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Verstehen statt verteufeln

Um den Hass zu bekämpfen, müssen wir aus unserer Bubble raus.
Kommentar von Philipp Mattheis
  • bubble philipp
    Illustration: Katharina Bitzl

Laut Facebook muss der Weltuntergang irgendwann heute Früh begonnen haben. "Shame, shame, shame, shame!", postet eine amerikanische Freundin. "This is not my country", ein anderer. Ein deutscher Journalisten-Freund beschwört jetzt die Werte der freien Welt, und peitscht seine Follower auf harte Zeiten ein. Der Rest besteht aus Postings wie "Krank", "muss kotzen!", Hitler-Vergleichen, Ratlosigkeit, Verzweiflung.

Wir sind überzeugt, die Vernunft auf unserer Seite zu haben

 

Einen Trump-Supporter habe ich unter meinen 1376-Facebook-Freunden nicht. Und ich vermute, dass es in den Timelines meiner 1376 Freunde ähnlich aussieht. Und das ist ein Problem.

 

Wir alle leben in einem homogenen Meinungsbrei, der uns beständig in unseren Überzeugungen bestärkt: Wir sind für den Sozialstaat und gegen gierige Banker. Für Flüchtlinge. Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Gegen Rassismus. Gegen das Abtreibungsverbot. Gegen Steueroasen. Für Demokratie. Gegen Diktatur, gegen Krieg sowieso. Für die Homo-Ehe. Gegen Diskriminierung. Gegen Ausbeutung. Für die Vernunft.

 

Und wir sind überzeugt, die Vernunft auf unserer Seite zu haben. Die anderen – das sind die Unvernünftigen, die Ungebildeten, die Hater.

 

Kein Wunder also, wenn es uns aus den Socken haut, wenn plötzlich etwas derart Unvernünftiges geschieht wie ein Wahlsieg Trumps. Oder der Brexit, Erdogan, Le Pen, das immer bessere Abschneiden der AfD. Wenn die Unvernünftigen durchschlagen. Die Ungebildeten. Die Hater. 2016 war ja an Scheiße ein reiches Jahr.

 

Vielleicht ist das, was gerade gleichzeitig auf der ganzen Welt geschehen zu scheint, aber nicht nur der Sieg der Unvernunft, sondern auch die Quittung für unsere Arroganz. Den Kontakt zur anderen, zur "unvernünftigen" Hälfte haben wir irgendwann in den letzten zehn Jahren verloren.

 

Die einen tindern sich durch die Großstädte, die anderen möchten ihren Glauben ausleben und Niqab tragen

 

Denn während die einen Praktika in New York und Erasmus in Barcelona machen, bleiben die anderen in Freital sitzen. Die einen fordern Toiletten für das dritte Geschlecht. Die anderen zündeln im Jura-Seminar verbal ein bisschen mit politischen Unkorrektheiten über Frauen im Job. Die einen diskutieren die Vorteile einer Vier-Tage-Woche. Die anderen hätten nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit gerne mal wieder einen Job. Die einen bewerfen Flüchtlinge mit Kuscheltieren, die anderen wissen nicht, wo Syrien liegt, es interessiert sie auch nicht. Die einen tindern sich durch die Großstädte, die anderen möchten ihren Glauben ausleben und Niqab tragen.

 

Sehen wir die Wahlergebnisse, fragen wir uns: 20 Prozent, 30 Prozent, 50 Prozent der Stimmen – ja, wo leben diese Menschen denn? Denn wir kennen keine von ihnen. Nicht im Netz. Und im echten Leben auch nicht.

 

Möglicherweise kann man diese Spaltung nirgendwo krasser erleben als in Istanbul: Wer dort einmal falsch abbiegt, hat mit ein paar Schritten die säkulare, kosmopolitische, linksliberale Welt Cihangirs verlassen und steht in Tophane zwischen bärtigen Männern und verschleierten Frauen.

 

Beide Welten reden nicht miteinander. Ab und zu prügeln sie aufeinander ein oder beschießen sich gegenseitig mit Tränengas.

 

Ich lebe seit fast einem Jahr in Istanbul, und hätte ich mich nicht beruflich darum bemüht, in die Welt der Erdogan-Unterstützer einzutauchen – ich würde immer noch keinen einzigen von "denen" kennen. Denn meine türkischen Freunde wählen Erdogan nicht. Kein einziger von ihnen. Er ist ihnen genauso peinlich wie sich meine amerikanischen Freunde für Trump schämen. Und so sitzen wir dann alle beim Bier in unserer Istanbuler Komfortzone und wundern uns darüber, wie all das passieren konnte.

 

So wie sich das linksliberale Bürgertum in Hamburg, München, Berlin pikiert darüber echauffiert, dass die AfD schon wieder in ein Länderparlament eingezogen ist.

 

Den Menschen außerhalb unserer Timeline haben wir nicht mehr viel zu sagen

 

Manchmal können wir das dann noch auf die „braune Gesinnung“ im Osten schieben. Aber auch das nur, bis die Partei in westlichen Bundesländern Wahlen gewinnt. Brexit-Gegner sind jung und wohnen in Großstädten, den Ausgang des Referendums schieben sie auf alte Landeier. In den USA leben heterosexuelle weiße arbeitslose Männer über 50 zwar im selben Land mit schwarzen, lesbischen Literaturprofessorinnen – aber nicht in derselben Welt.

 

Das ist auch ein Phänomen der Internetgeneration. Klar. Soziale Medien machen unsere Komfortbubble jeden Tag perfekter: Algorithmen zeigen uns jeden Tag noch ein bisschen mehr von dem, was wir mögen, und ein bisschen weniger von dem, was uns nicht gefällt.

 

Den Menschen außerhalb unserer Timeline haben wir nicht mehr viel zu sagen. Außer, dass man sich gegenseitig für unvernünftig, dumm oder sogar kriminell hält. 

 

Nur ab und zu, wie heute Morgen, rüttelt jemand an unserer Filter-Bubble und wir merken: "Huch, wir leben ja im selben Land.“ Und: "Verdammt – das ist eine Demokratie."

 

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