Im Moment habe ich nämlich den Eindruck, dass ich nur so von Termin zu Termin arbeite.“

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      Foto: Juri Gottschall

    Nach einem Jahr ist Viccys Motivation schon deutlich geschrumpft:

    „Das Studium ist schon relativ interessant, ich bin aber höchstens mit 60 Prozent dabei. Eigentlich gehe ich nur zu den Veranstaltungen, die mich wirklich interessieren. Trotzdem bin ich sehr gut. Mein Nebenfach „Kunst, Musik, Theater“ kommt mir dagegen mehr wie ein Hobby vor, als wie ein richtiges Studium. Man kann so etwas wie Theater eben nicht auf einer wissenschaftlichen Ebene diskutieren. Da geht es nur um den Moment und darum, was persönlich ankommt, es gibt kein richtig oder falsch. Zum Glück arbeite ich neben dem Studium am Theater und durfte bei der Baal-Inszenierung dabei sein. Ich habe den ganzen Probenprozess miterlebt, was unglaublich toll für mich war. Momentan mache ich auch noch die Regieassistenz bei einem Musical für Kinder. Außerdem habe ich mich bei einer Schauspielschule für ein Regiestudium beworben. Leider wurde ich wegen meines Alters nicht genommen, ich habe aber ein sehr gutes Feedback bekommen. Jetzt werde ich weitere Bewerbungen an alle interessanten Schulen schicken. Durch das Studium habe ich eine gute Rechtfertigung anderen Leuten gegenüber, warum ich das tue, was ich tue. Selbst große Skeptiker nehmen meinen Traum, Regie zu studieren, nun ernst, weil ich jetzt schon länger daran arbeite. Das stimmt mich sehr zuversichtlich, dass es auch klappen wird.“
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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Viccy 2016:

     

    "Morgen ziehe ich von daheim aus. Das ist schon ein krasser Schnitt, weil in meinem Leben nie wieder alles so sein wird, wie jetzt. Aber weil das, wo ich jetzt hingehe, mein Traum ist, fällt mir der Abschied leichter. 

     

    Eigentlich müsste ich mich noch viel mehr freuen. Immerhin habe ich jahrelang trotz tausender Gegenstimmen daran gearbeitet, dass ich endlich Regie studieren kann. Ich habe mich in diesem Jahr bei fünf Schulen beworben.

     

    Als ich dann im Juni die Nachricht bekommen habe, dass ich in Gießen genommen wurde, bin ich seltsamerweise gar nicht vor Freude durchgedreht. Wahrscheinlich hab ich es einfach immer noch nicht ganz realisiert. Das kommt wohl erst, wenn ich wirklich da bin. 

     

    In der Uni bin ich im Laufe des Jahres immer weniger gewesen. Von den 60 Prozent Anwesenheit aus dem letzten Jahr sind vielleicht höchstens 22 Prozent geblieben. Es gab ungefähr drei Vorlesungen und praktische Kurse, die mich wirklich interessiert haben und die ich deswegen auch regelmäßig besucht habe.

     

    Dafür habe ich jede Menge andere Dinge gemacht:

     

    Von Februar bis April habe ich im Residenztheater in München an der Švejk-Inszenierung mitgearbeitet. Zuvor war ich vier Monate in Berlin. An der Volksbühne hatte ich eine Mitarbeit und durfte sogar den Sprechchor dieser Inszenierung organisieren. Zusätzlich habe ich noch eine Dramaturgie-Hospitanz gemacht. Das war eine wahnsinnig anstrengende und aufregende Zeit, hat aber unglaublich viel Spaß gemacht.

     

    Danach wollte ich eigentlich eine Regieassistenz in München machen und hatte das schon alles abgeklärt, bis mir das Theater leider doch abgesagt hat. Da ging es mir eine Zeit lang wirklich nicht gut. Inzwischen glaube ich aber, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn auch mal was nicht klappt. Ich habe mir fest vorgenommen, das dann eben zu einem anderen Zeitpunkt zu machen. 

     

    Mein Freund studiert jetzt in Leipzig, wir führen nun eine Fernbeziehung. Davor hatte ich erst ziemlich Angst, aber seit er jetzt ein paar Wochen weg ist, bin ich doch immer zuversichtlicher. Wir sind schon seit vier Jahren zusammen, das ist es einfach wert.

    • 044 viccy
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt sie heute: 

     

    „Ich studiere jetzt „Angewandte Theaterwissenschaft“ in Gießen. Das ist eine der zehn Schulen in Deutschland, an denen man staatlich anerkannt studiert, um dann den Weg in die Regie einzuschlagen zu können.

