„Glaub mir, Worte wie die von Trump führen zu Mord und Totschlag“

Die eine nimmt Xanax gegen die Aufregung, der andere will seine Clinton-Unterhosen verbrennen. Wir waren auf einer Wahlparty in New York.
Von Nadja Schlüter

Am Ende sprechen sie darüber, wo sie jetzt hingehen sollen. Nicht, um was zu trinken und den Schock zu verdauen. Sondern ganz generell, um zu leben. Die jungen Menschen in dieser Bar in Manhattan reden übers Auswandern. Ashley, 28, und Lee, 26, zum Beispiel. Sie tragen Hillary-Shirts und haben Hillary-Klebe-Tattoos auf der Wange – und sie starren jetzt fassungslos auf den Fernseher. Lee hat ihren Kopf an Ashleys Schulter gelegt. „Was soll ich denn jetzt machen?“, fragt Ashley. Die Antwort gibt sie sich selbst: „Morgen erst mal heulen. Und vielleicht kotzen. Und dann raus aus den USA.“ 

Auf ihrer Election Watch Party im „Stout“ in der Nähe der New Yorker Grand Central Station wollten die jungen Demokraten eigentlich Hillary Clintons Sieg feiern. Der schien ja so sicher. Mit einem überragenden Erfolg hatten sie zwar nicht gerechnet, aber immerhin mit einem Sieg. Und jetzt das: Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten.

Dabei sind um 19 Uhr, als sich die Bar langsam füllt, alle noch vorsichtig optimistisch. Bestellen Bier, Cola, Chicken Wings und schauen gemeinsam CNN. Auch Ben und Moumita sind noch einigermaßen entspannt. Ben, 32, ist der frühere Vizepräsident der amerikanischen Jungdemokraten und immer noch aktiv in der Partei – und hat in den Vorwahlen für Clintons Kandidaten Bernie Sanders gestimmt. Moumita, 25, hat in der Kampagne sogar für Sanders gearbeitet und die Aktivisten-Gruppe „Millennials for Bernie“ gegründet. Beide haben große Pläne, wie es nach der Wahl weitergehen soll. Pläne für eine Wahl, bei der Hillary Clinton Präsidentin wird.

„Hillary ist keine perfekte Kandidatin“, sagt Ben. „Aber wir werden nach der Wahl dafür arbeiten, dass sie eine bessere Präsidentin wird.“ Sie wollen ihr Druck machen. Moumita sagt, dass sie für den 20. Januar, den Tag der Vereidigung, einen „Millenial-Marsch“ planen, um ihre Werte und Forderungen hörbar zu machen: Mindestlohn und kostenloses Studium zum Beispiel. „Ich mag Hillary zwar nicht, aber ich glaube, dass sie jemand ist, der uns zuhören wird“, sagt Moumita. Und ja, dass sie die erste Frau in diesem Amt wäre, das fände Moumita bei aller Antipathie dann doch ziemlich aufregend.

Dass Trump Präsident wird? Glauben sie zwar nicht – aber die Chance besteht. Ben wird jetzt sehr laut. Er brüllt fast. „Jeder Mensch in diesem Land, der nicht aus Westeuropa stammt, ist doch vor genau dem Rassismus geflohen, den Trump jetzt proklamiert! Glaub mir, Worte wie die von Trump führen zu Mord und Totschlag!“ Dann wird er unterbrochen, weil Hillary Clinton New York gewinnt. Der Jubel ist groß, aber kurz. Ist ja keine Überraschung. Kurz darauf steht fest, dass Trump Texas gewonnen hat, und Ben wird wieder laut. „Nooo!“ ruft er. „Holy fucking shit!“ Und dann geht er erst mal. Mit ein paar Freunden reden, die von Minute zu Minute unruhiger werden.

Ab ungefähr 21 Uhr zeichnet sich Trumps Führung immer stärker ab und die Stimmung wird angespannter. Vier Frauen Ende zwanzig, die zu Beginn des Abends gesagt hatten, sie seien „ziemlich nervös“, dann aber trotzdem recht ausgelassen plauderten, sitzen jetzt vor ihren Tellern mit abgenagten Hühnerknochen und starren auf ihre Handys. „Grade geht es uns nicht so gut“, sagt eine von ihnen. Mehr wird nicht geredet.

Und Moumita sagt, sie müsse jetzt eine Xanax nehmen, also ein starkes Beruhigungsmittel – sie halte diese Anspannung sonst nicht mehr aus. Ein junger Typ, der eben grade reingekommen ist, sorgt kurz für gute Stimmung, obwohl er gar keine gute Laune hat. Aber er trägt ein über und über mit Hillary Clinton bedrucktes Shirt und zeigt dem Mädchen neben sich auf seinem Handy Fotos von mit Hillary Clinton bedruckten Unterhosen. „Ich trage die gerade. Ich bin besessen von dieser Frau. Aber wenn sie verliert, werde ich all diese Klamotten verbrennen!“

Foto: Nadja Schlüter
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Der Abend pendelt jetzt, emotional. Immer heftiger. Und mit immer weiteren Ausschlägen. Gegen 22 Uhr gewinnt Clinton Virginia und die Bar taumelt und jubelt wieder. Kurz. Jemand ruft: „Please, America, don’t do something stupid.“ Dann fällt ein Staat Trump zu und es geht wieder abwärts. Und die Täler werden tiefer. Am Anfang brandeten dann noch „Buh!“-Rufe auf. Jetzt nicht mehr. Jetzt fluchen sie oder schweigen. Halten sich die Hände vor den Mund und sehen sehr, sehr besorgt aus.