    Das Studium ist wirklich toll. Ich kann alle Kurse, die mich interessieren frei wählen, das geht von Kunst und Dokumentarfilm bis hin zu Ton und Beleuchtung, Maskenbau und Philosophie. Hier lerne ich noch mehr, als ich mir vorher schon erhofft hatte. Zum praktischen Teil des Studiums gehören auch sogenannte „Szenische Projekte“, wo wir ziemlich frei Ideen umsetzen können. Das ist völlig anders als ich es bisher kennengelernt habe, denn jetzt muss ich nicht Stücke lesen, die man inszenieren könnte, sondern ich schaue, welche Themen mich interessieren, womit ich gerne arbeiten würde. Gerade habe ich ein Projekt zum Thema „Spazierengehen“ gemacht, worin es um persönliche Abschiede geht.

     

    Die Uni ist generell sehr familiär und bietet mir große Freiheiten. Was allerdings auch erfordert, dass man sich selbst am Riemen reißt und wirklich eigenständig arbeitet. Mein Freund zum Beispiel studiert jetzt Schauspiel in Leipzig, dort ist vieles vorgegeben und insgesamt eher schulisch. Wenn ich in der Regie eine Geschichte erzählen will, muss ich erst mal herausfinden, was ich überhaupt erzählen will und warum. Da ich thematisch im Prinzip alles umsetzen könnte, erfordert allein das Herausfiltern eigene Disziplin.

     

    Früher in München habe ich ja höchstens 20 Prozent studiert, jetzt ist das völlig anders, weil ich endlich das studieren kann, was ich wirklich will. Ich habe das Gefühl, dass ich, sobald ich in Gießen bin, für das Studium arbeite. Was anderes kann man da gar nicht machen. Wegen der kleinen Anzahl der Studierenden an unserem Institut ist das Gefüge so eng, dass trotz der Freiheiten jeder Einzelne mitgenommen wird.

     

    Im Moment fühle ich mich wirklich wohl. Ich habe eine Band gegründet und gute neue Freunde gefunden, ich traue mir viel mehr zu und habe endlich die Möglichkeit, einfach mal Sachen auszuprobieren. Dafür ist das Studium wirklich fantastisch. Vielleicht ergibt sich irgendwann noch die Möglichkeit eines Erasmus-Semesters, das würde mich auf jeden Fall noch interessieren. Aber das hat ja noch ein bisschen Zeit. Und wenn ich doch mal das Bedürfnis nach schönen Häuserfassaden und ein bisschen Großstadt habe, fahre ich einfach in einer halben Stunde nach Frankfurt und gehe da ins Theater.“ 

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      Fotos: Juri Gottschall

    „Das Tanzen jedoch steht im Moment komplett still“ – Thomas, 21, steckt gerade mitten in seiner Doktorarbeit.  

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Thomas 2014:

     

      „Eigentlich wollte ich Musik oder Schauspiel studieren, damit ich später in der Entertainmentbranche Fuß fassen kann. Gleichzeitig habe ich zu Hause durch meinen Vater viel vom Arztberuf mitgekriegt und es hat mich immer fasziniert, dass er mit seiner Arbeit Menschen helfen kann. Jetzt habe ich erst mal sicheren Weg gewählt. Bisher ist das Studium auch sehr interessant, aber es ist auch extrem viel Stoff. Ich brauche allerdings auch immer ein bisschen Stress, um mich wohl zu fühlen. Deshalb spiele ich neben dem Studium noch klassisches Klavier und gehe zweimal die Woche zum Ballet-Training, was für mich sehr selten ist. Ich hoffe, dass ich mich meinen privaten Interessen bald wieder mehr widmen kann, auch wenn mir das momentan utopisch vorkommt.

     

    Kurz nach dem Abitur bin ich außerdem mit meiner Freundin zusammengekommen. Innerhalb des nächsten Jahres will ich endlich meinen Führerschein machen, außerdem habe ich mir fest vorgenommen, nicht mehr vor jeder Klausur immer erst in letzter Minute mit dem Lernen anzufangen. Und ich will unbedingt in der Showbranche jobben um meinen zweiten Traum nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Und natürlich möchte ich bei meinen Eltern ausziehen, wenn sich irgendwas ergibt. Wenn nicht, genieße ich auch gerne weiterhin die Vorzüge zu Hause.“

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Thomas nach einem Jahr als Medizinstudent:

      „Mir ist es vergangenes Jahr sehr gut ergangen. Das Studium war sehr anstrengend. Das habe ich mir zwar schon vorher gedacht, die inhaltlichen Ansprüche waren aber noch höher als erwartet. Die Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, interessieren mich am meisten. Fasziniert hat mich auch die Vorlesung von Dr. Eckart von Hirschhausen bei uns. Er vereint Medizin und Unterhaltung. Das ist etwas, das ich mir auch gut für mich vorstellen könnte: Menschen bilden und über die Medizin aufklären. Auch neben der Uni läuft es gut bei mir. Ich spiele jetzt zum ersten Mal als Schauspieler in einem kleinen Werbefilm mit.

     

    Das Ballett hat hingegen etwas unter der Uni gelitten. Erst musste ich wegen einer Verletzung mit dem Training aussetzen und danach hat einfach die Zeit nicht mehr gereicht, um wieder direkt anzuknüpfen. Dafür gibt mir das Klavierspielen einen guten Ausgleich zum Lernen. Ich merke sogar, dass ich umso disziplinierter Klavier übe, wenn die Uni besonders stressig ist. Bisher bin ich noch bei keiner Prüfung durchgefallen und schneide überall gut ab. Ich wohne immer noch mit meinen Brüdern in einer Art WG in unserem Elternhaus. Die Zeit mit ihnen weiß ich aber inzwischen mehr zu schätzen. Mit meiner Freundin bin ich auch noch zusammen. Und sogar meinen Führerschein habe ich gemacht: Ich habe jetzt ein eigenes Auto!“

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      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Thomas 2016:

     

    "Ich habe vor ein paar Wochen das Physikum, das erste Staatsexamen, geschrieben. Und das sogar erfolgreicher als gedacht. Die drei Monate davor war ich quasi in Quarantäne und habe nichts anderes getan als gelernt. Meine einzigen sozialen Kontakte waren meine Freundin und meine Brüder. Ich wollte einfach nur irgendwie diese Prüfung bestehen. Zum Schluss habe ich dann sogar eine Eins geschrieben.

     

    Nach dem Physikum, sagt man, soll das Studium allerdings wieder entspannter werden. Vielleicht finde ich dann endlich wieder Zeit fürs Ballett, das ruht nämlich im Moment leider.

     

    Ich habe mich aber gerade auch schon für eine Doktorarbeit beworben. Das ist ziemlich ungewöhnlich zu diesem Zeitpunkt, aber mir wurde von verschiedenen Seiten dazu geraten. Ich würde die Doktorarbeit nämlich gerne schon im sechsten Semester schreiben, weil dafür viele Dinge relevant sind, die ich vor dem Physikum gelernt habe und die mir jetzt noch viel mehr präsent sind. Außerdem fällt die Veröffentlichung der Arbeit dann in die letzte Zeit des Studiums, sodass ich mich dann direkt für Stellen bewerben kann.

     

    An der Musikhochschule mache ich gerade ein Gaststudium, das eigentlich für musikalisch begabte Jugendliche gedacht ist. Dort lerne ich viel über Musiktheorie. Kurz vor dem Physikum hatte ich auch einen Auftritt am Klavier - und war dabei noch viel aufgeregter als später beim ganzen Staatsexamen.

     

    In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, vielleicht einen YouTube-Channel zu starten, bei dem ich medizinische Themen unterhaltsam präsentiere. Allerdings merke ich schon jetzt, dass die Begeisterung für meine eventuellen Forschungsprojekte diese Motivation langsam, aber sicher überholt. Und das sogar, obwohl mir die Idee wirklich immer noch gut gefällt. Mal sehen, was daraus wird, schließlich würde das meine beiden Leidenschaften, die Unterhaltung und die Medizin, optimal zusammenbringen."

    • 054 thomas
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagt Thomas heute:  

     

    „Seit März stecke ich mitten in meiner Doktorarbeit. Eigentlich verbringe ich seitdem jeden Tag nur noch von morgens bis abends im Labor und forsche. Mein Kerngebiet ist die Immunologie, besonders in Hinblick auf die Krebsforschung.

    Für das normale Studium bleibt da gerade keine Zeit. Es gibt zwar noch vereinzelt Seminare, aber eigentlich bin ich Vollzeit im Labor. Man nennt das auch Projektsemester. So wird es jetzt auch erst mal noch ein weiteres Semester weitergehen und wenn alles gut läuft, werde ich voraussichtlich in einem Jahr genug Daten gesammelt haben, um meine Doktorarbeit schreiben zu können. Falls ich nicht merke, dass ich eigentlich noch mehr rausholen könnte und die Zeit sogar noch verlängern möchte. Einen Doktortitel habe ich dann aber natürlich trotzdem noch nicht. Ich muss erst mein normales Studium beenden, weshalb ich im Anschluss natürlich wieder ganz normal weiter studieren muss. Aber später würde das alles noch viel stressiger werden mit Examen und Doktorarbeit. Ich habe mich also für einen zwar ungewöhnlichen, aber eigentlich sehr effizienten und komfortablen Weg entschieden.