 

Bis etwa 23 Uhr geht das so. Und so schön es wäre, sagen zu können, dass niemand hier die Hoffnung aufgeben will, tun einige genau das. Sie gehen. Die Bar wird immer leerer. Um elf sitzt Ben mit ein paar Freunden an dem Tisch mit den Tellern voller Hühnerknochen – die Frauen sind nicht mehr da. Er sieht sehr müde aus und hat tiefe Rändern unter den Augen. Irgendjemand redet jetzt schon übers Auswandern und darüber, dass die Webseite der kanadischen Immigrationsbehörde überlastet ist. Ben sagt: „Ich bleibe hier und kämpfe!“ Clinton gewinnt Kalifornien, was keine Überraschung ist. Man wählt dort traditionell demokratisch. Einer von den Jungs am Tisch jubelt trotzdem und ein Mädchen kommt von der Bar rüber, um ihn anzuschreien: „Es war nur Kalifornien, verdammt noch mal! Das bringt uns überhaupt nichts!“

 

Es geht jetzt auf Mitternacht zu und es wird immer deutlicher: Trump wird das schaffen. Im „Stout“ sucht jetzt jeder seinen eigenen Weg, damit umzugehen. Jamie zum Beispiel, der sich eben über Kalifornien gefreut hatte, möchte jetzt unbedingt erklären, wie es so weit kommen konnte. Er zeichnet eine fast perfekte Amerikakarte und fängt dann an, sehr lange und sehr laut zu reden: über die USA vor 1964. Darüber, wie die Demokraten die Partei für Minderheiten wurden. Wie die Tea Party groß wurde. Und wieso es jetzt eben Trump gibt. Als könne er so ein bisschen die Kontrolle behalten. Moumita sitzt an der Bar, um ihr Handy zu laden, und sagt: „Wir lachen jetzt vorerst mal drüber.“

 

Sie will deshalb „jetzt Memes machen“. Sie wischt auf ihrem Handy herum und zeigt eins, das sagt, dass sie ja auch Bush überlebt hätten, dann werde das mit Trump schon auch irgendwie gehen. Und eines mit Bernie, auf dem steht: „I miss this guy“.

 

Und Ben plant. Immerhin ist er Politiker. „Es gibt immer Wege, einen Präsidenten zu blockieren. Und wir haben zwei Jahre bis zu den Midterms. Wir müssen auf lokaler Ebene bis dahin einfach richtig viel reißen.“ Aber dann endet seine Geschäftigkeit plötzlich. Als würde in ihm kurz etwas wegbrechen. „Diese Wahl stellt alles in Frage, was Amerika ist. Woran es glaubt, wofür es steht“, sagt er. Mindestens Dreiviertel der Gäste sind mittlerweile gegangen.

 

„Du machst mich fertig, Pennsylvania!“, schreit eine junge Frau. Denn wen soll man jetzt auch noch anschreien, außer irgendeinen der Staaten?

 

Ein paar Leute an der Bar starren auf den Fernseher, lachen sich immer wieder verzweifelt an und sagen, wie verrückt das alles sei. Drei Plätze weiter sitzt Moumita immer noch mit ihrem Handy. Das mit dem Lachen klappt aber nicht. Sie hat Tränen in den Augen. „Ich bin es so satt, immer nur zu verlieren“, sagt sie. „Erst Bernie und jetzt das. Ich wusste ja, dass wir nach der Wahl für unsere Werte auf die Straße gehen würden. Aber ich hätte nicht gedacht, dass wir dann gegen Trump kämpfen müssen.“

 

Und jetzt kommt noch eine ganz persönliche Angst dazu: „Meine Eltern kommen aus Bangladesh. Und People of Color und Muslime wird das hier besonders hart treffen. Ich mache mir Sorgen um sie.“ Ben taucht auf und legt Moumita den Arm um die Schulter. „Morgen geht das große Organisieren los“, sagt er. Er plant wieder und sie steigt ein und man merkt, dass ihr das hilft. Sie wirkt wieder stabiler. Etwas zumindest. Dann gehen sie raus, rauchen.

 

Danach brechen langsam alle auf. Es ist halb zwei, die Bar schließt bald. Jamie, der Kalifornien-Jubler und Geschichtserklärer, ist optimistisch: „Wir haben so viel überstanden und bekämpft: Sklaverei, den Vietnamkrieg, 9/11. Wir sind wie ‚Rocky‘, wir kommen immer wieder!“ Hailey, das Mädchen, das ihn angeschrien hat, will nichts sagen. „Ich kann einfach nicht. Sorry.“ Sie dreht sich um und geht.

 

Ben hat zwar gesagt, dass er bleiben und weiterkämpfen will. Aber jetzt denkt er trotzdem kurz mal darüber nach, wohin er auswandern könnte. „Ich könnte nach China gehen“, sagt er. „Da kommt mein Vater her. Aber eigentlich ist es auch egal. Grade fällt eh die ganze Welt auseinander.“

 

Dann geht er. Draußen ist immer noch Barack Obama der Präsident der USA. Aber Donald Trump wird sein Nachfolger.

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