     

    Musik mache ich immer noch, mein Gaststudium musste ich aber aus Zeitmangel wieder aufgeben. Überhaupt sind meine anderen Tätigkeiten im Moment sehr ausgedünnt. Das Klavierspielen kann ich noch auf einer einigermaßen regelmäßigen Basis verfolgen, das Tanzen jedoch steht im Moment komplett still. Ich könnte die Trainingszeiten gerade einfach nicht einhalten. Mir fehlt aber die Ablenkung, vor allem in Hinsicht auf die körperliche Betätigung. Ich träume davon, zumindest wieder bei ein paar Trainings dabei zu sein.“

    • 065 marie alle
      Fotos: Juri Gottschall

    „Drei Jahre sind einfach viel zu kurz!“ – Marie, 22, ist ein wenig wehmütig, weil ihr Studium bald vorbei ist. 

    • marie1
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Marie 2014:

    "Ich habe mich für Geographie entschieden, nachdem ich jemanden kennengelernt habe, der das studiert hat. Das Studium ist so breit gefächert. Es kombiniert Naturwissenschaft mit gesellschaftlichen Themen, was mir beides sehr liegt. Außerdem denken Geographen  nachhaltig und umweltbewusst, was mir auch sehr sympathisch ist. Ich möchte nämlich später unbedingt etwas machen, das irgendwie „gut“ ist. Bisher gefällt mir das Studium eigentlich auch super. Leider habe ich den Arbeitsaufwand ein bisschen unterschätzt. Ich wollte noch viel mehr nebenbei tun, beim Studentenradio mitmachen, mehr arbeiten, aber dafür fehlt mir völlig die Zeit. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass alle das Studium so ernst nehmen. So wird es mit zweimal die Woche Kellnern, meinem Hund und anderen Aktivitäten manchmal echt ein bisschen eng. Dabei habe ich noch nicht mal einen Freund. Zum Glück sind die Geographen aber alle sehr nett. Im nächsten Jahr möchte ich unbedingt zuhause ausziehen. Außerdem will ich Portugiesisch lernen und - am allerwichtigsten - mit mir zufrieden sein. Das könnte schwer werden, weil ich zwar ehrgeizig, aber auch schrecklich undiszipliniert bin."

    • marie2
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Marie nach einem Jahr an der Uni:

    "Ich hatte ein sehr gutes Jahr! Das Studium macht mir großen Spaß. Als ich neulich in Berlin war, fand zufällig gerade ein Geographiekongress statt. Da habe ich mir ein paar Vorträge angehört und mir die ganze Zeit nur gedacht: Das ist wirklich genau das Richtige für mich! Ich mag, wie vielfältig das Studium ist und interessiere mich für Dinge, von denen ich vor einem Jahr gar nicht wusste, dass es sie gibt. Die Umweltfernerkundung zum Beispiel ist eins meiner Lieblingsfächer geworden. Da kann man anhand von Satellitenbildern erkennen, was sich auf der Erdoberfläche abspielt. Das ist total faszinierend. 

    Nach einem Semester habe ich auch gemerkt, dass das Studium gar nicht so anstrengend ist, wie ich zu Beginn dachte. Geografie ist wirklich kein harter Studiengang, es gibt nicht sehr viele Fächer und eigentlich kriege ich alles gut hin. Ich habe deshalb auch viel neben dem Studium gemacht: Im zweiten Semester habe ich einen Spanischkurs in der Uni belegt und habe Fußball beim Hochschulsport gespielt - dafür konnte ich mich dann aber ziemlich bald nicht mehr richtig begeistern. Außerdem bin ich endlich zuhause ausgezogen. Jetzt wohne ich mit einem Freund zusammen, den ich im Studium kennengelernt habe. Das läuft richtig gut. Und ich habe endlich aufgehört zu kellnern. Das hat mir im Sommer endgültig gereicht. Jetzt suche ich einen neuen Job – am liebsten in meinem Bereich an der Uni." 

    • marie3
      Foto: Juri Gottschall

    Das sagte Marie 2016:

     

    "Das Studium geht mir viel zu schnell vorbei! Ich könnte schon im Sommer fertig sein, aber ich möchte das gar nicht. Mir gefällt meine ganze Lebenssituation gerade einfach viel zu gut. Deshalb lasse ich mir jetzt viel Zeit und besuche auch Vorlesungen, die zwar nicht direkt mit meinem Studium zu tun haben, aber mich eben persönlich interessieren. Zum Beispiel habe ich vor, die Vorlesung „Basiswissen Islam“ zu besuchen. Ich habe auch den Eindruck, dass sich in der Stadt gerade total viel entwickelt. Auch deshalb wäre ich traurig, wenn das Studium bald zu Ende wäre. Denn meinen Master möchte ich gerne woanders machen und eigentlich will ich noch überhaupt nicht weg.

     

    Deshalb mache ich auch noch viel neben dem Studium: Ich starte gerade meinen zweiten Versuch, Spanisch zu lernen. Beim ersten Mal bin ich leider ziemlich bald nicht mehr hingegangen. Ich habe jetzt auch einen guten Grund: Im Frühling fahre ich nach Peru. Auch dem Sport gebe ich noch eine zweite Chance. Nachdem mir Fußball zu hart war, probiere ich es jetzt mit Yoga. Ich bin auch in der Fachschaft aktiv, habe einen Hiwi-Job beim Institut für Sozialforschung und gebe Deutsch-Nachhilfe für Flüchtlinge.

     

    Das Studium selbst wird immer entspannter, aber zugleich auch immer interessanter. Ich entdecke immer mehr Themen, mit denen ich mich auch gerne noch länger im Leben befassen würde. Zum Beispiel ging es neulich erst um „Ernährungssicherheit und Klimawandel“. Das wäre eine Richtung, in die ich mir gut vorstellen könnte, später mal zu gehen."

    • 064 marie
      Foto: Juri Gottschall

     Das sagt Marie heute: 

     

    „Im Sommer habe ich meine Bachelorarbeit geschrieben. Es ging um das Thema Landwirtschaft und Klimawandel. Außerdem hatte ich zugleich noch einen Hiwi-Job bei einem Forschungsprojekt. Dort musste ich im Rahmen einer „Feldkampagne“ regelmäßig auf Felder fahren und die Entwicklung von Pflanzen dokumentieren. Das habe ich vier Monate lang gemacht, immer auf Mais- und Weizenfeldern. Dabei fiel mir auf: Das ist zwar spannend, aber kann auch anstrengend werden...

     

    In den Semesterferien im März war ich dann auf einer großen Exkursion in Peru. Dort haben wir verschiedene Themen mit Bezug zur Geographie untersucht, aber auch einfach das Land angesehen. Das war definitiv das Highlight des Wintersemesters. Zum Glück hatte ich diesmal auch den Spanischkurs durchgezogen. 

     

    Direkt danach wurde mir dann nach zwei Jahren meine Wohnung gekündigt, was ein kleines Drama war, weil ich unbedingt weiterhin mit meinem Mitbewohner zusammen wohnen wollte. Eine Freundin hat dann aber tatsächlich eine Vier-Zimmer-Wohnung gefunden und wir konnten gemeinsam dort einziehen und sogar noch einen neuen Mitbewohner suchen. Jetzt wohne ich also zu viert und außerdem gleich um die Ecke von meinen Eltern. 

     

    Nachdem ich meinen Bachelor jetzt schon fast gemacht habe, gehe ich nun noch für ein halbes Jahr nach Amsterdam. Ich wollte unbedingt schon die ganze Zeit mal ins Ausland, aber irgendwie habe ich das immer etwas verpennt und wollte auch meine Arbeit lieber in Deutschland schreiben. Das ist jetzt noch mal ein kleiner Höhepunkt zum Schluss, denn ich merke schon sehr deutlich, dass das Studium langsam dem Ende zugeht. Drei Jahre sind einfach viel zu kurz! Die Kommilitonen, das Studium an sich, vor allem mit den Exkursionen, dass man ständig irgendwo irgendjemanden trifft … das wird mir alles sehr fehlen. Ich bin wirklich etwas wehmütig.

     

    Nach meinem Aufenthalt in Amsterdam werde ich noch ein Praktikum im Rahmen des Studiums machen und dann habe ich erst mal ein halbes Jahr Zeit um mir was für ein Masterstudium zu überlegen. Das möchte ich nämlich unbedingt machen. Das kann ja noch nicht alles gewesen sein.“

 

 

Ihr könnt euch diese Dokumentation auch bald außerhalb des Internets anschauen. Unser Fotograf Juri Gottschall stellt seine Bilder vom 20.11. bis 17.12. 2017 an der Universität Zürich aus. Mehr Infos dazu gibt es hier.  

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